Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 32-33 (24.8.1922)
- Date
- 1922-08-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite « Sir, Z3 u. SS Die orthodoxe Fraktion im Landtage wird jetzt ihre ganze Sorge und Arbeit darauf zu richten haben, wenigstens die religtösen Rechte der jüdischen Minderheit in Litauen im vollen Umfange zu retten, und hängt ihr Erfolg vornehmlich davon ab, ob sie die anderen jüdischen Kreise, in diesem Bemühen unterstützen oder ihr, wie schon oft, gar in den Rücken fallen. Die Dinge in Litauen sind noch so ungeklärt, daß man nichts von vornherein als absolut sicher oder unmöglich bezeichnen kann. Kowno, 1. August. Der Sejmbeschluß vom 27. Juli wurde nicht aufrechtsrhalten. In den nächsten Sitzungen nahmen die interessierten Fraktionsführer, insbesondere Minister Soloweitschick und Dr. Rachmilewitsch, noch einmal den Kampf für das Recht der nationalen Minderheiten aus, mit dem Erfolge, daß die ganze Verfassung, einschließlich der die jüdische Autonomie betreffenden §§ 75 und 76 angenommen wurden, Punkt 75 freilich nur mit 24 gegen 21 Stimmen. Ein Abänderungsvorschlag Rachmilewttschs im Namen des „Achduth" auf Miteinbeziehnung der religiösen Belange in die nationale Autonomie stieß auch auf Gegnerschaft bei den linksstehenden jüdischen Deputierten und wurde abgelehnt. Einen anderen Antrag auf Sicherung der Rechte der jüdischen Sprache wurde von den litauischen Wortführern mit Hinweis darauf abgelehut, daß die Sprachenfrage in einer besonderen Deklaration an den Völkerbund ihre Erledigung finden soll. Die Annahme der Konstitution gab in Kowno Anlaß zu neuerlichen festlichen Kundgebungen, nachdem erst einige Tage zuvor aus Anlaß der Ratifizierung des litauischen Staates durch Amerika Festzüge veranstaltet worden waren. Die jüdische Bevölkerung, richtiger die Zionisten, organisierten noch außerdem zwei Tage vorher eine festliche Demonstration mit Fahnen und Reden und Musik auf dem Paradeplatz zu Ehren des angenommenen Palästinamandates. Am Abend nach Annahme der Verfasiung im Sejm legten die jüdischen Deputierten in einer großen jüdischen Volksversammlung Rechenschaft ab über ihren nun ausgefochtenen Kampf um die jüdische Autonomie. So steht denn Kowno mitten in der Brandung innerpolittscher Geschehnisse. Tief bedauerlich ist es, daß in diesen bewegten Zetten die Orthodoxie, die am Kampfe nach außen stark beteiligt ist und außerdem noch einen nicht gerade leichten Kampf nach innen zu führen hat, kein öffentliches Organ besitzt, nachdem „Das jüdische Leben"' aus finanziellen Gründen zeitweilig sein Erscheinen einzustellen gezwungen war. Die öffentliche jüdische Meinung inKowno und Litauen beherrscht zur Zeit das ziemlich radikal gerichtete zionistische Organ „Die jüdische Stimme" ganz allein. Schlägl? Du meine Juden . •. Kowno, 8. August. Die Kownoer Hochschule existiert erst in der Idee, tm Projekte, höchstens in einigen Kursen, die als Grundstock dienen könnten. Aber schon hat sie eine Juden Verordnung: es sollen nämlichjüd ischeStudenten aus Lettland keine Aufnahme in die Hochschule finden. Es ist darin eine Gegenmaßregel gegen Lettland zu sehen, das, allen Bemühungen zum Trotze, jüdischen Studierenden aus Litauen den Zugang zur Rigaer Universität verwehrt. Man sieht, die Randftaaten haben manches von ihren bisherigen Herren und Beschützern gelernt. Volsn, Das neue polnifdie HJaftlgefefc und die Seumroahlen. Warschau, 1. August. Der Landtag hat das Wahlgesetz auf Grund dessen am 5. November ds. I. Neuwahlen zum Seym stattftnden sollen, nrm- Der Israelit mehr endgültig angenommen. Die nationalistisch-» reaktionäre Mehrheit hat' mit diesem Gesetze alle Hoffnungen auf eine den Frieden mit den nationalen und politischen Minderheiten ermöglichende Entwicklung zu Nichte gemacht. Durch eine raffiniert ausgeklügelte Wahlkreis- Geometrie ist den nationalen Minderheiten jede Möglichkeit genommen, auch nur ein Viertel der ihnen nach ihrer Verhältntszahl zukommenden Sitze im Parlament zu erlangen. Und die Juden werden im günstigsten Falle im nächsten Landtag immer dazu verurteilt sein, durch Reden und hinter den Kulissen geführtes Schtadlanus die schlimmsten Härten der polnischen Verwaltungspolitik zu mildern und an das Gewissen der Parteien in derOeffentlichkeit zu appellieren. Allein die Lage ist so schwierig, daß selbst eine zur Erfüllung dieser Ausgabe ausreichende jüdische Fraktion voraussichtlich nur dann zustande kommen kann, wenn die jüdischen Parteien sich beim Wahlkampf miteinander verständigen. Grundsätzliche Geneigtheit hierzu, die durch die Verhältnisse erzwungen wird, besteht auf allen Seiten, allein schon beginnt man im zionistischen Lager durch Sonderaktionen die Möglichkeit einer solchen Verständigung aufs schwerste zn gefährden. In einer von der Jüdischen Gemeinde in Biala zusammen mit einer Reihe orthodoxer Verbände soeben veröffentlichten Erklärung wird feierlich dagegen protestiert, daß die zionistischen Abgeordneten im Wahlkreis Biala eine Agitation zu entfalten suchen, bevor noch die Verhandlungen der Zentralverbände über eine gemeinsame jüdische Wahlbewegung zu einem positiven Ergebnis gelangt oder gescheitert sind. Man darf unter diesen Umständen nicht mit all' zu großer Sicherheit aus das Gelingen der Verständigung rechnen, denn das zionistische Vorgehen zwingt automatisch auch dir Orthodoxie, ihre Kräfte zu mobilisieren. Ist aber die Wahlmaschinerte einmal geschaffen, so gelingt ein Abbau erfahrungsgemäß nur sehr schwer. Das neue polnifdie Ministerium Warschau, 3. August. Der neue Minister-Präsident, Prof. Novak hat den jüdischen Abgeordneten erklärt, er stehe aus dem Boden absoluter Gleichberechtigung ohne Unterschied der Religion und der Raffe. Die jüdischen Abgeordneten legten in ihrer Erwiderung besonderen Wert darauf, daß die gegenwärtig bestehenden Schwierigkeiten bei der Anerkennung der polnischen Staatszugehörigkeit für hunderttausende von Juden, die seit Jahrzehnten in Polen wohnen, endlich beseitigt werden. Auch set es an der Zeit, daß die noch aus der russischen Epoche in Kraft befindlichen Rechtsbeschränkungen der Juden auf verschiedenen Gebieten in aller Form abgeschafft werden. Der Ministerpräsident sagte die Erfüllung der geäußerten Wünsche zu. 9ur Trage des lüdilchen well - Noirgrestes. Warschau, 3. August. Der „Jud" nimmt in einem Leitartikel entschieden ablehnend zu der von amerikanischzionistischer Seite neuerdings stark propagierten Idee eines allgemeinen jüdischen Weltkongresses Stellung. Bei der innigen Verflochtenheit der meisten jüdischen Probleme mit religiösen Fragen könne sich die Orthodoxie den Mehrheitsabstimmungen und sonstigen Fährltchkeiten des Parlamentarismus in grundlegenden jüdischen Fragen nicht unterwerfen. Schon die bloße Tatsache einer „Abstimmung" über religiös bedingte Angelegenheiten sei für sie einfach ein Verrat. Das gelte insbesondere für das Erziehungsproblem, sowohl in Erez Jisroel, wie in der Diaspora, das auf einem jüdischen Welt-Kongreß zweifellos einen breiten Raum einnehmen würde. Ein allgemeiner Mischer Kongreß set höchstens bafttt diskutabel, wenn er sich absolut in j>en Grenzen der wirtschaftlichen Auf- _ 24. August 1922 häU-Aröeit halte und dabei von vornherein jeden Konflikt mit irgend welchen religiösen Ueberzeugungen ausschließe. Die Pogrompanik in Mlawa. Warschau, 20. August. Ueber die Vorgänge in Mlawa wird rnitgeteilt, daß der Hauptagitator ein aus Amerika zurückgekehrter Pole namens Turowsky ist, der unter den Augen der Behörde die Bauern zu Gewalttaten gegen die Juden aufreizr Am betreffenden Sonntag hatte die Hetze den Erfolg, daß zahlreiche Juden, auch Greise, Frauen und Kinder, auf der Straße schwer mißhandelt und Fensterscheiben jüdischer Häuser in großer Menge etngeschlagen wurden. Der Rädelsführer Turowsky droht, die „Hauptarbeit" erst am nächsten Dienstag, an dem aus Anlaß eines katholischen Festes großer Kirchgang ist, zu verrichten. Die Juden der Stadt verleben furchtbare Tage in Angst und Schrecken und finden bei den Behörden beruhigende Worte, aber wenig aktive Hilfe. Die Atzung des öenfralfmmifees der polnifdien Dgufla. Warschau, 20. August. Eine Konferenz der Schlome Emune p Jsroel, an der sich eine große Anzahl bedeuten- 1 der Rabbiner und angesehener Mitglieder beteiligen, hat hier ihre Arbeiten begonnen. Auf der Tagesordnung stehen neben der Berichterstattung über die Tätigkeit der Aguds, die russische Hilfsaktion, die bevorstehenden Landtagswahlen und die Palästinaarbeit, auch ein Referat über die Religionsverfolgungeu in Sowjet- Rußland, sowie die Wahl von 8 Vertretern in den Zentralrat der Weltorganisation der Agudas Jtsroel. Eröffnet und begrüßt wurde die Sitzung von Herrn I. M. Lewtn, zum Präsidenten wurde der Rabbiner aus Sanok, Rabbi M. Schapiro, gewählt. Der erste Verhandlungstag wurde mit einem Bericht über die Tätigkeit des Verbandes seit der letzten Tagung ausgefüllt, der besonders aus dem Gebiete der Erziehung viel Ersprießliches geleistet hat. Eine rege Tätigkeit wurde auch für Rußland entfaltet und im Einvernehmen mit dem Zentralrat der Agudas Jtsroel auch in und für Palästina. (Ausführlicher Bericht folgt in den „Blattern"). Allgemeiner Safttag. Wilna» 10. August. Das Wilnaer Rabbinat hat unter Hinzu* ziehung auswärtiger Rabbiner und des „Chofez Chajim" beschlossen, mit Rücksicht auf die Not in Rußland und anderswo den Rüstetag zu n"*i zum allgemeinen Fasttag für den gesamten Osten ausgerufen. Im Aufrufe - wird damit gerechnet, daß sich auch Gemeinden der Weftländer der Verordnung anschließen. Ungarn. 6raf Belhlen gegen Sie anfifemitifdie prelle. Budapest, 10. August. > Ministerpräsident Graf B e t h len hat vor einigen Tagen die Redakteure der regierungsfreundlichen christlichen Presse zu sich gebeten und ihnen nahegelegt, daß die Zeitungen für die Teuerung nicht die Juden und die Banken verantwortlich machen dürsten, wie dies hin und wieder geschehe. Denn durch derartig allgemeine Verdächtigungen werde der Antisemitismus gezüchtet. Er denke nicht daran, die freie Meinungsäußerung der Presse einzuschränken, aber er könne einen bösartigen antisemitischen Ton nicht weiter dulden. Die Staatsanwälte seien beauftragt worden, jene Blätter, die sich konfessioneller Verhetzungen schuldig machen, aufs schärfste zu überwachen und gegen sie eventuell vorzugehen. Volks- und Soiferjufli? in Ungarn. Budapest, 15. August. Die Verhandlungen gegen die Mörder Landaus bringen so viele Scheuslichkeiten an den