Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1922-07-27 · Heft 30 (27.7.1922) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 30 (27.7.1922)
Date
1922-07-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450189-2450218--69928-2527149
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

27. Juli 1922. »er JSraelit. Nr. 80 Sette 9 Ein paar alte Juden, die zufällig des Weges kamen, spieen ln weitem Bogen aus und murmelten einen Fluch, ein paar jüngere lachten, andere hörten neugierig oder interessiert zu. Salomo'"!,KÜtte nur noch den Klang der Worte, ohne sie,'WA zu erfassen. Wo hatte er schon diese Stillung diesen Tonfall gehört, dieses blasse scharfe gesehen? NatürlM Goodwon! Und erttef davon, als spräche der Geistliche einzig auf M ein, um ihn in Grund und Boden zu reden, ft Im Gehen kam ihm aber der eilige Gedanke, ob er nicht gut daran täte, da zu bleiben und nachher an Mister Goodwon heranzutreten . . . Er hatte ja heute noch nichts Warmes gegesien.. Aber wie ihm der Gedanke aufkarn, beschleunigte er seine Schritte noch mehr, als müßte er den eigenen'! Gedanken entrinnen . . . Aber die bösen Gedanken rannten mit. Wie, wenn Goodwon nicht ganz unrecht hätte?! . . . Entsetzliche Idee. Aber alles Neue ist entsetzlich. War es nicht entsetzlich, als ihm die Gewißheit wurde, daß die Falaschas nicht die Juden und ihr Kult nicht der richtig jüdische sei? . . . Wäre er nun in seiner Entwicklung auf den letzten und richtigen Weg gelangt? . . . Er schlug sich aufs Herz, als er sich bei dieser so deutlichen Gedankenformkl ertappte. War er schon so weit gekommen? Was sagte Goodwon da von den Propheten Secharja und Jesajas? Sagten nichtdiese Propheten, „der Wolf wird neben dem Lamme wohnen und der Löwe mit der Kuh und man wird nicht mehr Kriegskunst lernen, wenn Er da ist." Warum fallen nun die Menschen schlimmer als die Raubtiere im abessinischen Urwalde über einander her, der Engländer über den Türken, der Franke über den Deutschen, wenn Er schon seit bald zweitausend Jahren da wär?. Heißt es nicht da in der Schrift, „man werde die Kriegsqeräte in Pflugschare umschmieden?!" Warum schickten sie ihn, Salomo, in Gaza und anderswo in die Häuser, um den Bewohnern, den armen Leuten die kupfernen und eisernen Kochtöpfe vom Herde zu nehmen, auf daß sie in Kugeln umgeschmtedet werden — wenn Er schon wirklich da wäre? . . . Wie reimte sich das alles? Es war zum Wahnsinnigwerden! Hätte er nicht gut darangetan, da zu bleiben und Goodwon selbst all dies zu sagen? Aber er kannte schon seine Antwort. „Er, Messias, war da, aber wir noch nicht".. Wer waren die „Wir?" Die Völker? Die Könige? Die Soldaten? Es waren ja lauter Bekenner der christlichen Glaubenslehre und sie zerfleischten einander ... „Ja", pflegte Goodwon zu sagen, „die sich zu Ihm bekennen, haben noch nicht alle erkannt. Auch ihrer wartet Er . . ." Aber die Ihn erkannten und verkünden, die Geistlichen, Goodwon selbst? Hat er, Salomo, nicht selbst gehört, wie ein Geistlicher im Felde aus der Bibel predigte'und bewies, daß es gottgefällige Tat sei, den Feind wie einen Hund zu erschlagen? Goodwon sagte derartiges wohl nicht, aber auch er war, wie er vor dem Volke selbst erzählte, im Kriege mttgezogen. Hatte also ebenfalls die Soldaten vor dem Treffen ermutigt und mit der Bibel zum Blutvergießen angehalten und angefeuert. Wo blieb da die Lehre dom „Wolf und Lamm", die schon - seit zweitausend Jahren mit ihm die Welt erlöst hätte?- Er beschloß, doch noch zu Goodwon zu gehen und ihm all diese Fragen, Bedenken und Zweifel vorzunagen. Mister Goodwon freute sich über sein Kommen und nahm ihn freundlich auf. Aber zu den Fragen, die Salomo auf dem Herzen brannten, kam gar n cht. Der Geistliche sorgte zunächst dafür, daß der Falascha Essen und Obdach im Soldütenhetme erhielt, das von Bedrückten uitfe Beladenen aus allen Teilen des Jnselretches wie Vorderindiens angefüllt war. (Fortsetzung folgt.) TWohdeawnachl an der Westmauer. Stimmungsbild. Durch die engen, alten Gassen des Arabervtertels wandert viel Volk. Man hört kaum die Schritte, denn Männer und Frauen haben die Schuhe abgeftreift und schlürfen schwer und gebeugt der Mauer zu. Hinter den Bergen Judäas sinkt die Sonne und ein Sternlein nach dem anderen leuchtet auf. In Gruppen zieben auch Arbeiter und Chaluzim mit schwieligen Händen und müden Zügen, aber ge? räuschvoller und leichtfüßig dem gleichen Ziele entgegen. Die Sternletn am nächtlichen blauen Himmel ver. lieren ihre Blässe und Schüchternheit, bekommen mehr Gl-nz und Leben und stehen schon dicht beisammen, wie in Erwartung ihres Hüters, des MondeS, der heule etwas später am Himmel erscheint. Auch geputzte Männer kommen des Weges, eben angekommene Europäer und Amerikaner, die sich das „Schauspiel" ansehen wollen. Die letzteren philosophieren gemessen, die Chaluzim politisieren laut. In großer Schar gehen die Alten und Frommen stumm und gebeugt daher, als trügen sie dte Last der Generationen. Der Platz vor der Mauer ist voller Menschen. Die Nacht hat inzwischen ihren Schleier über die Erde ausgebreitet. Es funkeln dle Sterne um den langsam auö einer Nebelmasse sich herausschäkenden Mond. Im Kreise sitzen die Leute auf der Erde um ein flackerndes Talglicht, die Klagebücher bis ans Gesicht ge' lickt, Dte Klagemorte kommen aber nicht aus den Büchern, sie dringen aus wundem Herzen, blutender Seele. Die Mauern sind, setzt ganz schwarz und scheinen zu triefen und in Wasser zu stehen ... Es sind die Tränen eines Volkes, in zweitausend Jahren zu Bächen und Strömen angewachsen. Dte Sternlein verlöschen eines nach dem andern. Der Himmel hüllt sich in Nebelschleier. Dte Nacht ist schwarz. Aus den schwarzen Steinen taucht eine Gestalt auf. Eine junge schöne Witwe ringt die Hände und weint um den Mann der Jugend, der ging und nicht wiederkam ... Es verstummen die Chaluzim. Sie streifen die Schuhe von den Füßen und setzen sich zu den Alten. Und Europäer und Amerikaner beugen llch tief zu den Trauernden herab, um die Worte und Lieder aus deren Büchern aufzusangen. Und alle weinen die gleichen Tränen. Der Himmel ist voller Wolkenrisse und Nebelschleier. Dte Mauer ist ganz schwarz. Südwind trägt Lieder und Gebete hinaus, über die Srälte des Allei heiligsten zum sternenlos gewordenen Nachthimmel. Die Zuden in Mien. Vor Ausbruch des Weltkrieges lebten tu Indien etwa 20 000 Juden, von denen die Hälfte Weiße waren. Die weißen Juden nennen sich Bene Israel und betrachten sich gegenüber den schwarzen Juden als die richtigen Juden, während sie die schwarzen als Sklavenabkömmlinge betrachten and behandeln, die ihrer Meinung nach vor einigen Jahrhunderten sich durch eine Revolution von ihren' Herren, den weißen Inden, befreiten. Diese Geschichtsauffassung hält die beiden Lager immer fern voneinander, und es gehört wohl zu den äußersten Seltenheiten, daß weiße Juden sich mir schwarzen Juden verschwägern. Kvnnnt ein solcher Fall vor, so ist die betreffende weiße jüdische Familie der Verachtung preisgegeben. Unter solchen Umständen ist es kein Wunders daß die beiden Gruppen auch voneinander völlig gesonderte Bethäuscr haben. Die Juden in Indien, und zwar die eingeborenen, tragen die Kleidung der eingeborenen Indier. Unter den weißen Juden sprechen die in eisten, schon englisch, welche Sprache sie genau so beherrschen wie die Landessprache. Politisch sind die -meisten indischen Juden englandfrenndlich und viele von ihnen bekleiden hohe Negiernngsstellcn. Auch beim Militär gibt es eine verhältnismäßig große Anzahl weißer Juden in verantwortungsvollen Offiziersstellen. Im letzten Weltkrieg haben die indisch-jüdischen Soldaten aller Ränge 'ich ans dem Schlachtfeld besonders ausgezeichnet und hohe Dekorationen erhalten. Im Allgemeinen sind die indischen Juden religiös-konservativ. Erst in ver letzten Zeit hat sich unter ihnen eine Resormbewegunz bemerkbar gemacht, die von englischen Juden, die sich in Indien niederkießen, ausging. Die spätere rabbirlische Literatur ist den indischen Juden wenig bekannt. Selbst die rabbinischen Vorschriften für den Sabbat sind ihnen nicht geläustg, sie enthalten sich am Sabbath Wohl jeder geschäftlichen Tätigkeit und schwereren Arbeit, zünden auch kein Feuer an, aber sonst sind ihnen die Einzelheiten über die sabbatlichen Einrichtungen unbekannt. Das Peßachsest wird durch die Enthaltung vom Genuß gesäuerten Brotes begangen, an Stelle der in Europa bekannten Mazzoth wrrd ein ähnlicher Teig bereitet. Hingegen Wirrd kein S e d e r gehalten. Das Schabuotsest n..l> das Laubhüttensest wird von den indischen Juden nicht in der festlichen Weise gefeiert wie bei den religiösen Juden anderer Länder. Hingegen wird der ganze Monat Elul der strengsten Buße und Einkehr geweiht. In diesem Monat wird unter ihnen viel gefastet, es gibt nicht wenige, die ganze dreißig Tage sich jeder festen Nahrung enthalten, und ganz besonders befleißigen sie sich in diesem Monat sowie in den zehn Bußtagen zwischen Rvsch-Haschanah und Jomkipur, Wohltätigkeit in großem Lrtite zu über. Vom Rosch-Haschanah- Fest halten sie nur den ersten Tag. Hingegen wird der Versöhnungstag in geradezu asketischer Form vom Beginn am Vorabend bis zum Allsgang des Festes gehalten. Am Ausgang des Jomkipur-Tages, der als Abschluß der Bußzeit betrachtet wird, werden große Festmähler abgehalten und große Spenden für wohltätige Zwecke gewidmet. Einen bedeutenden Festtag für die indischen Juden bildet der 15. Tag im Schewat, der auch bei den Juden in anderen Ländern als das Baunifrühlingsfest begangen wird. Diesen Tag nennen die indischen Juden das Fest des Propheten Elijahu, weil nach ihrer Tradition der Prophet an diesem Tage die in der Bibel beschriebene Himmelfahrt unternommen hat. Auch die indischen Juden essen an diesem Tage verschiedene Früchte und veranstalten Freudenfeste. Dieselben Riten und Sitten ftnden sich auch bei 'den schwarzen Juden Indiens. Bor etwa 130 Jahren begann die Einwanderung von Juden aus Bagdad und Vassora nach Indien. Diese neuen Einwanderer, die mit anderen Traditionen kamen, waren anfangs beiden jüdischen Stämmen, den Weißen und den schwarzen, gegenüber sehr zurückhaltend, weil sie deren Auffassung über das Judentum zu lückenhaft fanden. Bekannt ist, daß diese Bagdader Juden in B o m b a h sich mit der Anfrage an das Jerusalemer Bath-Tin. das angesehenste Nalwinntskvllegium für die Diaspora, wendeten, ob bie Bene Israel in Indien als vollwertige Juden anzusehen seien und zu religiösen Akten herangezvgen werden dürfen. Das Rabbinatskollegium von Jerusalem antwortete damals, daß die Weißen Juden genau so unsere jüdischen Brüder seien wie die Juden anderer Länder. Diese Antwort stützte sich auf das Gutachten das gelehrten Rabbi Jakob Saphir aus Jerusalem, der einige Jahre vorher ans seiner Weltreise auch nach Bombay gekommen war und dort das Leben und die Sitten der Bene Israel aus eigener Anschauung studiert hatte. In den letzten hundert Jahren hat sich die Familie Sassoon in Bombay einen Weltruf erworben, die nicht nur in der eigenen Heimat, die asiatischen Rothschilds genannt wird. Diese Familie stammt aus Spanien, einer ihrer Vorfahren. Josef Jbn Sassoon, war eine einflußreiche Persönlichkeit am königlichen Hofe in Kastilien. Vor 150 Jahren befanden sich die Sassoon in Bagdad, wo ein Sassoon Schatzmeiftcr des Pascha war. Sein Einfluß hat den Haß der .Höflinge geweckt, denen es schließlich gelang, ihn durch Verleumdungen in Ungnade zu bringen, so daß er gezwungen, war. nach Indien zu flüchten. Sein Sohn David, der eigentliche Begründer des indischen Zweiges der Familie Sassoon, wurde im Jahre 1792 zeboren, erössnete 1832 in Bombay ein Bankhaus, das noch heute unter dem Namen „David Sassoon and Comp." besteht. David.Sassoon war ein Philantrop in großzügigen! Maßstab. Sämtliche jüdischen und nichtjüdischen Wohtsahrtsanstalten in Bombay und anderen Städten wurden mit dem Gelde Sassoons errichtet oder znrnindest deren Erhaltung gesichertt. Bekannt ist, daß David Sassoon außer diesen Zuwendungen noch jährlich ein Zehntel seines Reingewinnes für dauernde Widmungen verwendet. Diese Tradition des Hauses Sassoon hat sich bis ans den heutigen Tag fortgepflanzt. Tie Kinder David Saft soons erhielten von der englischen Negierung die Baronie, und die englischen Rothschilds und andere hervorragende jüdische Familien haben sich mit den Sassoons verschwägert. Außer den Bagdader Juden befinden sich in Bombay und in einigen anderen größere» Städten Indiens zahlreiche j e m e n i t i s ch e Juden, die im Verlaufe der Jahre infolge der wiederholten Bersolgungen, die sie im Jemen zu erleiden hatten, nach Indien auswanderten. Tie jemenitischen Juden schlossen sich allmählich den aus Bagdad stammenden Inden an, mit denen sie auch die Gemeinsamkeit der meisten ihrer religiösen Sitten und Riten verband. Jin allgemeinen kamt gesagt werden, daß die Lage der Juden in Indien ohne Unterschied der Farbe und ihrer Herkunft rechit gut ist. Sie genießen dieselben Rechte wie die eingeborene Bevölkerung, mit welcher sie in bestem Einvernehmen und in wahrer 7Frettildschaft leben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.