Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 34-35 (31.8.1922)
- Date
- 1922-08-31
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2450189-2450221--69989-2527214- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
31. August 1922. wie tot konzentrischen Angriff von allen Seiten auf den Beamten los, der am Tischende vor einer halbgeöffneten, aber scheinbar ganz gefüllten Schublade sitzt. Und wer gerade Gnade in seinen Augen findet, wird, ohne Rücksicht ans Reihe und Rang und Atter, vorgenommen und „erledigt". Man ist eben in Litauen. Die halbgeöffnete Schublade scheint mir das Wesentlichste und Wichtigste bei der Sache zu sein, Zweck und Ziel des Ganzen... Und wie der Mann in tadellosem Anzuge dasttzt und mit der Virtuosität eines alttn Bankhalters am Spieltische die blauen, grauen und grünen Scheine ein- und auswirst, indes seine Rechte das Symbol der jungkn Staatshoheit, den absolut unleserlich vertuschten Amtsstempsl umklammert hält, erfasse ich endlich den tieferen Sinn der ganzen weisen Einrichtung, all der neuen schönen StaarSbtldungen... Der Paß ist in Ordnung und wird nicht weiter viel geprüft. Man glaubt einem aufs Wort und ehrliches Gesicht, daß man nicht nach Litauen geht, nm Kororlo zu annektieren oder das linke Niemenufer an die Polen auSzultefern. Aber „das Visum kostet.. Hier macht der Herr Beamte, der auf den schönen Titel Legationsrat hört, eine kleine Pause, wie etwa der Borbeter in der Landgemeinde bei der Segenspende des Aufgerufenen ... Er blättert noch einmal den Paß zurück. Ist es ein litauischer Paß, dann steht ein relativ minimaler Betrag — immerhin dreistellige Zahl — fest. Andere, besonders Paßinhaber aus Ländern mit besserer Valuta werden individuell behandelt. Das führt zuweilen zu scharfen Auseinandersetzungen, bei denen „deutsch gesprochen" und litauisch geschimpft wird, man handelt und feilscht ein wenig und einigt sich wieder. Man ist eben in Litauen! . . . Durch den „Korridor". Dünkt man sich, endlich mit dem Visum gegen alle Jener der Patzkontrollstellen gefeit, kann man abends um 6 Uhr den stets überfüllten Nachtzug nach der Grenze besteigen. ES ist nicht ratsam, es zu tun, da man dabet Gefahr läuft, das Lieblichste der ganzen Fahrt zu verschlafen: den polnischen Korridor . . . . Da ist eS schon besser, noch einmal in Berlin darüber zu schlafen und morgens um 8 Uhr zu fahren. Oede und endlos dehnen sich die Hetdefelder der Mark, unterbrochen hie und da von dünnem Jungwalde und kleinen oder größeren grauen Stations- Häusern. Um die Nachmittagsstunde kommt Abwechslung, und die Bewegung der Herzen wächst, je länger der Zug wartet, sich in Bewegung zu setzen. Neugierige Gesichter kleben an die vorschriftsmäßig festgeschloffenen Fenster im Gange. Wir hatten vor der Station „Chonice" und erkennen nur mit Mühe, daß es der alte gute, deutsche Bahnhof von Könitz ist. Man darf weder einnoch aussteigen, etwas hinausnoch htnetnreichen. Und dönnoch hält der Zug, hält lange und still, als sei er ans Ende der Welt gelangt. Wenn er sich aber mit einem enlschloffenen Rucke endlich in Bewegung setzt, rast er durch das Stückchen Pollaket mitten in blühenden deutschen Landen, wie von Furien gejagt, ohne Rast, ohne Halt, an zwei Dutzend StativnShäuschen vorbei, die unleserliche, unaussprechliche Namen tragen, bis er nach etwa drei Stunden vor einem Bahnhof, der dem Dreikonsonantennamen nach in China liegen dürfte, wüßte man nicht, daß die grandiose eiserne Brücke, über die wir in die Station eingefahren sind, von jcher zu Dir schau gehörte .... ES wird wieder gehalten und dann geht es auf Marien bürg zu und es tritt unvermittelt Szenenwechsel ein. Wir sind wieder in Deutschland. Der „Korridor" ist doch besser als sein Ruf. Ueberall blühende Felder, schöne Wälder und silberklare Bäche und FlUffe strömen der breitspurigen vor Wut schäumenden Weichsel zu . . . Kühe und Kälber weiden friedlich an den grünen Ufern. Es ist deutsche Kulturarbeit von langen Jahrhunderten, die das junge polnische Regime garnicht so leicht verwischen könnte, auch wenn es dies wollte, was gewiß nicht der Fall ist. Wäre nicht das lange Hatten am Ein- und Ausgangspunkte und das plötzliche Auftauchen des Schaffners mit polnischer Kokarde, der — übrigens mit ausgesuchter Höflichkeit — nach der Fahrkarte, (nicht Paß) fragt, man würde von den >,Schrecken" des „Korridors" nicht das mindeste merken. Man hat nun die freie Wahl, entwender in den Vorderwagen direkt bis zur Grenze nach Eydtkuhnen zu fahren, oder, wenn man etwas mehr erleben will, tm hintersten Wagen, der hinter Königsberg einem leise durch die Nacht schleichenden Personenzuge angehängt wird, dxn Weg nach Tilsit zu nehmen. Dieser Weg nach und über M e m e l l a n d zur litauischen Grenze gehört mit zu den unerforschlichen Wegen, die die Nachlriegswetsen in Versailles, Paris und London die Menschheit geführt haben ... Er soll im folgenden etwas näher geschildert werden. Der erste Gruft. Tilsit! — Welche eigene Erinnerungen knüpfen sich für den nach drei Jahrzehnten Hetmkehrenden an den . Namen dieser deutschen Stadt des Ostens! Tilsit war für uns die erste und einzige Stadt Deutsche lands, die wir zu sehen bekamen. Man sagte damals nur Preußen und „nach Preußen fahren" war soviel wie nach Tilsit fahren. Als ich, noch ein kleiner Junge, mit dem grauen Bilde des litauischen Städtchen %tt HSraelit. in der Seele, zum ersten Male mit nach „Preußen" durste, wachten in Tilsit drei Dinge einen iwverwischlichen Eind uck auf meto kindlich Gemüt: die barocke, rote Kaserne vor dem Bahnhofe, der Bahnhof selbst — es war die erste Eisenbahn, die ich sah — und am mächtigsten der aus dem Bahnhof postierte vierschrötige Schutzmann mit der blinkenden Pickelhaube auf hem Kopfe und den wetßbehandschuhten Händen, die an den Ecken des gewaltigen Schnauzbartes herumdrehten. Kaserne, Bahnhof und Schutzmann beherrschten noch lange das Bild, das ich mir von Preußen machte. . . Rote Steine und Pickelhaube. Auch die Kaserne hatte eine Pickelhaube auf, ja alle Häuser, sogar alle Menschen in Preußen hatten irgendwo unsichtbar Pickelhauben auf und weiße Handschuhe an, die sie so groß und kalt und streng und zugleich so fein machten . . . Es ist nach Mitternacht, da unser Zug in den schlecht beleuchteten Bahnhof etnläuft. Vom einstigen Stolze ist noch so wenig zu sehe», wie von der damaligen Feinheit. Jahre des Aufblühens und der Kraft und nur ein halbes Jahrzehnt des Unglückes und Niederganges. Und dieses letzte hat meinem alten stolzen Tilsit, hat „Preußen" die Pickelhaube mitsamt den Handschuhen genommen . . . Der „Grüne" hebt höflich die unbehandschuhje Hand zum Gruße bis zur schwarzlackterten Helmkappe «n* gibt fast freundlich, ohne Schneid, Auskunft. Die immer noch roten Kasernenmauern schlummern im Dunkel, als träumten sie von einstiger Kraft. Eine ältere jüdische Frau, deren Gesicht ich im Düster der Nachmttternachtstunde nicht sehen kann, spricht mich und andere Reisende an und fragt in gutem litauischen Jüdischdeutsch, ob wir etwa Logis für die Nacht suchten, wir könnten eS bet ihr billig und gut haben. Und da ich es ablehnen muß, begleitet sie mich noch ein wenig bis zum BahnhofShotel und erkundigt sich über das Woher und Wohin meiner Reise und wie es ihren Verwandten in Frankfur t a. M. gehe. Sie selbst stamme natürlich aus Litauen und hatte hier ein „Areinfohr" (Fremdenheim). DaS Leben sei schwer, ihr Mann krank und sie müsse Tag und Nacht an die Bahn, um sich die „Gäste" zu holen . . . Aber die von westher, von jenseits Königsberg kommen, gehen merkwürdigerweise alle lieber ins Bahnhosshvlel statt zu ihr, wo es doch viel billiger sei und man „gefüllten Fisch" haben und mit „soviel guten frommen „Jüden" zusammen sein könne" . . . Es ist der erste Gruß kftts, Litauen nach Mitternacht auf dem Bahnhofsplatze zu Tilsit. Durch Memelland. Tilsit lag früher etwa sechs, bis acht Meilen von der litauischen Grenze entfernt, die man mit Fuhrwerk oder Dampfer auf der Memel (Riemen) zurücklegte. Heute ist Tilsit schon der äußerste Punkt Deutschlands, hart an der Grenze — von Memelland. Wenn man morgens um achte in Tilsit den Zug für die Zehnminutenfahrt nach Po ge gen (Ansangsstation des heutigen Memeüand) befteigten will, muß man das Zollamt passieren, wo das Gepäck einer peinlichen Kontrolle unterzogen wird, am; Perron Paßkontrolle, Prüfung der Ausreisegenehmigung und einige verfängliche Fragen über Zweck und Dauer der Reise und über die mitgeführten Summen. Vernünftigerweise we^de ich, deffen Paß den geistigen Arbeiter ausweist, mit letzterer Frage nicht viel behelligt .... In Po gegen wartet das schmale Züglet«, das Hie Reisenden mit viel Gefauche und Gebümmel an die Grenze bringt. Aber Halt! Wieder Paß- und Zollkontrolle. Dieses Mal vonseiten Memellands, deffen Beamte mich im schönsten Tilsiter Ostpreußtsch verständigen, daß es so nicht weiter gehe . . . Fehlt das Memelvisum! „Aber das bekommen Sie da drüben im weißen Häuschen", mischte sich der Zugführer in die Untersuchung, „kostet 60 Mark". „Aber da versäume ich den Zug". „Morgen gehtwieder einer", tröstete der Gute. „Morgen ist Sabbat, und ich mutz heute noch vor Sonnenuntergang über die Grenze", bestand ich. „Dann warte ich eben mit dem Zuge bis Sie im weißen Hause „ratifiziert" sind . . ." - Und er wartete wirklich. Uebrigens gingen die Verhandlungen im „Weißen Hause", das garnichts gemein hat mit dem Hause gleichen Namens in Washington, glatt und rasch vonstatten, dank Kr Tatsache, daß ich die 60 Reichsmark abgezählt in der Hand hielt. . . Ich freute mich, daß die Herren der Welt in London und Paris mit ihrer Schaffung des wundersamen Gebildes „Memelland", die alte ostpreußische breite Gemütlichkeit noch nicht zu töten vermochten. Das Züglein dürfte die schönste Kulturerrungenschaft sein, um die ich nach den drei Jahrzehnten diesen östlichsten Teil Preußens bereichert fand. Der ostpreußische Witz umkost sein „Blmbelbtthnchen" mit den reizendsten Anekdoten. Sie hat auch eine Sirene und diese diene 'dazu, im Winter, wenn sie, die Bahn, im Schnee stecken bleibt, die Bauern zu arlarmieren, daß sie sie wieder auf die Schienen heben . . . Bei der Mobilmachung seien alle Ostpreußen, die diese Bahn zu benutzen hatten, um drei Tage früher einberufen worden . . . Wenn sich ein Lebensmüder hier auf die Schienen legt, dann stirbt er den sicheren — Hungertod .. . Und ein Spaßmacher schrieb an die Wand: „Kinder, die auf halbe Billete in Pogegen einsteigen, brauchen in Schmallenigken nicht nachzuzahlen, wenn sie inzwischen zu Männern herangewachsen sind . . Nr. 34 u. 88 Sette 11 . Letzteres ist natürlich boshaft übertrieben. So schlimm ist es in Wahrheit nicht. Nur, daß die Bahn für einen Weg, den ein gutes pommerisches Vollblut in paar Stuüden zurücklegen würde, über vier Stunden braucht...- Und das liegt weniger am Fahrtempo als vielmehr daran, daß sich der Herr Zugführer gedrungen fühlt, vor jedem Bauernhöfe und st der besseren Scheue zu halten und des öfteren sogar auf freiem Felde Pasiagiere abzusetzen und aufznnehmen. Und das hat für den über Zeit und Raum erhabenen Ferienreisenden auch seine eigene Reize, da er auf diese Weise etwas tiefer in Wesen und Charakter des östlichen Ostpreußen» alraS MemelländerS, schaue« kann. Der enge Wagen ist angefüllt bis zum Randejmtt Bauern, Händlern, Arbeitern und Marktfrauen. ES wird deutsch und litauisch gesprochen, sehr viel litauisch. Zumeist beginnt die Unterhaltung frtedfam in Deutsch, wird zusehends lebhafter und erregter, und sind zuletzt die Meinungen fast bis zu Handgreiflichkeiten aneinandergeplatzt, dann spricht alles auf einmal nur noch Litauisch... In diesem Stadinm der Unterhaltung scheint doch das litauische Lexikon blumenreicher und ausgiebiger zu sein . .. Es wird viel politisiert, auch ein wenig philosophiert, viel auf die Kriegsmacher, auf die Steuern und auf den Wucher geschimpft und viel seltener und tvrniger als bet uns auf die Juden. Man kennt hier den Junker und Großgrundbesitzer zu gut . . . Ein glatter Mann mit der Haltung eines Generals der Heilsarmee, zittert Stellen aus der Schrift, die das Unheil und die Teuerung unserer Tage begründen ... DaS gibt der allgemeinen Unterhaltung eine religionSphiloföphische Wendung. Bauern und Marktfrauen zollen dem Manne Beifall, die Arbeiter protestieren und behaupten, des Unglückes Quelle liege anderswoweiter verstehe ich nichts, denn der Rest ist Litauisch .. . Auf der anderen Sette sitzen du paar junge Leute die ich nach dem glatten Gesichte, nach der modernen bunten und brtllantenbesteckten Krawatte und der tadellosen Bügelfalte an der grauen Hose für Franzosen oder Engländer hatte. Da ich aber auf ihre Sprache htnhöre, klingen alte Hetmatlaute an mein Ohr ... Es sind junge Leute aus dem litauischen Städtchen drüben, die in Tilstt oder Königsberg Geschäfte gemacht haben. Ihre Gespräche drehen sich um Dollarkurse und Eiertransportpreise . . . Ich wende mich gleichgültig ab. ES ist nicht d a S Litauen, zu dem mich die unwiderstehliche Sehnsucht treibt... Am Heimatstvome. Wie alles Menschliche einmal ein Ende nimmt, so langen wir gegen Nachmittag schließlich in der Endstation Memellands Schmallemingkenan. Drüben ein paar Schritte entfernt liegt die früher so gefürchtete russische Grenze und ein paar Kilometer hinter ihr am Niemen die alte Heimat. Und Sabbat wird es wieder sein.., Herrliche sonnige Kindheit, wie erwachst du wieder aus ollen Ecken und Enden dieser ertnnerungsgeweihten Erde! Schon raucht und faucht und pfeift im kleinen Niemenhasen der schlanke Dampfer, der mich stromauf über die Grenze tragen soll, zum alten Sabbat im Traumlande der Kindheit! . . Es ist noch der alte eckige und knorrige Fluß vollbedeckr so weit das Auge reicht, mit zum Stnken vollbeladenen Frachtschiffen und Holzflößen. Er ist sich gleich geblieben, der gute Strom, der mit seinem Laufe gen Westen einstens die ersten Sehnsüchte nach Welt und Leben in des Jünglings Brust geweckt hat... Ich könnte dich eigentlich für alles verantwortlich machen... Aber wir haben uns doch stets so gut verstanden! Weißt du noch, wie wir als Kinder an heißen Sommernachmillagen uns schwimmend von deinen Wellen tragen ließen, wie wir vor dem Peffachfeste die neuen blanken Töpfe in deine Gewäffer tauchten, wie wir unS das Schwuausgrün aus der in deinen Wafferleib eingekeilten Grasinsel, der „Scholle" holten, wie wir in Schilf und Schlamm wateten, um untz die Weiden für das Lulow zu schneiden und wie wir zuweilen den Sandberg hinunterkamen, vom „Hause des Lebens", um uns bet dir die wundgeweinten Augen und die Hände zu waschen? . . . Weißt du noch all dieses? Ich habe inzwischen andere Ströme und Flüsse gesehen, ja sogar schäumende Meere, aber dein nicht vergessen. Zuletzt Rhein und Main. Sie werden von wärmerer Sonne geküßt und ihre Wellen bespülen die herrlichsten Täler und Hänge, wie du sie nie gesehen, und von den Höhen herab spiegeln sich Burgen und Zinnen in ihrem Waffer und gewaltige Brücket: aus Elsen und Stein führen über ihre Flächen, wie sie deinen Leib nie umarmt haben . . . Aber, daß ich es Dir heute gestehe, ich habe doch bet all dieser Macht und Pracht nur an dich und deine flachen und bescheidenen, mattgrünen und sandigen Ufer gedacht-die erste Jugendliebe! . . . „Halt! Paß vorzeigen und Koffer öffnen!" kommandiert der geibgraue Memelandzollbeamte auf der Brücke des Dampfers mitten in mein stilles Wiedersehen mit dem lieben Heimatstrom hinein. Es war bereits seit Tilsit das dritte Mat, daß ich auf der Reise vonDeutschland nach Deutsch, land über Deutsch land Paß zeigen und Koffer öffnen mußte ... ■ "