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Der Israelit · 1922-09-14 · Heft 37 (14.9.1922) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 37 (14.9.1922)
Date
1922-09-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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«che 4. Nr. 37 Der Israelit. nungen nicht wieder getäuscht werden und sie schließen: „Geliebte Brüder« Beachtet wohl, daß wir große Gegner haben, die darnach trachten, die Saat und den Namen Israels in Abessinien auszrrrolten. Gerade nun, wo unsere Beziehungen zu Euch begonnen haben, gibt es leider viele Leute, welche mit aller Krast darnach trachten, unser noch garnicht gefestigtes Band zu lockern, zu zerreißen und zu zerstören. Darum vergesset uns nicht! Wir bitten Euch innig, uns zumal jetzt, in den Tagen des Ungemachs, Eure Freundschaft und Hilfe angedeihen zu lassen. Schweiget nicht angesichts unseres Unglücks, erbarmet Euch unser in liebevollem Gedenken! Möge Gott in seiner Güte Euch schützen und seine Gunst Euch nimmer entziehen! Möge der Gott unserer Väter Euch und uns seine Gunst gewähren, daß wir die Erlösung schauen, die Freude des Heiligen Landes und Jerusalems". Der Brief ist geschrieben am 23. Maskerem (21. Ttschrl, 3. Oktober 1920) in der Synagoge zu Woleka von den Delegierten der jüdischen Gemeinden, welche während der Feiertagversammelt waren, und ist mit Namen unterzeichnet von 24 D ebter as (Schriftkundigen) in Abessinien. Zur weiteren Information schreibt Dr. A s ch er: „Die Jalascha, unsere Brüder, find nun in schwerer Not, in geistiger Not. Sie wollen Juden bleiben und bei den seit Jahrzehnten betriebenen ungeheuren Anstrengungen der Mission kann es natürlich nicht au?- bleiben, daß viele abfallen. Seit nunmehr fast zwei Jahrzehnten widmet Dr. Jacques Jaitlowktsch seine ganze Kraft den Brüdern dort. Er hat es verstanden, dem Abfall Einhalt zu gebieten, hat Knaben von dort zu Lehrern ausgebttdet und Schuistationen gegründet. Soll das Werk nicht zu Grunde gehen, sondern weiter erhalten und gefördert werden, so ist es nötig, daß auch wir für die Sache tätig sind. Es handelt sich darum, die Mittel zum Unterhalt des Schulwerkes aufzubringen. Als endgültige beste Lösung der Frage erachten wir die Gründung eines Instituts in Palästina, worin Schüler und Schülerinnen aus Abessinien und andern Ländern, die bislang in keinem Zusammenhang mit Israel gestanden hatten, in jüdischer Kultur konfessionell und professionell ausgebildet werden sollen, damit dieselben befähigt seien, die erworbene Bildung in den Dienst der Erhaltung und Förderung des Judentums zu stellen. Sollen die Falascha etwa verschwinden, wie schon die Juden von China verschwunden sind? Vor hunüert Jahren noch blühende Gemeinden mit Synagogen, Thorarollen und Gebetbüchern, sind diese dem Einfluß der Umgebung cllmähstch erlegen. Es ist unser aller heilige Pflicht, unsere Brüder vor dem Untergang und der Assimilation zu bewoh en. Um so mehr aber ist es unsere Pflicht zu Helsen, da unsere Brüder uns tnnigst darum bitten, ihnen Schulen zu errichten und ihnen Bücher zu senden, damit die Thora bei ihnen nicht in Vergesienheit gerate. folge zu zweifeln. Ich hatte große Erfolge, besaß ich jedoch auch große Wahrheiten? Was ich Man, konnte auch ein anderer für die Franzosen tun. Aber es gibt ein Volk, für das nur ich etwas zu tun imstande gewesen wäre, und ich habe es nicht getan. Ich meine damit das jüdische Volk, das mein Volk ist. Mein Geist gehörte immer ihnen und ich habe ihn den Franzosen gegeben. So muß ich jetzt meine Stellung revidieren. Man kann doch nicht so sterben, daß man sagt: Ich habe die ganze W e l t g e l i e b t, nur m e i n Volk nicht. Auch so nicht, daß man das ganze Leben laug für ein großes stolzes Volk gewirkt, nicht aber für das schwache geplagte, dem man zugchört. Ich weiß nicht, wie lang ich noch zu leben habe, aber eine alte Liebe zu neuem Leben Zu erwecken, dazu habe ich noch Zeit. Ich möchte wieder das jüdische Volk so lieben, wie ich es als Kind geliebt, und so für sein Wohl arbeiten, wie ich dreißig Jahre für mich und vierzig Jahre für die französische Kunst gearbeitet habe." Die Künstlerin teilte mit, daß sie nach Amerika gehe, um die Einkünfte der Tournee dem jüdischen Nationalheim zu widmen. 5abbal-1Ma«g sind Mmm O r t r Anfang Datum AuSgang UhrjMin., 1Y2S 568S Uhr Mtn. Frankfurt a. M. 6 10 16. 23. 7 25 Berlin .... 6 20 Sept. Elul 7 04 München . . . 6 15 7 04 Cöln. 6 15 7 30 Stuttgart. 6 15 7 10 Breslau . . . 5 44 6 44 Nürnberg . . 6 - 7 07 6 17 7 17 ES sollte für uns alle Ehrenpflicht sein, hier zu helfen und den ältesten Außenposten jüdischer Kultur vor dem Untergang zu bewahren. Der FelS Israels möge uns zur Seite stehen und unsere an allen Enden der Welt Zerstreuten wieder sammeln!" Herr Dr. Ascher schlägt vor, überall Land eskomitees zu bilden, die das zur Zeit in New-Aork domizilierende Zentralkomitee in seiner Rettungsarbeit unterstützen sollen. Wir unsererseits können diese Anregung nur wärmstens befürworten und empfehlen Freunden der Falaschasache, sich dieserhalb mit Herrn Dr. Ascher, New chatel in Verbindung zu setzen. Die Kriegstragödie der russischen Juden. Der frühere französische Gesandte in Petersburg, Paleolague, gibt jetzt seine Kriegs-Memoiren herans, in denen sich folgende Stellen auf die Verfolgungen der Juden beziehen: März 1915. Seit Kriegsbeginn stehen die Juden in Polen und Litauen die schrecklichsten Leiden aus. Im August hat man sie gezwungen, alle Grenzorte zu raumen, ohne ihnen Frist und Gelegenheit zur Verwertung ihrer Habe zu geben. Die Austreibungen wurden so brutal und unmenschlich ausgeführt, daß fast die gesamte jüdische Bevölkerung in Grodno, Lomscha, Plotzk, Kutna, Lodz, Petrikau, Kielz, Radon, Lublin nach Pedolien und Wolhynien abgestoßen wurde. Ueberall ereigneten sich Akte von Willkür, Gewalt und Raub unter den Augen der Vorgesetzten, die zufrieden lächelten. Tausende von Juden irrten in den Schneefeldern herum, wie das Vieh von Kosaken vorwärtsgestoßen. Man sah die Juden, wie sie vor den Wartesälen lagen und vor den Stadteingängen, sterbend vor Hunger, Müdigkeit und Kälte. Auch auf dem Wanderwege begegneten sie überall den gleichen Gefühlen von Haß, Verachtung und Verdacht. Im Lauft seiner ganzen schmerzlichen Geschichte dürste das jüdische Volk kein traurigeres Los erlebt haken, als um diese Zeit. Und dabei dienen in der russischen Armee 240000 jüdische Soldaten, die sich vortrefflich schlagen. 1. Juli 1915. Es sind bereits ein paar Wochen her, daß die Juden aus Ost-Litauen und Kurland ~ auf einen Ukas des Kommandierenden in Massen getrieben werden. Man treibt sie nach Schitomir, Kiew und Poltawa. Diese Austreibungen werden durch die russischen Beamten ohne jegliche Vorbereitung, ohne Einsehen, mit unsäglicher Brutalität aus.geführt. So ist beispielsweise die jüdische Bevölkerung von Kowno, die 40000 Seelen zählt, binnen 48 Stunden aus der Stadt getrieben worden. Und die Austreibung ging unter tragischen Episoden, schändlichen Greueltaten, unter Szenen von Raub und Brandstiftung vor sich. Eine antisemitische Welle geht durch das ganze Land. Wird die russische Armee geschlagen, so ist es natürlich die Schuld der Juden. Russische Zeitungen schreiben: „Russisches Volk sieh ein, wer dein größter Feind ist! Kein Erbarmen mit den Juden! Das Blut des heiligen Rußland, das sie verraten, schreit jeden Tag nach Rache!" Die Zahl der aus Polen, Litauen und Kurland ausaetriebenen Juden seit Kriegsausbruch beträgt 600000. Sonntag, 18. August 1915. So oft die Armeen sich zurückziehen, werden auch die Juden weiter vorwärts getrieben. Und immer, so unvermittelt und brutal, daß ihnen nicht einmal Zeit übrig bleibt, etwas Nahrung mitzunehmen. Sie werden wie das Vieh in den berettstehenden Waggons gewaltsam verladen, ohne daß man ihnen sagt, wohin der Weg geht. Das Rriseziel ändert sich mindestens zwanzig Mal. Ueberall das gleiche Bild: Sobald der Ukas in der Stadt bekannt wird, ergießt sich der ganze Pöbel in die Judengassen und Judenhäuser, um zu plündern. In Podolien, Wolhynien und überall, wo sie gelandet sind, befinden sie sich in höchster Not. Die Zahl der Ausgetricbenen beträgt jetzt 800000 Seelen. Die Beschuldigung, die man als Begründung des barbarischen Vor l - 14 September ISN gehens gegen die Juden erhebt, lautet dahin, daß sie ihre Religion kollektiv zur Spionage verleite (!) Endlich hat sich eine liberale Gruppe mit einem Protest hervorgewagt, deren Sprecher in der Duma, der Deputierte von Kowno, Fried mann, ist. Nur langsam erwacht bei einigen einstußretchen Personen das Gewissen. Wann wird endlich die Welt das jüdische Martyrium in Ost-Europa erfahren?!" Das AröettrrsSrsorgesmt. Das Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands wendet sich mit einem Aufruf an die jüdische Oefftntlichkeit, um diese zur finanziellen Unterstützung seiner Tätigkeit zu veranlassen. Aus dem Berichte, den das Arbeiterfürsorgeamt über seine Tätigkeit in der Zeit vom 1. Januar bis 30. Juni 1922 gibt, ist das große Maß der Leistungen zu ersehen, die es im vergangenen Jahr vollbracht hat. Es dürste unsere Leser interessieren, einige Zahlen aus dem Berichte zu erfahren. In dem Jüdischen Flüchtüngsheim, das das Arbeiterfürsorgeamt in Berlin, Wiesenstraße 55 unterhält, wurden während des angegebenen Zeitraumes insgesamt 46 489 Betten ausgegeben (diese Zahl bedeutet natürlich nicht, wie vielleicht mißverstanden werden dürste, die Zahl der Personen, die das Asyl ausgesucht haben). Verpflegungskarten wurden 33469 ausgegeben. 1622 Personalangelegenheiten erledigt. Alle diese Zahlen beziehen sich lediglich auf die Berliner Zentralstelle, während die 19 Zweigstellen im Reiche in dieser Statistik nicht mit berücksichtigt sind. Insgesamt wurde das Berliner Büro von ca. 5000 Petenten ausgesucht. Die Zahl der ein- und ausgegangenen Briese betrug 8549. Selbstverständlich kann eine Statistik, die nur Zahlenmaterial bringt, nicht den gesamten Umkreis der Leistungen des Arbeiterfürsorgeamtes umsaffen. Es muß hervorgehoben werden, daß die stetige und unermüdliche Arbeit natürlich auch ihre Wirkungen in der Art und Weise zeigen muß, in der dir öffentliche Meinung zur Ostjudenfrage Stellung nimmt. Es ist klar, daß die Ueberführung von Ostjuden zu produktiver Arbeit, daß ihre Unterbringung in Flüchtlings- Heimen und damit ihr Verschwinden von der Straße einen bedeutenden Einfluß auf die Stimmung haben muß, die die Oefftntlichkeit gegenüber den Ostjuden hegt. Artikel an leitender Stelle, die in letzter Zeit in der Frankfurter Zettnng, in der Berliner Volkszelturig und anderen Tageszeitungen erschienen sind, haben auf diese Zusammenhänge hingewiesen und die Tätigkeit des Arbeiterfürsorgeamtes gewürdigt. Auch an dieser Stelle muß in Dankbarkeit festgestellt werden, daß auch die Behörden das Arbeiterfürsorgeamt weiterhin als anerkannte Fürsorgestelle für die Ostjuden behandelt haben. Solange die furchtbaren Verhältnisse in den östlichen Randstaaten andauern und solange die Weststaaten, Amerika und Palästina die Einwanderungsbeschränkungen nicht aufheben, die das Abstichen des in Deutschland gestoppten Durchwandererstromes ermöglichen, wird die Arbeit des Arbeiterfürsorgeamtes fortgesetzt werden müssen. Es hat sich durch die Erfahrungen der letzten Zeit gezeigt, daß sie sogar erweiterte Bedeutung gewonnen hat. Die Leistungen des Arbeiterfürforgeamtes auf dem Gcbiete der Berufsberatung der ostjüdischen Flüchtlinge müssen erhöhte Beachtung beanspruchen. Denn ein großer Teil dieser Flüchtlinge, jüngere, unverheiratete Männer, hat infolge der Kriegswirren weder eine geordnete Schulbildung, noch eine gewerbliche Fachausbildung genossen. Zwei Gründe sprechen dafür, in dieser Angelegenheit helfend einzugreifen: - aus der einen Seite erschweren diese ungelernten Arbeiter die Hilfstätigkett ganz außerordentlich, denn sie sind am ehesten der Ausweisung durch dieBehörden und den Schwierigkeiten wirtschaftlicher Konjunkturschwankungen ausgesetzt. Der gelernte Arbeiter dagegen kann sich immer leichter sorthelftn. Auf der anderen Seite werden sich die segensreichen Folgen der

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