Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1922)
- Date
- 1922-09-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 2 Nr. 37 KSraeltt. stummen Feindseligkeit, die seine Schritte - begleitet, zur Hellen Flamme der Empörung zu provozieren und das Signal zu neuen Anstürmen gegen das Gesetz zu geben? Möglich? Aber die Gerechtigkeit gebietet im Schick-salslebeu des Einzelgeschöpss, unbekünnuert um unerwünschte Folgen, einen Justizirrtum aufzuklären, ein Fehlurteil mir allen Gelinden anzufechten; und was von dem rnitgebornen Rechtsanspruch des' Individuums gilt, das must auch 'für das Reich der Ideen rechtens sein! Sei's also drum! Der Versuch, die Urgründe, aus denen jene Antipathien erwuchsen, aufzudecken, mujji einmal unternommen und ihre Begründung objektiv uachgeprüft urrd gewürdigt werden. Da ist es denn gerade diese Einhelligkeit der Antipathie gegen das Gesetz, die einigermaßen frappierend wirkt. Man zeige doch sonst irgendein Gebiet des religiösen Gemeinschaftslebens oder irgendein Problent der Mischen Gedankenwelt aus, aus dem sich diese Uebercinstimmung der Anschauungen, diese gemeinsame Direktive des Verhaltens auch nur in leichten Spurerr wiederholt! Im Gegenteil! Wo immer man sorrft hineingreifen rnag in das Zeitenteben der jüdischen Qeffentlichkeit, welches Thema immer man berührt aus der Theorie oder der Praxis des Judentums — es ist stets dasselbe durch keinen sanfteren Zug abgetönte Bild eines weltemveitet: Abstandes in Tat und Gedanken zwischen liberalem und orthodoxen: Judentum: und nur Schnmrmgeisterei oder noch Uebleres inag glauben oder glauben machen wollen, diesen Abgrund überbrücken zu können. Die Tatsache ist wahrlich zu notorisch, um sic durch Beispiele, an denen kein Mangel ist, erst noch belegen zu müssen. Wie könnte es denn auch anders sein, da cs in diesem Kampf der Gegensätze ja nicht um Richtungsunterschiede und Farbcntönungen der Religio::, sondern um die letzten und höchsten Gedanken der Religion selbst geht, um Offenbarnngsglauben oder inneres Erlebnis, um Gott haben oder Gott s u ch e n, um die Pflicht t a t oder das Wort des Bekenntnisses, um die Grundfragen der jüdischen Glaubenswelt geht, zu denen nran so oder so Stellung nehmen muß! So schroff sind diese Gegensätze, so unversöhnt und so unversöhnlich prallen sie auseinander, daß es unbegreiflich scheinen muß, wie in: noch so breiten Raum und Rahmen eines Religionsgebändes für beide ein Unterkommen möglich wäre! Immer und überall dieses Bild am Werk tätiger Sprengkräfte von so gewaltiger Dynamik, daß sie bis in die Seele der Menschen hinein die Spektra der Dinge verschiebt, daß dem Einen heilig, was dem Anderen verwerflicher Aberglauben, den: Einen köstliches Gesühlsgut, was dem Anderen verlogner Selbstbetrug, dem Einen demütige Ergebung, was dem Anderen eitle Selbstvergöttening erscheint. Nirgends Andeutungen auch nur eines Sichverstehens, nirgends Möglichkeiten eines noch so weiten Ausgleichs! . . . Und hier, an einem Punkt, dessen Bedeutsamkeit doch gewiß nicht zu unterschätzen ist, — geht es doch urn die Frage nach der Systematik des Rechtsaufbaus der Preußischen Jndenheit nach außen und nach innen! — hier das Schauspiel einer völligen Uebereinstimmung der Anschauungen und des Verhaltens, die nicht zu überbieten ist, und sogar in der Stellungnahme zu der Erinuerungspftege des Gesetzes jeden Dissens vertnissen läßt?! — - — — — — ,— Es ist wohl so, daß — und darin liegt wohl die Lösung des Rätsels — Liebe und paß nun einmal nicht Quotienten in einem Rechenexempel mit ganzen ober gebrochenen Zahlen sind! Erleben wir es doch täglich, stündlich, daß über Neigung oder Abneigung nicht sowohl nüchterne Erwägungen der Vernunft als vielmehr Geftihlswerte -unwägbarer Natur entscheiden, die nicht immer gleich auf den ersten Blick ins Auge springen. Auch unser Phänomen ist offenbar vorn Stamme jener Luftpflanzen, die ihre Wurzeln nicht ins feste, trockene Erdreich der kühlen Reflexion, sondern in die flüssige, leichtbewegliche Sphäre den: Schwergewicht nicht unterworfener Empfindungen senken und, wo es um das Allerinnerste menschlichen Erlebens, um die Gestaltung des religiösen Lebens geht, ihre Nahrung nicht ans den: Greifbaren der Verstandeswelt, sondern aus den unfaßbaren Provinzen der Seelenregungen schöpfen. Man muß in den Gn'inden des Unterbewußtseins pirschen, urn die flüchtigen Spuren zu entdecken, die uns an den Weseilskern dieser Regungen heranführen: es ist die natürliche Reaktion des gesunden, echten, jüdischen Eigendaseins gegen eine legislative Behandlung, die ihr die stumme Rolle als Objekt und n n v als Objekt der staatliche:: Gesetzgebung zuwies; das Untnstgesühl gegenüber einer Staatskunst, die, innerlich unwahr, die Emanzipation endlich, weil sie nicht länger verweigert werden konnte, widerwillig gewahren mußte, für dieses, durch die geschichtliche Entwickelung ihr abgerungene Zugeständnis aber noch die gvoßsnrütige Geste eines unverdienten Wohlwollens fand und daraus die Berechtigung zu Kantelen, die sich ihr auf dem Gebiet der' Neligionsverfassnng ergaben, herleitete: endlich und vor allen: der stille, aber nachdrückliche und nachthallige Protest des in: tiefsten Inner;: verletzten Gtaubensstvlzes, der es nicht verwinden konnte. daß Andersgläubige ihm die Organisation feines Gemeindelebens diktierten und die A-usdrucksformen des Zibburgebankens. selbstherrlich, und großenteils aus einer fremden Ideenwelt heraus bestinunten. Die Gesetzgebung v.. I. 1847 war schlecht beraten, als sie das Problem der bürgerlichen Emanzipation der Juden mit der Regelung ihrer Gerneindeverhältnisse verband. Woher nahin sie das Recht, das sie sich, ohne eine Begründung für nötig zu erachten, in: § 39 des Jndenodikts v. I. 1812 zuerkannt hatte, „Msti'mnrungen wegen' des kirchlichen Zustandes", zu treffen, da sie doch weder gewillt war, einen Anspruch auf staatliche Beihilfe zu'den Lasten dieses ,,Zustandes" zu gewähren, noch — damals! — .von jüdischer Seite Ansprüche in dieser Hinsicht angemeldet waren?! Lagin den Verhältnissen denn ein zwingender Grund zu dieser anorganischen Maßregel? Mer es gab doch auch vor 1847 allerorten in preußischen. Landen blühende Groß- und lebenskräftige Kleingemeinden, die ohne jeglichen staatlichen Zwang ihre Mitglieder an die Fahne des Zibbur zu fesseln und ihre Organisationen dem Wechsel der Zeiten und der Verschiedenartigkeit der örtliche:: Bedürfnisse anzupassen wußten. Kein Regierungspräsident überwachte die Wahlen der Tuwe Ha-ir und kein Exekutor trieb die rückständigen Steuern ein; und dennoch — von vereinzelten, in keinen: System vermeidbaren Miß!- griflei: abgesehen — vollzog das Wahllgeschäft sich auch so in geregelten Formen und stellte gemeinhin die rechten Männer an den rechten Platz-; auch so entzog sich selten — seltener sicher als in der Aera des staatlich konzessionierten Steuerrechtes — ein Jude den: kategorischen Imperativ der heiligen Gewissenspslicht, nach Können die Lasten der Gemeinde mitzutragen . . „Ja, aber der Staat nahm dieses Recht, ohne Widerspruch zu erfahren, doch auch für die kirchlichen Verhältnisse seiner evangelischen Untertanen in Anspruch!" Durchaus begreiflich, in: absoluten Staat, in dem der Träger der staatlichen Autorität gleichzeitig auch Summus Episcopus der evangelischen Landeskirche war; aber dieser Staat hütete sich wohlweislich! davor, in gleicher oder ähnlicher Weise auch die Organisation der römisch-katholischen Kirche aus ihre Zweckmäßigkeit und ihre Möglichkeiten zu prüfen und ihre „kirchlichen Verhältnisse" nach einen: von ihm entworfenen Schema zu verbessern. Und dies, trotz der staatlichen Zuschüsse, die ihr .Archendienst, ihr Schul werk u. v. a. ans dem Staatssäckel forderte und erhielt, wahrend, wie erwähnt, bei der Verbesserung der kirchlichen Verhältnisse der Inden Vom Zweck und Vestimmung de- Menf-en-Daseins.*) u * Gottesfurcht. Erster und letzter Zweck der Menschenschöpfung ist, daß der Mensch sich mit allem, was er ist und hat, in den Dienst GotteS stellt, wie dies schon auf dem ersten Blatt der Schrift mit den Worten zum Ausdruck kommt: „Und Er setzte ihn in den Garten, daß er ihn bebaue und behüte/'' Unter Bebauen versteht man, nach Erklärung der Weisen, die Erfüllung der positiven Gebote, das Hüten bezieht sich aber auf die Verbote, auf die Vermeidung der Sünden. Auch JesaijaS drückt die Bestimmung des jüdischen Menschen mit den Worten aus: „Dieses Volk *) Aus „Nehauro hascholem" zum Gebetbuch „TefillaS Jeschorim" von Josefben Ab>aham Alexander, Rabbiner zu Dorbian, (Warschau 5668). * . i habe ich mir gebildet, daß es meinen Ruhm verkünde." Und Koheleth sagt: «Und Gott schuf sie, daß sie ihn fürchten . . . Das Buch schließt mit den Worten: „Am Ende aller Dingen bleibt doch fiir alle hörbar: Fürchte Gott und beachte seine Gebote, denn — daS ist der Mensch," was soviel heißen soll, wie zu diesem Zwecke allein ist der Mensch geschaffen. Nichts von all den Geschehnisien und Erscheinungen der Welt, die Gottespreis singen, ist dem Schöpfer so genehm, als das schwache lallende Lobeswort aus Menschenmund. So sagt doch Sohar zum Wochenschnitt „Achere", Seite 66 ungefähr: „Wie viel Heere und Völker, wollend oder ohne Wissen, auch Gott dienen, Israel hat Cr mit der heiligen Krone geschmückt und ganz an seinen Dienst gekettet. Und kein Dienst der Welt ist vollkommen und keine Freude vor ihm unbetrübt, bis Israel seinen Dienst verrichtet und seine Freude bekundet. . . Durch Israel bleibt die Welt erhaltend Mit der Uebung der Guttaten, dem Gebet und den Studium der heiligen Lehre erhält erst Gottes Schöpfungswerk seine letzte Vervollkommnung. Stück für Stück bröckelt aber von diesem stolzen Bau ab, wenn Israel in Pflichtvergessenheit sich dem Dienste Gottes entzieht. Was man unter Gottesfurcht zu verstehen hat, belehrt uns der tägliche Umgang mit Menschen. Wie groß ist die Ehrfurcht vor Männern, die geistig oder infolge ihrer Macht über uns stehen, wie gebeugt und demutSvoü mühten wir erst vor den treten, der über uns waltet und Herr unserer Geschicke ist im Großen wie im Kleinen! Was uns dennoch ermutigt, an Gott täglich mit unseren Wünschen und Bitten heranzntreten, ist die von Thora und Propheten verbürgte t Gewißheit, daß Er uns gnadenvoll auf halbem Wege entgegenkommt, uns sein L)hr neigt und die helfende Hand entgegenhält, wie es im M. 2. wörtlich heißt: „Denn schreit er zu mir hinauf, so höre ich sein Geschrei, ich höre es, weil ich gnadenvoll bin I" Die Furcht vor Ihm ist das erste Tor zur Liebe, zur Pflichterfüllung, zur Vervollkommnung. Moses spricht: „Was verlangt Gott, Dein Gott von Dir mehr, als daß Du ihn fürchtest". Es ist nicht wenig für uns, was hier verlangt wird: ein MoseS nur, so sagen die Weisen, der mir seiner geistigen und sittlichen Größe die ganze Menschenwelt überragte, konnte dieses als gering erachten. Wir aber müssen uns hinaufringen zu diesem Grade der Gottesfurcht, die allein vor Sünde und Fehl schützt, wie es heißt: „Damit euch die Furcht vor Ihm gegenwärtig ist, daß Ihr nicht sündigt!" Die letzten zwei Buchstaben von sind schon zugleich die ersten zwei von N2NU. So ist der Uebergang oon Gottesfurcht zur Liebe (Gottesliebe und Menschenliebe) naturgemäß gegeben. Haben wir die Gottesfurcht, so habe« mir den Weg, der uns zu weiteren Höhen emporführt. . . ' (Fortsetzung folgt.) Dunkle Raschifielle. Zu der dunklen Raschistelle des Herrn Rabbiner Dr. Kaatz kann ich eine Erklärung tm Namen des Professor Dr. Ho ffm ann V'st; geben; nach ihm ist die richtige Lesart: rixi vn nx wonach nicht die erwachsenen Stadlleute, sondern die Häuser der Stadt und die darin befindlichen Kinder, die sich nicht retten können, weggeschwemmt werden. I. M, Berlin.