Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 32-33 (24.8.1922)
- Date
- 1922-08-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Veile 2 fix. 22 u. SS Der I-raektt. 24 AuguftlE in ihren Händen befindlichen Entwurfs vorzubringen hattenum ein gemeinsames Borgehen zu ermöglichen. Eine Antwort erfolgte nicht. Dagegen verlas der Delegierte des Halberstädter Verbandes bei der Tagung selbst eine Absage an den neuen Verband, die eine Kriegserklärung bedeutete. Wäre von dieser S^kte statt defien gemeinsam mit uns anderen konservativen Delegierten ein Antrag auf Ausmerzung des p a s s i v e n Wahlrechtes der Frauen erfolgtso wäre er nach meiner Kenntnis der Dinge wohl -urchgegangen. Nach Verlesung der Halberstädter Erklärung war das leider nicht mehr zu erzielen. Ich habe pflichtgemäß einen bezüglichen Antrag gestellt, blieb aber damit, wie vorauszusehcn, in der Minderheit. Was das aktive Wahlrecht der Frauen anlangt, so wird der „Israelit" meinen Freunden und mir wohl gestatten, es solange nicht für gesetz- und religionswidrig zu halten, als das Gutachten von Prof. Hofmann sel. Angedenkens (siehe Jeschurun Bd. 6, S. 262 u. ff.) noch Ansehen und Geltung hat und behält. Schlimmer als die einzelnen Unrichtigkeiten, die der Artikel enthält, ist seine Gesamrten'denz. Der Artikel tut so, als ob es sich um einen Zwangsv erb and handle, nach dem Rezept der Rosin u.Machol sel. Angedenkens, während der Beisaffer doch genau weiß und wissen mutz, daß der Eintritt in den Verband ein freiwilliger ist und der Austritt jeder einzelnen Gemeinde jederzeit erfolgen kann. Daß diese Möglichkeit allein hmreicht, um jeglichen Zwang auszuschalten, ist selbstverständlich. D^e von dem „Israelit" in Aussicht gestellte zentrale Trnennung der Geun indebeamten ist also ein Schreckbild, das auch aus politische Kinder keinen Eindruck machen kann. Ich wünsche dem Halberstädler Verband alles Gute. Ich darf hier vielleicht darauf Hinweisen, daß seine Anträge auf Bildung eines Dachoerbandes durch mein Eingreifen statt der Ablehnung eine Verweisung an den Vorstand erfuhren. Aber für die gesetzestreue Richtung innerhalb der Grotzgemcinden war die Mitarbeit an dem allgemeinen Verband eine Notwendigkeit. Die bitterste Not herrscht in kleinen und mittleren Gemeinden, die Bildungsanstatten für Rabbiner, Lehrer usw. kämpfen um ihre Existenz) die der Wohlfahrtspflege gewidmeten Anstalten wiffen nicht mehr aus noch ein. Auch noch so rühriges Hantieren mit dem Klingelbeutel kann nichts mehr nutzen. Hier kann nur die rasch einfctzende Aktion eines großen, starken Verbandes helfen, der von der Gesamtheit gebildet werden muß. Wenn die Nor der Stunde uns zwingt, in diesem Verbände auch mit Frauen als Delegierten zusawmenzuarbeiten, so werden wir uns angesichts des großen Zweckes damit ebenso abfinden müffen, wie es in diesen Zeitläuften die großen Rabbiner in Litauen und Polen tun müssen und tun." Die ersten beiden Absätze dieser Ausführungen,! die wtr aus Gründen der Loyalität zur Kenntnis ^unserer Leser bringen, fußen auf ganz falschen Voraussetzungen. Wir haben mit genügender Deutlichkeit hervorgehoben, daß wir in dem Versuche, den Gemeinden ein bestimmtes Wahlrecht (sei es auch zufällig das uns sympathischste) aufznoktroyieren einen deutlichen Fingerzeig für die zentralistische Tendenz des neuen Verbandes erblicken, die die Gemeinde-Autonomie schließlich begraben wird. An dieser Feststellung kann keine Verherrlichung der Demokratie etwas ändern. Die Berliner Herren haben durch ihren Antrag nun einmal dokumentarisch bekundet, wie wenig in ihren Augen die Gemeinde-Autonomie wert ist, wenn es sich nicht zufällig um die Selbständigkeit — Berlins handett. Unter „kulturellen" Angelegenheiten verstehen wir „Kultus und Unterricht", hieran ist also nichts zu berichtigen. Daß die Gemeinde-Orthodoxie sich mit der in ihrem Geiste klug erdachten Institution der begutachtenden „Kultus-Ausschüsse" begnügt, ist nicht verwunderlich/ sie hat sich ja mit dem Gedanken einmal „abgefunden" — genau wie mit dem passiven Frauenwahlrecht —, daß der in der Neologie organisierte Abfall vom Judentum eine vollberechtigte Spielart der jüdischen Religion sei und glaubt eine gewaltige positive Leistung vollbracht zu haben, wenn sie für sich selber neben dieser offiziellen Richtlinien-Religion gleichberechtigte Anerkennung erringt und behauptet. Aber wenn dieses traurige „Sichabfinden" nun schon einmal in den Einzel gemeinden zur Gewohnheit geworden und gar nicht mehr als Entweihung empfunden wird — muß das gleiche System nun auch in einem Gesamtverbande preußischer Gemeinden als alleinseligmachendes Heilmittel für alle Nöte der Zeit verkündet werden? Welche Rolle die Herren Nabbinen — insbesondere die konservativen — in diesem Verbände spielen werden, läßt sich ohne große Phantaste aus dem überragenden Einfluß des Berliner Rabbinats auf die dortige Gemeindeverwaltung ohne weiteres deduzieren. Ist ja in dem neuen Verbände — nach seiner ganzen Verfassung — Berlins Stellung noch wesentlich einflußreicher als im D. I. G. B. Demgegenüber ist es ein überaus schwacher Trost, wenn Herr Loeb, der — tempora mutantur — dereinst zu den tapfersten Kämpen im Streite gegen die Organisationsversuche des D. I. G. B. gehörte, nunmehr den fr et willigen Charakter des neuen Verbandes betont. Diese'„Freiwilligkeit" erinnert sehr starkan die„Freiheit" des individuellen Arbeitsvertrages, den die Manchesterpolitiker von jeher festhielten, um den der „Freiheit des Verhungerns" sich erfreuenden Arbeiter desto sicherer der Gewalt des Kapitalismus zu unterwerfen. Diese selbe Freiheit des Verhungerns hat auch jede preußische Kleingemeinde, die sich dem Diktat des Verbandes bezw. der Berliner Großgemeinde nicht unterwerfen will, und es ist einzig und allein die Existenz des „Bu ndes.gesetzestreuer Gemeinden", die ein Bollwerk gegen den Berliner Gemeinde- Imperialismus mit all seinen lebenbedrohendön G fahren schafft und den Gemeinden ein » Stückchen Freiheit, dem Thoragesetz ein Stätte unbestrittener Geltung sichert. Das letztere hat Herr Loeb selber durch seine Berufung auf die „Not der Stunde", die ihm die Unterwerfung unter eine von ihm selbst als gesetzwidrig erkannte Verfassung ab nö ti g e, wider Willen anerkannt. Im übrigen wird sich ja in wenigen Jahren zeigen, ob der „Not der Stunde" durch die löbliche Unterwerfung unter das religiöse Diktat der liberalen Millionäre in der Tat abgeholfen sein oder ob innerhalb des Berliner Verbandes der stolze Wille zur unbedingten Gesetzestreue nicht für ein Linsengericht umsonst vertan sein wird. nsT D'a1’- Wochelmmdschau. Hut aus! Daß jeder Unfug der Zeit auch in jüdischen Kreisen raschen Eingang findet, gab schon den Propheten Anlaß zur Klage nnd Mahnung. Es hat sich leider darin nicht viel geändert. Man kann es dem Geschmacke des Einzelnen überlassen, die neue Mode des hutlosen Einhergehens für Herren schön oder häßlich zu finden. Für uns Juden ist es aber keine Frage der Mode, Aesthstik oder des Geschmackes, sondern eine Sache der Tradition, des religiösen Gefühls und der alten frommen Sitte, und wer die Hutlos daherlaufend n jüdischen Jünglinge in Stadt und Land sieht, begreift erst die Dezisoren, die im üfi 'lvü auf öffentlicher Straße ein Blparr erblicken. Es ist hier nicht der Platz, die halachische Seite der Frage zu erörtern. Aber das sichere Gefühl sagt uns schon, daß das Hutlose Umherlaufen im höchsten Maße unjüdisch ist, ganz abgesehen davon, daß des Juden Tagesleben eine Art Gottesdienst ist, der bei jedem Genüsse und jeder Naturerscheinung einen Segensspruch erheischt) daß der Jude des Höchsten Lob also auch auf der Straße beständig im Herzen und bei jeder Gelegenheit auch im Munde haben muß. Es gibt Leute, die hygienische Rücksichten geltend machen) der Kopf dürste, wenn er seinen Funktionen voll Nachkommen soll, nicht dem Einflüsse von Sonne, Licht und Lust entzogen werden. Nun haben wir bereits etliche Jahre Hutlosigkelt) wieviel große, hervorragende Köpfe haben sie uns gegeben, im Vergleiche zu den Jahren, da man — in jüdischen Kreisen — noch im innersten engsten Gemache sich nur bedeckten Haupt s bewegte?! Gewiß ist die Kopflosigkeit Kleines Feuilleton. Aron Markus Ingendjahre. Der bekannte, hochbegabte und gelehrte chassidische Schriftsteller Aron Markus, den vor einigen Jahren in Frankfurt a. M. das Zeitliche segnete, war bekanntlich ein geborener Hamburger. Die eigentümliche Verkettung von Umständen, die den Jüngling aus dem Hamburger Milieu in den dichtesten chassidikchen Osten führten, waren bisher nur einem engen Kreis von Eingeweihten bekannt. In einem Wiener Blatte veröffentlicht nun G. Eman einen interesianten Brief von Aron Markus selbst, worin dieser über seine Jugendgeschichte folgendes schreibt: „Mein Werdegang ist folgender: Ich bin hochgeboren, nämlich im dritten Stock der Elbstraße in Hamburg, in dem damaligen Ghetto, am 13. Januar 1843. Die Hamburger „Kcyilla" war damals nicht nur dem Ritus nach, sondern auch in ihrer Bevölkerung vorwiegend polnisch. Tie Gemeinde, in welcher noch die Tradition der berühmten, seit 1648 bis 18-0 ausnahmslos polnischen Rabbiner fortlebte, war das Asyl von unzähligen Gelehrten. Verachtet waren die „Süd. deutschen" wegen ihrer großen Unwiffenheit. Der Chacham Berrwys, dem Rabbiner Samson Raphael Hirsch seine Schulung verdankt, hatte den ersten Versuch zur Bereinigung der alten und neuen Richtung durch Errichtung der „Talmud-Thoraschule" mit modernem Unterricht gemacht. Wie mir mein seliger Talmudlehrer an bieder Schule, Rabbiner Löb Adler, erzählte, war der erste Lehrer, Rabbiner Josef, angewiesen, die Bibel aus Mendelsohns Uebersetzung? zu unterrichten. Da stand nun als Uebersetzung von „Bereschit' in jüdisch-deutschen Lettern: „Im Anfänge", das „e" mit einem „Jor". Er las also: Jm„Ansangi", warf aber das Buch wegen des Protestes der Schüler, wie auch aus eigener Indignation weg, da „im Anfangt" weder jüdisch, noch deutsch sein kann. Schuldiener war Awrohm Schammes. Der erhielt nun vom Vorstände den Auftrag, sich fortan nur „Kustos" titulieren zu lassen. Er versammelte also die Schüler und sprach: „Ihr dürft mich nicht mehr R. Awrohm Schammes rufen; ich heiße von heute an nur „Kristus". Dieser „Kristus" halte für Exekutionen in der Schule, die zu seinen Obliegenheiten gehörten, eine neunschwänzige Katze. Bet einer solchen Amtshandlung rief er den verurteilten Schüler aus der Bank mit den Worten: „Kümm' nur aher, mi onouchie, wer bist du? Du Chaserhoor"! Zu meiner Zeit gab es schon einen modernen KustoS, der bereits, wenn auch mit Mühe, seinen Namen deutsch unterschreiben konnte. Meine Mutter hatte eine genügende Schulbildung genossen, sie war eine gebürtige Hamburgerin. Meine Großmutter, eine attjüdische,. liebenswürdige Greisin, war die Enkelin eines Londoner Maure-Zedek, deffen gelehrter Vater während der Judenverfolgungen im 17. Jahrhundert aus Polen nach London geflüchtet war. Der Sohn war nach Berlin als Rabbiner berufen, starb aber aus der Reise in Strelitz. Mein Vater war aus Poisern in Grotzpolen an der preußischen Grenze, wo die Familie alt eingesessen ist. Durch die Franzosen wurde das Städtchen -4n Brand geschaffen, wobei wein Großvater infolge Ueberanstrengung bei der Löscharbett umkam. Früh verwaist, flüchtete mein Vater im polnischen Revoiutionskrtege 1831 nach England, kam später nach Hamburg und heiratete dort meine Mutter. Mein Vater war ein schlichter Handwerker ohne Schulbildung) aber erfüllt von altjüdischer, inniger Religiosität, hatte er merkwürdigerweise ein tiefes Verständnis für die Lehren d»s seligen Ehacham Bernays. Ich wurde schon zu Hause sehr frühzeitig zum Lernen angchalten und konnte im Aller von 3l/a Jahren bexeitä perfekt hebräisch und deutsch lesen, wurde aber erst „ausnahmsweise" in die Schule ausgenommen. Als ich sechs Jahre alt war, mußte mein Vater wieder von Hamburg nach England zurückkehren. Ich und meine Schwester, Mirjam MarcuS — die erst vor zwei Jahren ihr 40 jähriges Jubiläum als Direktorin der Israel. Töchterschule in Hamburg feierte — wurde zu Pflegeeltern gegeben, da meine Mutter seligen Andenkens in meinem fünften Lebensjahre gestorben war. Ich habe viel Elend gekostet, warf mich aber umso eifriger aufs Lernen. Der Leiter der Talmud-Thorcrsckmle, Dr. Samuel Nathan, war das Musterbild eines pflichtgetreuen, ausgezeichneten Lehrers. Der Lehrplan der Schn c war hauptsächlich aus das Jüdische eingerichtet. Da ich immer der Primus der Klaffe war und nur wegen meiner Jugend — vor dem neunten Lebensjahre war dies nicht gestattet — nicht in die erste (heute sechste Klasse) etnrücken konnte, nahm ich dock auch mit den Borzuasschülern am Talmud-Unterricht teil, den ich schon im Alter von sechs Jahren bei einem Lehrer ältesten Schlages, R Lewi, mit Erfolg zu betreiben begonnen hatte. Französisch erlernte ich allein, nach- < dem mir in meinem siebenten Lebensjahre ein französisches Lehrbuch, der „Ahn", geschenkt worden war. In der Bibliothek meines Onkels fanden sich französische Bücher und viele Gesitztchtswerke, wie auch Romane, die ich mit Heißhunger verschlang; ich wurde ein vollendeter Bücherwurm. Von der Medtjin fühlte ich mich so angezogen, daß mir Dr. Benny Cohn (einst Bismarks Hausarzt, der auch zu meinem Onkel ins