Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1922)
- Date
- 1922-09-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 8 No. 38 Der J-raeltt. seinen Truppen eingszogen fei und vom Städtchen dreihundertt ausend Rubel verlange. Er, Jwanof, heiße jetzt schon Jwanschenko und halte als glühender ukrainischer Patriot zu Petljura. Er wünschte aber das Geld und dazu noch die Auslieferung der übrigen Gewehre, die sich noch in jüdischen Händen befinden. Er wüßte es schon . . . Das Geld müsse in einer halben Stunde herbeigeschafft, -sein und zwar in Zarenrubeln. Inzwischen bleibt natürlich Mausche Baer als Geisel in seiner Gewalt. Ich hatte die letzten Owinu Malkenus noch nicht fertig gesagt . . . Jetzt erst kam d<e -richtige Bestürzung. Man flüchtete und versteckte sich, wo man konnte. Man sah, daß das Städtchen rettungslos dem Untergänge geweiht war. Man wußte gar nicht, wo man mit der Sammlung der Kontribution anfangen sollte. Minute aus Minute verflog. Bereits eine halbe Stunde. Da.mußte schon mein Selbstschutz energisch zupicken. Mit Waffengewalt mußte das Geld zusammengebracht werden, um mich, den Vater des Städtchens, für weitere Aufgaben zu retten. Männer mußten thre goldenen Uhren, Frauen ihre Ringe hergeben, und auch die letzten Waffen wurden herbeigebracht., Jetzt zogen Petljuras Soldaten sehr frohgemut in die Stadt ein, von den Juden mit Brot j und Salz empfangen. Das Brot verteilten sie an ihre Hunde und das Salz schütteten sie j einigen Juden in die Augen. Sie steckten das, ein und befahlen den Juden, daß sie sich j Jwanof mit seiner hundertköpfigen Bande hält das Städtchen umzingelt. Geld hat kein Mensch mehr im Hause, noch weniger Wäsche oder Stiefel. Und von Gewehren ist bitz, auf einige verrostete Stücke, die die Dinikiner und Petijuräer weggeworfen, wirklich nichts mehr da. Was sollte jetzt werden? Da lief mir doch die Galle über. Es kochte in mir förmlich vor Aerger. Gmeräle, Truppen? Gut! Aber dieser Lump mit seiner Lumpenbande? Der kam mir recht! Und wenn. . . „Auf, Kinder!", sagte ich, „seid Männer!" Keiner antwortete ein Wort. „Zu geben haben wir ohnedies nichts mehrzu verlieren auch nichts," sagte ich. Keiner erwiderte was. „Aber die Banditen glauben", sagte ich weiter- „wir hätten noch Gewehre, viel Gewehre. Und feige ist der Hund, daß er seinen eigenen Schatten fürchtet. Damit wäre doch vielleicht was zu machen." Da erwachte der Selbstschutz und hörte ausi merksam zu. „Höret Kinder," sagte ich, „es ist die letzte Minute, es muß gleich geschehen, sonst sind wir alle unrettbar verloren." Da stellte sich die ganze Gemeinde wie zu einem Schwure auf. „Alle", kommandierte ich, „in Reih und Glied vor der Shaagnge!" Es geschah, wie ich befahl. .; w ..... „Wer noch von dem Selbstschutz eine Flinte gegenseitig ins Gesicht schlagen, wobei sich die ] hat, wenn auch verrostet, nehme sie auf die Soldaten vor Lachen wälzten. Sie nahmen die | Schulter!", lautete mein weiterer Befehl. /M ‘ * .w i r.i nt ,*. Es zeigte sich noch ein Dutzend alter zer- Gewehre entgegen und probierten sie gleich ausindem sie dir fünf Überbringer über den Hausen schaffen ... Dann stürzten sie sich in die jüdischen Häuser auf ein paar jüdische Frauen und Mädchen, nahmen sich das Beste mit und zündeten den Rest an. „Sollten die Juden wissen", sagten sie, „daß man keine Kontribution an Bolschewisten und Deniktn zahlt!" Bet ihrem Abzüge mußten wir alle aus Leibeskräften brüllen: „Hurra Petljura! . . Das Städtchen sah jetzt aus wie nach einem großen Erdbeben, von dem jeder mehr oder weniger betroffen wurde. III. Schauforaus. Nachdem wir alle die „Mächte" am ersten Tag so abgesertigt harten, konnten wir am zweiten Tag uns mit „Ruhe" dem Rosch-haschonoh-Gebet hingeben. Es war aber kein Beten mehr, es-j war der Aufschrei geschlagener, mißhandelter Kinder zu ihrem Vater, die schluchzende Frage, warum Er zu all' dem schweige?- Da plötzlich, gerade beim Schauforblasen, . schon wieder Jwanof mit seinen Soldaten. Diesmal ohne Knöpfchen und Bändchen, einfach Bauer unter Bauern: „Mausche Baer!" Jwanof grüßte und leierte wieder sein Sprüchlein herunter. Aber jetzt wollte er mich nicht mehr verhaften, denn er sei jetzt Herr der Stadt, Hettmann Jwanof. Nachdem, so sagte er, alle Generäle und alle Truppen von dannen gezogen seien, habe das Volk eingesehen, daß die beste Macht das Volk fei, und das Volk sei er, Hettmann Jwanof. Natürlich bedürfe er zur zur Begründung seines jungen Reiches und brochener Gewehre mit fehlenden Teilen, die diejenigen nahmen, die sich vorn postierten. Hinter ihnen schritten in Reih und Glied alle Männer der Gemeinde, zum Teil mit großen Stöcken ausgerüstet, und alle» voran ich, Mausche Baer, mit dem Schaufor in der Hand. Von der anderen Seite des Städtchens hörte man schon die Schritte und Stimmen Jwanofs und seiner Leute. Der von ihnen gestellte Termin war abgelaufen und sie machten sich lustig an die Arbeit. „Munter Kinder!", ermutigte Ich, „nur nicht schlafen. Wer am Rosch-haschonoh schläft, verschläft sein Glück . . . Heute erst recht! . . ." Ünd da setzte ich den Schaufor mit beiden Händen an den Mund, und mit aller Gewalt und ckrer. ganzen Kunst, die ich als Bal Tokea befaß, fing ich an zu schmettern. , Tru, Tru, Tru!..." schmetterte mein Schaufor durch die Lust. Und siehe, Schritte und Stimmen von drüben verstummten für eine Weile. Sie standen wohl und horchten . .? „Hurra!", schrie ich auf mit einer Stimme, die ich mir selber ntchtzugetraut hätte und marschterte, hinter mir den Selbstschutz, gegen Jwanof mit dem Schaufor in dem Mund. „Tru, Tru, Tru! . . ' „Hurra! . . .", ertönte es aus hundert jüdischen Kehlen hinter m.ir. Da erhob sich oben wie ein leiser Sturm und es wurde wieder still. Wir setzten den Marsch fort, fanden aber von Jwanof und seinen Banditen keine Spur mehr-- seineL Heeres, das aus hundert Äauernjünglingen I -..Lud sehen Sie, da ist das Schausor, das das besteht, viel Geld, also vierhunderitausend Rudel, Städtchen znm heiligen Andenken mir geschenkt in einer Viertelstunde. Dazu hundert Paar I a'*r/ *ÜIcm Vater Mausche Baer, als ich ~. “■ ' mich von ihr verabschiedete. Ich nehme das Schaufor, mit dem ich einmal Satan sichtbar» lich verjagt habe, als heiliges Andenken mit mir nach Palästina.- Unterwäsche und Stiefel und endlich müßten wir j den letzten Rest von Gewehren ihm abliefern. Denn er kenne die jüdischen Schwindler, wenn sie alles abgegeben, so hätten sie immer noch gerade genug ... Er würde nachher selbst alle Häuser absuchen, und wehe, wenn er noch irgendwo ein Gewehr findet. Das ganze Städtchen würde dann von seinen Hundert aus schnellstem Wege ins Jenseits befördert werden. Er, Zar Jwanof, habe es befohlen und wir hätten zu gehorchen. Nun wußte man wirklich nicht mehr, ob man noch weinen oder lachen sollte. Kinderecke. Line Me als Geschenk. Bon Heinrich EirrMdter.;r Herbstlich Wetter hatte der September miS* gebracht. Am Morgen und am Mend zog schon WMindltche Kühle über die Erde/ und die _‘_ 21, September 1933 Blumen vor den Fenstern schlossen täglich etwas früher ihre bunten Kelche. Das schuf die geeignete Stimmung für den Rosch haschvno. Welken und Vergehen zeigte sich jedem Auge, an die Vergänglichkeit aller irdischen Wesen mahnend und Wehmut gießiend in die Herzen der Menschen. Ms Herr Bertram Leiner am Vorabend des Feiertages mit seinem Solche zur Synagoge ging, drängten sich ihm unwillkürlich ähnliche Gedanken auf. Sein Weg führte durch den prächtigen Hofpark, unter dessen Linden noch vor wenigen Wochen nm diese Tageszeit Hunderte von Menschen lustwandelten, bei anregendem Geplauder sich des wohltuenden Schattens erfreuend. Hegte waren die Alleen leer; denn die Sonne war üntergegangen und abendliches Düster herrschte bereits unter dem dichten Laubwerk. Der Teichauf dem sich damals Schwäne geschaukelt hätten im blitzenden Sonnenlicht, lag still und unbewegt. Rur das Schilf am Ufer schwankt leicht im Wendwind. „Fragend schüttelt das Rohr sein Haupt", begann da der Vater ganz unvermittelt. „Was wird die Zukunft bringen? Wer doch uns Antwort sagen könnte!" „Ich meine," erwiderte der Sohn bescheiden, „man sollte sich mit solchen Fragen nicht abmühen, heißt es doch in der Heiligen Schrift: Das Verborgene ist des Ewigen, unsres Gottes; das Offenbare aber ist für uns und unsre Kinder." „Das ist sehr schön," meinte der Vater. „Was aber ist denn das Offenbare, mein lieber Kurt?" „Es steht unmittelbar nachher: Zu handeln nach den Worten dieser Lehre." Ein paar Minuten vergingen im ernsten Schweigen, bis endlich der Vater leiser und ernster begann: „Du hast recht, lieber Sohn, vollkommen recht. Unsre Llhnen, die nicht gleich uns fücfy ansreiben mußten im Kampfe um irdische Güter, waren bei aller Einfachheit ihrer Lebensführung glücklicher als wir. Sie kannten die Thora und konnten in ihren Wegen wandeln. Wir aber kennen sie kaum mehr. Du hörst in der Schule manches Schöne davon, und es freut mich sehr, daß du es gut merkst und es wohl erwägst. Doch ist noch dein Wissen nicht zu vergleichen mit dem unsrer Voreltern, die tief eindrangen in den Geist der Thora und in ihr Halt und Trost und Weisung fanden.". Da faßte Kurt die Hand seines Vaters, und 'ein Blick richtete sich empor zu dem gütigen Angesicht des ernsten Mannes. „Vater!" sprach er, „du gibst mir Gelegenheit, eine Bitte auszusprechen, die ich! eigentlich heute Abend an dich richten wollte. In den letzten Wochenabschnitten steht gar manches Wort, das mich tief berührt hat. Von der Lehre heißt es so schön: Das Gesetz, das' uns geboten ist, ist nicht so hoch daß man in den Himmel teigen muß, um es zu erkennen, ist nicht so ern, daß man übers Meer fahren brauchte, nur es zu heben, sondern so näh ist es, daß . nur Mund und Herz dazu gehört, es zu vollbringen/ nämlich Lernen und Wollen. Und ich möchte so gern lernen, lieber Vater! Willst dn es mir erlauben?" Da leuchtete des Vaters Auge/ undfest preßte er die Hand seines Sohnes, als' er antwortete: „Gern, mein Sohn, und mit meinem herzlichsten, innigsten Segen." Und unbeirrt um die Umgebung legte er segnend die Hände auf das Haupt seines Kindesdas Ihm Mit seiner Bitte das schönste Geschenk geboten hatte. GES