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Der Israelit · 1922-09-14 · Heft 37 (14.9.1922) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 37 (14.9.1922)
Date
1922-09-14
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Hevilleion-Veilage m Ar. 37 des „Maclit". Verschollene Brüder. Eine Salafchagefdildife aus der Gegenwart (Schluß). XXX. Salomos letzter Sieg. Im schneeweißen Krankenbette des Hellen Spitalzimmers lag Salomo mit verbundenem Kopfe, sodaß nur die blitzenden Augen frei blieben, und fieberte. Neben ihm standen der schwarz bärtige Arzt im weißen Kittel und Ascher. Ascher hatte ihn, als er mit einer Patrouille das Gebiet der Altstadt absuchte, auf dem Tempelplatze halbverblutet und Len leeren Mund an die Steine gepreßt, aufgefunben und hierher verbracht. Salomo hatte sich mit den letzten Kräften gewehrt, als wo'.tte man ihn von seinem Glücke lösen. Nun lag er hier, und atmete röchelnd und sprach im Delirium. Der Arzt hielt seine Hand, sah aus die Uhr und zuckte auf die besorgte, stumme Frage Aschers mit den Achseln. Des Kranken Brust hob und senkte sich und seine Stimme klang, als käme sie ans endlosen Liesen. „Es ist schon-Seht ihrS nicht? - Amalekiten und Jsmaeliten — Weg mit der Satansbrut — Platz gemacht — Moschiach kommt . . . Hört ihr? — Pauken und Zimbeln- Hoch die Fahne-Weg von der Fahne! — Ihr betet nicht — Goodwon? — Weg da — Ist nicht deine Fahne — Weg mit dem schwarzen Buche und dem Kreuze — Still mit den Pfeifen — Unsere Zimbeln klingen — Hallelujah I — Weg auch Sabotin mit der Pfeife — Es ist heiliger Sabbat — Ich und du, Joffes ..."! Der Kranke atmete tief uud wurde still, der Arzt horchte nach dem Herzschlag, aber schon hob sich wieder die Brust, und eine Vision erhellte des Sterbenden Gesicht. „Fahne hoch! — Herr und Gesalbter — Bin fernen Stammes — Erbarmen für meinen Stamm — Fahne und Trompete — Ich — Ich hole sie h?r — Joffes komm — Warum wirfst du Steine nach mir? — Bin nicht abtrünnig — Wir holen sie — Aus Jemen und Abessinien — Herr und Gesalbter!- Da sind sie alle — Wie sie jauchzen — Hier an meine Rechte, Malku — meine Ruth — Meine Königin — Ja Job, darfst mit — Aber von der Fahne weg — Hast unreine Hände — Nun singet -- Aba Zague singe — Hallalujah!- Es wird Licht — Alles nur Licht — Herr und Gesalbter — Hal—la—lu—jah ..." Das letzte Hallalujah klang mit einem tiefen Seufzer aus, worauf es stille wurde um den Ringenden . . . „Habe vieles in diesem Hause erlebt, aber so habe ich noch keinen sterben sehen," sagte der Doktor und wischte sich eine Träne aus den Augen. „Ihm hat Moschiach die Erlösung gebracht", sagte Ascher. Und er hätte viel darum gegeben, hätte er noch wie in Kindheirszeitrn weinen können. Am folgenden Abend wurde, nachdem einige Stunden vorher ein Maffengrab ein Dutzend Märtyrer ausgenommen hatte, Salomo auf 0em Oelberg?, just um die Abendstunde, in der er so gern da oben weilte, ins Einzelgrab gebettet. Von Westen her blinkten in den letzten roten Strahlen der untergehenden Sonne die Zinnen Jerusalems, der heiligen Stadt zur Ostseite lag das Jordantal, und es glitzerte im herrlichen Abendglanze zwischen den Bergen der Spiegel des Toten Meeres ... Die ganze Gendarmerietruppe hatte sich unter Führung Aschers zur Beerdigung etngefunden, und auch viele Juden, besonders aus der Jemenitenkolonie. Vertreter von Milttär- und Zivilbehörden waren in großer llniform und Orden erschienen. Eine Polizeikapelle wollte einen Trauermarsch spielen. Aber Ascher bat, man möge es uttterlaffett. Soldatett wollten eine Ehrensalve abschießen, auch dieses konnte Ascher im Sinne des Toten verhindern. Ein Führer, des Selbstschutzes hatte eine große, flammende Rede vorbereitet, aber der anwesende englische Offizier verbot das Reden. Nur Doktor Palttel, der mit Jirmetas dicht an Bahre und Grab standen, durfte einige unverbindliche Worte nur für die Nächststehenden hörbar und verständlich, sagen: „Er starb an einer großen Idee, an einer großen Sehnsucht- Er starb für sein Volk, für Moschiach- Völker erzählen von Soldaten, die schlummern, bis sie Reitergetrappel über ihrem Grab vernehmen, dann drru Grave entsteigen, um an der Sette des Befreiers dahin zu ziehen. Salomo, der Falascha, schlummert im Grabe und horcht. Und sind Mochiachs Tritte hörbar, dann entsteigt er dem Grabe und zieht mit ihm, dem Erlöser seines Volkes und Gesalbten des Herrn-" Dann sagte Jtrmeias mit tränenerstickter Stimme das Kaddtschgebet. XXXI. In Abessinien. Es war schon um die Sommerneige, als Doktor Paltiel mit seinen „Falaschas" wieder in Abessinien ankam. In Gondar, wohin er zuletzt noch Jirmeias begleitete, waren die Felder Bechers bereits kahl und grau, und von den Felswänden leuchtete das Geröll in herbstlichem Rote. Es kam Aufregung in die Gemeinde der Falaschas, wo man in den letzten fünf Jahren, da Feuer und Blut über die Welt fegten, kaum ein fremdes Gesicht gesehen hatte. Aber'Paitiel konnte merken, daß auch hier die Zeit nicht ganz still gestanden hatte. Vertraulicher waren die Blicke und wärmer der Händedruck, mit denen ihn die Leute empfingen. Man dürstete nach Welt, nach Kenntnis der großen Dinge draußen und Jirmejas wurde trotz veränderter Kleidung, Sprache und Umgangsformen als Falaschabruder aufs wärmste begrüßt. Es hatte sich im Großen nichts geändert in der Falaschakolonie. Auf dem Hügel stand die Mesgid mit dem roten Topfe auf dem Dache im ganzen Tale sichtbar. Aber drinnen am Altäre waltete ein Anderer, ein Jüngerer, d.er den neuen Dingen zugänglicher war. Aba Zague war, da die Leute von fernen großen Ereignissen sprachen, beim Ortt eirrgefchlummert und ruhte jetzt auf dem kleinen bretterumzäunten Friedhofe, in der Gemeinde durch öftere feierliche „Tafkaras" (Gedenkfeier mit gemeinsamen Mahle) ehrend und dankbar gefeiert. Aba Manuel, der sein Nachfolger war, ließ neben dem Alten auch das Neue gelten und nicht ohne sein Zutun erhob sich bereits neben dem Gehöfte Bechers die geräumige Halle, wo Jtrmeias gleich die Jugend der Kolonie um sich und die mitgebrachten hebräischen Bücher sammeln konnte. Becher war immer noch der freundliche, -fleißige und schweigende Landwirt. Er preßte den Sohn ans Herz mit der ihm eigenen stillen Zärtlichkeit. Malku fragte leise und verschüchtert, nach der ersten Begrüßung, nach Salomo. Jtrmeias schwieg. „Hast ihn nirgends gesehen?" „Wir haben ihn gesehen." „Wo und wie?" „Komme morgen bet Sonnenaufgang zur Schmiede Ntssims, dann sollst du alles wissen." stieg in ihr eine dunkle Ahnung auf und sie fragte nicht mehr. Nisfim war gealtert. Er hatte sein polterndes Wesen ganz abgelegt und in seinem rußigen Gesichte leuchtete ein Schimmer heller Güte. Er war ein fleißiger Mesgtdbesucher geworden und hielt sich gern bet Gebeten auf, indes in der Schmiede Job, bereits mit Batti verheiratet, grob waltete und wuchtig den Hammer schwang. Jtrmeias war noch zu sehr Falascha, um den Leuten, mit dem, was er von Salomo wußte, gleich zu dienen. Auch Ntssim gab er ausweichende Antwort. Die Kunde mußte nach altgehetligtem Brauche durch die Mesgid und mit aller gebotenen Vorsicht an die Angehörigen ergehen. Aba Manuel, etngewetht, erschien noch in später Abendstunde bet Ntssim. Das bedeutete selten etwas Gutes und die Leute hatten Grund zu erschrecken. Doch der Kahen sprach sich nicht aus, wünschte allen gut zu schlafen und meldete seinen zweiten Besuch für morgen an. Mit Taganbruch klopfte Aba Manuel nach altem Brauche an den Fensterladen der eben zu Erde liegenden Hütte Nissims. Die Hausgenoffen, die die Nacht kaum geschlafen und seit dem ersten grauen Morgenstreifen pochenden Herzens dieses unheimlichen Zeichens warteten, ritten erregt herbei. Nissim öffnete das Fenster. „Was gibts, Aba Manuel?" „Nichts Gutes Nissim. Fasse Mut!" „Betrifft es Salomo?" „Ja." $ „Ist er . . ." Nissim wagte nicht das grausige Wort auszusprechen. „Er ruht in heiliger Erde auf dem Oelberge zu Jerusalem und harrt dort der Auferstehung." Ein großes Schluchzen Hub im Hause an, das die ganze Nachbarschaft anlockte. Bald waren auch Becher und Malku da. Letztere kauerte auf dem Boden zwischen den Frauen und weinte still und aufgelöst in sich hinein. Auch Paltiel und Jirmetas hatten sich eingefunden. „Er starb an meinem Fluche", schluchzte Ntssim tränenlos, „ich habe nicht väterlich an ihm gehandelt." Aba Manuel hatte das Amt zu trösten und er sagte: „Nein, Meister Nissim, diesen Fluch hat er sich zugezogen und ihr habt ihn längst in Segen umgewandelt." „Er starb an einer starken Sehnsucht", sagte JirmeiaS und wischte sich eine Träne vom Gesichte. „Es ist die Sehnsucht seines Stamrnes", meinte auch Aba Manuel und dachte an sich selbst. — Und Doktor Palttel ergänzte: „Die Sehnsucht seines Volkes . .

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