Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 40-41 (5.10.1922)
- Date
- 1922-10-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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5 Oktober 1923. _ tofBethaus des „Art". Als die Räuber den Mg nach dieser heiligen Stätte nahmen, wurden" sie Plötzlich von unsäglichen Aengsten ergriffen? Sie glaubten, das türkische Heer komme ange-' rückt und liefen was sie konnten davon. Die', alten Bewohner der Stadt lassen sich es nicht, nehmen, daß es die alte Thorarolle war, die sie^ vor den Gefahren gerettet hatte. f Auch die Araber empfinden ein gewiffe Schew vor der heilige/Rolle des Rabbi Abuhab. Im Safed wird sie, wie gesagt, nur an den hohen^ Feiertagen ausgehoben, und Heil demjenigen, der das Glück hat, aus ihr vorgelesen zu! bekommen . . . Litauen. (Eindrücke und Beobachtungen auf einer Ferienreise.) IV. - In Litauens Residenzstadt. i Kowno, dereinst Mittelgroße Provinzstadt Westrußlands, ist aus dem Feuer des Weltkrieges als Hauptstadt einer Republik hervorgegangen, und es geht ihr >uie vielen der neuen Reichen von heute, bei denen man die Tradition vermißt. Doch wächst sich die Staöt gemächlich zur kleinen „Residenz" aus mit allen Attributen einer solchen. Wenn man mit dem Dampfer, von Jurb'urg kommend, nach zehnstündiger mühsamer Fahrt gegen den Strom, an einem halben Dutzend grauer jüdischer Städtchen und Flecken vorbei, endlich in den mit hohem Steindamm gedeckten, wenig ausgebauten Niemenhafen einfährt, entrollt sich dem Auge ein grandioses Bild. Links die grünen Hügelterrassen niit den wie in die Felsen gehauenen Häuschen von Alexot, rechts die roten Türme und Kirchenkuppeln, "aus dem Häusermeer .stowiws ragend. Aber, wie alle Oststädte, hält Kowno im Einzelnen nicht, was es im Ganzen verspricht, i Zunächst warne ich jeden Mitteleuropäer, der seine Glieder ganz nach Mitteleuropa zurückbrrngen möchte, eindringlich davor, die Straßenbahn, die, wie zu Urgroßvaters Zeiten, von einem nicht einmal braven Gaul gezogen wird, zu benutzen. Es sei denn, daß man gleich die ganze Strecke, vom Dampfer bis zum Bahnhof, fahren will, um von dort gleich mit dem ersten Zug Wer Ehdtkuhnen nach der Grenze zu entkommen . . . Will man aber irgendwo auf halbem Wege aussteigen, so wartet man vergcbens aus einen Haltepunkt, es nützt auch nicht, dem Schaffner dieses Vorhaben kundzutun, auch nicht,- weinl man ihm — die einzige Sprache, die er außer Litauisch versteht — einen Papierschein in die Hand drückt. Er winkt wohl, an der betreffenden Stelle angelangt, ermutigend, aber man kann sicher sein, [ öafs im Momente, wo man den Fuß zum Anssteigen r uttsv Trittbrett setzt, der Gaul mit der ganzen, während' der Schneckenfahrt ausgesparten Energie anzieht und den Aussteigenden weit hinter sich liegen läßt.' Schließlich hat er es nur dem weichen Schmutz der, litauischen Residenzstraße zu danken, wenn er »och mit halbwegs ganzen Gliedern wieder ausstehen kann . . . lind beschwert man sich an irgend einer Stelle, so rechtfertigt sich der Biedere: „ich wollte' schon, aber der Gaul wollte nicht. . i Der Gaul ist höchste und oberste Instanz in dieser! und Noch anderen Einrichtungen des Kownoer Verkedrs... I Würdig der Perkehrsvermittlung sind auch dies. Hotels. Ich warne insbesondere vor denen mit,, hochklingenden internationa-leu Na-'! men. Mein Hotel trägt den Namen einer großen eng-, lischen Königin, mrd ich empfinde daher das Ganze: als schwere englische Majestätsbeleidrg u n g, deren ich mich auch durch eine Wiederholung' in Form einer näheren Schilderung der Verhältnisse,', nicht schuldig machen möchte ... 1 Angedeutet sei nur, daß es in litauischen Hotel-' betten „lebhafte" Nächte und „bewegte" Träume gibt? Mein liebenswürdiger Wirt, den: ich m Ermangelnng eines Beschwerdebuches mit allen dem Anlassei entsprechenden Gesten meine Wahrnehmung beschrieb, i kratzte sich auch seinerseits — am Hinterkvpfc und: behauptete, es sei dies die fixe Idee aller, die) nns Deutschland kornmen. ..." I Kowno hat heute noch keine Wasserleitung, noch: Kanalisation. Wie zu Olims Zeiten wird das Wassers in großer: 'Holzeimern auf menschlichen Schultern|. bis zum Dachboden hinaus und hinunter in die Keller-^ Wohnung getragen und als Kehrichtabfuhrstelle dient der Hof, dieses ungepslasterte Viereck, das aus vier weiten durch Türen und Fenster reichlich genährt wird. Auch ich habe die Wahl, entweder das Fenster geschlossen zu halten und so die „dumpfe Atmosphäre des nahen Ostens" in Permanenz zu erklären oder es zu öffnen, auf daß vom Hose her „alle Wohlgerüche Arabiens" einströmen. Ich entscheide mich für das erstere ... Wohnungselcnv. ... Biel ist an den unerträglichen sanitären Berhültmssen der Stadt die Wohnungsnot schuld, von der man sich im Westen leine Vorstellung macht. Bei uns denkt man bei dem Worte an oie schmachtenden Langverlobten ohne Heim für die Zukunft, an die Jnngvermählten, die ihr frisches Glück mit dem schon altgebackenen in der, Siebenzimmerwohnung der Eltern Zusammenlegen müssen, am Ende an die Baracken draußen, die die Flüchtlinge aufnehmen. Dort heißt Wohnungsnot: ein Stübchen von vier kleinen Räumen, in dem drei Familien hausen. Drei Zimmer — auch die Küche — enthalten Betten, Schlasbänke und andere Liegegelegenheiten. Im vierten Gemache, das kein Bett hat — schlafen die Leute ans dem Fußboden... Diese unheimliche Menfchettübevfüllung ist in erster Reihe durch den gewaltigen Zustrom aus Rußland bedingt. Jeder Kownoer Jude ist ein „Heimgekehrter". Wenn sich zwei, die sich lange nicht gesehen, treffen, lautet die Anrede: „Wann seid Ihr gekommen und wo in Rußland wäret Ihr?" Und es ist selbstverständlich, daß die heimkehrenden Familien die Häuser ihrer Verwandten beziehen und so langen darin ausharren, bis sie wieder in Besitz von Haus und Existenz gelangt sind. Andere Rückslüchtlinge halten die kleineren Bethäuser besetzt. Staat, Stadt und Gemeinde kümmern sich um diese mit knapper Not dem Hunger und Pogrom in der russischen Hölle Entkommenen so gut wie gar nicht. Das alte jüdische Leben. Mein erster Besuch galt in Morgenfrühe den alten Bethäusern, die auch als blühende Lehrhüuser in meiner Erinnerung lebten. Das „Alte BeshaMidrasch" meiner Vorstellung fand ich nicht wieder. Was ich fand, war ein großer, nicht gerade sauber gekehrter Raum mit reichlich geschwärzten Wänden und verblaßten Plafondmalereien, in dem — freilich schon gegen neun Uhr morgens — „Minjan" gesucht wurde. . ." Früher pflegte von Tagesanbruch bis lies in die ersten Bormittagstunden Gottesdienst auf Gottesdienst zu folgen. Mit Ehrfurcht sieht man auf den eingebauten schwereichenen tiefen Sessel links der heiligen Lade hin. Hier hat fast ein halbes Jahrhundert der letzte Gerstesfürst der litauischen Judenheit, Rabbi Jzchok Elchonon beim Beten gesessen, und es ist mir, als würde heute noch von diesem Platze, aus dem seitdem keiner mehr gesessen, ein Strahl von Milde und Größe ausgehen und in den halbdunklen Raum leuchten! Unwillkürlich drängt sich mir der Gedanke an einen anderen leeren Sitz aus, an den R a s ch i st u h l in Worms, den vielbegasften und viel bewunderten. Und der Vergleich löst merkwürdige Angstgefühle in mir aus. Könnte es, was Gott verhüten möge, auch hier einmal so weit kommen, daß dieser" Stuhl als Heiligtum, als Denkmal einer verflossenen Zeit pietätvoll nur bewundert wird!? Eine Erinnerung stieg in mir auf, die mich, obwohl heiterer Natur, traurig stimmt. Ich fragte in Worms den alten jüdischen Kastellan, der mir die Raschireliquien mit der Routine zeigte und erklärte, die ihm zuweilen in einer Woche mehr an Trinkgeldern einbringt, als Rafchi je an all seinen Werken verdient hat, ob er auch Raschi lesen könne. Er gab treuherzig zurück, er hätte nicht RabLiner studiert... Nein, so weit ist es hier, Gott sei es gedankt, noch nicht. Der Stuhl hat rroch mehr lebendigen Glanz als stummen hölzernen Denkmalswert. Aber wenn der mit Mühe zustandegekommene letzte Gottesdienst zu Ende ist, warte ich vergebens, daß sich, wie anno dazumal, von irgend einer Ecke die Stimmen von „Rowo" und „Abaje" erheben . . . Im mehr im Zentrum gelegenen „Neuen Besha m e d r a s ch", das auch äußerlich besser erhalten anmutet, sieht es etwas lebhafter aus, immerhin noch trübe und öde genug für den, der mit der Erinnerung an das Kowno des Rabbi Jzchok Elichonon hergekommen ist. . . Aber etwas sah ich in diesem Gotteshause, was mich tief rührte und erschütterte. Zwei Dutzend abgerissener, abgeinagerter, barfüßiger Jungen drängten sich da mit znsaminengesteckten Köpfen, zu Dritt Wohl über ein abgegriffenes Gebetbuch gebeugt, mrd beteten, die Kleinsten nach Kinderart mit dem Zeigefinger über die Gebetstellen fahrend. Neben ihnen ein für hiesige Verhältnisse nicht schlecht gekleideter Mann in mittleren Jahren, der, nervös und geschäftig von Grüppchen zu Grüppchen sprang, aufschlug, nach dem Rechten wies und die Jungen zurechtstupfte. Ich hielt es für ein odbadjloie$ Cheder, doch wurde ich eines anderen belehtt. Es waren Flüchtlingskinder, die dieser Mann, ein kleiner hart um seine Existenz ringender Händler, von der Straße aufgelesen hatte, indem er sie allmorgendlich hier sammelt, ihr Beten überwacht, und bevor er auf den Handel geht, ebenso abends, wenn er vom Handel . kommt, je zwei Stunden mit ihnen Chnmisch und Anderes — natürlich ohne jegliches Entgelt — lernt.; Ich Weidete mich am Eifer des Handelsmannes,! der sich durch mich nicht im geringsten stören ließ. Er - redete seine Kleinen andauernd mit „Kinderlach" an und sie scharen sich um ihn etwas wild und stürmisch! und Schutz suchend wie junge Geischen um den Hirten. ‘ „Versäumt Ihr nicht dadurch vielim Geschäfte?" I frage ich den Mann, da ich mit ihm zur Türe hinaus-! gehe. j „Leider, leider versäume ich durch das leidige I Geschäft viel bei ineinen Jungen", gibt er mit j einem echt litauischen Gegenwörtchen zurück. | . Daran erkannte ich Wern altes, liebtreues Li-! tauen vollkommen wieder. Sette S Nr. 40 u. 41 Der Fischmarkt. Emile Zola nennt einen seiner Romane, der die Pariser Markthalle im Mittelpunkte hat, den „Bauch von Paris". Der Kownoer Fi sch - markt neben dem „alten Beshamidroh" hat aber entschieden mehr von der S e e l e des jüdischen Kowno, und am Freitag morgen, da er am lebhaftesten ist, sogar etwas von der Sabbatseele, der „Neschow 0 jesseroh" . . . Es ist kein Markt wie iin Städtchen, Ido sich der Handel zwischen Dorf und Stadt abwickelt; es ist ern echt jüdischer Markt, dieser Fischmarkt in der offenen, nur oben bedachten Halle, wo es nur jüdische Käufer und jüdische Verkäufer, nur jüdisches Geschrei und jüdische Händel gibt. Mer sich den Markt am Freitag morgen nicht angesehen hat, hat ein wahrhaft jüdisches Leben nicht gesehen. Frauen in nicht gerade eleganter Morgentoilette schreien, lärmen, feilschen um die Wette, erhitzt, erregt, aufgelöst. Die Fischer ihrerseits schreien und schimpfen, als wären sie Metzger . . . Dazwischen zappeln und hüpfen und kugeln sich die Fische — es werden nur lebende ge- und verkauft — und kollern vom Stande, spritzen Wassersäulen ins erhitzte Gesicht der Käuferin, und es schwirren Worte, Flüche, Wünsche und Schwüre durch die Luft, daß die Balken brechen würden, wenn sie in der Halle nicht schon längst alle gebrochen wären . . . Und über dem Ganzen liegt eine jüdische Weihe, die nicht die Spur hat Von dem Bauerngefeilsche mti dem Wochenmarkte des Städtchens. Vor der Halle stehen frei an ihren Körben und Ständen die anderen jüdischen Marktfrauen, alle Arten von Gemüse, Beeren, Zwiebeln, Rettich und Obst feilbietend. Die Warenbestände sind nicht groß und die Verkäuferinnen buchstäblich in Lumpen gehüllt, die jüngeren alle barfüßig. Hier ist der Zudrang und die Kaufwnt weniger groß. Die Händlerinnen müssen schon die Kunden anlocken. Nur die am Mohrrübenhaufen hat guten Msatz. Neben dein Fische muß man ja auch „Zimmes" ftaöctt . . . „Knust Herrche, a Ugerke!, süß asäu wie Zucker, wahre Melone, wie der Eppel vun Ganeven", pries mir eine Händlerin ihre Gurken an, „kostet nor fünf Mark." „Ihr habt doch soeben der: „Eppel vun Ganeden" für drei Mark verkauft?" Da schwur die Frau, sie möchte kein Ganeden „erleben" und „Schaufar von Mosrhiach nicht hören," wenn erstens dieses wahr sei und zweitens nicht selbst vier gezahlt hätte und drittens — „Da nemmt es für drei!" .. . Ich fragte sie, warum sie ohne Not io viel schwöre? Da schwur sie bei allein, was ihr lieb und heilig fei, daß — sie noch nie in: Leben geschworen hätte . . . Das traf sogar bis zum gewissen Grade zu, denn so sehr liegt den Leuten im harten Ringen um das tägliche knappe und trockene Brot diese Art von Handeln im Blute, daß sie es selber garnicht merken. Ich zahlte fünf und ließ die Gurke liegen. „Was soll ich damit? Ich bin ja hier nicht heimisch." Damit löste ich aber einen Redeschwall der Gurkenfrau ans, der so aussah, als würde er nie mehr im Leben aufhören. Nicht heimisch? DaS war ihr Fall, das gefiel ihr. Auch sie und ihre Kinder und „SwregerZ und „Schnur" seien erst auS Pensa gekommen, liegt jenseits der „höre Chauschech" in Rußland, wohin sie Vertrieben waren. Fanden hier ihr Heim wieder, aus alle Feinde Israels gesagt! Lange Prozeßgeschichten mit der Frau, die sich inzwischen in ihrer Kellerwohnung festgesetzt und nicht hinaus will. Die „Schnur" (Schwiegertochter) ist schlecht und faul, aber die „Schwieger" ein Drachen. Und sie (Rednerin) plage sich mik Gurken, dem miserablen, verfaulten Zeug, das kein Mensch in die Hand und irr den Mund nimmt. (Sie hatte die Ganedeneppel iu der Hitze des Gefechtes ganz vergessen.) Wenn nur das Feuer ausbreche über Pensa und über ... Sie würde eben noch reden, wenn nicht zum Glücke sich jetzt eine Frau mit zappelndem Hechte im Korbe genähert hätte . . . „Kauft, Weibele, kauft U g e r k e s, richtige Ganedeneppel!" ... (Fortsetzung folgt.) ' (Messe und Ttzoraterneu). Im kleinen Feuilleton des „Israelit" Nr. 38 wird unter der Spitzmarke „Frankfurter Tafchlich vor 300 Jahren", unter anderem darauf verwiesen, daß der Verfasser des jw sich wiederholt über die infolge der Messe und der damit verbundenen geschäftlichen Tätigkeit eintretende Lässigkeit in religiöser Beziehung beklagt. Beim Durchlesen dieser Zeilen mußte ich ur. willkürlich an eine Bemerkung denken, die R. Abraham Danzig, Verfasser des 2NN 7D2N im Vorworte zu diesem Buche macht. Er erzählt dort von sich, daß er beim Besuche der Leipziger Messe es niemals versäumt habe, nipv uivr auf die Reise milzunehmen und auch während der Messe fast täglich seine 1*/, Blatt mm zu lernen; nicht so, wie manche Kaufleute meinen, unterwegs und besonders zur Zeit der Messe fei dieses nicht notwendig und sie wenden für sich nifcn “pnn den Satz an: nww jva nniwr p in» n». _ Dr. L.