Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 40-41 (5.10.1922)
- Date
- 1922-10-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Aevllleton-Veilage m Ar. 40 u, ii des „MaE ’ * Sie zwei Zeugen. (Eine Jabel für die Feiertage aus dem Midrasch.) Es wurde ein Mann beim Richter wegen verschiedener Sünden und Vergehen angeklagt. Der Richter sprach zum Ankläger: „Laß' deine Zeugen hören!" Da ging der Ankläger und kam bald wieder mit einem Zeugen bei der Hand. //Der eine genügt nicht", sprach der Richter, „denn durch den Ausspruch zweier Zeugen kann erst die Sache bestätigt werden." Darauf lief der Ankläger noch einmal aus um den zweiten Zeugen. Dieser aber war dem Angeklagten wohl gesinnt und er versteckte sich, um gegen ihn nicht zeugen zu müssen. Wohl mehrere Tage hielt er sich verborgen, indeß es dem Angeklagten gelang, durch Ablegung eines Geständnisses und durch gute Vorsätze für die Zukunft den Richter milde zu stimmen. Als nach zehn Tagen der zweite Zeuge aus seinem Verstecke endlich hervorkam und er nun zusammen mit dem ersten vor dem Richter-Tribunal erschien, war die Gefahr für den Beschuldigten schon vorüber. Denn der Richter hatte bereits den Freispruch verkündet und alle bisherige Schuld des Angeklagten getilgt. Da ging der Freigesprochene frohgemut von dvnnen und bereitete ein großes Fest, an dem er mit wohlduftenden Blumen in der Hand den Richter pries, und auch beide Zeugen lud er ins Haus, daß sie teilnah men an diesem seinem Freudenfeste. — ** * * Am ersten Tage des Jahres erscheint Satan, dieser große Weltankläger, vor Gottes Richterthrone mit der großen Anklageschrift, darin Israels Schuld und Vergehen verzeichnet sind. Und einen Zeugen hat er an der Hand: die Sonne, die bekunden soll, daß sie an 365 Tagen, so oft sie im Jahre die Welt beschienen, Israels Sünden mit angesehen hätte. Der Weltenrichter aber sagt: „Es genügt nicht der eine Zeuge, ein zweiter muß kommen . Wie aber der Mond als zweiter Zeuge vom Satan geholt werden sollte,/versteckte sich dieser, um nicht gegen Israel zeugen zu müssen und hielt sich vom Jahresbeginn bis zum Versöhnungstage verborgen. Erst jetzt trat er wieder hervor. Nun war aber die Gefahr für Israel schon vorüber, das göttliche „S^olachti" schon gesprochen. Da baute sich Israel eine Festhütte, nahm den Pstanzenbund in die Hand, feierte ein großes Fest und sang Loblieder für den gütigen Richter. > Und die Sonne, der erste Zeuge,-beleuchtete sein Fest. Und der Mond, der zweite Zeuge, schaute durch das Laubdach lachend in seine Festhütte, und eitel Freude herrscht in Israels Häusern. Der Mond aber, der am kritischen Tage sich versteckt hielt und mit seiner Zeugenschaft zurückhielt, ist Israels Schützer. Jsral hat das Mondjahr und sein ganzer Kalender rechnet nicht nach dem Rundgang des großen Tageslichtes, sondern nach dem dieser kleineren Königin der Nacht. Denn ohnehin gleicht Israels Schicksal in Vielem dem des Mondes: Oft bedeckt, von grauen Wolken verfolgt, in dicke Neöelmaffen untertauchend, kommt es doch immer und immer wieder hervor, um in die Nacht zu leuchten . .. Me Rabdi Zsrael Galanter seinem Schüler die Freude wledergad. In Rabbi Israels Klaus pflegte es mit Anbruch des Simchas Thora-Abends sehr hoch herzugehen. Mit dem gleichen Eifer, der gleichen Hingebung, wie man das ganze Jahr hinter der Gemoroh und den Mnffarbüchern saß, wurde jetzt dem Gesänge und Tanz gehuldigt. Da gewahrte Israel ein trauriges Gesicht, es war der sechszehnjährige Joffel der Masmid, der Liebling des Rabbi und des ganzen Kreises. Man ahnte wohl seinen Kummer, denn es war gerade ein Jahr her, daß er seine Mutter durch den Tod verloren hatte. Er war nun ein Waisenkind ohne Vater und Mutter und der Schmerz noch nicht vernarbt. Aber den Lehrer störte das sinstere Gesicht seines Lieblingsschülers und er rief ihn herbei. „Du hast ein Jahr getrauert und Kaddisch gesagt. Und heute ist der Thora Freudenfest." „Es ist nicht dies der Grund meiner Trauer", entschuldigte sich der Jüngling. „Ich habe ein Verbrechen begangen, einen schweren Verstoß gegen das Gebot der Elternverehrung, der heute bei mir keine Freude aufkommen läßt." „Erzähle mein Kind", bat der Lehrer. Da erzählte der Waisenjunge: „Es war voriges Jahr um das Sukkosfest, als ich von hier an das Krankenbett der Mutter gerufen wurde. Am vierten Chol Hamoed-Tage kam ich nach Hause und trat in die dunkle Stube, an das Bett, worauf die Mutter schon fast im letzten Kampfe lag, Arm war das Häuschen von jeher und jetzt noch ärmer. Pflegerin konnte sich die Mutter nicht leisten, nur eine Nachbarin pflegte von Zeit zu Zeit für Stunden die Kranke so gut es ging. Ich aber wich keine Sekunde mehr von ihrem Bette. Sie ließ mich auch nicht mehr weg, nicht einmal um den Arzt zu holen. „Es ist nicht nötig", sagte sie nur immer, „bleibe lieber hier und lerne aus diesem offenen Buche, aus dem der Vater zuletzt gelernt, lerne und lerne, es ist das beste Medikament für mich..." Als später der Arzt dennoch kam, da zuckte er mit den Achseln und flüsterte beim Fortgehen mir etwas ins Ohr, daraus mir klar wurde, daß die Tage der Mutter nur noch gezählt waren. Ich konnte nichts mehr für sie tun, als dasitzen und lernen und lernen. Und das war sehr viel für siie, das merkte ich an dem seligen Lächeln, das ihr Gesicht verklärte, wenn sie für ein paar Minuten ihre Augen öffnete. Dann kam der „Schmint Azereth". Der Tag neigte sich und der Abend der Thorafreude dunkelte heran. Ich aber saß da und lernte ohne Rast und Unterbrechung. Es war mir, als könnte ich wie einst König David mit dem heiligen Buche in der Hand, den Todesengel aus dem Zimmer scheuchen . . . Da öffnete die Mutter plötzlich die Augen und zog langsam die halberstarrte Hand aus der meinen. Dann flüsterte sie ganz leise: „Gehe mein Kind in die Schul zu den Hakofaus. Sie freuen sich dort mit der Thora und du sollst dich mitfreuen." „Mutter", wandte ich ein, „wie sollte ich dich jetzt allein lassen?" „Du sollst es", befahl die Kranke. „Du bist bei mir, wenn du dort mit der heiligen Thora in der Hand dich freust." Und da ich noch etwas erwidern wollte, machte sie ein Zeichen mit der Hand, daß ich gehen möchte. Und ich ging.- Als ich wiederkam, fand.ich die Mutter tot im Bette. Allein halte sie ihre reine Seele ausgehaucht, indes ich im Bethause mit der Thorarolle im Kreise tanzte. —" Der Jüngling konnte vor Tränen nicht weiter erzählen. Der Lehrer umarmte aber seinen Schüler und sprach: „Du Glücklicher, freue dich. Du hast Grund zur Freude an der Thora und mit der Thora mehr als, wir alle. Hatte etwa der sterbende Blick der Mutter deine Freude nicht gesehen und hatte dein Thoragesang ihr nicht laut und hell nachgeklungen auf ihrem letzten Gange zum Lichte des Paradieses? . . Er sprach noch mehr zu Herzen des Jünglings und aller und bald stand Joffele Masmid mitten im Kreise der Tanzenden und fiel vor Freude jedem um den Hals. Eine besondere himmlische Kraft besaß unser Rabbi Israel, jedem das Seine wieder zu geben und insbesondere allen, die es verloren hatten, Liebe und Freude wieder ins Herz zu letten. Die Thorarolle des Raddi Abuhad. (Aus der Sage und Geschichte der heiligen Stadt Safed). In der alten Synagoge zu Sased sollen sich noch Thorarollen aus der Zeit der Tana im befinden. Eine besonders ehrenvolle Stellung nimmt aber dort das Sefer des Rabbi Abuhab, des Verfassers düs Müttorath Hamaor ein. Auch die Synagoge trägt seinen Namen und ist von den spanischen Flüchtlingen, die sie vor 350 Jahren errichteten, auch die heilige Rolle aus der Handschrift des genannten Rabbi mitgebracht worden. Aus derselben wird nur an den hohen Feiertagen vorgelesen, denn es geht die Überlieferung, daß das Lesen aus dieser Rolle an den heiligen Tagen volle Vergebung aller Sünden bewirkt. Einstens, so erzählen die Sephardim in Sefad, hatte ein sehr grausamer Pascha die Macht in der Stadt und er mißbrauchte sie, um die Juden auf jegliche Art und Weise zu drangsalieren. Mehr wie einmal sperrte er die Chachamtm in die Festung ein und die Juden konnten ihre Freiheit nur mit der Hergabe ihrer gesamten Habe erkaufen. Er vergriff sich zuweilen sogar an den Thorarollen, allein vordem Sefer des Rabbi Abuhab schrak er immer zurück. Im Jahre 5594 mußte Ibrahim Pascha, ein guter, veiser Regent, vor den Rebellen flüchten. Er saß vierzig Tage lang in der Churba in Jerusalem als Rabbi in Talis und Tefillin verkleidet, damit ihn seine Feinde nicht entdeckten. Zu der gleichen Zeit rotteten sich die Fellachen gegen die Juden in Safed zusammen und richteten ein großes Gemetzel in der Gemeinde an. 500 alte Thorarollen wurden entweiht, zerrissen und verbrannt bei dieser großen Plünderung. Auch an die Thorarolle des Rabbi Abuhab wagten sie sich heran, es gelang ihnen aber nur, die Nähte aufzureißen, nicht aber dem heiligen Pergament Schaden zuzufügen. Drei Jahre später lebte in Safed ein Schuhmacher namens Joseph, vow dem man wußte, daß er zu den „Sechsunddreißig" gehörte. Er war von den „Geheimen", die bei Tag ihre Arbeit verrichteten und bet Nacht unauffällig den heiligen Dingen nachgehen . . . Ersah das Unglück voraus, nämlich ein großes Erdbeben, das dann auch am 24 des Monats Tewet eintrat. Tausende wurden in Safed in ihren Häufen begraben, auch das Bethaus des Rabbi Abuhab wurde zerstört, nur die Südseite, wo sich seine heilige Rolle befand, blieb unversehrt. Nach dem Erdbeben wurde das Sefer des Rabbi Abuhab in die Synagoge des Rabbi Lurja (Art), die einzige die beim Erdbeben verschont geblieben, überbracht. Die Ueberführung ging unter besonderen Heiligungen und Kasteiungen vor sich. Seitdem hat die Ari-Synagoge auch ihre alte Weihe wieder erhalten. Im Jahre 5598 erlebte Safed neuen Schrecken. Drusen in Verbindung mit wilden Arabern drangen in die Stadt und plünderten und mordeten. Viele Juden flüchteten sich in