Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 40-41 (5.10.1922)
- Date
- 1922-10-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2450189-2450226--70073-2527285- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite IS No. 4Ü u. 41 (Nelrgiössr Mcttschheitsbund). Ein merk, würdiges Zusammentreffen fügte es, daß gerade in diesen Tagen de§ jüdischen WelthoffenS in Berlin unter Leitung des Marburger Pazifisten Dr. Otto, die erste Tagung des Religiösen Menschheitsbundes im Ferienheim der Sozialen Arbeitsgemeinschaft stattfand. Es waren vertreten: Holland, die skandinavischen Länder, England, Italien, Amerika, China und Japan. Dr. Otto sprach über „DaS Wellgrwissen und die Wege dazu". Die großen und offenkundigen Weltschäden unserer Zeit: Lüge, Völker- und Rassenhaß, geschlechtliche Zügellosigkeit und Alkoholismus schreien nach gemeinsamer Arbeit aller religiössittlich Interessierten. An diese ergeht, der Ruf, über die Schranke der Nation, Religion und Konfession hinweg sich die Hände zu vereintem Streben z u r e i ch e n. Nur religiöses Weltgewtffen kann die erkrankte Menschheit genesen machen. Darum geht es heute für die religiösen Gemeinschaften um die Entscheidungsfrage, ob sie sich selber und endgültig durch Verharren in müder Passivität aus dem VollkommenheitSringen der Menschheit ausschalten oder an der sittlichen Gesamtarbeit den Anteil nehmen wollen, der ihnen zukommt und dem keineswegs die Aussicht auf positive Erfolge abgeht. Was nottut, ist eine internationale und unpolitische religiös-sittliche Arbeitsgemeinschaft. Der tiefe Eindruck der Ausführungen Ottos wurde durch die Aussprache« der Ausländer noch verfestigt. Prof. Mario Pualisi (Florenz) zeichnete das erwachende Streben nach religiöser und sittlicher Wellerneuerung in Italien. Kibo (Tokio), Priester und Proseffor an der buddhistischen Hochschule, zeigte, wie in den Anschauungen des gegenwärtigen japanischen Buddhismus der Vorwurs des sittlichen Quietismus keinen Anhalt finde, vielmehr eine organische Triebkraft zuc Hingabe an den Dienst der Menschheit gelegen sei. Ein chinesischer Student berichtete über eine Sprach-Reformbewegung mit koSmi'ch-strtlichen Endzielen in China. Nachdem noch Lic. RolffS (Osnabrück) au der Alkoholfrage ein Beispiel imerre'.igiöser Gemeinschaftsarbeit entwickelt und der Bundessekretär All wohn einen Ueberblick über das bisher Erreichte gegeben hatte, wurden Organisationsfragen erörtert und ein Ausschuß von Vertrauensmännern gebildet." Wenn diese Gemeinschaft vom GotteSbunde unserer! Gebete vorerst vielleicht nicht vielmehr als den Nameni hat, so zeigt sie doch, daß unsere tausendjährige Hoff-! nung doch mählich das Ohr und das Herz der großen! Welt erreicht. 1 (Neue Ausgrabungen in Italien). Die reiche Ausgrabungstätigkeit, die 1921 in Italien stattgffunden hat, wird von Max Maas aus Grund der Berichte von Dr. Thomas Ashby in der „Kunstchronik" eingehend gewürdigt. Die Zerstörung der früheren deutschen Gesandschaft, des Palazzo Caffarelli, machte eS möglich, die Ueberreste des Tempels des Jupiter Oprimus Maximus auf dem Kaptlol von neuem zu prüfen. Die südöstliche Ecke der Untergrundbauten, die 1875 gefunden worden war, wurde wieder untersucht und zeigte nicht weniger als 19 Schichten in einer Gesamthöhe von 20 Meter. Auch die Südwest- und Nordostecken konnten, obwohl bedeutend mehr beschädigt, sicher festg stellt werdendagegen ist die Nordostecke vollständig verschwunden/ sie ist wahrscheinlich im Mittelalter entfernt worden. Interessante jüdische Katakomben, die anscheinend für ärmere Klaffen bestimmt waren und in das zweite und dritte Jahrhundert nachchristlicher Zeit gehören, wurden an der Via Nomentcma unter der Billa Tarlvnta ausgeschlossen. An der Via Salaria trat der Friedhof des Pamphilus ans Licht; es fanden sich in den Grabgalerten zahlreiche Statuetten in Bergkristall und Elfenbein, Lampen, Münzen usw. In Ostia wurde eine ganze Reihe von Kaufläden sreigelegt. Hier fand man den schönen Porträtkopf eines Mannes aus dem zweiten nachchrift' tichcn Jahrhundert und eine Koloffalgruppe des CommoduS und der Crtspina als Mars und Venus, die ursprünglich aus einem Block pa-ifchen Marmors gehauen, aber in unzählige Fragmente zertrümmert n>ar. (Konsessiousstatisttt in Deutschlands Dem vom fiatiftftCfjeii Reichsanit herausgegebenen Statistischen Jahrbuch für 1921/22 entnehmen wir folgende Ängaben. Nach dem Gebietsstand des Deutschen Reiches dom 30. Juni 1922 und unter Zugrundelegung der letzten amtlichen Volkszählung vom 1. Dezember 1910 kommen auf das Deutsche Reich 38117 501 oder 85.21 v. H. der Gffaortbevölkerttng evangelische Christen, 19 320 390 oder 33.06 b. H. römisch-katholische Christen, 3 38 912 oder 9,9 2 v. H. Juden und 472132 oder 0,81 v. H. Andersgläubige. Preuft c it zählt 23 373 759 oder 65.7 v. H. evangelische Christen, 11515468 oder 32.37 v. H.' röiujsch-Lalhltische Christen, 3 7 6 .3 5 1 oder 1/04 v. .v). I u - den und 317 952 oder 0.89 v. H. andere; Bayern mit Ko bürg 2 014 8/6 oder 28.94 evangelische Christen, 4 865 373 oder 69.88 b. H. römisch-katholische Christen, 5 5 3 9 4 oder 0,8 v. H. I u d e n und 26 466 oder 0.38 v. H. andere. Der Koniessivnsanteil der Bevölkerung in den bis zum 31. Dezember 1921 abgetrennten Gebieten beträgt 1873920 evangelische Christen oder 4.69 b. H. der für das Reich 1910 ermittelten Zahlen, 4 495 057 oder 18.87 v. H. römischkatholische Christen, 76109 oder 12.38 v. H. Juden und 25 966 oder 5.21 v. H. andere. Der tzsraeW. Kinderecke- Aus den Kia-heitstagen eines Großen. Von Dr. M. E. (Schluß.) Einmal in der Wioche war Prüfung, das soKnannte „Verhör". Bei Gelegenheit eines solchen war es, daß der Vorstand der Gemeinde auf den schwächlichen Knaben aufmerksam wurde, der durch seinen .Eifer und seine vernünftigen Antworten alle anderen in den Schatten stellte. Er machte auf den Rosch-Hakohol einen solch tiefen Eindruck, daß dieser beschloß, ihn zu sich zu nehmen, und dies umsomehr, als er erfahren hatte, Wie schwer die Großmutter zu kämpfen hatte, und wie sie sich selbst das Notwendigste vom Münde abspärte, um es dem Mkel zukommen zu lassen. Das sollte ein Ende nehmen. So siedelte Mordechai in das Haus des reichen Markbreiter über, wo er wie ein eigen Kind behandelt wurde. Er brauchte nicht mehr der Großmutter das Brot wegznessen, wurde gekleidet und genährt wie die reichen Kinder' der Gemeinde; aber nach wie vor behielt x,r seine Bescheidenheit und seinen Eifer. Seine glänzenden Gaben traten durch seinen Eifer immer mehr hrrvor; aber was er sich in seiner Bescheidenheit nie eingestanden hätte, daß er nämlich beim alten Lehrer nichts mehr lernen konnte, das sah dieser selbst und sein Wohltäter Marktbreiter bald genug. Mordechai bekam mm einen eigenen Lehrer, und jetzt erweiterte sich sein Gesichtskreis immer mehr, wie sein Strom, der alles aufnimmt, alles mit sich s reißt, ein 'Ziel nach dem andern hinter sich 'lassend. Elf Jahre war das Wunderkind alt, rba war er auch schon dem zweiten Lehrer ent- K wachsen. | Jetzt war guter Rat teuer. Der Junge ) sollte in eine Jeschiwa. Aber wohin? Nach Polen wollte ihn Marktbreiter nicht gerne schicken. So entschloß er sich denn für eine Jeschiwa im Elsaß, deren Leiter ein guter Bekannter des edlen Gönners war. Tie Reise von 'Nikolsburg nach dem Elsaß ist noch heute keine Kleinigkeit. Um wie viel mehr Schwierigkeiten muß sie damals geboten haben. Aber das ist das Großartige an den Inden jener Zeit. Wenn es sich um die Erziehung eines Kindes handelte,, da waren keine Hindernisse zu groß. So machte der 11jährige Knabe allein eine Reise durch ganz Deutschland, um in Jttingcn das Ziel seiner Sehnsucht, die Jeschiwa, zu erreichen. Das war etwas Neues. Ebenso viel wie in der Schiurstnde lernte er im Hause des Rabbis. In der Jeschiwa schämte er sich anfangs vor all den vielen älteren Bachurim, den Mund aufzutun. Lange hütete er sich daher, seine Meinung zu äußern. Aber zu Hanse hatte er einen gleichaltrigen Kollegen, den sahn des Rabbis, der ihm an Kenntnissen und Anlagen weit nachstand. Mit dem sprach er sich aus, diskutierte er, und wie freute er sich, wenn da der Rabbi die Gedanken ausredete, die ihm bereits durch den Kopf gegangen waren. Und heimlich, ganz im geheimen, legte er Hefte an und fing an, zu schriftstellern. Er begann die Thora zu erläutern, zu Pesach schrieb er eine Erklärung zur „Haggada", und endlich auch eine Reihe Abhandlungen zu verschiedenen Sugiauß im Talmud. Sein Ideal waren vor allem jene Stunden, in denen er frei sinnieren und spekulieren konnte. Und welch ein Jubel erfüllte sein Inneres, wenn er sich auf richtigem Wege wußte, wenn er nicht nur feine Geisteskraft und Geschicklichkeit, sondern den Derech-Halimud, die Methode des Lernens, die er sich angeieignet hatte, bei dieser Gelegenheit erproben konnte. So kam der 13. Geburtstag heran, und mit ihm der Tagj wo er zugleich mit dem Sohn seiner Pflegeeltern Bar-Mizwa werden und als Erwachsener zählen sollte im Kreis der Gemeinde. Während seine Altersgenossen mit Hilfe des Rebben eine „Droscho" lernten, hafte er bereits seinen „Chiddnsch" (d. i, neue MW- : 5. Oktober 1932 rung für ein talmndisches Gebiet) bereit, den er selbst beim Lernen gefunden. : . : Als der große Tag nahte,' kamen von allen Seiten Lamdonim und B'nei Thauro, die beim Feste im 'Hause des Rabbi nicht fehlen wollten. Ein lautes, von Mizwahfreude erfülltes Treiben entwickelte sich vom frühen Morgen an. Aber am höchsten stieg die Spannung, als Mordechai seinen Pilpul entwickelte. Alle Einwind? und Einwürfe, die bald der eine, bald der,andere der ergrauten Zuhöver dazwischenwarf,~ machten ihn nicht irre, nach einigem Nachdenken wußte er sämtliche „abzuschlagen" oder „abzufragen". Als er geendet hatte, ..gab es nur eine Stimme über ihn: die Stimme der Bcwunderung und der Neberzeugung, daß, hinter biefem Kops Großes stecke und noch Größeres schlummere. Die Augen des alten Rabbi glänzten; er kannte keinen Neid; er hatte längst gemerkt, mit welchem Eifer er insgeheim seinen Studien oblag. Er wußte auch ganz gut, daß er bereits drei Werke vollendet hatte. Jetzt wollte er es nicht länger verheimlichen, und mit vor Stolz zitternder Stimme ries er den 13jährigen Autor zu sich und befahl ihm vor den versammelten Großen seine Manuskripte herzuzeigen. Während der bescheidene Knabe noch zögerte, der Aufforderung Folge zu leisten, geschah jedoch etwas Seltsames. Die Frau des Rabbi, die während der ganzen Zeit nur mit Mühe die Tränen des Zornes und der Kränkung unterdrückte, die in ihr aufstiegen angesichts der nach ihrer Meinung unverdienten Ehrung Mordechais und der, wie sie meinte, ebenso nnberechliglen Zurücksetzung ihres eigeenen Sohnes, warf die Hefte ins Feuer und mit den Worten: Ihr habt Euch genug mit ihm beschäftigt, kümmert Euch um den andern, schob sie ihren Knaben vor und Hieß ihn seine Droscho (Bortrag) zu halten. Mordechai war zuerst starr vor Schrecken und Schmerz. Dann aber lief er hinaus und draußen brach er in ein lautes Schluchzen aus. Wohl kam der Rabbi, nachdem er seiner Frau bittere Vorwürfe gemacht hatte, hinaus, um ihn zu trösten, wohl bekannten alle Anwesenden, daß sie von seinem Können überzeugt seien. Aber Mordechai hatte nur den einen Gedanken: daß die Frucht so vieler Tage und Nächte, die Arbeit all der Jahre und der Fleiß, alles umsonst gewesen sei. Eine eigentümliche Veränderung ging von jenem Tage an mit Mordechai vor." So wie er sich bisher mit Chidduschim befaßt hatte, so gleichgültig war er jetzt solchen Entdeckungen gegenüber. Ja, der ganze Pilpul, noch mehr, der ganze schwere Ernst der Halacha war ihm verleidet. Wie ein Unglücklicher gerade nur Heiteres sehen möchte, um sich abzulenken, so schien er jetzt nur Gefallen an aggadischen Stoffen KU finden. Sein Rabbi und seine Chawerim sahen trauernd diese Veränderung. Aber das sollte nur' eine Episode sein. Nachdem er sich zwei Jahre mit Aggada beschäftigt und da so manche Perle , zutage gefördert hatte, wandte er sich wieder seinem alten Gebiete zu, das er jetzt umso frischer bebaute, als er — 15 Jahre alt — zu Rabbi Jojcph Steinhardt (dem Verfasser des „fpr p-or") nach Fürth kam. Dort begann eigentlich erst das rechte, echte Bachurim leben für ihn. Seine Liebe zum Lernen und sein Geist, seine Bleischeidenheit und sein gewinnendes Wesen brachte dem Jüngling eine Auszeichnung ein, die sonst nur älteren Männern vor Uebernnhme eines Lehramtes verliehen wurde: den Titel eines ■nrwö, eines /,Freigewordener>", d. h. eines selbständigen und mündig gewordenen Gelehrten. Damit waren für ihn die tastenden, schwankenden Kinder- und Knnbeniahre dahin. Als der Wohltäter seiner Kindheitstage, Markbreiter, ihn nach Nikolsbnrg berief, um über seine Zukunft entscheidende Beschlüsse zu fassen, da konnte er getrost sagen: Was dev Knabe versprochen. wird der Mann halten.