Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 40-41 (5.10.1922)
- Date
- 1922-10-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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5. Oktober 1922. Der Israelit. No. 40 u. 41. Seite 3. erlegen lassen können für Einrichtungen, die ihre Kinder der Religion der Väter entfremden. Es drängt sich unwillkürlich der Vergleich mit der Polizeisteuer aus der zaristischen Zeit auf. Durch die systematische Drangsalierung der Juden im Rayon erwuchs naturgemäß der Polizei eine wesentliche Mehrarbeit, die Neberlohn rechtfertigte. 1 Und so war es nach zaristischer Logik Wohl selbstverständlich, daß die Juden, die diese Ueberbürdung der Polizei verschuldeten, auch diesen Ueberlohn in der Form einer Polizeisteuer zu leisten hatten. Diese Einrichtung stand dem russischen System sehr gut zum Gesichte. Sollte aber Polen auf dem Gebiete des Schulwesens in ähnlicher Weise daran denken, aus jüdische Kosten jüdische Kinder ihrem Vaterhause und dem alten Glauben zu entfremden, so wäre das damit angertchtete Unheil von ungleich größerer Tragweite als alle schikanösen Verordnungen des russischen Judengesetzes. Aus all«' dem darf man nicht nur hoffen, sondern muß mit Bestimmtheit erwartet werden, daß Parlament und Regierung den Uebergriffen der galizischen Schulbehörden wirksam Einhalt gebieten werden. Freilich dürften sozialdemokratisch verwaltete Staaten im Herzen Deutschlands, Polen und anderen noch im kulturellen Werden begriffenen Ländern des Ostens keine solche Präzedenzfälle bieten, wie es eben Sachsen im Begriffe ist zu tun. Ein vergessenes Jubiläum? Von Dr. Ed. Biberfeld in Berlin. III. Ein Mid anderer Art bieten die von religiös-konservativer Seite gegen das Jüdengesetz erhobenen Beschwerden wegen systematischer Ausschaltung des Religionsbegriffs des Judentums ans der ganzen Materie des' Gesetzes und der geflissentlichen Ignorierung des vom Religionsgesetze, und nur von 'diesem gelieferten Substrats für den Ausbau der Gemeinschaft, die daF Gesetz, mit offentlich^-rechtlichem Charakter ausstattete, ohne auch! nur anzndeuten, air wÄche Voraussetzungen die Zugehörigkeit zu dieser Gemeinschaft zn knüpfen, welche Aufgaben sie zn erfüllen habe. Wohlgemerkt: es geht den Wortführern dieser Beschwerden nicht um verletzte Prestigegesuhle, man empfindet es nicht als kränkende Zurücksetzung, daß der Staat anderen Konfessionen gegenüber anders verfahren UUÖ dort die Gottesverehrnng u. A. als die gegebene Grundlage ihrer krrchenrcchtlichjen Existenz stabilisiert sowie die Erfüllung genau umschriebener religiöser Aufgaben von ihnen Volke Israel rühmt man dreifaches nach: pvnn „Israeliten haben ein mitleidiges Herz, sind bescheiden und wohltätig." (v" mW). Drei Leuten, sagen unsere Weisen, ist die Erde entgegengekommen, wodurch sie ihr Ziel rascher erreichten: Dem Eliser, Knecht Awrohoms, Jakob und Abischai ben Z'rujoh. (n"L p'WJD). Drei gute Gaben schenkte Gott Israel: die Thairro, Erez--Jisroel und Olorn- Habo. ("n JTDli). Und an anderer Stelle im Talmud (3"p D'nDB) wird gesagt, daß besonders dreierlei Menschen Aussicht auf Olom habo haben: wer in Erez-Jisroel wohnt, wer seine Kinder erzieht zum Thorastudium und wer am Moze Schabbos über Wein Hafdolo macht. Am pn ai* sollen vor dem Wettenrtchier drei Sorten von Menschen erscheinen' die vollständigen Zadikim, die ausgesprochenen Reschoim und die Mittelmähigen. (t"o n"n). Drei Jahre lang stritten die Schule Hillels und die Schule Scham ais um die Anerkennung der Halachoh, bis eine göttliche Stimme (BaSkol) sagte; die Worte beider find göttlich und heilig, es bleibt aber bei der Ansicht von BeS Hillel! Bekannt ist auch der Ausspruch von Schimon Hazadik: auf drei Dingen besteht die Welt: auf Thora, Awodoh und G'milus Chasodim, oder wie Rabbon Schimon ben Gamliel sagte: auf Wahrheit, Recht und Frieden. Drei sind unsere Stammväter: Abraham, Jizchok und Jakob. Gewisse Verse im „Gebet für die Reise" und im Nachtgebet werden (v'vpv *a) bteimal wiederholt. Der Chor der Engel stimmt dreimal ein in den Ruf: „Heilig". Drei Verse müssen mindestens dem Aufgerufenen vorgelesen werden und weniger wie drei Personen können überhaupt nicht aufgerufen werden. Die sogenannten „drei Wochen" zwischen 17. TamuS und 9. Aw sind jedem bekannt, zusammenhängend damit die sog. drei ' erfordert habe. Sondern man sucht und findet in dieser Unterlassungssünde des Gesetzgebers den letzten Grund für den religiösen Verfall und Zerfall, der, in den Großgemeinden bis zu anarchischen Zuständen vorgeschritten,- aber auch die Reinsten Klerngemernden in seinen Strudel hineingezogen hat, und schuldigt sie au, jene Gleichgültigkeit gegen das jüdische Religionsgesetz> jene dreiste Verleugnung seiner Pstichteulchre, jenen in Wort, Schrift und Tat sich brüstenden religiösen Nihilismus provoziert zu haben, deren unsympathische Züge nicht zum wenigsten dem Antisemitismus seine Schlägworte geliefert haben. Am greisbärsten, so urteilt man dort, zeigt sich die Ungeheuerlichkeit der Situation, die das Gesetz schuf, in der inferioren Stellung des Rabbiners in der Gemeindeverfassung, die ihn zum Privatbeamten einer Korporation, ohne andere Rechte, als die ihm auf dem Wege kontraktlicher Vereinbarungen oder gemeindestatutarischer Bestimmung eingeräumton macht, ihm jeden rechtlich! begründeten Einfluß ans die Kirchenzncht, den Kultus und die Gemeindeeinrichtungen vorenthält und ihn sogar so sehr als entbehrlich erachtet, daß es § 52 des Judengesetzes jeder Synagogengemeinde zn entscheiden überläßt, ob sie Knltusbeamte anstellen wolle oder nicht. Die Verwirrung der Begriffe, die sogar vor den ersten und letzten Grundgedanken des Judentums keinen Halt zu machen wagen dürfte, sei auf diese Einflußlofigkeit des geistlichen Elements' in der Gemeindeverfassung zurückzuführen; denn sie hinderte die berufene Instanz, die Rabbiner, daran, die Lücke, die das Gesetz, hinterließ, als es' eine Definition der religiösen Grundbegriffe des zu liefern ablehnte, ihrerseits durch eine autoritäre Interpretation dieser Grundbegriffe allgemeingültig und bindend anszufüllen. Die Richtigkeit dieser Vorstellung — die im folgenden noch bestritten wird — für den Augenblick zugegeben, steht es uns Juden doch aber schlecht an, den Gesetzgeber eines Verschuldens anzüklagen, zu dem er durch! „führende Geister" der damaligen Jüdenheit erst gebracht worden ist. Die Tatsache ist nickst aus der Welt zu schaffen,h daß die verkehrte Auffassung von der Bedeutung des Rabbineramts und von seinem Berus im jüdischen Gemeindeleben, die der Gesetzgeber in seinem Werk vereinigte, nicht aus feinem Hirn entsprang, sondern ihm von dem Berliner Jndenältesten Gnmpertz unseligen Andenkens, dem sich, das Trio Muhr-Rnbo-Zunz in würdiger Gevatterschaft anschloß, erst souffliert worden ist. Die ursprüngliche Meinung der Regierung war, wie wir wissen, in diesem Punkte durchaus nicht einheitlich!, und auch d i e Rich- Mahnungen und Strafen enthaltende Haftoros. Und ein dreifacher Jaden, sagt Koheles, wird so leicht nicht zerreißen. Drei Reben und drei Körbe in den Träumen des Mundschenk und Hofbäckers, — drei Tage in der Deutung Josefs. Dreimal im Tage betete Daniel und drei Tage sind für das Weinen bestimmt, während ein Owel in den drei ersten Tagen unter keinen Umständen ausgehen darf. Unsere Weisen teilte» die Nacht in d r e i Wachen ein, der kleine Gerichtshof bestand, wie beute noch das Besdin, aus drei Mitgliedern. Und weil man drei Tage nicht ohne Thauro sein soll, findet Montag und Donnerstag „Krias Hatoroh" statt. Nach Kaddisch und Schmone Esreh gehen wir drei Schritte aus. ‘ Bei Chatos, dem Sühnopfer, wurden dreierlei Stoffe verwendet. (Zedernbolz, Mop. Karmosinfarbe). Am dritten Tage sah Awrohom den Ort der Akedoh von Ferne. Am dritten Tage der Miloh rächten sich Schimon und Lewi an den Einwohnern Schechems für das ihrer Schwester Dtnoh angetane Unrecht; am dritten Tage nach seiner Krankheit ging König Chtsktjoh« wieder in den Tempel. Die ägyptische Finsternis dauerte drei Tage und nach dem Durchzug durchs rote Meer fanden die Israeliten drei Tage lang kein Wasser in der Wüste. Bevor Esther vor dem König erscheint, fastet sie und in ihrem Auftrag alle Jehudtm, drei Tage lang. Liegen auf der Sederschüffel drei MazzoS, so finden wir am Lulof drei Haüasfim. In Pirke Owos spielt die Drei zahl eine Rolle. W12N rwbvi Ssnon. „Beobachte stets drei Dinge und du wirst nicht so leicht der Sünde in die Hände geraten : Merke, woher du kommst, wohin du gehst und vor wem du einst Rechenschaft ablegen mutzt. Ein weiterer Spruch lautet: „Drei, die an einem Tische speisen (jvnv), find ungehalten, nebst Stärkung des tung, die eine Stärkung des geistlichen Einflusses wünschte, fand dort ihre ansehnliche Vertretung; wobei es für die Sackte als irrelevant gelten darf, daß das Leitmotiv für dieses Raipnitcment ebensowenig judensreundlich wie das jenseitige war. Den Ausschlag zu Ungunsten des Rabbinertums gaben zweifellos die von den Berliner Gemeindeg'rößen ausstrahlenden Einflösse, imb es heißt eilte falsche Adresse wählen, wenn inan die Vorwürfe wegen dieses Ergebnisses an den Gesetzgeber, statt an das Am haarez- Regiine der Gumpertz und Genossen richtet. Der Fall steht übrigens nicht beispiellos da, sondern es gehen ihm in der vor 1847 liegenden Zeit andere voran, in denen ebenfalls eigenes Verschulden der jüdischen Wortführer zu Mißverständnissen Anlaß bot, deren Auswirkung in Gesetz und Praxis dann der Staatsregierung aufs Konto gesetzt würde. So hat die Bestimmung in der Attg. Gerichtsordnung und der Kriminalordnung, die die Glaubwürdigkeit jüdischer Zeugnisse in Kriminalsachen ausschloß!, mit vollem Rocht, den Zorn nicht nur der durch sie als moralisch! minderwertigen Individuen Stigmatisierten erregtz sondern darüber hinaus in den Kreisen, die freiheitlichen und fortschrittlichen Ideen zugänglich wären, den Preußischen Staat und seine Behörden mit dein Vorwurf des Fortlebens mittelalterlicher Geistesart in seinem Maatsleben vor derOeffentlichkeit belastet. Ein Blick in die dem „Entwurf einer Verordnung die Verhältnisse der Juden betreffend" beigegebene „Denkschrift" vom Jahre 1847 belehrt uns aber (auf 'S. 51), daß diese angefeindete Bestimmung keinen Geringeren als Moses Mendelssohn zum intellektuellen Urheber hat. Der Vorgang ist in vieler Hinsicht lehrreich genug und verdient darum der Vergessenheit entrissen zu Werden. Die Schilderung desselben an der gen. Stelle sei daher wörtlich wiedergegeben: „Aus den der Redaktion dieser gesetzlichen Vorschriften vorangegaugenen Verhandlungen ergibt sich, daß jenen Beschränkungen wesentlich die gutachtlichen Musterungen Moses Mendelssohns zu Grunde lagen. Derselbe bemerkte ans die ihm vorgelegten Fragen in Betreff der Eidesleistungen der JUden, „daß Zeugen durch den Eid in Kriminalsachen allerdings zu binden seien, insofern nicht die Lebensftrase oder eine unausstehliche Leibesstrase daraus entstehe." Unter der hiernach angenommenen Voraussetzung, daß den Juden nach ihren Glaubensgrundsätzen die Ablegung eines eidlichen Zeugnisses in Kriminalsachen nicht erlaubt sei, wurden die gedachten gesetzlichen Bestimmungen getroffen und erschien es auch nicht zulässig, den Juden selbst bei frei- Körpers auch ihren Geist zn erbauen, als hätten sie vom Tische Gottes genossen. Nun tritt erst die D r e i z a h l in ihrer ganzen hohen Bedeutung auf: Gott, Mensch und Natur; der Mensch beherrscht die Natur, sie steht in seinem Dienste und Gott lenkt und leitet beide: „So betrachte nur immer die Dretzabl und du wirst nicht so leicht zum Abfall kommen", Mißbrauch zu treiben mit den Gaben Gottes, denn jede Sünde hat ihren Grund im Mißbrauche. Haltet euch immer in Beziehung zu Gott, wie der Psalmist sich ausspricht: Tbr. ' n mw, „Ich habe stets Gott vor Augen wö'ü '2, steht er zu meiner Rechten, vlvu bi, so wanke ich nicht" (Ps. 16, 8). Die Sinnbilder, welche uns dienen sollen, vor Ab> fall durch Mihbrauch zu warnen, sind wieder drei. Das geweihte Stück vom Teigernn, die Schaufäden an den Kleidern und die Glaubensrolle an den Türpfosten ntltts. Auch die Hauptbedürfnisse des Menschen sind in einer Drei za hl enthalten. Der Mensch braucht im Leben: Nahrung, Kleidung und Wohnung. Daß er in der Nahrung nicht autzarte, daran soll ihn „nbn" das Gott geweihte Stück erinnern; daß er keinen Mißbrauch durch Putzsucht und Eitelkeit mit der Kleidung treibe, daran sollen „rPS'St" die Schaufäden an den Kleidern erinnern: es sind die Fäden, die vom Himmel auslaufen, den Menschen immer wieder an Gott zu knüpfen. Daß kein Mißbrauch durch übertriebenen Luxus in der Wohnung entstehe, dazu dient die nmv „die Glaubersrolle" an den Ein- und Ausgängen der Wohnung, damit der Mensch in seinem Hause immer ermahnt werde an den allmächtigen Weltenlenker. Das sind die Erinnerungsmittel als Warnung vor Mißbrauch; mögen diese sichtbaren Zeichen uns stets a« Gott und die Ewigkeit erinnern.