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Der Israelit · 1922-09-21 · Heft 38 (21.9.1922) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 38 (21.9.1922)
Date
1922-09-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Wir haben wahrlich noch allen Grund, an den heiligen Tagen für die Erleuchtung der Menschheit zu beten. Sie für unsere Zeit nötigste Testhu-a. *) Von Dr. B Cohen in Heilbronn. Die alljährliche Bußezeit trifft mit der Wende des Jahres, dem Ende der Ernte des heiligen Landes zusammen. Vielleicht dürfen wir aus diesem Umstande eine Lehre für die Allgemeinheit ziehen, nämlich die, daß kein Zeitalter von uns scheiden soll, bevor es uns gesegnet hat nicht nur auf Erden, sondern auch im Geiste und im Gewissen. Jedes Jahrhundert, ja jedes Menschenalter hat i-gendwelche ihm eigentümlichen, kennzeichnenden Tugenden und Fehler¬ und bevor es gänzlich von uns geht, bevor noch die Anzeichen des heraufdämmernden kommenden Zelten-Angesichts herangenaht sind, muß Jacobs Volk den Fluch des scheidenden Zeitalters in Segen gewandelt haben. — Viele Große in Israel sind der Meinung, eine jedwede Generation sei schlechter als die voraufgegangene. Aber selbst wenn man diese hoffnungslos sch einende Meinung beiseite laßt, so muß man wohl gerade von der heutigen Zeit mehr als von jeder früheren sagen: „Die alten Aweros sind besser als die neuen Mizwos"- unser Bestes, Edelstes erbleicht vor der Väter-Sünde. Was war denn eigentlich die Sünde des vorigen Jahrhunderts? Um sie kurz zu nennen: Gewaltherrschaft der trockenen Vernunft, Rationalismus, Unglaube, unhiftorische Mißdeutung der Thora, kalte Pietätlosigkeit im Leben, und zur Beschönigung alldeffen' wiederum endlose Vernünftelet, Besserwisserei, humane, assimilatorische Phrase- Reform. Aber mit diesen Leuten ließ sich streiten. Sie waren zwar, wie alle Besserwisser, in Praxi unduldsam und aufdringlich - aber sie hatten noch nicht die alt und echt jüdische Freude am gelehrten Streite verloren, und so konnte ihren umfassenden, aber tendenziösen Religionsbüchern systematisch entgegengearbeitet werden. Sie begingen zwar aus Tendenz oder einseitig gerichteter Aufmerksamkeit Wiffeusfehler und Inkonsequenzenaber man wußte doch, wohinaus das alles zielte. Ich will den Begründern und *) Wir stimmen mit der Anschauung des Herrn Verfassers hinsichtlich der Beurteilung der Erez Israel- Begeisterung unserer Tage nicht überein, glauben aber nichtsdestoweniger, seinem Standpunkt Raum gewähren zu sollen. Führern der Reform hier gewiß keinen Hesped widmenaber eins muß ihnen selbst der überzeugte Thoratreue zugestehen: Sie bauten sachlich und gedanklich. Sie gingen zwar Irrwege und Abwege des Geistes, aber sie gingen auf dem Erdboden, und man konnte sie stellen. Das Gleiche gilt ohne Einschränkung von den Gründern und Führern des früheren Zeitalters des Zionismus. Auch dort wurde nicht vom Gottesworte ausgegangen, ja zunächst gar nicht eigentlich eine spezifisch jüdische Nationalitätsfrage erörtert. Immerhin, man hatte da reife Menschen vor sich, die sich Gedanken gemacht, logische Ueberlegungen angestellt, praktische Pläne erwogen hatten über Israels Not. Ihr Feuereifer hatte sie zwar nicht dem Gottesworte nahegebracht, aber auch nicht aus dem Geleise kontrollierbar vernünftigen Denkens und Tuns gerissen. Diese schweren Zeiten sind dahin, und schwerere sind über uns gekommen. Die Gewaltherrschaft des Schwertes ist der des Streiks, die der Vernunft, der des Vernunftstreiks, des Irrationalismus gewichender geistige Arbeiter hungert nicht nur leiblich, sondern auch die alte Ehre genießt er nicht mehrdenn der Mystiker hat ihn verdrängt. Es mußte ja kommenwir hätten es einfeheu müssen, bevor es zu spät war. Es mußte ja auf die Dauer unmöglich sein, die Thora aus Gründen der Vernunft abzulehnen. Denn da Gott doch die Wahrheit ist, so mußte doch das Wahrheitsstreben der Wissenschaft, je vollkommener es sich entfaltete, um so näher der Anerkennung des Gotteswortes kommen. Und das haben wir ja auch in den letzten Jahrzehnten erlebt, nämlich die Unterhöhlung der Darwinistischen Theorie und der Weühausenschen Geschichtskonstruktionen. Beide Theorieen wollten beweisen, daß der Mensch nur ein höher entwickeltes Tier und Israel ein Volk wie jedes Andere sei, wollten also Offenbarung aus Seelen- und Völkerleben streichen, und sind nun nach den Worten eines Christen doch als Beispiele dafür entlarvt, daß man ein Jahrhandert nasführen kann. Kein Wunder also, daß diejenigen Menschen, denen die Ethik des Gottesgesetzes zu schwer ist, sich eine neue Verschanzung ihrer Gewissenhaftigkeit suchen mußten, da die Wissenschaft nicht mehr leugnen kann, daß Gott an Israel sein Gesetz erteilt hat. Und diese neue Schanze bietet ihnen die Mystik, die Vernunft-Feindschaft, die Abneigung gegen das Denken. Sowohl die sozialistischen als auch die national gesinnten Denker hatten ihre Gottesleugnung bisher immer auf die naturwissenschaftlichen Gründe des Atheismus gegründet) jetzt bauen die sozialistischen Denker nicht mehr auf Darwin, sondern auf Gricchenschivärmercl, und die Nationalen nicht mehr auf Kulturgeschichte, sondern auf Raffen-Rausch. - Nun hat sich auch in der jüdischen Welt das veränderte Bild der Völkerwelt gespiegelt. - Die eigentliche Kefiro kommt gegenwärtig nicht mehr aus den Kreisen wissenschaftlich tätiger Juden, sondern aus den Kreisen, in welchen sich Ideen des braven Denkers Herzl und der wildesten Schwärmer des Sozialismus zu einem nebelhaften Wirrwar verschmelzen. - Ihre Feindschaft gilt nicht so sehr den Bräuchen Israels, als welche sie Gottes Gesetze auffaffen, als dem Erlernen und systematischen Erfassen der Thora. Sie sind geradezu erbittert über den klaren Blick, mit welchem bet uns in Westeuropa die Getreuen S. R. Hirschs und I. Hildesheimers Thora und Wissenschaft als vereinbar erkannt haben. Sie halten sich für geistesverwandt mit den Chassidim und ihren Großen, mit denen sie aber in Wirklichkeit nichts als die Unzugänglichkeit ihres Geistes gemein haben. Und nicht auf Irrwegen sind sie, auf denen man sie stellen und von denen man sie zu rechten Pfaden zurückleiten könnte, sondern auf Jrr-Flügen im Nebel des Un-Gedankens. Die Kunst ist ihr Lebensinhalt und ihr Ideal, die darstellende Kunst nämlich, die alles Reden zum Schweigen bringt, die dem Menschen nichts abnötigt als ein dem Götzendienst nicht fern verwandtes, augenverdrehendes Sich-Hingeben. Und an was hat man sich htngegeben? An wirklich unüberwindliche, gottgewollte Hemmnisse der ethischen Entfaltung? Sich in den Spott ergeben, den man für Gesetzesbefolgung erntet? Sich in die Not ergeben, in die uns das Galuth stürzt? Sich klar geworden, daß Gottes Gesetz uns zum Volke des stündlichen Willensbewußtseins machen will? '— Nein, der Auflösung des Willens hat sich unsere kunstbegeisterte, grfühlsüberschwänglich tuende Zeit ergeben. Und von dieser Verirrung gilt es zurückzukehren. Uns Allen gilt dieser Ruf der Teschuba. Denn auch wir Mchtziomsten und Nichtsozialtsten, auch wir sind auf Wege des „Gefühls" mitfortgerissen. Wir müssen aus den.Ereignissen der jüngsten Gegenwart Schofarklänge vernehmen: „Zurück zum Verstände." Es darf nicht mehr Vorkommen, daß Palästina aus Gefühls gründen mehr Bruderliebe zugewendet wird als den Ländern des Goluth. Es darf nie mehr vergessen werden, daß Palästina und die Diaspora sich in nicht Wesentlichem für die Gegenwart unterscheiden. Uns darf zionistische Hallelstimmung nicht aus der Galuth-Demuth stören. Wir dürfen Nicht Vergessen, daß Gott von Israel nichts erwartet als diesem Tage kein N"1 ist und daher die rrp meer-i gesagt wird. B. Smyrna anMefne Inden. Zur türkischen Zeit galt Smyrna, die jetzt verwüstete Stadt, als die fünftgrößte jüdische Gemeinde von den acht großen Gemeinden des ottomanischen Reiches. Sie zählte 25.000 Seelen. Nach Uebergang der Stadt in griechischen Besitz wird die Gemeinde durch Zuzug aus Europa und Flüchtlinge eher zuals abgenommen haben. Die Juden wohnen, sofern sie ausländischer Herkunft sind, zerstreut im europäischen Viertel und nehmen, zum Teil als Großkaufleute, geachtete Stellung ein. Unter den Einheimischen, die in eigenem Viertel neben dem türkischen Zusammenleben, sind viele Arbeiter und Handwerker, sodaß manche Straßen das Bild von Saloniki in kleinerem Rahmen bieten. Ueber den Umfang, in dem die jüdische Bevölkerung Suiyrnas von der gewaltigen Katastrophe in Mitleidenschaft gezogen wurde, fehlen noch Nachrichten. Doch ist das Schlimmste zu befürchten. Frankfurter Taschlich vor 300 Jahren. Im bekannten Dtnim- und Minhogim-Buche pvu *pv des Frankfurter Rabbi Joffes Jospe Hahn (durch dessen Schwiegersohn, Rabbi Moscheh Darum 5182 in Frankfurt a. M. herausgegeben), finden wir unter tz 975, der das Tafchltchgebet betrifft, folgende tntereffante Angabe: n-So war es auch hier (in Frankfurt- Brauch (Taschlichmachen am Main) bis vor einigen Jahren, da an den Mainpforten Kriegsfoldaten als Wächter postiert wurden, wodurch der Brauch fast in Vergessenheit geraten ist. (Der Verfasser spricht sich nicht aus, was die Soldaten taten und wie sie das Taschlichmachen verhinderten, wie er es überhaupt stets peinlich vermeidet, etwas Böses seinen nichtjüdischen Mitbürgern nachzusagen. Er nennt sie auch nie B'i33 oder v'v, sondern selbst da, wo er über Verfolgungen berichtet, nur viw ’twx). Die Meisten begnügten sich, nur zum Wall zu gehen, wo ein Graben fließt (Wallgraben?), was aber erstens dem im Midrasch angeführten Sinne (Satan stellte sich Vater Abraham, da er mit dem Sohne zur Akade ging, als reißender Strom in den Weg) nicht entspricht und zweitens dazu führt, daß an unreiner Stätte (Jiiemi öipß) Gebete verrichtet werden. Darum setzte ich cs bei den Vorständen der Gemeinde durch, daß die Wächter mit Trtnkgaben lf" ’plia) freundlicher gestimmt wurden, auf daß sie das Taschlichmachen am Maine fernerhin nicht mehr verhinderten." Bei -er Gelegenheit sei erwähnt, daß poi« sjev sich wiederholt darüber beklagt, daß infolge der in die Telchuwahtage fallenden Messe (Ti'n '»') und des damit verbundenen geschäftlichen Hastens, Viele vom Ernste der heiligen Tage abpelenkt würden. Selbst am 2''21* an» komme es vor, daß Viele erst in letzter Minute von der Meffe nach Hause rennen. Es wird diesen am Gelde Hangenden tüchtig inS Gewiffen geredet . .. Die Notizen sind um 1620, also vor rund 300 Jahren geschrieben. Nicht lange vorher (vielleicht im Jahre des trrs 1614), hatte Rabbi Jeschajah Hurwitz (der „Scheloh"), Frankfurt nach achtjähriger Wirksamkeit verloff-n. Er ging als Oberrabbiner nach Pra g, ohne jedoch, wie aus späteren Protokollen hervorgeht, seine Beziehungen zu Frankfurt gänzlich zu lösen. (Ist das ein Witz?) Unter dem Titel: „Weibliche Rabbinen" berichten amerikanische Blätter: „Gelegentlich einer kürzlich! stattgehabten Tagung der Rabbinen der Bereinigten Staaten stellte die Tochter eines jüdischen Professors in Cincinnati, die sich als erste Frau dem Rabbinatsstudium gewidmet hat, die Frage, ob sie nach dessen Vollendung ans eine Ordination als Rabbi rechnen könne. Nach einer zweitägigen Debatte wurde von dem fortschrittlichen Flügel der Versammlung in einer Spezialresolution festgelegt, daß Frauen in Zukunft zum Rabbinat zuzulassen seien." (Bereits gemeldet. Red.) Sabb-t-Hnkaug and Msgsag. iron wn rosr. Ortr Anfang Datum .AuSgang Uhr Min. LK82 Ubr Min. Frankfurt a. M. 5 55 22. 29. 7 10 Berlin .... 5 15 Sept. Elul 6' 44 München . . . 6 - 7 — Eöln. . . . . — - - - Stuttgart. . 6 15 7 16 Breslau . . — - - - Nürnberg. . — - - — Hamburg. . - - - -

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