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Der Israelit · 1922-08-31 · Heft 34-35 (31.8.1922) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 34-35 (31.8.1922)
Date
1922-08-31
Page
– (sequence 10)
Language
German
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euillelon-Hellage zv Ar. 34 u. 35 des v*J Verschollene Brüder. eine ^slsscksgekcklüite aus 9er öegenwsrt. (Fortsetzung.) xxvm. Salomo in der Gendarmerie. In all den folgenden Tagen ging Salomo Dr. Paltiel geflissentlich aus dem Wege. Er mied ihn um so peinlicher, je mehr er sich der Gefahr inne wurde, der Lockung Paltiels und Jirmeias zu unterliegen. Denn als letzterer von Malku gesprochen hatte, schlugen Töne in seiner Seele mächtig an, die er längst verklungen glaubte. So aber wollte, durfte er nicht nach Hause gehen. Kam er nicht als Segenbringer, so war er der Fluchbeladene. Aber auch ins Soldatenheim der Mission konnte er nicht mehr, denn auch von dort drohte Gefahr ... Er sah es jetzt, wie tief er schon in der Schlinge saß. Denn hatte er nicht bereits im Herzen Vergleiche angestellt und Möglichkeiten erwogen und innerlich Versuche gemacht, sich über Fremdes, Unfaßbares und Anwiderndes zur Lehre Goodwons zu finden? Aus diesem bösen Gewirre hatte ihn nun der Ruf aus der Vergangenheit in der Gestalt Paltiels und Jirmeias glücklich gerisien. Allein was nun? Zwei Wege standen vor ihm, der eine führte ganz zur ehesten Vergangenheit zurück, der andere gänzlich aus der Vergangenheit heraus. Der zweite war überwunden . . . Aber gab es nicht noch einen dritten Weg? Dieser hieß: hier bleiben und ausharren.! Aber schwarz und düster ballte und baute! sich die kleine Not der kommenden Tage vor j seinen Augen auf und schrie gebieterisch: „wähle!" j Mit diesem Gedanken ging er am Bazare auf und ab und traf dort Ascher. „Kommst mir wie gerufen", empfing ihn | Ascher tu seiner gemütlichen Art. „Bist mir j noch Antwort schuldig. Hast inzwischen ja zweimal darüber geschlafen, einmal beim Vortrag im Beth-Am und noch einmal irgendwo im Bette.. Also willst du oder willst du nicht?" „Wovon sprichst du?" Ascher schüttelte sich, all die Würde seines Amtes vergessend, vor Lachen. „Jetzt hat der Mensch die ganze Geschichte verschlafen und schläft immer noch. Von der. Gendarmerie spreche ich, wovon denn sonst?" Salomo erwachte und fuhr mit der Hana! über die Stirn, als wollte er einen aufblitzenden Gedanken festhalten. „Die Rekrutierung schließt heute abend um sechse ab," sagte Ascher weiter. „Morgen ist es zu spät. Also willst du oder willst du nicht?' „Ich will! . . /' Ein neues Leben begann für Salomo, wie er es nie gekannt und nie geahnt. Er war zum erstenmal ganz nüchtern, ganz ohne hochgespannte Hoffnungen und Erwartungen an eine' Aufgabe getreten, nur des Soldes wegen, der ihm die Möglichkeit gab, sein Dasein zu fristen und aus-; zuharren. Aber gerade der Verzicht auf jeden ■ höheren Anspruch bewahrte ihn vor Enttäuschungen? und der Weg zur bescheidenen Freude, und Bej friedigung, früher durch allerlei hochragende ‘ Ideale, Zukunftspläne und mißverständliche zu weitgespannte Auffassung seiner Aufgabe verbaut, lag frei. Den graubraunen Rock mit den vielen'bunten Schnüren und dem blanken Messingschtlde an der Brust wie den scharf geladenen Browing in der Tasche, trug er nicht mit dem Stolze, mit dem er einst die blauwetße Joppe des Legionisten getragen, aber doch mit Schick und Würde. Er war gewandt in allem militärischem Drill und wußte stramm zu stehen, sogar vor Ascher, — ohne den Mund zu einem Grinsen zu verziehen. Er war nicht Moschiachs Gendarm und er fühlte sich dadurch seelisch und sittlich entlastet bei der Ausübung der ihm aufgetragenen Polizeidienste. Wenn es Ascher einmal zu den Freuden der Polizisten zählte, überall dabei zu. sein und Püffe nach allen Seiten auszuteilen, so gewannen doch diese Worte nach und nach einen höheren Sinn. Es war nicht immer gut und nicht schön und erbaulich, abr zuweilen sehr nötig, in gerechter Weise mit Faust oder sogar Waffe einzugretfen. Und er empfand doch etwas von höherer Berufung, wenn er den Obsthändler auf der Straße zwang, nach der neuen Verordnung den Kehricht seines Krames beiseite zu fegen oder den räudigen Hund an seinem Karren festzuhalten, statt frei herumlaufen zu lassen, daß er die heiligen Straßen verunreinigte. Er kannte in solchen Dingen keinen Spaß, berief sich auf die Polizeivorschrift, und nützre dies nicht, auf die Faust, in der er nachträglich noch den echten Schwung der heimatlichen Schmiede entdeckte ... Und schimpfte der Araber und schwor alle Flüche des Koran und alle Verwünschungen Allahs auf den „schwarzen Satan" herab, so verzog Salomo wohl das Gesicht zu einem Grinsen, lachte aber nicht, sondern bewahrte Haltung und diente mit anderen schonen Sprüchen aus dem Koran, die ihm aus seinen früheren Wanderschaften wohl geläufig waren. Es gab aber auch ernstlichere Aufgaben, Zusammenstöße, bei denen man schon zur Waffe greifen mußte, und es verschaffte Salomo eine bis jetzt nie gekannte Genugtuung, auch in solchen Fällen dem Rechte mit seiner starken Falascha- Hand und gestützt auf das Messingschild ans seiner Brust, Geltung und Achtung zu verschaffen. Es hatte seit dem Wandel der Dinge einige Verwilderung unter den jüngeren Volke Platz gegriffen. Die mächtigen Effendis auf denr Lande sahen sich ein wenig aus dem Geleise, geworfen und hetzten ihre Hörigen gegen die „Fremden". Der Respekt vor den englischen Kanonen und Panzerautos lenkte aber den Haß auf alle ab, die keine .Briten, aber in Kleidung und Sprache auch keine Araber waren, in erster Reihe auf die Juden. Junge Elemente aus wilden Nomadenstämmen waren aus dem Feldzuge, wo sie Blut gerochen hatten, voller Mordlust und Raubgier zurückgekehrt und sie lungerten untätig und händelsuchend in den Straßen der Altstadt wie in den Peripherien herum. Diesem Gesindel war der dunkelfarbige Gendarm bald genugsam bekannt. „Der schwarze Satan mit dem Schilde kommt, Allah verdamme ihn und seinen Samen bis ans Ende der Zeiten!" So pflegte der Abschiedsgruß zu lauten, wenn sie bei seinem Anblicke auseinanherstoben. Salomo merkte bald seine Macht^ und es kam doch etwas unsagbar Beseligendes 'über ihn. Also war doch das von Gideon, Jiphtach und Simson am Ende nicht gar ein leerer Traum... Er wollte es schon die Midjaniten, Kananiten, Philister und Amalakiten und wie sich all das Gesindel benennen mochte, lehren und die Straße für die Schritte des Gesalbten, dessen Soldat er nicht sein durfte, wenigstens vor diesem Gelichter rein halten, , , Er bat sich aus, den Posten an der Tempel' mauer beziehen zu dürfen. Und da gab cs Arbeit in Hülle alle Tage. Besonders an Sabbat- und Festtagen, da um die Vormittagsstunden sich Juden aller Länder dort sammelte,, und ihre Gebete in die alten, grauen Quadern hineinweinten. Salomo hatte an dieser Stätte genug geweint und gebetet. Jetzt mochten es Andere tun; für ihn galt es mut- und kraftvoll mit eisernen Fäusten, den Browning scharfgeladen in der Lasche, die heilige Stätte und deren Besucher zu beschützen ... Kam da der rohe Muchtawa allah Sahid mit seinem Esel, auf dem^er den übelriechenden. Dünger in den Weinberg trug, grinsend und Spottlieder singend, gerade mitten durch die Beterschar. Wie eine Tigerkatze sprang Salomo an ihn heran, pkckte ihn mit der Linken am Kragen, daß ihm schier den Atem verging und holte die Rechte aus, daß Muchtawa allah Sahid über den Esel stolberte und zusammen mit Tier und Ladung einen lustigen Haufen auf dem Boden bild ete. Der Araber fletschte die Zähne in machtloser Wut und rief sieben mal Allah an, daß er alle sieben Feuerflammen der Hölle über diesen Satan sende. Aber er ging doch zur Seite, ohne die Gebeiversammlung zu stören. Und wenn er nach Tagen wieder kam, so sah er sich doch erst sehr ängstlich um, ob nicht der „schwarze Satan" wieder auf seinem Posten stand ... Es kam in letzterer Zeit zuweilen auch vor, daß ein Stein von irgendwoher an die Mauer oder an den Kopf eines Betenden flog. Wer dabet von Salomo auf - frischer Tat ertappt wurde, dem wurde die Lust für alle Zeiten genommen, cs wieder zu tun. Neben der verabreichten Tracht Prügel pflegte es noch gewöhnlich eine Anzeige abzusetzen. Und die englischen Militärgerichte arbeiteten prompt und streng. An der Tempelmauer entdeckten er an einem Sabbate auch Paltiel und Jtrimetas, wie sie mit den Anderen beteten. Er drückte sich, um nicht erkannt zu werden. Aber er schärfte an diesem Tage das wachsame Auge. Wehe dem Störer, der es jetzt gewagt hätte . . . Sie sollten in Abessinien nichts Böses zu berichten haben von dem heiligen Orte^ den er b.'wachte . . . Salomo bildete sich schon in wenigen Wochen zum Schrecken der losen Gesellen aus, den „schwarzen Schrecken" . . . Und mehc wie einer hatte ihm im Stillen bittere Rache geschworen. Er wußte es und fand es vollkommen in Ordnung. Es war die einzige Art, mit dem „Midjaniten" und „Philistern" fertig zu werden. Aelteren und friedlichen Leuten, ob Araber, Engländer oder Jude, pflegte er mit ausgesuchter Höflichkeit und Hilfsbereitschaft entgegenzukommen, ohne je Dank für den ihnen gewährten Schutz zu beanspruchen. Auch seine Vorgesetzten lobten ihn wiederholt und Ascher pflegte unbewacht dem strammen Befehle noch jovial und verbindlich hinzuzufügen: „Du bist doch eine treue, schwarze Seele, und es wäre jammerschade, wir hätten deine eiserne Faust nicht hier." „Ueberall dabei zu sein und Püffe auszutetlen," hatte jetzt für Salomo ganz andere, höhere, fast ethische Bedeutung bekommen. ^-.-: Litauen. (Eindrücke und Erinnerungen auf einer Ferienreise) Die Vorfreuden. Der Weg nach Litauen führt zunächst über den K u r f ür st en d a m m von B er l i n, wo in einem Gebäude, das das litauische Wappen mit entsprechender Aufschrift am Eingänge trägt» gegen Geld und gute Worte das nöilge Visum zu erhalten ist. Und hier sind wir schön recht eigentlich in Litauen. Litauische Menschen, litauische Sprache und — litauische Ordnung. Die Leute, die anhaltend da heretnstrümen und das Haus füllen, stellen sich nicht an, sondern stürmen 31. 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