Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1922)
- Date
- 1922-08-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2450189-2450219--69941-2527163- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Lehmann in Rlainz 63. Jahrgan«. franWurt a. M., den 8 August 1922 9. Ab 5682 M »t Abonnement pro Vierteljahr: Deutschland S. d Postamt, sowie b. direkt. Bestell, u. Rechnungserteil, durch d. Verlag M. 22.50 wertest., Volks sch.-u. Reltgtonsl. sow. KulirrSSeavite tn. -tt.lM.il.26 viertest., außerd.bewegl.MonatSzschl.gem.Druck-u.Papierpr.(JuliMk.2.50-ezw. Mk.1.25) Dschecho-Slowakei Kr.15—, Ungar« Kr. 100.—, viertest., Deutsch Oesterreich Mk.36.—, Pole« (nur in deutsch. Reichsmk.) Mk. 40.— viertelj., Rumänien 18 Lei, Holland fl. 1.25. Skandiuav. Kr. 2.50, Schweiz fS. 1.80, Frankreich u. Belgien Fr. 6.—, England 1 sh. S p.f Amerika 1 Doll, viertest. Einzelnummer 2.50 Mk. Der Israelit erscheint jeden DonnerStag Inserate Mk.10.—, sürStellensuchendeMk.6.—, für die sechsgesP.Col.'Z. elnschl.TeuergSzschl.: AuSl.-Jns. Mk 25.- vro Zeile. Raö.n. Daris. Bei lauf.Jnseratanftr.tarism. Preiserhöhung jederz. vorveh. Jnserätenannahme durch den Verlag des Israelit G.m. b. H., Frankfurta-M., Gr. Eschenheimerstr. SS, Del. 5843, Amt Hansa, sowie samt!. Anuoncen-Exped. deS In- und Auslands. Plahvorfchriften ohne Verbindlichkeit. Zahlungen außer direkt an den Verlag — Postscheckkonto Frankfurt a. M. Ro. 19808 - erfolgen au: Postsparkaffe Wien Ro. 79 605 Postsparkaffenamt Budapest No. 184S4 Postscheckamt Zürich Sir. VIII T*54 Postscheckamt Amsterdam No. »4 869 Böhmische Unionbank in Prag Banca Bamarosch Blank ft Go. in Bncarfcftf Filiale deS Wiener Bankvereins in »gram ver NackSruck Ser Artikel un9 Correfponaenjen Oes //Israeli!“ m nur unter genauer Quellenangabe, un9, foroeif es fldi um größere flufibe fianOelf, nur nach norfteriger Genehmigung gellalle!. 1. Leitartikel: Dr.Rabb.I.Weinberg, Gießen: Die Bereinigung von Thoragelehrten und Arbeitern. — 2. Homiletik: Der Trost der Geschichte. — Die Bartationeu in den ersten und zweiten nnnn nach bettt "ijj> ^5. — 3. Kleines Feuilleton: Das tote Meer und die Salzproduktion. — Das Heilmittel. — (Ausgrabungen in Erez Jisroel). — 4. Wochenrundfchau: Waisenerziehung in Erez Jisroel. — Erinnerungen und Mahnungen aus der ukrainischen Hölle. — 5. Aufsätze: Dr. Max Grunwald, Berlin: Die „Milah" als allein vollwertiges national-jüdisches Merkmal. — Aus den Lebenserinnerungen eines jüdischen Politikers. — tz.Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin (Die Abzugsfähigkeit der Gemeindesteuern). — Karlsruhe (Die neue badische Verfassung). — Berlin (Jüdische und christliche LiebeStätigkeit in juristischer Beleuchtung). — Breslau udenverfolgungen in Kattowitz?). — Budapest (Der ampf zwischen Hejas und der ungarischen Regierung. — Ein neuer Prozeß). — Straßburg (Vereinigung jüdischer Akademiker). — London (Nach der Bestätigung deS Mandates). — New-Aork (Australien als Einwanderungsgebirt). — New»Z)ork (Vom amerikanischen Reformjudentum). — New.Aork (Jüdische Farmer in Amerika). — Washington (Die Hilfe des amerikanischen Volkes für Rußland). — 7.Personalien. — 8. Vermischtes. — 9. Briefkasten. — 10. Frankfurter Berichte — 11. Vereinskalender. — 12. Gebetzetten. — 13 Feuilleton-Beilage: Verschollene Brüder. — Die Barmherzigen. — Die Pekidtm und Amarkalim. — Kinderecke (Moschtach). — Rätsellösungen. Die Vereinigung von Thoragelehrten und Arbeitern. Bon Rabbiner I. Weinberg in Gießen Aus Anlaß der in Nr. 39 unseres Blattes gemeldeten Gründung einer agudistischen Arbeiter-Organisation in Polen hat der Verfasser im Warschauer „Jud" den nachfolgenden gedankenreichen Aufsatz veröffentlicht, den wir nach dem jüdischen Original mit einigen unwesentlichen Kürzungen hier wiedergeben. In Warschau ist in den letzten Wochen eine Organisation ins Leben gerufen worden, die auf dem Boden des jüdischen Gesetzes Arbeiter und Angestellte sammeln soll, um im Namen der jüdischen Ethik, der jüdischen Gerechtigkeit die materiellen und geistigen Interessen der Arbeiter und Angestellten zu vertreten. Es ist einstweilen ein Anfang, ein kleiner Anfang,- aber alles Große wird aus Kleinem geboren, und es läßt sich nicht ermessen, welche Entwicklung daraus erwachsen kann. Vielleicht würde es einer religiösen Partei von Talmide Chachomim undArbeitern gelingen, das schwere Arbeits- Problem zu lösen, den großen jüdischen Traum der allgemeinen sozialen Gerechtigkeit zu verwirklichen. Wem denn sollte dies gelingen, und wer taugt dazu, wenn Nicht dir Enkel und Erben der großen Propheten? Unsere Propheten, die als die ersten an eine Zeit des Glückes und der Freude für die ganze Menschheit geglaubt haben, konnten sich diesen Zustand nur als Wirkung eines allgemeinen sittlichen Aufschwunges vorstellen, der jede Ungerechtigkeit , besser jeden Trieb zum Unrecht, jede Neigung zur Unterdrückung anderer, überwindet. „Die ganze Menschheit wird frei sein und glücklich." Nicht begnügen darf man sich mit der Freiheit des Knechtes, der den Herrn verdrängt und sich an seine Stelle gesetzt hat, nicht begnügen mit dem Glücke der Unterdrückten, die das Joch abgeworfen und es ihren ehemaligen Unterdrückern aufgelegt haben — nein: Der Unterdrückte darf nicht zum Unterdrücker werden. „Keiner wird dem Andern übles tun und es wird kein Seufzen und kein Wehegeschret mehr vernommen werden auf der ganzen Erde." Das Glück des Einen kann nicht aufgebaut werden auf dem Unglück des Andern. Nicht darf aus dem Schafe ein Wolf werden, auf daß neue Leiden und neue Opfer und neue Gewalttaten emporwachsen, nein: die Bosheit soll verschwinden wie der Rauch, die Träne wird verschwinden von jedem Antlitz und die Gerechtigkeit wird dahinströmen wie ein Wasser und fließen wie ein offener Quell. Seit der Zeit, da die Propheten ihre befreienden Gedanken verkündet haben, ist das Gewissen der Menschheit sozusagen aufgeweckt worden. In ihrer Seele herrscht eine unaufhörliche Unruhe und Unzufriedenheit. Am meisten ist davon die jüdische Seele betroffen. Im Verlauf der Jahrtausende haben gerade Juden unzählige Versuche gemacht, um die Herrschaft der Gerechtigkeit zu verwirklichen. Mit unglaublicher Zähigkeit wiederholen sich diese Versuche immer wieder aufs Neue. Alle Versuche, die im Laufe der Geschichte gemacht worden sind, um allgemeine Menschenbeglückung zu schaffen, um alle Unterdrückten und Beleidigten aus dem Staube zu erheben, sind dem Wesen nach nichts anderes als Umgteßungen des großen prophetischen Gedankens in neue Formen, in neue Gestaltungen und Farben. Die ganze Glut der Begeisterung bei allen phantasievollen Menschenbefreiern und Weltenbeglückern ist nichts als ein abgesprungener Funke des heiligen Feuers, das die jüdischen Propheten entzündet haben. Wäre dem nicht so — wie hätten sie einen so ungeheueren Einfluß auf jüdisches Denken ausüben, so bezaubernd auf die jüdischen Herzen wirken können? Sogar die große Sintflut, die in unserer heutigen Zeit ein gewaltiges Erdreich verwüstet und ohne Unterlaß tausende und hunderttausende menschlicher Wesen verschlingt, auch diese unbarmherzige grausame Sintflut strömt durch lange, lange Kanäle, durch verschlungene, verzweigte unterirdische Wasserläufe aus dem großen Quell jüdischer Prophetie. Nur so ist ihre Kraft und ihr Zauber zu verstehen. Und dennoch sehen wir mit Wehmut, welche Verwüstung die so entfachte Kraft anrichtet, welche Verzweiflung dieser Zauber hervorgebracht hat. Seufzer und Wehklagen haben nicht, wie es die Propheten verkündet, aufgehört — sie gellen furchtbar in unsere Ohren! Die Menschen laufen wie wahnsinnig herum und verhöhnen die Gerechtigkeit. Tränen werden nicht getrocknet, sondern man badet in ihnen. Die „Gerechtigkeit" strömt nicht wie ein stilles Waffer dahin, sondern sie wogt wie eine Sintflut von schäumendem Blut. Ist dies der prophetische Gedanke? Nimmermehr. Es ist nichts weiter als eine schlechte Materialisierung einer heiligen Idee, die ihren adaequaten Ausdruck gesucht, aber nicht gefunden hat. Ist das ein heiliger Idealismus, ein heiliges Feuer aus dem jüdischen Heiligtum? Nein. Bloß ein abgesprungener Funke, den ein sinnloser Sturmwind losgertssen hat. Fließt diese Sintflut aus jüdischem Quell? Jetzt schon nicht mehr. Der Strom hat sich in seinem langen Lauf mit der Erde aus lehmigem Boden vermischt. Er hat sich getrübt und verwandelt. Statt daß der „Wolf neben dem