Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1922)
- Date
- 1922-09-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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14. September 1999. Der ALraeltt. No. 37 Seite 9 Litauen. II. (Eindrücke und Beobachtungen auf einer Ferienreise). Das Städtchen. Nach ein paar Minuten Dampferfahrt sind wir jenseits der litauischen Grenze. Eine Anzahl litauischer Beamten, auch Soldaten mit überhängendem Gewehre tauchen wie aus den Fluten auf. Und nun ist der Dampfer nur noch ein fahrendes Paßamt. Die Paßkontrolle geht mit einer Umständlichkeit und Ungeschicklichkeit vor sich, die geigt, wie sehr es dem jungen Staate noch an einem geschulten Beamtenstabe fehlt. Nach zwei Stunden halten wir vor der Wankeligen hölzernen Landungsbrücke. Noch einmal, und endlich zum letzten Male, Paß- und Zollrevision und wir sind imlitauischenStädtchen. Ein paar graue Häuslein, planlos, hie und dort eins, hingeworfen —das ist das litauische Städtchen. Die Häuslein sind, bei näherem Zusehen, Hütten und Baracken, deren Balken sich grünbemoost auf die Knie zu legen scheinen und die Dächer, aus morschen Schindeln oder verfaultem Stroh, mit sich hinabziehen und handgreiflich nahe bringen. Wenn man sich ein wenig bückt, kann man durch die Fensterchen, deren eingeschlagenes Glas zum Teil nnt Tüchern oder Pappdeckel ersetzt ist, das ganze Innenleben der Familie verfolgen. So sieht das Städtchen im Labyrinth seiner Hintergassen aus. In der Langen Gasse — der City des Städtchens — ragen aber schon seit jüngerer Zeit mitten aus den grauen Hütten schöne, moderne zweistöckige Steinbauten mit blumengeschmückter Veranda und größere Geschäftshäuser. Hier, wo sich Laden an Laden reiht, macht man Geschäfte, Sonntags, wenn die Kirchgänger die Straße füllen und Montags, wenn die Bauern zum Wochenluarkt kommen. Aber das eigentliche Leben liegt doch „hinten", wd die „Bod" (Gemeindebad) Freitag früh durch dichten Rauch aus dein hohen Schornstein zum „Schwitzen einlädt und —lehawdil — die „Schul" den neuen Chasan oder Maggrd anzeigt, wo man in den „Jattkes" (Fleischbänken) um das beste Stück feilscht und aus den Chedarim die Stimme Jesajahs und Jirmejähns in die Strafen schallt. ... ,4 Auch ich kann mich bei meinem Einzuge gar nicht losmachen aus dem Gewirre der alten hinfälligen, grauen Hütten. Die Chedorim liegen still, es ist eine Stunde vor Sabbatanfang. Aber aus der „Bod" wallen würdige Gestalten mit roten, frrschgewaschenen, schon vom Sabbatglanze verklärten Gesichtern, und Wenn ich mich bücke, sehe ich durch Fensterscheiben in reingefeate Stuben, auf sauber gedeckte Tische, auf denen-die blankgeputzten kleinen Messing- oder Blechlenchter mit den Talgkerzen stehen, harrend des Lichtes. . . Im alten Hanse. Hier, ganz hinten das Häuschen, um das sich 30 ahre meine Träume woben. Das Dach über die allen gesenkt wie der alte, zu weit gewordene Hut über des hinfälligen Greisen Kopf, steht das Häuschen da, in dessen dunkler Ecke die beste und frömmste der Mütte. einst an der Wiege das Lied gesungen hat von dein, „der ging handeln mit Rosinen und Mandeln- und dann sah, daß „allein die Toire, die ist die beste Schotte. .'f Wie ist es klein, wie ist es armselig und hinfällig geworden dieses heilige Häuschen, das einst des Kindes große Welt war! . . . Oder war es immer schon so und ich merkte es damals nur nicht? . . . Groß und geräumig schien damals dieser kleine Rauni! Wie eng und wie finster war doch dagegen, zuweilen später die große, weite, lichte Welt! . . . Ich konnte dem Drange nicht widerstehen, das Häuschen zu betreten. Eine biedere arme Spenglerfamilie, die mich nicht kennt, Wohnt seit 20 Jahren darin. Aber hier ist noch alles wie vorher. Da in der Kammer an der weißgetünchten Wand stand einmal das Bett, in dem der Jüngling von großen Taten, von Glück und Ruhm träumte . . . Dort hing früher die.Uhr mit den Gewichten, die Freude und Tränen in Jahrzehnten ersten Werdens mit ihrem monotonen Tiktak begleitet hatte, dort auch des Vaters Bücherschrank, der uns Kindern mit seinen schweren Folianten ein Heiligenschrein voller dunkler Geheimnisse war... Hier am offenen Kamin stand sie, fromm und still, in Sorge für die Ihren nimmer rastend, die noch später wie ein schützender Engel durch all meine Traume wandelte . . . Die braven Klempnersleute sehen mich etwas erstaunt und verlegen an und fragen höflich nach meinem Begehr. Nichts wollte ich, höchstens nur ein stilles Gebet hier in der Ecke verrichten. „Braucht mir nicht zu sagen, weiß schon, wo der Osten ist . . Es war ja auch für Minchoh höchste Zeit . . . Und dann — ich sah den mehr als armselig.gedeckten Tisch — dann wollte ich mich noch einer kleinen Baarschaft entledigen. Es war ja bald Sabbat. . . . Da schloß ich die Augen zum Gebet und sah alles wie zuvor. Visionen stiegen aus und traten Zwischen die Gebetworte, ohne sie zu stören. . . Eine.'Stunde vor Sabbatanfang, der gute Vater saß da, gerade vom Bade kommend, mit ganz verklärtem Gesichte vor dem dampfenden Tee, das Chumisch mit dem! Baal haturim in der Hand, ganz erdenentrückt, ganz von seliger Erwartung durchzuckt. . . . Vom Kamin her kam leise die Mutter, strahlend, selig beglückt, in der weißen Haube, richtete noch einmal die Kerzen in den Leuchtern, schlug das alte, große ledergebundene Gebetbuch mit den vielen eingeweinten Tränen aus. Es gab allezeit so viel zu beten und zu weinen vor dem Lichtentzünden . . . „Geh* mein Mnd vor die Türe und höre, wenn in Schul gerufen wird, daß ich dann gleich Licht bensche." Auch das klang schon so weich und so innig wie ein Sabbatgebet — — — Es, lag Wohl an meinen nassen Augen, daß mich die Leute so verwundert und besorgt ansahen. Ob ich hier fremd Wäre und ihr Gast sein wollte, fragten sie. Fremd? Ja und nein, aber ihr Gast konnte ich nicht sein. „Habt Ihr übrigens so viel übrig?" „Gott sei gedankt dafür", antwortete die Frau Umständlich, „der Verdienst ist klein und das Leben ist teuer, ein „Jettes", daß" . . . Sie fand keinen Ausdruck und keinen Maßstab. „Ja", erinnerte ich mich und freute mich, der Situation einen heiteren Ton abzugewinnen, „wie ich noch Kind dieses Hauses war, es sind Wohl gut vierzig Jahre her, gab mir die Mutter zwei Kopeken oder fünf deutsche Pfennige, daß ich beim Krämer drüben zwei frische Eier hole und fügte weitherzig hinzu, den Rest könnte rch als Botenlohn in Bonbons anlegen . . ." Da lachte der kleine Klempner laut auf. „Ja, das waren noch Zeiten. Heute kostet ein Ei so viel wie damals acht fette Hühner Und er lachte wieder Tränen über die Komik der Zeit, die nicht wisse, was sie wolle und überhaupt ganz aus Rand und Band sei. „Und habt Ihr im Ganzen Euer Auskommen?" „Gott sei gedankt dafür", nahm wieder die Frau das Wort, „die ganze Woche gehts wie es eben geht, zu Schabbos hilft Er immer, Kerzen zum Entzünden sind da, Chalob zum Kiddusch (Barches) auch. Und reicht es nicht für Fisch, so reicht es für H e r i n g." „Frauen haben immer zu klagen," unterbrach tadelnd der optimistisch zufriedene Spengler, „was ist dabei, Wenns nur Hering ist? Ist etwa Hering schlecht? Der einzige Fehler bei Hering war bis jetzt, daß es deren so viel gab und sie so billig waren. Wären Heringe rar und teuer gewesen, man wäre über Länder und Meere gewandert, um Hering zu essen. . . . Denn gibt es überhaupt etwas besseres Und schmackhafteres als Hering? Jetzt, da ein Hering soviel Lostet wie früher eine gute Mastgans, weiß man erst den rechten „Taam" von Hering zu schätzen . . ." Die Hymne auf den Hering ging noch weiter. Ich sagte: „Zum Hering gehört aber nach gutem altern litauischem Brauch wie zum Fische ein Keines Schnäpschen. Habt Ihr eins?" Der Spengler kratzte sich etwas verlegen am Hinterkopse, scheinbar im Sinnen nach einem guten „Wörtchen", das den fehlenden Schnaps ersetzen sollte. Ich enthob ihn der Mühe: „Die kleine Baarschaft, die ich bei Euch hinterlegte, kann ich nicht wieder holen, es reicht mir nicht die Zeit. Kauft dafür etwas dom guten „Preußischen", morgen komme ich wieder und trinke mit Euch ein Gläschen, dern Sabbat zu Ehren und auf die guten Geister, die aus allen Ecken dreses Hauses sprechen..." Sie nahmen es an, aber im Innern, ich Iah es ihnen förmlich an, dachten sie doch: „So ganz recht ist es im Oberstübchen dieses „Daatschen" nicht." Erft nach diesem Wiedersehen mit dem alten Häuschen folgte ich der Einladung meines Verwandten und lieben Gastgebers in sein schönes neues Haus mit der blumengeschmückten Veranda auf der Langen Gasie. . . . In der „Schul". In der „Langen Gaß" herrscht nervöse Hast, es werden in Läden und Häusern noch die letzten Zurichtungen für den Sabbat gettoffen. Und nun kommt auch schon vom Markte her der Ruf: „In Schul herein!" Ganz wie damals, nur etwas matter, gedämpfter. Die letzten Kramläden schließen sich, in den Fenstern der kleinen Häuser blitzen Lichter ans . . Das Beshamidrosch, es ist die große Shnagoge, die so genannt wird, ist voll gefüllt. Ich habe Glück: Das von den Deutschen eingerichtete elektrische Licht sunttioniert nicht, und es flackern ganz wie damals hundert Talgkerzen in den Röhrchen, und in deren mattem Schein bewegen sich die Gestalten, die Uebervöcks lose ans den Schultern, die flachen Mützen auf dem Hinterkopfe, als wären es noch die Menschen von damals . . . Das Bild im Ganzen ist unverändert und der Seele so vertraut. . . Es könnten noch die gleichen Kerzen sein, wüßte ich nicht, daß sie längst ausgebrannt sind... Ist es nicht Chajim, der alte Schammes, dev da oben auf dem Almemor seinen „Schah" . . . zirm „Lecho daudi" klopft? Er scheint sogar noch die gleiche Kappe und den gleichen Rock zu tragen, aber dann müßte er schon ein tiefer Hunderter sein . . . Ich glaube fast die näselnde mekkernde Stimme von Makes, dem tauben Chasan, zu hören, aber diese hat schon längst ausgesnngen . . . Ein Anderer hat die Melodie aufgeuommen . . . Es ist sich rm Ganzen alles gleich geblieben, aber ini iEinzelnen , wirkt es erschreckend ftemd und fern. Greise kommen auf mich zUgehumpelt und nennen sich lallend - es ist lachhaft - bei Namen, die ich nur als ttäftige, handfeste Schwarzbärte itt meiner Vorstellung kenne. Grauhaarige duzen mich und behaupten — es ist so komisch — sie seien die Knaben, die mit mir auf der Chederbank saßen und um die Wette die „Bodberg" hinuntertollten . . . Und eine Jugend staunt mich an, in deren Mitte ich manch ftüheren Freund zu entdecken glaube, der sich aber schließlich als der Sohn oder gar der Enkel herausstellt. . . Noch lange denke ich am Freitagabendtische meines Gastgebers bei den verflackernden Talgkerzen über dieses tolle Auf und Ab des Lebens, die Vergänglichkeit im Einzelnen und Urrwandelbarkeit im Ganzen. Draußen rannt und rauscht im nächtlichen Blau der Nie men. Und ich denke: Was da hinunterflieht, kommt nicht wieder, aber von oben her stürzt anhaltend neues Wasser nach. . . Und der Strom im Ganzen rauscht ungehemmt weiter... Litauischer Sabbat. Der Sabbattag ist reich an Eindrücken, Erinnerungen und Entdeckungen... Es ist noch der alte, liebe litauische Sabbat mit seinen vollgefüllten Bethäusern und seiner eigenen süßen Ruhe, seinem aus den Backhäusern duftenden „Tschalent" am Vormittag und seinem „Maggid" am Nachmittag .. . Im Besbamidrasch drinnen wird mittags noch „gelernt" und mit Sonnenuntergang fleißig ,„Tillim" gesagt, aber vor dem Hause ebenso eifrig Gemeindepolitik getrieben. Und ein wenig weiter aus dem Wege znm „Hofe" trifft sich die Jugend zu ganz unreligiösem wie unpolitischem Dämmergeplauder. Alles „wie einst im Mai . . dieselben Orte, dieselben Worte, nur andere Gesichter. . . Die Dinge haben sich ein wenig verschoben. Die damals auf grünen Wegen tändelten, sind jetzt zu Politikern vor der Synagogentüre herangercift, und die sich einstens draußen über Gemeindepvlitik heiß ereiferten, sitzen heute abgeklärt drinnen und singen die Psalmen; singen und ziehen Sabbats Abschiedsstunde noch ein wenig hinaus — für ihre Vorgänger, die Psalmsänger von damals, daß sie sich noch eine Weile des Sabbntglanzes im Paradiese erfreuen. . . . Aber unerbittlich stellen sich die drei Sternlein am diinkleri Nachthimmel über der.alten „Schul" ein. Die politischen Diskussionen brechen mitten im Satze ab, von der Straße kommen Jünglinge atemlos gelaufen und drinnelt klingt der letzte der Sabbatpsalnie in ein unsäglich wehmütiges „Wehn rachum" aus. „Schad' ist's, aber länger wars nicht zu halten! . . ." sagt die Melodie. (Fortsetzung folgt.) rrm nets> -iN8 ^5 mn na-ipS .nw mmy 'BIOS L"-> kpVIN pK 'hv '2)K ^DIK pNK 1>WD DK P]K1 witwi Kv nnns p2 Sprechsaal. Gailingen i. B., ll. Sepi. 1923. Verehrliche Schriftleitung des „Israelit" in Frankfurt a. M. Ich gestatte mir in Betreff vvwr« und einige Zeilen an Sie zu richten. Vor einigen Wochen erhielt ich von einem Frankfurter Buchhändler eine Preisliste für D'annK und D'nW> und sollte man demnach 400 Mk. — für die Garnitur DNN2D — bezahlen. Wahrlich ein hoher Preis, der nach meinem Dafürhalten viel zu hoch berechnet wäre. Nun war ich vorige Woche in Frankfurt a. M. und ging zu dem Herrn und hörte zu meinem nicht geringen Erstaunen, daß Esrog und Lulow 1500—2000 Mk. kosten wird. Genau meint er, weiß er das noch, nicht. Wahrscheinlich will man noch einige Tage mit der Festsetzung des Preises warten, um zu sehen, ob der Dollar im Kurs steigen oder fallen wird. Das sind doch unerschwingliche Preise ünd ist es ein himmelschreiendes Unrecht, bei einer M3v *eh solch hohe Preise sich bezahlen zu laffen. Beamte in mittleren und kleinen Gemeinden und Minderbegüterte sind nicht in der Lage, solche Preise zu geben und werden kein am« und 2^ kaufen können. Ich weiß ganz genau, daß die Großhändler gleich nach 2K2 'tt nach Triest gehen, dort Esrogtm und Lulowim kaufen und bezahlen, innerhalb 14 Tagen ist das Geschäft abgewickelt. Und demnach wurden die D'avim in einer Zeit gekauft, wo der Lire iw Verhältnis zu heute noch ziemlich niedrig stand und es ist ein Unfug, für ESrogim und Lulowim nach dem heutigen Kurs sich bezahlen zu laffen. Ob die hohen Preise von den Groß, oder Kleinhändlern verlangt werden, das weiß ich nicht. Ich meine, daß die jüdische Presse da etnschreiten müffe. Hochachtend Rabbiner Dr. S p i tz. (Wir veröffentlichen diese Zuschrift, weil sie der Stimmung weiter Kreise entspricht, der Handel wird sich dazu KGern müffen. Red.)