Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1922)
- Date
- 1922-07-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Ker Ä»i:(vft Nr. 80 Sette 8 Mutter das Brot unter die zahlrei^en Kinder verteilt, in herzlich Reinen Portionen. Und diese machen sich über die schmutzig-grauen Brocken her, die aus-" sehen, wie aus Sand und Steinen zusammengebacken. Und ist das letzte Stückchen verzehrt, so wird sorgsam jede einzelne Krume zusammengekehrt und in den Mund gesteckt. Ter Hunger ist über das Land gegangen wie ein gefräßiges Tier und hat es leer und kahl gefressen, als seren ungeheure Heuschreckenschwarine eingefallen. Tie Felder sind ohne Halm, die Bäume ohne Rinde, die Häuser ohne Tücher; längst wurde das letzte Strohdach an das Vieh verfüttert, in das Brot verbacken. Und wenn die letzten Surrogate verzehrt, Hunde, Katzen, Ratten und Mäuse lange nicht mehr genossene Leckerbissen geworden find, dann beginnt jener Zustand, wo Menschen sinnlos schreiend hin und her laufen wie jenes Mädchen, das, ein halbnacktes, schmutzstarrendes Lumpenbündcl, unseren Zug entlang schlich, nur mehr ein einziges grauenhaftes Wimmern und kaum mehr fähig, die Brotreste anzunehmen, die man ihm reichte. Tann beginnt das zweite Stadium des Hungers, wo die dürren Leiber plötzlich auszuschwellen ansangen, zuerst die Füße und Beine und dann der ganze Körper, bis schließlich das dritte Stadium einsetzt, in dem der Leib hart wie Leder wird und das mit dem Tode endigt." Im Haderech, dessen Siwan-Tammus- Nummer soeben erschienen istbefindet sich ein mit glänzender Eindringlichkeit geschriebener Aufsatz des bekannten Kischinewer Rabbiners I. L. Zirelsohn unter derUeberschrift: „Schau!, höre, gieb," der vor allem die Jugend zur Rettungsarbetr auffordert. In der Tat eröffnet sich hier für die Jugendgruppen der Aguda ein gewaltiges Betätigungsfeld. Gerade weil die ältere Generation vielfach nicht mit derselben Intensität die Schrecken der Zeit empfindet, sollte die Jugend von ihrem kostbarsten Vorzug, ihrer Empfänglichkeit, Gebrauch machen und nicht ruhen und rasten, bis in jeder Stadt und jedem Dorf jeder Mann und jede Frau dem Rufe gefolgt ist: „Schau, höre, gieb!" IV.*) Ar Asses Kopp und der Nohtingprozeß. Der nun zu meinem Vertreter erwählte Rechtsanwalt Dr. Joses Ko pp war eine ragende Persönlichkeit, ein edler und vornehm gearteter .Mann, der seinen Freunden Ehrfurcht iinb Liebe, seinen politischen Widersachern Respekt und Ehrerbietung einflößte. Ein Mann unter Mittelgröße, von gedrungenem Körperbau, breitbrüstig, mit etwas gerundeten Schultern, , beit großen Kopf eilt wenig nach vorn gebeugt mtb gegen *) Siehe Israelit Nr. 26. die linke Achsel geneigt, mit der Haltung eines fleißigen Menschen der Studierftube, war Dr. Kopp auf der Rednertribüne wie im Gerichtssaale eine ungemein charakteristische Erscheinung. Bedächtig erhob er sich, fing langsam, vielfach in den Wiener Dialekt verfallend, zu sprechen an, erst trocken sachlich, um dann an Stellen, an denen das Anditorinm es mit wenigsten erwartete, die wuchtigsten Hiebe zu führen. Es war aber nicht sein Zorn, den inan zumeist ans gegnerischer Seite fürchtete, wenn ihm auch alle Register des Pathos und der Entrüstung, die ganze Kraft sachlicher Argumente zttr Verfügung stand. Am meisten gefürchtet war seine Ironie und sein kaustischer Humor. Hatte, er mit, dieser feinen Klinge einen .Hieb geführt, der, wie die Bewegung in der Zuhörerschaft bewies, recht tief saß, dann pflegte Dr. Kopp eilte Pause eintreten zu lassen und sein Taschentuch zu ziehen, ein großLs, rotes oder blaues Dasthentnch -- er war Tabakschnupfer —, mit dem er recht umständlich hantierte. 'Als Gemeinderat, als Landtagsabgeordneter, als Reichsralsndgcordneter war ermit seinem ungewöhnlich reichen Wissen, mit seinem starken Talent, mit seiner unerschütterlichen Geflunungstrene ein Herold des freien Gedankens in Oesterreich. So oft eine große Frage des Rechtes, der Kultur und des Fortschrittes ans der Tagesordnung der parlamentarischen Körper sch astet t stand, wurde die Stimme. Josef Kopps vernommen. Im Reichsrat vertrat erden sechsten Wiener Gemeindebezirk und er legte 1883 dieses Martdat zurück, weil er sich von den Wählern keilte Instruktionen oktroieren lassen wollte, worauf ihm die Wähler der Inneren Stadt das Mandat anbvten. Er war der Führer der „Fortschrittspartei" und einer der Gründer des ^,Fortschrittsklubs" im Reichsrate, den die Versassnngspartei und seine Mitglieder als die „Jungen" bezeichneten. Bei der Konstituiernng des Klnbs der Linken im niederösterreichischen Landtage wurde er 1890 zu dessen Obmann gewählt. Ein Bolksmann hohen Stiles, von kerndeutscher Gesinttung. hatte er später unter dem Groll der neuen Patentdeutschen viel zu leiden, die ihm die Ucbernahme der Vertretung in einem „Iudenprozcß" und die Publikation der sensationellen Schrift zur „Indensrage" nach den Akten des Prozesses Rohling—Bloch niemals verzeihen konnten. Es war nun meine Aufgabe, Herrn Dr. Kopp mit ben Materialien des Prozesses vertraut zu machen, ihm jenes große untfangreiche Gebiet des talutudischen, rabbinischen und kabbalistischen Literatur, darauf die einzelnen Teile 37. Juli 1922. _„ teilungen an allgemeine Heilstätten doch von einer Kommission jüdischer Aerzte- Verwaltungspraktiker und Rabbiner einmal gründlich geprüft und ein Versuch nach dieser Richtung energisch unternommen werden. Geld wird dazu auf alle Fälle notwendig sein, aber es wird sicherlich daran nicht -fehlen, wenn nur irgend eine Stelle die Initiative ergreift. Herr Hermann Seckbach sendet uns als gutes Vorzeichen hierfür ein ihm zugegangenes Schreiben, das folgendermaßen lautet: Infolge Ihres Artikels im Israelit sende ich Ihnen anbei Mk. 10.000-Scheck für den genannten Zweck. Ich hoffe, daß das Beispiel vielfache Nachahmung findet und Sie in die Lage versetzt werden, an die Verwirklichung Jhi er Idee zu gehen. Ich mache jedoch den Vorbehalt, daß, falls nicht innerüalb eines Jahres genügend Fonds beisammen sind, um einen Neubau oder einen Erweiterungsbau in der von Ihnen gedachten Weise vorzunehmen, ich über die Summe zu einem anderen wohltätigen Zweck verfügen werde. Bor allem aber knüpfe ich die Bedingung daran, daß meine Anonymität gewährt bleibt und niemand außer Ihnen meinen Namen als Geber erfährt. Wir sind gern bereit, die bedeutungsvolle Angelegenheit durch die Veröffentlichung zweckdienlicher Anregungen und praktischer Vorschläge weiter zu fördern. Schau, höre, gieb! Tagtäglich treffen nunmehr in den Zentralen der „Agudas Jisroel" die dankerfüllten Briefe der Vertrauensleute in den Hungergebieten ein, an die unsere Lebensmittelpakete gesandt werden. Aus jedem dieser Briefe ergiebt sich die Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit derAguda- Hülfe überhaupt und des gewählten Systems. Der Warschauer „Jud" veröffentlicht unausgesetzt Briese,Aufsätze, Berichte von Augenzeugen, zum Teil Rcrbbtnen, die in den Hungergebieten tätig waren oder sind und die immer wieder dasselbe grauenvolle Bild entwerfen: die furchtbarste Katastropfe, die je über große Massen des jüdischen Volkes seit der Zerstörung des Heiligtums gekommen ist. .Man lese über die Zustände im allgemeinen folgenden Bericht von Colin Roß in der „Neuen Freien Presse", der aus Rostow am Don, dem Wohnsitz des Lubowitscher Rabbi und seiner großen Jeschiwa, datiert ist: „Tas Brot, das in den Hungergebieten gebacken wird, besteht ja selbst znm größten Teile aus Schmutz. Kartoffelschalen und Sonnenblumenkerne sind . noch seine besten Bestandteile. Man schaudert, wenn man cs sieht und kann sich nicht entschließen, es auch nur zu kosten. Und doch ist glücklich, wer auch nur solches Brok hat. Es geht einem durch und durch, wenn man lieht, wie zur Mittagsmahlzeit der Vater oder die Von neuem schließen sich einst weitgeöffnete Pforten. Von neuem liegt trauriges Dunkel über dem Raum. Staub und Moder breitet, wie ein Bahrtuch, sich hinüber die Stätten, wo sie einst weilten in Gebet und in Gesang. * Wir horchten dorthin, wo noch die Wenigen das Tor durcksckretten und dein Wort verkünden aus den heiligen Rollen. Wehe! auch sie sind abgewichen vom Wege und verzerren das Gerade und machen krumm, was eben ist in der Reinheit deiner Lehre. Dir, geben sie vor, zu dienen, wenn ihr Ohr nahe ist deinem Worte. Wenn aber der Schlüssel der Pforte hinter ihnen knarrt in rostigem Schlosse, ist vergeffen, was sie gesprochen, vergessen, was sie gehört. Das ewige Wort ist gebannt in die Räume ihrer heiligen Häuser. Draußen aber gilt ein anderes, ein unheiltges Wort. Ferne sind sie deiner Lehre, wenn sie hinschreiten durch die Gaffen ihres Handelns und Wandelnd und vergessen ist das Wort der Lehre. Eingesargt bleibt es, ferne dem Leben, in die Rollen und Bücher. Am Ruhetag und am Festestag öffnen sie sie, aber am Tage ihres Werkes kennen sie sie nicht. * Unheiliges Wort hörten wir sie sprechen an den den Stätten des heiligsten Wortes. Zank und Hader ward laut, wo Eintracht und Liebe binden sollte die Uebriggebliebenen der Treuen deines Volkes. Das Kleine machen sie groß, das Große erniedrigen sie und machen zum Hause der Zwietracht das Haus des Friedens, zum Hause des Haffes das Haus der Versöhnung. Zum Gespött der Fremden machen sie ihr eigenes Tun! Wehe ihnen allen, da sie ihre Schande entblößen vor den Augen der Feinde, sie anrufen zu Richtern im Innern ihres Hauses? Wir lauschten weit in die Ferne. Wo groß und blühend war die Gemeinde Jakobs, schwindet der Greis und das Kind unter der Geißel des Hungers, unter dem Schwerte des Verfolgers. Wir lauschten in die Nähe. Wo Söhne und Töchter unseres Volkes helfen am Bau, wird ihnen Hatz gereicht als Dank, Verleumdung als Preis, Mord als Gabe. Wir erhoben unsere Augen zu fernen Bergen, weithin zu schauen in das Land der Verheißung. Wehe, auch dort öffnen sich Klüfte zwischen Bruder und Bruder, eint nicht die Sehnsucht die Kinder der Tochter Zijons-. Wir schreiten in Trauer durch lustvolle Straßen hindurch, wir vergessen die Schönheit des Sommers, hüllen uns in Einsamkeit, in Trauer und Schmerz. Entblößt ihres Schmuckes sind die heiligen Stätten. Entblößt ihrer Freude ist die Seele der Kinder deines Volkes. Auf! lasset uns anstimmen das Lied der Klage. Lasset uns niederkauern, nahe der Erde, hinhorchcn und Hinschauen in das Leid des Volkes, bas die Stimme seines Vaters nicht hört, das stumm bleibt und taub bleibt, ob auch die Nacht der Verwüstung und Zerstörung hereinbricht über seinen Leib und seine Seele. Hebt an das Lied der Klage, Gähne und Töchter Israels, denn die Stunde der Trauer ist nahe! Eine neue Hypothese üder die „zehn Stämme". Ter in Haifa lebende christlich-arabische Dichter Astv T v m e t hat eine Studie veröffentlicht, in derer zu beweisen sucht, daß die ch r i ft C t ch c u A raber in Palästina die Ueberreste der z e h n S t ä m m e Israels darstellten. Der Verfasser äußert sich über feilte Hypothese in der „Wiener Morgenzeitnng" u. a. wie folgt: „Versuchen wir, den Beweis in Ruhe zu erbringen. Zuvörderst ist der merkwürdigen Tatsache zu gedenken, daß die Bekenner Jesu in der ganzen Welt „Christen'" heißen. Rur die christlichen Einwohner Palästinas und Großsyriens rufen sich gegenseitig trotz aller Bekenntnisunterschiede „Nasara" zu. Ist das nicht bezeichnend? Woher stannnt denn das seltsame Wort? Es ist unschwer daraus hinzuweisen, daß die ersten Bekenner Jesu von ihren israelitischen Brüdern „Nazaräer" genannt wurden. Auf den Ursprung des Wortes näher einzugehen, ist hier nicht der geeignete Platz. Es sei nur noch hinzngefügt, daß diese Bezeichnung sich bisher allein ans Palästina und das benachbarte Syrien beschränkt hat, Außer dem Namen „Nasara" gibt es verschiedene Familiennamen, die auf israelitischen Ursprung Hinweisen. So trägt hier eine achtbare Familie den bielsagenden Namen „Launin". Mehrere Mitglieder des Hauses bekannten frei, daß sie von den Leimten abstammen. Eine andere Familie heißt „Ma'lnf". Tie Ueberlieferung dieser Familie erzählt, das; sie von jenen arabisierten Juden stamnlt, die römisches Recht genossen und steuerfrei lebten, weshalb sie auch den Beinamen „Mcchuf", d. h. „die Steuerfreien"