Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1922)
- Date
- 1922-09-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2450189-2450225--70055-2527266- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
28 September Id» Von liberaler Gedcmkeneinftsllung ist Ln dieser Begeisterung Dr die Zwangsvrgmnsa tiou des Geistes keine Spur zu entdecken, und es tmrkt fast wie eine Ironie der Geschichte, wenn die ^zurückgebliebene" konservative Seite hier als die Vertreterin des Prinzips der Freiwilligkeit und als seine Verteidigerin gegen die Angriffe Vonseiten des patentierten Forts chriM lmszutreten berufen ward. Was wir gegen die Zwangsorganisation einzuwanden haben, daß wir in der durch das Gesetz, statuierten Auwnorme der Gemeinderr gerade seinen grdßsten Vorzug erblicken, üst an dieser Stelle bei beit verschiedenen gegebenen Gelegenheiten so ausführlich dargetan worden, daß eiire Wiederholung haute überflüssig erscheinen darf. Daß übrigens auch die Wortführer der Zwaugspolltik, wenn es sein muH, auch anders können, beweisen die neuesten Erfahrungen. Uotzt, da. nn republikanischen Preußen für absehbare Zeit die Hoffnung, die Staatsgewalt in den Dienst ihrer gemeindepolitischen Aspirationen stellen zu Muren, aufgegeben werden mußte, haben auch sie sich zu dem Gedanken der Freiwilligkeit — wie sie sie verstehen — des Zusam menschlusses bekehrt und irr der Landesorganisation, die sie zu schaffen wußten, es verstanden, die Tendenzen, die sie ehemals nrit Hilfe des Zwangs durchführen wollten, in ihrem Landesverband zum Siege zu führen. Aber die Vorliebe für eine Politik der Macht wurzelt zu stark irr ihrerr Herzen, als daß, der Zusammenbruch der alten Hoffnungen von ihnen leicht verivnnden werden könnte. Wie eine Grabrede auf dieses Lieblingskind ihrer in den letzten Jahrzehnten betriebenen Gemeindepolilik klingt es denn mich, aus den Eingangsworten der ,,Denkschrift betreffend die Schaffung einer Larrdesorganisatrorr der preußischen Synagogengemeinden" von Dr. Jsmar Freund in BerliNy bÄ der einen Augenblick verweilt werden mußl, um einer irrigen Vorstellung, die daraus entstehen könnte, rechtzeitig entgegenzutnlten. Es heißt da: ,,Dem preuUschen Judentum fehlt es zur Zeit an einer das gesamte Staatsgebiet umfassenden organischen Zusammensaffungj seiner Glieder". (Nach einem Absatz): „der von dem S'taatsnnnistcr von Schrötwr i. I> 1808 entworfene Plan einer Reform der Judengesetzgebung sah einen kirchlichen Zusammenschluß vor . . . Gegen eine derartige ' Regelung wandte sich insbesondere Wilhelm von Humboldt als damaliger Chef der Kultus sektion" üsw. Der mit der Materie nicht verrraute Leser dürfte leicht zu der Annahme neigen, daß Schrötter das wahre Interesse der preußischen Acheicheit richtig erkannt und nn Auge gehabt habe, daß seine Pläne aber an der Humboldtscheu Staatsraifon scheitern mußte, die das Staatsürteresse in der Begünstigung der Schiss menbildung innerhalb der preußischen Jndenheit am besten gewahrt glaubte. Wie sehen aber in Wirklichkeit die Schrötterschen Intentionen aus? Man findet das Nötige darüber in dem oben zitierten Buch, Auerbachs S. 41.4. Danach war der Verfasser des unter Sch-rötters Namen gehenden Entwurfs nicht dieser, sondern der Krimrnalrat Brand» Rechtskonsulent der Stadt .Wnigsberg: „Nach seinen noch vorhandenen Maurralakten hatte ihn der Minister von Schrötter gefragt, ob er nicht ein Mittel wußte, die Juden zwar unblutig, aber auf e i n m a l t o t z u s ch lagen. Brand erwiderte^ daß er in d e m Besitz eines gut ans ch l a g e n d enMitt'elswüre, zw a r ui ch t die Juden» wohl aber das Judentum totzuschl agen, und erbot sich,. sofort e i n e n P! a n z n d e m v o in K ö n i g veri a ii n t e u Gesc tz, n u s zu a r b e i t c u. 2l m 29. «Oktober 1808 lieferte er seinen aus 36 A rtikeln 6 i'ft;ef}1 elt i>c lt Eu tmurf ab.44 ... Es könnte fast bedünken, als wäre es, gerade vorn Standpunkt des Herrn Dr. Freund aus, nicht sonderlich wohlgetatt, l Der Mrarktt. _ seine Oeganffattonsideen mit den Auleeddentien des Bwnd-Schpötterfchen Plans in irgendwelche Zusammenhänge zu setzen' und zu belasten! (Schluß folgt.^ Lorrerponärnren u. NachNckten 1 c-’ Deutsches Reich. Bewilligung von Staatsmitteln für leiflimgstdiroache Mditck« 6emem9en. Werkln, 26. September. Auf Grund von Verhandlungen der beiden Gemeindenverbände mit der preußischen Staatsregierung werden in dem nächstjährigen Etat Staatsmittel für leistungsschwache Gemeinden bereitgestellt. Berücksichtigt werden Gemeinden, die dem Preußischen Landesverband gesetzestreuer Synagogengemeinden (Sitz Halberstadt) oder dem Preußischen Landesverband Jüdischer Gemeinden (Sitz Berlin) angehören. 5ür Sie notleidenden öemeindebeamfen- Werkln, 12. September. Der Deutsch- Jsrael.Gemeindebund teilt mit, daß er neuerdings weitere Mk. 100 000.— an eine Reihe von jüdischen Beamten als Teuerungszulage zur Verteilung gebracht hat. Bei der Auswahl hat der Vorsitzende des Verbandes der Jüdischen Lehrervereine Deutschlands, Herr Mittelschullehrer Stern, mitgewirkt. Oie Religionsnerfolgung in Sachten- Dresden, 11. September. Der in der letzten Nummer des „Israelit" bereits gemeldeten überraschende Erlaß des sächsischen Kultusministers, der die Gewissensfreiheit der religiös gesinnten Schuljugend kurzerhand vernichten will, findet in der Presse Sachsens starken Widerspruch. Man weift darauf hin, daß die Verfügung direkt verfassungswidrig ist. Im Landtag hat der volksparteiliche Abgeordnete Vogt eine Interpellation eingebracht, worin die Regierung zur Aufhebung der Verordnung aufgefordert wird. Wefkemeiitj, Die nof in Men. Wien, 13. September. Der Vorstand des Vereins „FrauenHilfe" der Adaß Jisroe! Schifffchul in Wien, an dessen Spitze Frau Oberrabiner Fürst und Frau Btschofswerder stehen, wendet sich mit einem Aufruf an das Ausland, ihm zur Aufrechterhaltung seiner Liebesiätigkeit zu Hilfe zu kommen. Dieser einzige orthodoxe Frauenverein Wiens hat auf allen Gebieten der sozialen Fürsorge, insbesondere in der Versorgung von Wöchnerinnen und in der Begründung wirtschaftlicher Existenzen, Bedeutendes geleistet, ist aber infolge der Auflösung des Joint'und der katastrophalen Teuerung angesichts der ungeheueren Not, der er gegenübersteht, aus eigener Kraft nicht mehr imstande, seinen Betrieb aufrecht zu erhalten. In der Tat ist es Pflicht aller gesetzestreuen Kreise Mittel- und Westeuropas, dem Verein helfend zur Sette zu stehen, zumal Wien noch immer der Schauplatz eines breiten Flüchtlingsstromes aus dem Osten ist, dem die Wiener Kreise allein selbstverständlich nicht gewachsen sind. Der Aufruf wird von Herrn Rabbiner Dr. Pinchas Kohn in Wien aufs wärmste empfohlen. to. 39 «eite 5 Molen. Die Veröffentlichung des nufonomieffafufs für ORgalijien. Beifügung unter 9er Mischen Bevölkerung. Le«verg, 12. Sept. Die polnischen Blätter veröffentlichen den Text des Kreisautonomiestatuts für Ostgaltzien, das die Existenz einer jüdischen Bevölkerung im Lande gar nicht erwähnt. Der veröffentlichte Text weckt starke Befürchtungen innerhalb der jüdischen Bevölkerung, die nach dem Willen der polnischen Regierung zwischen Hammer und Ambos geraten. Das Statut sieht in der Tat blos eine ukrainische und eine polnische Kurie vor, während es den anderen Einwohnern des Landes (in Ostgalizien leben neben den 700000 Juden auch noch eine kleine Anzahl Deutscher) freistcht, das Wahlrecht zum polnischen Sejm entweder in der ukrainischen oder in der Polnischen Kurie auszuüben. Ein auf diese Weise gewählter jüdischer Abgeordneter muß in der polnischen, oder in der ukrainischen Sejmfraktton seinen Platz nehmen. Die Ausübung des Wahlrechtes wird allen Einwohnern zur Pflicht gemacht. Die Polen würden ohnehin eine Wahlenthaltung auf jüdischer Seite als Parteinahme für die Ukrainer betrachten, wahrend die Ukrainer den Juden für den Fall ihrer Teilnahme an den Wahlen sogar mit Pogromen drohen, da sämtliche ukrainische Parteien das Autonomtestatut einmütig ablehnen und absolute Wahlenthaltung beschlossen haben. _____ (J'C-B.) ~r Der Swang?ur Sabbafenfroelhung. KraKa«, 19. September. In einer Reihe von Städten in Galizien werden seit neuerer Zeit die jüdischen Mädchen in den Primarschulen gezwungen, am Sabbat zu schreiben und Handarbeiten zu verrichten, was die meisten Eltern dazu veranlaßt, ungeachtet der angedrohten Strafe, ihre Kinder an Sabbat- und Feiertagen überhaupt nicht in die Schule zu schicken. Eine Delegation der „Schlome Emune Israel" wurde beim Ministerium vorstellig, doch steht der Erfolg noch aus. Das Ende des nafionaiißifdien öerleumöungs* feldjuges gegen flsuöas Jisroel- Warschau, 26. Sept. Der vom „Neuen Haint" gegen die polnische Aguda mit ungeheurem Nachdruck geführte Presse- Feldzug, der für jeden Einsichtigen von vornherein nichts weiter war, als eine Ausgeburt des blassen Neides auf das gewaltige Rettungswerk der Aguda an der ukrainischen Hungrigen war, hat nun das verdiente unrühmliche Ende genommen. Die eingesetzte Kontrollkommission, die aus einer großen Reihe parteiloser angesehenen Kaufleute bestand, hat ihre Arbeit abgeschlossen und natürlich alles in bester Ordnung gesunden. Die Aguda-Lettung beabsichtigt, die Verleumder nunmehr zur Verantwortung zu ziehen. (Der J.C. B., das sich ebenfalls zur Verbreitung der tendenziösen Anschuldigungen hergegeben hatte, schreibt zu der Angelegenheit: Bekanntlich wurde in der letzten Zeit in der jüdischen Presse in Polen gegen die Leitung der „Agudas JtSroel" der Verdacht ausgesprochen, sie habe sür die russische Hilfsaktion gesammelte Gelder für andere Zwecke verwendet. Wie nun seitens der jüdischen Gemeinde mitgeteitt wird, har die eingesetzte Kontrollkommission festgestellt, datz dieser Verdacht hinfällig ist da die Rechnungen für die Ausgaben in der Hilfsaktion mit den diesbezüglichen Einnahmen überereinstimmen.) 6in Bifckvk vor dem jüdifdien Bes - Din- Warschau- 21. September. In Lublin steht eine jüdische Frau in einem Prozesse mit der Klosterverwaltung, die, gestützt auf ein altes Anrecht, die Fran mehrmals ausforderte, ihr Häuschen zu räumen, da der Platz für Erweiterung des Klofterbaues nötig sei. Die Frau sträubt sich mit aller Gewalt dagegen, bei der jetzigen Wohnungsnot ihr Heim und Vatererör zu verlassen. Der Bischof, der die kirchliche