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Der Israelit · 1922-07-27 · Heft 30 (27.7.1922) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 30 (27.7.1922)
Date
1922-07-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 4. Nr. 30 Der JSraeltt. des Prozesses sich erstrecken, zu erschließen. Vor den christlichen Geschworenen sollte er, als Christ, die Hauptarbeit leisten, nicht meine, des Juden, sondern seine, des Christen, Reden follteit Eindrücke, Überzeugungen auslösen, klare Erkenntnis verbreiten. Ich erhielt einen Schüler von höchster Intelligenz, von starkem Lerneifer — allein beseelt vom allerstärksten Mißtrauen. Ihm fehlte jede Vorstellung von dem Umfange und der Bedeutung der jüdischen Literatur,- von dem Talmud — das Wort hatte er ja wiederholt gelesen — dachte er, daß es ein. Buch sei, das neben' allerlei Aberglauben auch Polemik gegen das Christentum enthalte. Als ich ihm währeuo einer Konferenz von etwa anderthalb Stnnoen über den Talnmo eine Darstellung bot. einzelne Stellen (natürlich in deutscher Nebersetzung) ihm zitierte, blickte er skeptisch drein. Daß der Talmud derlei Dinge, wie er sie vermutete, enthalten müsse, ergab sich für ihn schon aus der Zeit, in welcher das Werk entstand. So mußte ich denn ihm anfänglich für die Richtigkeit meiner Uebersetzungen Zeugnisse beistellen. Es war aber auch notwendig, ihm über den. Umfang der rabbinischen Literatur, über den Charakter, die Entstehungszelt jedes Werkes, seinen Inhalt und seine Bedeutung gründliche Kenntnisse beiznbringen; ich hielt ihm stundenlange Vorträge, verfaßte speziell für ihn über jede einzelne Materie ausführliche Monographien, welche nad) unb und) auf ba§ gesamte Gebiet des talmudischcn Rechtes in seine» verschiedensten Eutlvicklullgsstadieu sich ausdehnten und diese Monographien bildeten sodann die Grundlage gemeinsamer mündlicher Auseinandersetzung und weiterer fachlicher Erläuterungen. Erst langsam, auf Umwegen, gelang es, sein Zutrauen zu gewinnen und es schiel! mir nicht überflüssig, Herrn Dr. Ko pp das Bild der jüdischen Literatur, deren düstere Partien aus den Zeiten der Bedrängnis den Gegenstand unserer täglichen Erörterungen bildeten, auch in jenen lichteren Kapiteln zu zeigen, welche verschont von Verleumdungen, darunr ohne Belang für den Prozeß, aber die glänzendsten Seiten jüdischer Gerstestätigkeit bilden. Ein Zufall kam zu Hilfe. Dr. Kopps Zutrauen zu meinen Mitteilungen zu stärken. Einen Haupttrumps spielt Rohling in „Meine Antworten an die Rabbiner" aus S. 18 und 19 aus. Ein in jüdischen Schriften häufig vvrkommendes Wort ist „Akum", welches Götzendiener bedeutet. Jüdische Schriftsteller liebten es in früherer Zeit, Worte dadurch zu bilden, daß sie die Anfangsbuchstaben mehrerer Worte zusamerhielten. In der Folge hat sich das „j" in „l" verwandelt, in welcher Form sich der Name bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Uebevtzaupt würde es M der Mühe verlohnen, die verstaubte Vergangenheit dieser weitverzweigten Familie ans Tageslicht zu fördern. Man würde sicherlich manches entdecken, lvas ineine Behauptung, daß wir von den ersten Judenchristen abstammen, bestätigt. Noch ein anderer Umstand von grosser Wichtigkeit sei feftgehalten: Unsere Brüder im äußersten Norden Syriens, die ebenfalls „Nasara" heißen, hatten noch heute mit aller Strenge die zehn Gebote, bringen noch immer die ersten Feldfrüchte des Jahres dem Herrn dar, schlachten zu Ostern das Pafsahtannn und bestreichen die Türpfosten mit feinem Blut, wobei sie des Auszuges der Väter aus Aegypten gedenken. Sie nennen sich Kinder Israels, nnd die benachbarten ansässigen Juden geben das unumwunden zu. Und daß dies alles auf Wahrheit beruht, haben Forscher von Weltruf, zumal der englische Gelehrte Rawlinsou. bewiesen. Ich möchte meine kleine Abhandlung mit einigen Erinnerungen ans der Kindheit beschließen, nur um festznstellen, daß auch bei uns das Bewußtsein unserer wahren Abstammung nicht gänzlich erloschen ist. Wenn sich hier in Haifa die Straßenjugend am Abend Kurzweil verschaffte, geschah es oft, daß die übermütigen mohammedanischen Kinder die an Zahl unterlegenen - jüdischen Spielkameraden mitten im Spiele nngriffcn und verprügelten. 'Dann pflegten wir christlichen Nachbarskinder uns auf hie Seite der Minderheit zu schlagen, Ni» sie gegen die Uebermacht zu verteidigen. Unsere Eltern und Großeltern, die solche Schlägereien sonst niemals duldeten, pflegten uns dann in ähnlichen Fällen freundlich nickend zuzurufen, daß „Blut kein Wasser sei". menfügten. Götzendiener wurden nun genannt: abodath koch ab im u-mazzaloth, d. h. Anbeter der Sterne und Tierkreiszeichen; ans den Anfangsbuchstaben bildeten sie nun'das Wort Akum. Nun erklärte Rohling ganz bestimmt: „Im Schulchan Aruch ist das übliche Wort für die Christen akum." Zur Unterstützung dieser Behauptung führt er an: 1. „Daß akum eine Geheimbezeichimug für Christen sei, wo es dann heißt: abodath Christus u mirjam, d. h. Anbeter von Christus und Maria." 2. „Jrn Schulchan Aruch Orach Chajim, Ls 114, 8 (richtig 113, 8), wird gesagt, daß ein Jude sich nicht verneigen soll, wenn ein Akum mit einen! Kreuze vorbeigeht — da nun das Kreuz ein christliches Symbol ist, so muß der Akum ein Christ sein." In dein Artikel, der in der „Wiener Allgemeinen Zeimng" erschienen war, fyabt idj it)in sofort geantwovrtet: „Die Deutung Abodath Christus u 'Mirjam ist ein Nonsens, da das griechische Wort „Christus" in keinem hebräischen Werke (später von den Sachverständigen bestätigt) vorkommt, was seilte Verwendung zu einer hebräischen Wortbildung ausschließt. Akum mit beut Kreuz aber ist eine Verschlimmbesserung der päpstlichen Zensur; der Zensor hatte das Wort Goi gestrichen und dafür Akum gesetzt, weil dieses. Wort ganz gewiß nicht von den Christen gilt: das Kreuz hat er belassen. Rohling möge sich mit dem Zensor darüber auseiuandersetzen." Dr. .Kopp sagte mir nun, solche Antwort müsse Lelviesen werden. In einer besonderen Monographie zeigte ich ihm, irr welcher Art überhaupt die geistliche Zensur die hebräischen L-chriflcn zuweilen lächerlich verballhornte. Gestrichen wurde jede Erwähnung von Rom und Römern, lveil man darunter den Papst und Christen verstehen konnte, man substituierte dafür Namen, die geradewegs zu Absurditäten führten. Allein De. Kapp war auch dabei nicht beruhigt. Endlich, gelang es uns, durch Inserate in Buchhändler- Zeitungen einen Schuchan-Aruch Venedig 1573 nnd einen Krakau 1594 aufzutreiben — in beiden steht nicht das Wort Akum, sondern Goi an der angezogenen Stelle. Dieses Faktum zeigte ihm, wie er mir sagte, daß man zu meinen logischen Konstruktionen Vertrauen haben darf. Um größere Sicherheit zu gewinnen, unternahm er eine Reise an deutsche Universitäten, um bei arischen Fachmännern über die Stichhaltigkeit der in meinen einzelnen Monographien zttsaurmengestollten Zitate, gebotenen Üebersetznngen und daraus gefolgerte Schlüsse sich Rats zu holen. Nun erst fühlte er festen Boden unter den Füßen, gewann er volle Sicherheit, daß Unsere Eltern und Großeltern haben schon längst dns Zeitliche samt seinen Freuden und Leiden gesegnet. Ader ihre Worte find nicht verklungen und ihre Bemerkungen nicht verhallt. Im Gegenteil, sie haben sich tief in unser Innerstes eingegraben, und wir werden dafür sorgen, daß das Bewußtsein sich von Kind auf KindeSkind forterbt, daß wir ebenfalls zu dem Hause Israel gehören." Jüdische Familiennamen nnd deamienbosheiten. Ein ebenso humorvolles wie beschämendes Streiflicht wirft der Wiener Professor Georg Müller aus die Knltnrverhältniffc Galiziens in der Sonntagsbeilage des „Bund". — Die oft auffallend grotesken Namen jüdisch-galizischer Familien, die nicht selten für den Träger ein empfindliches Hemmnis bedeuten, find der Gegenstand der interessanten Ausführungen. Daß bis in die Regierungszeit der Kaiserin Maria Theresia hinein die Juden keine Familiennamen befaßen, bürste allgemein bekannt fein. Als sich dann aber beim allgemeinen Kulturfortschritt die Unhalibarkeil dieser "Zustände erwies, begann der Staat, den Juden, die sich unter sich nur nach ihrem Vater nannten B. Daniel, Sohn von Moses), zwangsweise Rainen beizulegen. Es war nun leicht möglich, bei der großen Bestechlichkeit der Beamten, sich einen selbstgewählten Namen zu verschaffen, das heißt, wenn man bnz nötige Geld hatte. Die reicheren Familien, zogen zunächst die Zoologie, die Botanik und die Mineralogie zu Rate. Ebenso gingen die eigens mit der Namensgebung beauftragten Beamten vor — solange ihr Wissen nicht erschöpft _-_ _27. Juki 193» lneine Depositionen verläßlich, sind. Wir arbeiteten etwa zwei Jahre zusammen, täglich vier bis fünf Stunden. Nach den ersten einleitenden Schritten: der amtlichen Requisition der diversen von dem Kläger bei den Gerichten Dresden, respektive Prag, Krakau usw. teils abgelegten, teils angebotenen eidlichen Aussagen, wurde zunächst an die Ausgabe herangetreten, den Wahrheitsbeweis für jene Anklag'epnnkte zu erbringen, die sich nicht auf hebräische Texte beziehen, und zu deren Klarlegung es der Sachverständigen auf den: Gebiete der hebräischen Sprachwissenschaft nicht bedarf. Die Materien des Wahrheitsbeweises sonderten sich so Porr selber zu zwei Gruppen, in eine, zu deren Beurteilung die Kenntnis der hebräischen Sprache, der talmudisch-rabbinischen Literatur und der jüdischen Geschichte erforderlich ist, und in eine zweite, bei der es auf diese Behelfe nicht ankommt. Tie Behauptungen der zweiten Art hatten hauptsächlich darum einen prozessualen Wert, lveil hier jeder gebildete Laie sich selbst ein Urteil bilden kann und Rohling vor das Dilemma gestellt werden konnte, entweder die Lüge oder aber den frevelhaften Leichtsinn zu bekennen, daß er furchtbare Beschuldigungen auf Bücher gründet, die er gar nicht gelesen haben kann. Hier waren die Vorbereitungen einfacher. Dagegen für die erste Hauplgruppe war die erste Vorbedingung eines, sei es die Klage oder die Verteidigung unterstützenden, wirklich abschließenden, das große Publikum befriedigenden Ausganges die Herbeischaffung von Sachverständigen, deren Autorität nnd Unparteilichkeit, von keinem Unbefangenen ernstlich bezweifelt werden konnte. (Fortsetzung folgt.)- Die „Milah" als allein vollwertiges nalioval jSMes Merkmal. Bon Rabbiner Dr. Max Granwald in Wien. In einer Darlegung meiner Auffassung von „Rasse, Nation, Volk" (in der Wiener „Wahrheit", Mai—Juni 1922) versuchte Ich vre Anschauung annehmbar zu machen, daß Nation nichts von Natur Gegebenes, kein auf einem anthropologischen SachverhUtnis beruhendes Faktum, sondern ein Gegenstand freier Wahl, der Wille zürn Staat sei. Die jüdische Nationalität scheint eine Ausnahme hiervon zu bilden. Sie ist augenscheinlich nicht ein Akt unbeschränkt freier Entschließung, sondern ein religiöses Postulat. Wie an dem Boden von war. Namen wie „Mäusele", „Eidaxel", ja sogar „Mondkalb" werden von Müller angeführt. Botanische Namen wie „Fingerhut", „Nosorrstengsl", „Teitelbäum" und mineralogische lvie „Bleiglanz", „Goldstein", „Silberstein" sind ja auch bei uns geläufig. Als aber dann die Erfindungsgabe der Beamten am Erlöschen war, wurden neue Wissensgebiete als Quelle für die Namengebung herangezogen: Geographie. Physik, Meteorologie, Astronomie wurden zu Rate gezogen. „Mexikaner", „Waperdamyf". „Windhos", „Nordlicht" wandeln in Galizien umher, „Netort", „Bohrloch", „Komet", dann wieder feudaler österreichischer Uradel, „Windisch-Graetz", „Liechtenstein". Den armen Juden, die keine Bestechungsgelder aufbringen konnten, wurden zuletzt ganz widersinnige Namen beigelegt. Greulich mißhandelt wurde die deutsche Sprachlehre. „Buchstabierer", „Lustwandel". „Untergeher", alle möglichen und unmöglichen Zusammenstellungeu von Zeitwörtern schmückten die Firmenschilder der jüdischen Krämer. Eigenschaftswörter, wie „Schriftlich", „Wörtlich", „Teilhaftig", Zahlwörter und nicht zuletzt Bindewörter zum Beispiel: „Und", „Oder", „Aufdaß" wurden zu Namen für den Menschen. — Originell wirkt die Eitelkeit reicher galizischer Juden, wenn man ihre Geschlechtsnamen den Bornamen boran.stellt. Da gibt es einen „Ritter Chaim", einen „Baron Essig", „Graf Schafe", „Fürst Lcib", sogar einen „Pabst Selig" (!) Auch ein Herr „Klingelbeutel" und ein Herr „Tabernackel" läuft öffentlich herum. Indische Aerzte benennen sich nach ihren Spezialitäten. Dr. Ohrenstein, Dr. Nabelbruch, Juristen nach der ihrigen, Dr. Baragraf, Poli-- zeikommissär Tr. Hinterlistig. Zuletzt mögen noch einige humorinspirierte Namengebungen aus der — nebenbei gesagt amtlich bestätigten — Sammlung Professor Müllers folgten. Da gibt es einen Herrn

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