Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1922)
- Date
- 1922-09-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Zeutlleton-Veilage zv Ar. 38 des „Israelit". Der SSavfar-General. (Aus deu Kriegserleöm'ssen einer ukrainischen Gemeinde, erzSytt vom Gemeindevorsteher Mansche Aaer)" Vorwort. Malchujaus, Sichraun aus, Schauforaus so geht die Reihenfolge der Rosch-haschonoh-Gebete. So hätte ich eigentlich mit Malchujaus anfangen müssen, aber in diesem Lande und in dieser Zeit, da alles auf den Kopf gestellt ist, muh ich auch diese Reihenfolge umkehren und mit Sichraunaus beginnen, obwohl ich eigentlich gar schon auf Schoforaus aus bin. Uebr'gens frage man bei bestimmten Begebenheiten nicht nach dem Wieso und Warum. I. Sichraunaus. Ich heiße mit meinem richtigen Namen Mansche Baer, „Mausche Baer der Noggid" i sagte man, und ich war der Vater des! Städtchens. Nichts konnte im Städtchen! geschehen, ohne mein Wissen.und Wollen. Der Vorsteher der Synagoge war ich, und wer führte die Chewra Kadischa, den Gemilus Chksted- Berein, die Talmud-Thora, wer baute das Gcmeindebad? Natürlich kein anderer als ich, Mausche Baer. Wer sollte auch sonst daran? Alle anderen waren arme geringe Leute, versunken in Geschäfte, abgeplagt von morgens bis abends. Ich aber war der gemachte Mann, deffen Geschäfte von selbst gingen. Ich allein hatte den Sinn, die Muße, die Zeit und schließlich auch das Geld, etwas zu leisten. Und außerdem galt ich auch ein wenig bei den B e h ö r d e n, von kleinsten Beamten, bis zum Kreischefalle kannten mich und zollten mir den nötigen Respekt. Sollte etwas für die Kehilla ausgerichtet werden, so lief man zu Mausche Baer. War ein Jude Ins Gefängnis gekommen, so befreite ihn Mausche Baer. Händel mit Steuerbehörden, mit den Zollbeamten, Mausche Baer macht alles im Handumdrehen glatt. Jungvolk protestierte zwar dagegen, daß ein Mensch allein die Macht ausübe. Sie nannten mich in Versammlungen den Zaren Nikolaus. Ich aber ließ sie schreien und lärmen - wußte ich doch, daß keiner von den Schrekern nach der Versammlung für die Arbeit zu haben sei und am Ende ja doch alles Mausche Baer überlasten bleibt. Ich sagte ihnen nur: „Zar Nikolaus ist nicht gut, aber wie ging cs erst ohne Ihn? Heißt es doch schon in Perek u.s.w." -- Da kamen unruhige Zeiten. Der große russische Bär hatte sich von der Kette losgemacht und stürzte sich ausgerechnet auf die jüdischen Köpfe. Jüdische Städtchen wurden Freigut für die Horden. Unser Städtchen wechselte fünf mal im Tag den Herrn und Besitzer, und zwischen Herrschaft und Herrschaft belustigte sich der Pöbel in jüdischen Häusern. Da gab es wieder Arbeit für Mausche Baer. Gerade diese Banden ärgerten sich am meisten. Wenn Soldaten, Behörden, Aemter kommen mir ihren Kontributionen, Steuern und so weiters gut, dafür sind sie ja da, dafür ist Krieg! Aber diese Banden, die keiner geschickt und einfach auf Raub und Plünderung ausgehen, das war doch zu viel! Und ich ruhte nicht eher, als bis ich alle Jünglinge des Städtchens um mich sammelte, sie zu einem Selbstschutz vereinigte und sie zweckmäßig ausrüsttte- und sie alle schworen hoch und heilig, von nun an die Banden im Siärrtchen um keinen Preis mehr gewähren zu lasten. Unser Selbstschutz war bald als gut organisiert und ausgerüstet bekannt. Und siehe da, es!üß sich wirklich eine zeitlang keine Bande mehr blicken. Es hatte sich herumgeredet, daß die Juden schießen und ich, Mansch; Baer, gar kein schlechter General sei und da zogen sie Us vor, dem Städtchen in weitem Bogen aus'dem Wege zu gehen. II. Malchujaus. Da kam ein Tag, es war der erste Roschhaschovoh, . an dem' wir im Laufe von zwölf Stunden, von Morgen bis Abend, nicht weniger als dreimal von der Hand des Einen in die des Anderen übergingen. Schon in aller Frühe sah man Soldaten in der Straße herumschlendern, von denen keiner wußte, woher sie kamen und wohin sie gehörten. Die einen behaupteten, es seien Bolschewiki, die aus Odrsta nach Kiew gingen, um von dort rascher nach Moskau zu entweichen. Andere wollten wissen,, daß es die Denikin-Armee sei, die dem bolschewistischen Heere den Weg abzuschnetden suche. Wiederum Andere wußten ganz genau, daß cs die Petljur a-Heere seien, die Denikin mitsamt den Bolschewisten verjagen wollten. Und mittlerweile auch ein bischen Spiel mit den Juden zu treiben gedachten. Große Aufregung bemächtigte sich der armen Juden. Wohin^aber läuft man in der Not? Natürlich zu Mausche Baer. Und Mausche Baer, der Vater des Städtchens, stand finster da und redete nichts. Was war da zu reden, man wußte ja nicht einmal, mit wem man es zu tun hatte? Ich stellte den Selbstschutz für alle Fälle in Bereitschaft und nun kommandierte ich zum Beten, als wäre nichts geschehen. Es war doch schließlich Roschhaschonoh. Plötzlich nach kaum zwei Stunden, wir waren mitten im Schacharis, da kommt auf flinkem Pferd Jemand ans Tor geritten. Es war Jwanof, ein früherer kleiner Beamte des Zaren, jetzt überzeugter Bolschewist. In seiner Begleitung waren noch zwei Soldaten mit roten Bändchen und Sowjet - Stern. » Sie traten an die Türe und riefen laut hinein: „Mausche Baer! Wo ist Mausche Baer?" Wie ich herauskam, grüßte Jwanof höflich und sagte, ich möchte nur ja keine Angst haben, sie müßten mich zum Scheine nur arretieren, bis das Städtchen die hunderttausend Rubel Kontribution an die Bolschewisten gezahlt habe. Die. Bolschewisten, sagte er, hätten jetzt die Ukraine verlassen und brauchten Geld, viel Geld, und das Ganze sei nur ein Darlehen, denn schon bald kämen die Bolschewisten wieder, um die Ukraine zu besetzen, dann wollen sie alles mit Zinseszinsen wieder bezahlen. Vorläufig Geld her, und zwar tu zwei Stunden, und inzwischen ist Mausche Baer als Geisel verhaftet. Im Städtchen gabs große Bestürzung. Meine Frau lief weinend durch die Gassen und fragte, warum denn gerade ihr Mausche Baer ein Opfer sein sollte für das ganze Städtchen? Man fing an, aus allen Taschen, Schränken und Truhen das Letzte auszugraben, und das ging nicht ganz friedlich ab. Man zankte sich) man feilschte, der eine wies auf den andern, der viel reicher und leistungsfähiger sei. Andere behaupteten sogar, sie hörten auf die Bolschewisten überhaupt nicht und fürchteten sie wie den vorjährigen Schnee. Es seien jaHMn unter ihnen und jüdischen Mördern gäbe man eine Prise Tabak, aber kein Geld. . . Das half alles nichts. Das Geld mußte aufgebracht werden. Und die Bolschewiken nahmen es, quittierten höflichst, nahmen sich noch einige. Reisezehrmig aus den Geschäften mit, überließen dafür einige Flinten mitsamt Patronen für den Selbstschutz und verabschiedeten sich in freundschaftlichster Weise mit einem verbindlichen „Auf Wiedersehen!". . Nach d'eser etwas bewegten Pause könnt Mustaf-Gebet fortgesetzt werden. Es waren wieder ein paar Stunden vergangen, der Chasan sang gerade das „Haben jakkir", da plötzlich, Jwanof ist wieder da, mit drei Soldaten. Dieses mal hatten sie weiße Bändchen an und weiße Knöpfchen an den Mützen und wieder schrie es einmal übers anderem al: „Mausche Bcnr! Mausche Baer! . . Jwanof grüßte und sagte, ich möchte euch jetzt nicht erschrecken. Es sei nur eine Sch ein Verhaftung, bis die zweihunderttausend Rubel bezahlt seien, die die eben etngezogene Dentkin- Armee dem Städtchin als Kontribution auferlegt hätte. Denikin, sagte er, habe die Ukraine erobert und brauche jetzt Gclo, viel Ge'd. Er, Jwanof, habe in den letzten drei Stunden etngesehen, daß der richtige Herr und Gebieter der Ukraine nur Denikin sei und habe sich ihm angeschlosten. Er verlange nun»in seinem Namen Ablieferung aller Gew'.hre und Auflösung des Selbstschutzes, die Juden hätten jetzt schon Schutz genug. Aber Hauptsache ist, das Geld. In einer Stunde. Und mich Mansche Baer nahmen sie vorläufig mit sich. Wiederum Aufregung, Geschrei und Getue. Wiederum Feilschen und Handeln, man suchte sogar aus der Stadt zu entrinnen. Da ließ der Selbstschutz bekauntmachen, daß er selbst jedes Entweichen mit Gewalt verhindern werde. Es dürfte nicht sein, daß jeder nur für sich sorge und Mausche Baer, den Vater des Städtchens, im Stich laste. Mo das Geld mußte, und zwar in Zarenrubeln, in einer Stunde Zusammenkommen. Da half kein Beten und Bitten. Die Dentkin-Armee zog feierlich in die Stadt ein, wurde sogar noch mit Brot und Salz königlich empfangen und es wurden ihr auch einige Gewehre avgeliefert. Und damit etwas geschieht, wurden von ihr mitten auf dem Marktplatz drei Juden, die das Unglück hatten, bolschewistisch auszuskhen, aufgehängt. Sie belustigten sich auch noch an ein paar jüdischen Frauen und Mädchen und räumten mehrere jüdische Läden, aus. Ich selbst, Mausche Baer, und noch einige meiner Freunde erhielten nur ein paar Knutenhtebe. Natürlich alles nur so zum Spaß. Ernstlich, behaupteten sie,.wollten sie keinem Menschen Böses zufügen, sie seien doch keine Bolschewisten . . . Dann zogen sie ab. Das Städtchen atmete auf, aber nicht gerade erleichtert. Taschlich machte schon jeder zu Hause an Strömen von Tränen, die er selbst vergoß. Aber zu Mincho war die Schul wieder vollgepackt. Es war doch schließlich Roschhaschonoh! . . . Das Weinen und Jammern bei'„Ominu Malkenu" war herzzerreißend, und gerade ich, Mausche Baer, stand an meiner Stelle und konnte nicht weinen. Mein Herz war übervoll, aber die Äugen ganz trocken und leer. Es war mir so wie einer Henne, die ihre Hühnchen mit ihren Flügeln zu bergen halte. Es war keine Kleinigkeit, in dieser Zeit Vater des Städtchens zu sein — -- Da klopft es schon wieder an die Türe, mitten im Mincho-Ge'et. Wieder Jwanof, hoch zu Roß mit zwei Soldaten. Diesesmal mit gelben Bändchen und Knöpfchen. Unb wieder: „Mausche Baer! Mausche Baer!" Jwanof grüßte und sagte, als hätte er cs schon auswendig gelernt, ich möchte ja keine Angst haben, es sei nur zum Schein. Aber arretiert müßte ich werden, weil Petljura eben nnt r l