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Der Israelit · 1922-08-31 · Heft 34-35 (31.8.1922) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 34-35 (31.8.1922)
Date
1922-08-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 34 u. 35 Der JSraeM 31. August 1038 Genau so hirnverbrannt und elend ist das ganze Machwerk. Wir hoffen, bah der öffentliche Hinweis schon bewirkt, daß niemand mehr sich zu einem so erbärmlichen Buche bekennt". Es ist bemerkenswert, daß auch ein Blatt wie der deutschnationale „Tag", den Ausführungen Schneiders zustimmend, sich dahin äußert: „Ink Interesse der Gesundung unserer innerpolitischen Verhältnisse erscheint eZ dringend notwendig, daß solchen Auswüchsen politischen und religiösen Hasses entgegengetreten wird". Die Pogrome in Kaffomife, KaLtowitz, 25, K ngust. tle6er die Vorgänge in Kattowitz von Montag bis Mittwoch (21.—23. August) sind die Leser im Ganzen schon durch die Tageszeitungen informiert. Einige Einzelheiten über die Ausschreitungen seien hier der „Oberschlesischen Volksstimme" entnommen, die von „regelrechten Judenpogromen" spricht, Als die ersten jungen Burschen in der sechsten Nachmitlaasstunde auf dem Bahnhofsvorplatz in Kattowitz einige Juden überfielen und in unmenschlicher Weise verprügelten, griff die Polizei nicht ein. Das war das Signal für die Zusammenrottung der Burschen, die sich bald mit Gummischlägern, Knüpoeltt usw. bewaffnet hatten. Nach Einbruch der ersten Dunkelheit wurden alle zumBahnhof gehen den Juden überfallen und blutig geschlagen. Wiederum griff die Polizei nicht ein. Der „Mut" der jugendlichen Burschen stieg und gleichzeitig stieg auch schnell ihre ^ahl. Bald fühlten sie sich so stark, daß sie nicht nur die jüdischen Passanten überfielen, sondern auch die Lokale aufsuchten, dv't die Juden überfielen und ans dem Lokale herausprügelten Der Anfang wurde in dem großen Kaffee Monopol am Bahnhof gemacht, wohin zahlreiche Inden geflüchtet waren. Bald herrschte in dem Lokal eine derartige Prügelei, daß nicht daran zu denken war, das Lokal weiter offen zu falten. Da griff endlich, nachdem sich der aniijüdische Terror durch einige Stunden austoben konnte, die Polizei ein. Unter ihrem Schutz konnte das Lokal geschloffen werben. Die $ßoli$el war jedoch nicht stark genug, um die Judenpogrome völlig zu unterdrücken. Militär wurde nicht zur Hilfe gerufen. Die Judenverfolgungen nahmen nur noch größere Formen an und griffen jetzt auf die benachbarten Straßen über. In der Direktionsstrahe, der Quer- und der Holzstratze wurden gleichfalls viele Juden überfallen und blutig geschlagen. Bis nach Mitternacht hallten die Straßen wider von den Hilferufen und denSchmerzensschreien der Juden. In einzelnen Häusern der Quer- und j Holtzistraße, von denen bekannt ist, daß in ihren Kel- | lern allnächtlich zahlreiche Juden übernachten, rmrxden | die Kellerrrrren aufgebrochen und dte Juden auf ihren i Ruhelagern überfallen und gleichfalls ohne Unterschied des Geschlechts in S rntalst er Weife mißhandelt. An eitle völlige Beruhigung durch die Polizei war nicht zu denken. Nachdem die Polizei einige Verhaftungen von Prügelhelden vorgenommen hatte, zogen die Banden weiter ins Innere der Stadt. Sie kamen bis zur Meistrr- und Lesfingstraßc, etwa zehn Minuten vom Bahnhof entfernt, drangen auch dort in die Häuser ein und setzten ihr Blutregiment fort. Die Judenverfolgungen haben die ganze Nacht hindurch fortgedauert und sie nahmen in den ersten Morgenstunden wieder größeren Umfang an. Als die Juden darauf vertrauten, daß nunmehr Ruhe eingekeürt fei und sie den Versuch machren, heute früh in der vierten Morgenstunde den Bahnhof zu erreichen, um nach Polen zurückkehren zu können, wurden sie wiederum überfallen und erneut in unmenschlicher Weise geschlagen. Gegen 5 Uhr morgens wurde eine Anzahl blutüberströmter Juden von Polizeibeamien nach dem Bahnhof transportiert. Kaum hatten die Beamten ihre Wachstube aufgesucht, wurdet» die Juden noch auf dem Bahnhof überfallen und weiter in üirchteriichsier Weise geschlagen. Eine Sicherheit für die Juden, ohne blutig geschlagen zu werten zum Bahnhof zu gelangen, war auch bis heute früh 7 Uhr noch nicht geschaffen. Irreführend ist es, wenn die „Grenzzettung", von der „erbitterten Volksmenge" spricht. Es sind vielmehr dieselben Horden, denen sich vielleicht hier und da einige Mitläufer anschließen, die am blutigen Demonstrations-Sonntage den Zug der polnischen Sozialisten im Aufträge Korfantys überfielen. Die polnische Mißwirtschaft gebraucht einen Sündenbock. Das ist das eigentliche Geheimnis auch dieser Vorgänge! Die Uerfeumgungs-Campagne 9es „Reuen Baint" Warschau. 27. August. Der ungeheuere Erfolg, den die Hilfsaktion der polnischen „Agudas Jisroel" für die Notleidenden in der Ukraine gezeitigt, hat in den Kreisen der Gegner, insbesondere der Nationalisten und Zionisten, Verstimmung und Aerger hervorgerttfen. Stärker als das Gefühl der Befriedigung über die glänzend bewährte Opserfreudtgkett der jüdischen Massen und über die paar hundert gerettete Menschenleben, die der Preis der ungeheueren Kraftanstreugung der Aguda sind, ist der blaffe Neid auf die moralische Stärkung der Agudas Jisroel, die auf diese Weise gezeigt hat, daß sie in der Tat die Massen der polnischen Judenheit hinter sich hat. Aus diesen Stimmungen heraus erklärt sich der Verleumdungsfeldzug, den der „Neue Haint", ein jüdisches Blatt der schlimmsten Sorte, seit Wochen gegen die Aguda-Leitung unternommen hat. Man verlangt stürmisch „Rechenschaft" über Die gesammelten Gelder, sucht unbestimmte Verdachtsmomente auszustreuen, und als nun in der letzten Sitzung des Zentralkomitees der Aguda nicht nur genaueste öffentliche Abrechnung erteilt, sondern durch eine Revisions-Kommission hochangesehener unabhängiger Persönlichkeiten der polnijchm Orthodoxie die ganze Geschäftsgebahrung, sowohl Eingänge als Verwendung, genav geprüft und richtig befunden worden war, da suchte der „Neue Haint" eine neue Anklage zu konstruieren: die Urnwechslurg der etngegangenen j Summen in amerikanische Dollars sei unkorrekt und zu spät erfolgt! Schließlich ist es dem Revolverblatt gelungen, die Warschauer Gemeindeverwaltung, die unter dem Einstuffe des Herrn Davtdsohn der geschworene Feind der Agudas Jisroel und ihres Blattes, des „Jud", ist, in Bewegung zu setzen und die Herren hatten die Unverfrorenheit ihrerseits eine „Revisions- Kommission" zu ernennen, deren Kompetenz die Leitung der polnischen Aguda selbstverständlich mit aller Entschiedenheit bestreitet und ablehnt. In ihrem Aufträge erklärte Herr Kaminer, daß man jederzeit bereit sei, sich jeder Kontrolle zu! unterwerfen, wenn das Rabbinat nicht nur die Agudas Jisroel, sondern sämtliche Organisationen, insbesondere auch die zionistische, gleichmäßig zur Rechnungslegung auffordere. Die ganze Angelegenheit ist ein trauriges Zeichen der Verwilderung eines gewissen Teiles der polnischen Presse und der parteiischen Mißwirtschaft, die in dem sogenannten „Dosorstübl", der Warschauer Kehilla, heute herrscht. Die Persönlichkeiten an der Spitze der Warschauer Agudas Jisroel sind über den Schmutz erhaben, mit denen man sie aus offenkundigstem Parteihatz bewirft. 5. Oer EDiflerhail 9er Kaffomifcer Umgänge- Warschau, 27. August. Der Kattowitzer Pogrom wirkte niederschmetternd auf die hiesige jüdische Bevölkerung. Auch polnische Zeitungen berichten etwas beschämt über die Vorgänge, die die polnische Kulur in Neupolen nicht gerade zu Ehren bringen. Man berichtet hier von 40 Verwundeten, einem Toten und Ausplünderungen von Geschäften heimischer Juden neben schweren Mißhandlungen zufällig anwesender galiztscher Juden. Es ist 'sofort eine Interpellation im Sejm eingebracht worden. polnischer „Aufbau". Witua, 25. August. Olschau, ein Städtchen bei Wilna, ist mit dieser Stadt aus dem litauischen in den polnischen Besitz übergegangen. Sofort bekam die jüdische Bevölkerung das neue Regime in einer Reihe von-'Verordnungen zu spüren, deren eine die A b t r a -. gung der jüdischen Kramläden auf dem Klosterplatze befahu So mußten die Juden mit eigenen Händen ihr Hab und Gut zerstören. Da am festgesetzten Termin, am 15. August, in einigen Häusern am Klosterplatze noch jüdisches Eigentum vermutet wurde, stürzte sich das gerade aus der Kirche strömende Volk, ermuntert von Polizei und höheren Beamten, mit Axt und Hacke auf diese Häuser und demolierten sie bis auf den Grund. Die Autonomie Oflgali?iens un9 die Ju9en- Lemberg, 14. August. Der Wiener M. Z. wird von ihrem Lemberger Korrespondenten geschrieben: Die bisherigen, ziemlich verbürgten Gerüchte über das Regierungsprojekt betreffend die Autonomie Ostgaliziens haben in den weitesten Kreisen der jüdischen Bevölkerung unseres Landes lebhafte Beunruhigung hervorgerufen. Die Regierung möchte aus naheliegenden außenpolitischen Gründen den Gesetzentwurf über die Autonomie womöglich noch vor der Ausschreibung der Wahlen verwirklichen, um die Opposition der Ukrainer einigermaßen zu bewichtigen. Ob dieser Versuch gelingen wird, ist aber, insoweit Man die Stimmung in ukrainischen Kreisen zu beurteilen vrmag, mehr als zweifelhaft. Die Grundlage des Gesetzes soll der nationale Kataster bilden, wobei man jedoch über die Interessen der 700000 Juden einfach zrri5 Tagesordnung übergeht, indem bloß ein polnischer und ruthenischer Wahlkataster vorgesehen ist. Die jüdischen Wähler würden also notwendigerweise in einen oder den andern elngezwängt werden. Auf den ersten Blick fällt hier die Kurzsichtigkeit der maßgebenden Kreise in die Augen, die scheinbar unter dem Druck der chauvinistischantisemitischen Nationaldemokratie einen verhängnisvollen politischen Schritt tun wollen, dessen Folgen sich im Augenblick kaum voraussehen lassen. Die Juden werben in eine Sackgasse gedrängt, aus der sie sich selbst heraushelfen müssen. Unsere jüdischen Politiker dürfen nichts unversucht lassen, um die drohende Gefahr in letzter Stunde abzuwenden. Es steht viel ans dem Spiel. Ungarn. Die Mischen Schulen in Ungarn- Budapest, 1. August. In wenigen Wochen werden die Pforten der Lehranstalten abermals den wiffensdurstigen Jüngern eröffnet. Die Erwartungen besonders optimistischer jüdischer Kreise — daß die ueue mit der Flagge des gemäßigten Liberalismus in den Kampf gezogene Regierung es als ihre erste dringenste Aufgabe betrachtet werde, den Schandfleck der ungarischen Gesetzgebung in entfernen und den numerus clausus aus der ganzen Linie aufzuheben, hat sich nicht erfüllt — der numerus clausus bleibt, die Jünger jüdischen Glaubens bleiben einstweilen auch weiterhin zu überwiegendem Maße aus den Schulen ausgesperrt. Ja noch mehr: viele Anzeichen sprechen dafür, daß sich der Ausschließung der jüdischen Jugend aus den staatlichen Lehranstalten nun auch eine in. aller Stille vor sich gehende Verfolgung oder zumindest beträchtliche Einschränkung der reinjüdischen Schulen anschließen werde. Dies geht auch aus den Beschwerden hervor, die in der letzten Generalversammlung des jüdischen Landeslehrervereins laut geworden find. Nebenbei war dies seit dem Bestände des Vereines seit 45 Jahren die erste Generalversammlung, bei der es der Unterrichtsminister Ungarns nicht für notwendig fand, sich vertreten zu lassen. In dieser Generalversammlung wurde die Absicht der Unterrtchtslettung zur Sprache gebracht, die Staatsunterstützung der jüdischen Lehrer in Zukunft ganz einzustellen, was zur Folge haben müßte, daß zahlreiche jüdische Gemeinden ihre Schulen nicht länger aufrechterhalten könnten. Man verlangt nämlich von den jüdischen Schulen nunmehr auch einen Ausweis darüber, wie viele Ntchtjuden die Schulen besuchen und da die Zahl der nichtjüdischen Schüler von der durch das Gesetz zur Gewährung der staatlichen Unter-

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