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Der Israelit · 1922-07-27 · Heft 30 (27.7.1922) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 30 (27.7.1922)
Date
1922-07-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Feuilleton-Vellage zv Ar. 30 des „Maeltt". Verschollene Vrüder ^y r. eine Salafdiagefdifdife aus Ser kegenwarl. (Fortsetzung.) XXIV. Nach Jerusalem. In der Nacht vor dem feierlichen Einzug in Jerusalem scheuchte Salomo den Schlaf von den Augen und lauschte fieberhaft, ob nicht von irgendwoher die Posaune ertönte, ob nicht vom Oelberge die „Fahne zur Sammlung" geschwungen werde. Als mir dem Morgen nur englische Trompeten Appell bliesen und Trommelwirbel die Truppen sammelte, schloß er enttäuscht die Augen. Auch die Legron formte sich hinter dem Stabe, aber Salomo überließ die blauweiße Fahne mit dem goldenen Dawidstern einem anderen. Die Kapellen spielten abwechselnd die englische Königshymne und Choräle aus dem Psalter, als die Spitzen der endlosen bunten Trupp mkette, von der Ebene Rkphaim hnkommend, in Oie Gaffen der griechischen Häuserkolonie einbogen. Dazwischen spielten die Musikanten, die der Jüdischen Legion voranschritten, das Hatikwohited, fast übertönt von mehr inbrünstigem, als harmonischem Gesänge der Legionisten. In derV deutschen Templer-Kolonie schien alles Leben erstorben, die Häuser waren verrammelt und die Erker der Kramläden herunrergelaffen. Am Bahnhof aber empfing viel Volk, je nach Nationalität, ängstlich zögern-, neugierig oder frohlockend, die Truppen. Die Straßen füllten sich, je mehr die Engländer in die Stadt etudrangen. Auf dem Deutschen Platze am Südweftabhange des Zionsberges machten die Truppen halt. Klänge der Musik ertönten und Generäle hielten kurze Ansprachen an die Truppen und an das Volk, oas zur Ruhe und Gehorsam gegen die englische Kommandantur, die Besitz von der Stadt genommen hätte, gemahnt wurde. Dann wurden die Soldaten uuf die Quartiere verteilt, für die man alle öffentlichen Gebäude in Beschlag nahm. Die Jüdische Legion wurde mit anderen Abteilungen in die großen Gebäude der verschiedenen Gemeinden und Vereine geschickt. Schulen und Heime wandelten sich rasch tn Kasernen, alle Hosp'ze und Vereinshäuser mußten Soldaten aufnehmeu. Fast all diese Gebäude tn der Jaffaftraße fanden die Engländer offen, da deren Insassen und Besitzer als oftomanische, deutsche oder österreichische Untertanen gefluchter waren oder in einem Verstecke die kommenden Dinge abwarteten. Ihrer viele standen nt irgend einem Verhältnis zum türkischen Militär und fürchteten die Grfangennahme. Nur in einem monumentalen Hause waren die Rollläden hochgezogen und aus den breiten, sauberen Frnstern schaute rühriges, ungestörtes Leben aus die Straße, dem Hause mu der Aufschrift „Schaare Zed ek-HojPttal." Vor dem Portale srund der Mann mit dein pechschwarzen Barte und dem schönen,hellen Gesicht, oen Salomo von der Zetr her kannte, da er ihn freundlich bewirtet harte. Mit entschlossenen Zügen stand der Mann vor dem Tore aufgepfianzt, als wäre er ein Stück von ihmwie ein General, der gewillt ist, den Posten zu hatten und kostete es auch das Leben. Ein Quariiermeister trat an ihn heran und fragte ln kurzem Dtensttone, ob Schwerkranke drinnen lägen, und ob noch Platz für Einquartierung sei." „Alle Betten belegt, bis auf Gänge, Speise- und Operationssaal", lautete seine ebenso kurze Antwort. „Sind auch feindliche Kriegsteilnehmer darunter?" „Es sind wohl welche, Deutsche und Oesterreicher, dabei, aber auch Engländer. Wir kennen keine Feinde und keine Krieger, nur Kranke, denen wir helfen wollen." Der Offizier sah dem Arzt scharf ins Auge „Wohl selbst ein Deutscher?" „Ja, Herr, und schon viele Jahre auf diesem Posten." „Und Sie wagten es, hier zu bleiben bei unserem Einzuge?" „Auch unsereiner, Herr, kennt den Dienst. Ich weiche nicht vom Platze," gab der Arzt scharf und entschieden zurück, „als bis der letzte meinem Schutze anvertraute Patient, sei er Deutscher oder Engländer, Jude, Christ oder Mohamedaner, geborgen ist." „Sie wagen eine scharfe Sprache . . . Sind Sie deutscher Militärarzt mit Offiziersrang?" „Nein, ich verließ während des. Krieges, dieses Haus nicht und möchte es auch jetzt als letzter verlassen." „Und wenn wir das Haus räumen und es als Offiztersklub oder englisches Lazarett in Beschlag nehmen?" „Dann gehe ich mit meinen Patienten. Aber die Herren bedenken, es sind Schwerkranke dabei, die einen Transport nicht ertragen. Ich folgte, lediglich im Vertrauen auf britische Ritterlichkeit gegen Schwache und Hilflose, nicht dem Beispiele Anderer, das Haus zu räumen..." „Ein pieksauberes Haus," sagte einer der Offiziere, „aber ein ebenso sauberer Kerl, der dieses Hauses treuer Hüter ist. Scheint mir ein ganzer Mann." — Ist die Anstalt von deutschem Geld erbaut und erhalten?", fragte der andere Offizier. Von jüdischen Geide in Deutschland und Holland." Er betonte das letzte Wort so scharf, daß die Unterstreichung den Engländern nicht entging und zeigte auch Dokumente vor. „Wir werden von einer Beschlagnahme absehen," sagte dann der Quarttermeister, „werden aber hier englische Verwundete unterbringen." „Und wir werden sie, soweit es in unseren Kräften stehr, liebevoll pflegen und heilen." Und die Herren gingen. Einer konnte es nicht unterlassen, dem Doktor beim Abschiede ganz unmilitärisch die Hand zu drücken ... Salomo, Zeuge des Vorganges, fühlte instinktiv, daß hier ein Strahl warmer Menschlichkeit mitten aus den grauen Nebeln des Kriegs herausleuchtete und freute sich, obwohl schwerer Kummer auf seiner Seele lastete.- Wie betäubt ging er die Straße hinunter bis Vet Hantna. Dort hatten früher die Jemeniten gearbeitet, die ihn als Abtrünnigen, von sich gejagt und mit Steinen nach ihm geworfen halten. Der Platz lag jetzt verödet da, die Straße halbfertig voll Geröll, Schutt und Steinhaufen. Hier weinte Salomo eine stille Träne und betete, als wäre der Steinhaufen der Grabhügel Jos)ef ben Menschulams. „Ich verzeihe dir, Joffes, alle Schmach, die du mir angeran, du hast tn deinem Sinne gerecht gehanoelt. . ." „Uno danken will ich dir vom tiefsten Herzen, du hast mich ins Land Israel geführt und mich in die Heiligkeit der Gebete wie der geweihten Stätten eingesührt..." Und plötzlich stand es Salomo mit erschütternder Gewißheit vor der Seele: Sie, diebetenden Jemeniten, waren Moschtachs wahre Soldaten. Und sie mußten sterben * . . Weil es noch nicht Zeit war ... Und jene, die jetzt im großen Schulgebäude rauchten und hebräische Lieder sangen? . . . Er mochte auf keinen Fall mehr zu der Legion zurück. XXV. Zweifel und Sorgen. Ein halbes Jahr wohl irrte und schwirrte Salomo wieder tn den Straßen Jerusalems umher, mit leerem Herzen und mattem Sinne. Er war nach sonnigen Tagen und Nächten schwelender Hoffnung wieder so bettelarm wie nie zuvor. Erharre nur eine Lebenshoffnung, mir ihr zerbrach das Leben selbst . . . Auch die Not stellte sich wieder in drückendster Gestalt ein. Am Jaffa- oder Damaskustor verdiente er zuweilen durch Trägerarbeit ein paar Silberllinge, für die er sich in einer Volksküche ein billiges Mahl leistete. Blieb der Verdienst aus, biteb auch das Essen aus. Er hielt sich wieder des öfteren in den kleinen Bethäusern auf, wo viel studiert und gebetet wurde. Dort konnte er auch in kühlen Nächten, die den Aufenthalt im Freien unmöglich machten, Unterkunft finden. Den grauen, rotbebordeten Kakirock hatte ar noch aus der Legioniftenzett an, wie den breiträndigen Tropenhut mit der blauwetßen Quaste. Aber alle Farbe an Rock und Hut waren bereits verblichen und verschlissen, und sein Haltung war so matt und schlapp geworden, daß keiner tn ihm mehr den Soldaten erkannte. So drückend er auch zuweilen die Not und das Alleinsein empfand, so vermied er es peinlich, tn die Nähe des QuartierS zu kommen, wo er seine früheren Kameraden von der Legion wußte. Aus dem Sinnen und Brüten kam er jetzt gar nicht mehr heraus. Was war geschehen? Warum die große Täuschung? Warum alle Messiaszeichen, wenn er, Moschtach, noch nicht kommen wollte oder konnte? Wann und wie wird er kommen? Und wie, wenn . . . Ein furchtbarer Gedanke stieg in ihm auf,, er mochte ihn nicht zu Ende denken. Aber er bohrte wie eine plötzlich eingedrungene Stechmücke in seinem Gehirn und ging auf keine Ablenkung ein. Wie, wenn der Messias wirklich schon da wäre und wir noch nicht da wären, wie Mister Goodwon lehrte? . . . Unwillkürlich trugen ihn die Füße nach der Straße, wo sich früher das englische Mtssionsheim befand. Es war jetzt ein Soldatenh eim, in dem noch immer viel aus der Bibel gesungen und gepreotgt wurde. Salomo lauschte am Fenster den Harmontumtönen und glaubte dann eine bekannte Stimme zu hören, die vom „Tage des Herrn" sprach. Und er lief eiligst davon, als gelte es, einer abgeschossenen Kugel zu entrinnen. Aber die bösen Gedanken liefen mit ihm. Als er einmal durch die Jaffastraße sinnend daherging, sah er vor dem Armerchospiz im hohen Hause mtt der Sonnenuhr eine wogende Menge, aus der ein eckiger Kopf mit langgestrecktem Halse herausragte. „Ein Missionär", sagten Straßenpassanten Und eilten dem Menschenhaufen zu. Auch Salomo schloß sich an und spitzte ote Ohren. „Habt ihr Ohr, Herz, Geist und Sinn nicht offen für die Wunder uno Zeichen, die sich auf heiligem Boden vor euren Augen vollzogen, wollr ihr zum zweitenmal die göttliche Botschaft mit derber Hano zurückschlagen? Sehr ihr nicht, daß die Weissagung Secharjas und die von Jesajas sich gewaltig erfüllt? Es spaltet sich der Oelberg und ihr zögert und zaudert!?"

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