Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1922)
- Date
- 1922-09-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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14, September 1922. __ de omnibüs rMs et quibusdam aliis,- nur nich>t von Zuschüssen je die Rede war . . . Noch ein Ein Wurf! „Das Gesetz" v. I. 1847 erhob doch die bis dahin nur „geduldete" jüdische Religionsgesellschaft zur Korporation des öffentlichen Rechts, zur „privilegierten" Korporation und übertrug damit, wenn auch! befcheiderr zu nennende Teilgüter seiner souveränen Macht (Parochialzwang und Besteuerungsrecht) ans jene; — durfte er also für dieses Zugeständnis nicht auch die Voraussetzungen schaffen und als solche ihnen Organisationsformen porschreiben, die ihm für diese Delegation seiner Souveränität unerläßlich erschienen?!" . . . Aber den Vorzug, der hier der jüdischen Religionsgesellschaft eingeräumt wurde, besaßen die „konzessioniert geduldeten" christlichen Kirchengcsellschaften (Herrnhuter, böhmische Brüder, Altlutheraner und Reformierte niederländischer Konfession) schon aus dem Patent vom 30. März 1847 und sogar noch darüber hinaus (vgl. Auerbach, das Judentum und seine Bekenner, S. 300); und trotzdem hielt es der souveräne Staat durchaus für erträglich, wenn er jede Einmischung in ihre kirchlichee Verfassung vermied. Nur der jüdischen Religionsgesellschaft wendete er diese väterliche Sorgfalt zu; was Wunders, daß, er bei den damit Bedachten keinen Dank zu ernten vermochte und vielmehr die Empfindung in ihnen wachries, als sollte auch diese Bevormurrdung sein Mißtrauen gegen das Können und Wollen seiner jüdischen Untertanen zum Ausdruck bringen und recht drastisch die Inferiorität des jüdischen Religionsbekenntnisses neben den christlichen Konfessionen unterstreichen?! Dazu kam: die gesetzgeberische Aktion des Jahres 1847, „die Verhältnisse der Juden betreffend", stand unter dem Zeichen der Lehre vom „christlichen Staat", jenes verlogenen politischen Schlagworts, dessen Erfinder der getaufte Rassenjude Julius Stahl war. Man braucht ja nur die Reden der Regierungsvertreter, des Staatsministers v. Thile und des Kultusministers Eichhorn in der Herrenkurie auszuschlagen, um dort in schärfster Form und Betonung dem Bekenntnis zu biefem blutlosen Schemen auf Schritt und Tritt zu begegnen. Nun hat ja freilich die Kurie der 3 Stände, der Vereinigte Landtag in entschiedenster Weise gegen dieses 'Prinzip Stellung genommen und es einstimmig abgelehnt, die Rücksicht auf jenes Prinzip irgendwie als für seine Beschlüsse bestimmend anzuerkennen. Aber diese Stellungnahme rein theoretischer Dignität konnte es nicht verhindern, daß die Regierung den praktischen Konsequenzen ihrer Auffassung in dem Gesetz Kleines MMeton. „Heilige Seiest" Man muß nicht erst Anhänger des EhassioiSmus sein, um an den „Heiligen Briefen", die jetzt im Verlag von Harnik L Birnbaum in Czernmvitz von Israel Margulies und Alter Bierbrauer veröffentlicht wurden, seine helle Freude zu haben. Das Smmnelschristchen enthält Briese des Baals ch e m - tow, des Mefe ritsch er „Maggid" und anderer, die, durch die Verhaftung „Rai sin er" Rabbiim vorigen Jahrhundert in den Besitz der russischen Regierung gelangt, nach der letzten Revolution in Rußland wie durch ein Wunder wieder in jüdische Hände gekommen sind. Die Herausgeber haben die Briese wortwörtlich nach dem hebräischen Original mit Tag und Datum der Oeffentlichkeit übergeber, die sie als heilige Dokumente von höchstem kulturellem Werte begrüßen wird. Da finden wir einen Brief des Rabbi Israel, des „ B a a l s ch e m-To w " an seinen Schwager, Abraham Gerschon, geschrieben am Lag 6T Omar 5493 in Brodh, worin er ihm sein, des Baalschem Tow, baldiges Bekanntwerden mitteilt und ihn auffordert, an diesem großen Tag, da er aus der bisherigen Anonymität in die Oesfentlichkeit tritt, dabei zu sein. Ein späterer Brief ist an den großen Rabbi Abraham in Solitsch gerichtet kurz vorder „Entdeckung" des letzteren. Ein Schreiben desselben von Sonntag, vor Sabbath Schemas 5516 an Rabbi Nach mann aus Horidenka gerichtet, fordert diesen auf, mit ihm nach Lemberg zu fahren, Der Israelit. dennoch Durchbruch zu verschaffen wußte — vor allem in der Frage der Zulassung von Juden zu Aemteru und zum Lehrberuf —, so daß de facto wie de jure das kirch!icfvcfyristliche Prinzip dennoch den Sieg davontrug. Die jüdische Volksseele scheint aber nicht genügend differenziert, um die Dissonanz dieser Tonsolge als Fuge zu werten und die Folgerichtigkeit einer Gedankenreihe anzuerkeunen, die — ausgerechnet — den betonten christlichj-rirchlicheu Staat für erwählt und berufen hält, der jüdischen Religionsgesellschaft die Form ihrer Organisation vorzuschreiben. (Schluß folgt.) Wochennindschau. Religlonsversolgung in Sachsen.. Das Verordnungsblatt des Kultusministeriums enthält, wie uns aus Sachsen geschrieben wird, unter Nr. 155 folgende Verfüauna:^ „S ch ulü esuch an sta a tli ch it i ch t anerkannte n Feiertage n. An staatlich glicht anerkannten Feiertagen darf Lehrern und Schülern künftig in keinem Falle mehr Unterrichtsbefreinng zum Zwecke der Teilnahme an religiösen Feiertags-Handlungen erteilt werden. Die Verordnung über die Teilnahme der Schüler an kirchlichen Feiern und Handlungen vom 27. Juni 1921 (V. O. Bl. S. 81.)/ bezieht sich nur auf solche Gottesdienste und kirchliche Feiern, durch dir der geordnete Unterrichtsbetrieb nicht gestört Auch die den Israeliten durch Verordnungen vom 7. März 1878, 29. November 1884 und 2. April 1918 (\i. Seydewitz-Haebler, Volksschulgesetz, 7. Ausl. Anm. 7 S. 188) äind den Angehörigen der Advenristen pom siebenten Tage durch Verordnung vom 25. September 1920.08. O. Bl. L>. 131) bisher zugestandenen Vergünstigungen erledigen sich hierdurch. Ministerium des Kultus und öffentlichen Unterrichts." Die Bedeutung dieser Verfügung besteht darin, so, bemerkt der Einsender sehr richtig, daß von nun an allen Kindern religiöser Eltern, gleichviel welcher Konfession sie sind, verboten wird, an Feiertagen den Gottesdienst zubesuchen. Für die jüdischen Kinder insbesondere wird dadurch bestimmt, daß sie an den heiligen Feiertagen des Jahres, auch dem N e u j a h r s fe st e, die Schule besuchen und dort schreiben oder nähen müssen. Ein derartiger Eingriff in die Gewissensfreiheit und in die Freiheit der religiösen Ausübung ist bestimmt in den letzten 100 Jahren in Deutschland nicht zu verzeichnen gewesen und es ist besonders bemerkenswert, daß ein sozialj demokratischer Minister es ist, unter dessen I wohin auch noch andere Größen hinkommen, um zux beraten, wie die „bösen Strömungen" zu Vernich-! ren seien. Briefe vom Maggid und anderen Schülern an Rabbi Israel drücken deren absolute Unterordnung unter seine Größe aus. Mit Schreiben von Mittwoch, „Wajejchcw" 5518 übersendet Rabbi Israel Baalieifern Tow seinem in Jerusalem wohnenden Schivnger, dem berühmten Rabbi Gerschon, hundert Dukaten als Spende für „Rabbi Meir bal Hanes", ein anderes Mal 72 Dukaten mit dem Aufträge, an den heiligen Gräbern für ihn zu beten und ihm Bsomim für Hawdoloh aus der heiligen Stadt zu besorgen. Briefe an seine Tochter, an Rabbi Jaeob Koppel in Meseritsch und an andere Freunde gewähren einen Einblick in die Psyche des bald die jüdische Welt beherrschenden großen Mannes. Voin „Maggid", Rabbi Beer, ist in dem Büchlein noch ein wertvolles Dokument enthalten, em Testament an seinen Sohn Abraham. Es umfaßt 13 Punkte, die sich in der Hauptsache auf die Wichtigkeit des gemeinsamen Gebetes und des täglichen Thvralernens, sowie des Tehillim-Sagens beziehen. Einsamkeit und Absonderung sollte der Sohn nicht mehr als einen Tag im Monat pflegen, aber dann richtig und bollständig. Er möge nicht geizen bei milden Gäben. Der "Rabbi verbittet sich, daß an seinem Jahrzeitstage gefastet werde, im Gegenteil solle eine „Seuda" an dem Tage veranstaltet und recht viel Almosen verteilt werden. Er befiehlt seinem Sohne fermer, aus einem einfachen Gebetbuch ohne jegliche Erklärung fein täglich Gebet zu Verrichten und des Vaters Grab nur einmal im Jahre und zwar am JahrzeitStage zu besuchen. Seinen Feinden. und! Widersachern gegenüber soll er ein ruhiges, versöhnj liches Verhalten beobachten. Ein anderes Schreiben des „Maggid" enthält die i No. 37. Seite 3. Billigung, vielleicht sogar auf dessen Anlaß ein derartiger Zwang auf die Geister ausgeübt wird! In Dresden ist bereits allen jüdischen Eltern die schriftliche Mitteilung gemacht worden, daß j ihre Kinder an den Feiertagen erscheinen müssen und sich am Schreiben und den Handarbeiten zu beteiligen haben. Neben den Juden sind vor allem auch die Kaiholiken betreffen, abrr auch religiöse protestantische Kreise sind in Mitleidenschaft gezogen. Die Erregung ist allenthalben groß und alle Schritte werden unternommen, um eine Aufhebung dieser unhaltbaren Maßregel zu erzielen. Man darf gespinnt sein, welche Maßnahmen das sächsische Kultusministerium ergreifen wird, wenn, was wohl anzunehmen ist, jüdische Eltern sich weigern, dieses ganz unmögliche Verlangen zu erfüllen. Die Sache scheint uns so ernst und dringlich, daß alle Kräfte zur Abhilfe eingesetzt werden "äffen. Für die verschollenen Brüder. Im belletristischen Teile unserer heutigen Nummer geht eine Erzählung zu Ende, in deren Mittelpunkt ein junger Falascha steht. Seine zwischen Leid und Erwartung sich bewegende Lebensgeschichte — es dient der Erzählung eine wahre Begebenheit als Hintergrund — ergtebt sich aus seiner Liebe zum Jndenium, aus glühender Sehnsucht nach Lehr und Leben des jüdischen Volkes, die ihn im heiligen Land durch Hoffnungen, Irrungen und Enttäuschungen bis an sein jähes tragisches Ende führt. Die Geschichte Salomos ist aber die Geschichte des Bruderstammes derFalascha in Abessinien schlechthin. Starkes von der Zeiten wilden Stürmen unversehrt gebliebenes jüdisches Gemeinschaftsgefühl läßt sie immer und immer wieder in der Not ihres Lebens zu uns aufschreien und an unser Bruderempfinden appellieren. Wir dürfen den Notschrei, bei allen eigenen Sorgen, die heute die Judenheit allüberall in der Welt bedrücken, nicht überhören. Neuerdings übermittelt uns Herr Dr. Ascher, Neuchatel, eine „Botschaft der Falascha", die diese dem Manne ihres Vertrauens, Herrn Dr. Jakob Feitlowitsch, bet seiner letzten Anwesenheit in Abessinien für die jüdische Diaspora überreicht haben. Rührend in seinem schlichten, naiven Tone ist die darin enthaltene Schilderung ihrer Lage und ihrer geistigen und religiösen Nöte, die sich in den Jahren des Krieges, da sie von der jüdischen Welt gänzlich abgeschnitten waren, noch wesentlich vergrößert haben. Sie geben der Erwartung Ausgruck, daß die durch Dr. F'iilowitsch bei ihnen j"tzt neub-l?bten Hoff- Bestimmungen über die Behandlung seiner Leiche und deren Bestattung. Rur feine mitunterschrtebenen Freunde und Schüler durften sich mit ihr befassen und zwar: Lebi Jizchuk, Meschulnm Süße, Elimelech Und Schuer Salmnnn (Rabbi Senior Sälman, den JudärcS in seinem „Raw" verewigt hat) Ein ähnliches Vermächtnis ist darin von Rabbi Menachem Mendel aus Wttebsk zu leien. Ein Brief von Senior Salman, datiert vom 5. Chanukka 5567 in Lida, enthält einen Herzensschrei über die Bert e n m ber mtb I w i s ch e n t r ä g e r, die Uneinigkeit stiften und „die Herzen der Freunde voneinanderreißen" und wirft Wohl schon ein Licht auf die Streftigfoitim, die bald die jüdische Welt im gesamten Osten erschütterten, unter denen der „Raw" nicht wenig zu leiden hatte. ES gibt noch viel des Heiligen mtb Wichtigen in diesem unscheinbaren Büchlein, das überdies dem Kultur-Historiker reiches Material in origineller, ungekünstelter und unverfälschter Form bietet. Wir wünschen beut Büchlein die wohlverdiente Beachtung und Verbreitung. (Sarah Bernhards Bekenntnis zum Judentum.) Vor kurzem hieß es, Sarah Bernhard plane eine Tournee in Amerika. Man konnte es nicht glauben, daß sie mit ihren 80 Jahren, mit ihrem amputierten Fuße derlei Pläne fasse. Alles drängte sich, sie zu interviewen, sie aber einpfing nur Miß Elise Noow und lat zu ihr folgende Aenßerungen: „Ich habe der französischen Kunst meine Seele gegeben. Es war mein Bestreben, den französischen Gedanken mit au?gebreiteten Flügeln in der Kunst emporzutragen. Ich war stolz und glücklich, daß die Franzosen mich verstanden haben, aber ein so alter Mensch, wie ich, beginnt schon an dem Wert der Ur-