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Der Israelit · 1922-10-05 · Heft 40-41 (5.10.1922) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 40-41 (5.10.1922)
Date
1922-10-05
Page
– (sequence 19)
Language
German
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>M i & ti 11." S. Sktober 1922. Katholische Aationaljuden. Die Volkszählung in Prag, deren Ergebnisse das statistische StaatsamL der Tschecho-Slowake! veröffentlicht, bringt einige Uebcrraschrmgen. Groß-Prag zählt den Nationalitäten nach 624 744 Tschecho^Slowaken, 30439 Deutsche, 5959 I u d e n, 2163 anderer Nationalität und 13362 Ausländer. Männlichen Geschlechtes sind 325 747 und weiblichen Geschlechtes .350910 Einwohner. Dem konfessionellen Standpunkt nach geordnet leben in Groß-Prag 368339 Tschecho-Slowaken katholischer Konfession, 27120 evangelischer, 16324 israelitischer und 125552 Konfessionslose. Von den Deutschen sind 20274 katholisch, 2036 evangelisch, 7406 israelitisch und 604 konfessionslos. Von den Nattonaljuden sind 11 katholisch, 5900 israelitisch und 39 konfessionslos. Der Nation nach sind von 1000 Einwohnern Groß-Prags 923 Tschecho- Slowaken, 45 Deutsche, 9 Juden, 3 andersnational und 20 Ausländer. Also hat Prag unter seinen Juden 11 katholische und 39 konfessionslose Nationaljuden. Das heißt 39 Juden sind aus dem Judentum ausgetreten, zum Teile sogar zum Katholizismus Äbergetreten und sind dabet dennoch Nationcrkssuden geblieben .... Selbstverständlich machen diese 11 katholischen Nationaljuden — weit mehr als ihre 39 konfessionslosen „Glaubensgenoffen" — den Zionisten Ungelegenheiten. . Daß hier die naturgemäße Konsequenz einer seit Jahrzehnten mit Liebe und Eifer gepflegten Lebens- und; Kulturanschauung vorliegt, will man jetzt so wenig einsehen, wie man es uns damals, als wir diese Entwicklung voraussahen und wiederholt aussagten, .glauben wollte. Das Berliner Misrachi-Organ sicht darin ein G e f a h r s i g n a l, ^das zeigen müsse, daß die konsequente Ausschaltung des Religiösen aus dem Gesamtleben zu Folgerungen führen kann, die den Bestand des Judentums untergraben." Es ist sehr eigenartig, daff' die Herren erst den Regen prophezeien, nachdem schon die dicken Tropfen fallen. Das Blatt weist darauf hin, daß in anderen Städten, wie etwa in Wien, die gewiß nicht glaubensstarken Nattonaljuden alle Täuflinge aus ihren Reihen gewiesen hätten und versucht, die „Elf" als eine Spezialität der böhmischen Hauptstadt dahinzustellen. Das ist, wenn nicht bewußte Vertuschung, eine rührende Naivität, mit der man die Gefahr gewiß nicht bannen wird. Und der Misrachi mir der von ihm als Gegenmittel vorgescklagenen „realen Arbeit in Palästina" schon ganz und zar nicht. Nicht Misrachi und auch nicht die „reale Arbeit" beherrschen das Kultur- und Geistesleben des neuen Palästina, sondern die Herren Kulturzionisten, die noch inzwischen ein gut Stück werter gekommen sind und gerade jetzt im Taumel des Mandates und aufgrund manniglacherKonzessionen von Seiten der Leitung wie nie zuvor Oberwasser verspüren. Hat das Blatt Kenntnis von der neuen literarischen Schöpfung Josef Klausners zur Verherrlichung des Stifters, worin er in klassischem Hebräisch unter Wiederholung aller Berichte des Neuen Testamentes die überragende Größe des Mannes im Kampfe mit der „Engherzigkeit und Unduldsamkeit der Rabbiner" aufzeigt? Wir greilen aus den vielen jüngsten Erscheinungen auf literarischem wie sozialem Gebiete gerade dieses Buch heraus, weil sich die gerade Linie zwischen diesem und den elf katholischen Nationaljuden in Prag förmlich aufdrängt. Wir wissen nicht, ob das Klausnersche Buch auch als Lektüre im Jaffaer Gymnasium verwendet wird. Möglich wäre es bei den nahen Beziehungen Klausners zum Schulwesen in Palästina immerhin. Aber die gelehrigen Schüler aus der nationalen Schule in Böhmen und anderswo wissen es auch ohne Klausner, daß Jude sein nichts anderes und nichts mehr bedeute, als Deutscher, Franzose oder Böhme sein, also vollkommen unabhängig von Glauben und religiösem Bekenntnis. Folglich könne man, je nach dem, ob man konfessionslos ist, oder nach Buberscher und Klausnerscher Methode zu „dem herrlichen Manne und seiner herrlichen Lehre zu Beginn unserer Zeitrechnung" Liebe verspürt und dieser Liebe durch das Sprengwasser auch äußeren Ausdruck verleiht, konfessionsloser oder katholischer Nationaljude sein. Es gibt deren in Prag bereits neununddreißig beziehungsweise elf! Die Zionisten werden keine Freude an diesem Zuwachs haben, werden es aber nicht verhindern können, daß getreu ihren Grundsätzen und Ansichten über Religion und Nationalismus sich diese Zahl andersgläubiger Nationaljuden noch hie und da vermehren wird. Keren hajeffod und zionistisches Schulwett. Man hört vielfach die Behauptung aussprechen, daß der Keren hajeffod dem wirtschaftlichen Aufbau Palästinas diene und aus diesem Grunde Anspruch darauf habe, auch von gefttzestreuen Kreisen, die im Sinne des Religionsgesetzes die unmittelbare oder mittelbare Förderung des religiösen Abfalles perhorreszieren, unterstützt zu werden. Ackerbau, sanitär.- Einrichtungen und industrielle Unternehmungen seien doch, wenn sie nicht etwa in Konflikt mit den Saböatvorfchriften geraten, der materiellen Unterstützung, auch der Orthodoxie durchaus würdig. Demgegenüber sei auch an dieser Stelle darauf hkngewtesen, daß nach einem soeben von der Zionistischen Exekutive in Jerusalem nach Amerika erstatteten offiziellen Bericht in der Zeit vom 1. Oktober 1921 bis 30. April 1922 Lst. 243000 vom Keren hajeffod tn Palästina verausgabt worden sind. Hiervon entfallen mehr als Lst. 46000, olso mehr als ein Sechstel der ganzen Summe auf das Gebiet der Erziehung, d. h. auf die Subventionierung det 137 Schulen und Erziehungsanstalten, in denen mehr oder weniger, abgesehen von den mlsrachtstischen Schulen, der Geist der vollendeten Traditionsleugnung, d. h., im Sinne der Halacha, des herrscht. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß jede Förderung des von den religionsgesetzlichea GrurMchriften in der gleichen Weise, z. T. noch in höherem Grade verpönt wird, als die Unterstützung von rm2P Zwecken, so sollte jedermann, auch wenn er von vornherein mit noch so großem Wohlwollen den zionistischen Bestrebungen gegenübersteht, sich klar darüber werden, daß es bei der Warnung vor dem Keren hajeffod sich der Orthodoxie nicht um Sentimentalitäten oder subjektive Gefühlsregungen, handelt, sondern um den dem gewissenhaften Juden über alle Neigungen und Abneigungen erhabenen Gotteswillen, der die Teilnahme an diesem angeblich neutralen Unternehmen nun einmal unmöglich macht. AS der Zewegung Berlin, 28. September. Das „Jüdische (Surre* spondenz-Bürv" berichtet über eine Ladung verschiedener jüdischer Organisationen, die an der. Kinderhilse in Rußland interessiert sind. Unter den ieilneh--- menden Organisationen wird n. a. auch die Agudas Jisroel genannt und es wird schließlich bemerkt, daß die „Welthilsskonferenz" nach einem Referate der Herren Latzki und Dr. Klee aufgefordert worden sei, den einzelnen beteiligten Organisationen „gewisse Arbeitsgebiete zu übertragen, die unter der Kontrolle und unter Ausnutzung der Beziehungen der Welthilsskonferenz bearbeitet werden sollen." Soweit Agudas Jisroel in Frage kommt. entspricht dieser Bericht nicht den Tatsachen. Da die Aguda vermöge ihrer internationalen Organisation über den nötigen dlpparat selber verfügt, so denkt sie nicht daran nnd hat sich auch niemals bereit erklärt, sich den Weisungen und der Kontrolle der Welthilfskonferenz zu unterstellen. Richtig ist nur soviel, daß der Kriegswaisenfonds der Agudas Jisroel, der als selbständige Organisation an der Tagung .teilnahm, die Absicht kundgegeben hat. mit der Welrhifskonferenz in Fühlung zu treten und mit ihr zusammen zu arbeiten. Warschau. Die polnische Jugendorganisation der Aglldas Jisroel hielt in den letzten Elul-Tagen unter Leitung ihres bewährten Vorsitzenden. A. S. Friedfix. 20 Hette & mann einem gutbesuchken Delegiertentag ab. Aus dem Tätigkeitsbericht entnehmen wir folgende mteressante Daten. 74 Jugendgruppen in Polen haben für ihre Mitglieder eigene Lerngelegenheitcn geschaffen. 7 Gruppen haben Chadorini gegründet, 6 Gruppen haben Jeschiwaus eingerichtet, 12 Gruppen haben bereits fortgeschrittenen Talmudisten die Möglichkeit gegeben, sich weiter zu vervollkommnen. In einer Reihe von Jugendgruppen haben sich eigene Sektionen der Arbeiter unter dem Namen „Paale Emune Jisroel" gegründet. Es wurden ferner zahlreiche Bibliotheken, sowie Abendkurse für hebräische Sprache und profane Wissenschaften eingerichtet. Die meisten Gruppen betätigen sich neben der geistigen Arbeit auch sozial, durch geldliche und Kleidernnterstützung von Waisen, Witwen, Soldaten und Emigranten. In der politischen Arbeit der Landesorganisation leistete die Jugendorganisation wertvolle Hilfe. Eine bereits 6000 Bücher enthaltende Jentralbibliothek soll als Wanderbibliothek der ganzen Jugendorganisation zugute kommen, nachdem vorher der rabbiursche Rat der polnischen Landesorganisation die Bücher einer Durchsicht unterzogen hat. Allgemeinen Beifall fand das vorzüglich geleitete Organ der Jugendorganisation ..Diglenu", welches in eine Wochenschrift uni gewandelt werden soll. Das Bild der Tagung zeigte, welch starkes Echo der Agndagedanke in der jüdischen Jugend Polens gesunden hat. Das intensive Agudaleben der einzelnen Jugendgrnppen dürste auch für andere Länder vorbildlich sein. Bagdad. Die rührige Tätigkeit der Aguda- Gruppe in Jerusalein hat auch bereits hier ihre Wirrungen gezeigt. Durch die Korrespondenz mit Jerusalem hat sich bereits eine größere Ortsgruppe hier gebildet, welche unter Vorsitz der sefardischen Ortsrabbiner am 4. El ul zum erstenmal tagte. Rach einer tief zu Herzen gehenden Ansprache von Herrn Rabbiner Jechestel Esra Halevi veranstalteten die Anwesenden eine Sammlung für Sowjet-Rußland, welche über 30 Pfund erbrachte, die als erster Gruß der Bagdader Ortsgruppe bereits der europäischen Zentrale überwiesen sind. Jerusalem. Auf Veranlassung von Herrn Rabbiner Abramowitz fand hier am 14. Elul eine stark besuchte Sammlung der Vertreter der einzelnen Shnagogen und Collalim statt, welche die Stellungnahme der Orthodoxie zum Waad leumi und zum Waad hoir (beides zionistische Organisationen) zum Gegenstand hatte. Näherer Bericht folgt. Muneaez. Der hiesige Oberrabbiner wendet sich in einem öffentlichen Briese scharf gegen Agudas Jisroel, doch wird diese Gegnerschaft wohl schwerlich unseren sonstigen Gegnern Freude machen, da der Hauptvorwurf, den der Muukaczer Rabbiner der Aguda zu machen hat, darin gipfelt, daß sie zionistisch verseucht sei, und mit viel zu wenig Energie den Zionismus und den Misrachi bekämpfe! Personalien. Wien. Oberrabbiuer Abraharn Mendl 3 t e i no c r g aus B i v D h zählt zu den hervorragenden Persönlichkeiten des Judentums, die während det Kriegsjahre in Wien Zuflucht suchen mutzten. Während seines Aufenthaltes in Wien genoß er in allen Kreisen, die zu den „Fürsten der Thora" Beziehungen unterhielten, allgemeine Verehrung. Viele Schüler sammelten sich um ihn, bei jeder Gelegenheit wandte mau sich an ihn. um Belehrung ans seinem Munde zu schöpfen mu» seine Entscheidung in schwierigen Fragen des jüdischen Rechtes und des religiösen Lebens einznholen. Er und noch wenige Thoragelehrten ersten Ranges aus Galizien bildeten so ohne jede Absicht und ahne jemals offiziell von irgend einer Seite damit betraut worden zu sein, ein oberstes Rabbinatskvllegium in Wien von höchstem Ansehen und von tiefgreifendem Einfluß auf die Gestaltung des jüdischen Lebens. Als Mitglied des „Rabbinischen Rates" der Agudas Jisroel harre er während dieser Jahre des öfteren Gelegenheit, auch in Gesamtheitsfragen des Judentums' ein entscheidendes Worr zu sprechen. Wer Rat bei ihm einholte, war von seiner Bescheidenheit und Ruhe, von der tiefgründigen Gelehrsamkeit und Klugheit, die aus jedem Worte dieses großen Mannes sprachen, aufs tiefste erfaßt. Auf diese Weise wuchs der Kreis ferner Anhänger von Tag zu Tag. Umso schmerzlicher empfindet man es, daß nun auch er Wien verlassen und zu seinem Amte in Brodh zurückkehren ttlUßte. Die Brvdher wollten ihr geistiges Oberhaupt nicht mehr an der Spitze ihrer Gemeinde missen. Selbstverständlich war er während der letzten Tage feines Wiener Aufenthaltes Gegenstand vielfacher Ovationen. Vereine, Körperschaften, Rabbiner und einzelne Personen in Menge erschienen in 'sei-ner Wohnung, um ihm zum Abschiede Grüße zu entbieten. Am letzten Sabbate des Jahres hielt er im Beth-Hamidrasch der „Schiffschul" einen Bortrag von glänzender Geistesschärfe, der den nach Hunderten zählenden Anwesenden lange Jeit im Gedächtnis bleiben wird. Am Vorabend, zur „dritten Sabbatmahlzeit", fanden sich zahlreiche Verehrer und Freunde beim Rabbiner ein und erfreuten sich abermals an den geistreichen Thoraworten des Meisters. Nach Ausgang' oes Sabbat veranstalteto die Agudas Jisroel-Jngendgruppe zu seinen Ehren eine Melawe demalko-Feier. Viele führende Persönlichkeiten der Aguda waren ans diesem

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