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Der Israelit · 1922-07-27 · Heft 30 (27.7.1922) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 30 (27.7.1922)
Date
1922-07-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 3 Nr. 30 Der Israelit. 37. Juli 1933, Hand fiel, so ergriffen wüffen wir werden ob des tiefen Schmerzes und der Tragik des Schicksals, das sich damals an uns erfüllte und — erfüllen mußte auf Gottes Erde. Unser Blick schweift nach Jerusalem, wir stehen an der Klagemauer und weinen. Um wen? Um den Tempel? Mit Nichten. Man trauert um einen Toten, wir trauern aber nicht um den Tempel, der nur in entarteten Zeiten den ganzen Gottesdienst einschloß, der überdies jeden Tag wieder erstehen kann, wenn wir nur — wollen. Und das ist die Frage. Unsere Weisen hatten ein tieferes historisches Verständnis als so mauche modernen Historiker. Sie begnügten sich nicht mit der Trauer des 9. Aw, sie verewigten vielmehr fastend jede Phase des ihm vorausgegangenen Kampfes und Leidens. Sie suchen in allen überlieferten Tatsachen Ursache und Wirkung. Sie -ecken das Triebwerk auf, das unsere Nation erhalten hat und legen die Breschen bloß, die, von langer Hand vorbereitet, schließlich zum Untergang führen mußten. Nicht dem d. Aw nur gilt ihre Klage, sondern den zerstörenden Kräften, die vom 10. Tewes bis zum 17. Tammus und von da zum 9. Aw führten. Da stellt der Talmud fest, daß beide Zerstörun gen durch uns selbst verschuldet waren. Götzendienst und Blutvergießen, vor allem aber Unfittlichkeit führten zur ersten Katastrophe, und grundloser Bruderhaß führte die zweite herbei! So wenig unsere Gegner Ursache haben, sich auf jene Vergehungen zu berufen, deren sie ja viel mehr auf dem Kerbholz haben, ohne sie zu sühnen, so tieftraurig stimmt uns doch jener Blick hinter die Kulissen. Aber die Wunden, die die Wahrheit schlägt, sind auch wieder heilsam, sind nicht ein Verlust, sondern ein Gewinn an Lebensweisheit, an Lebenskraft. Wie vielseitig ist die Lehre des 9. Aw! Eindringlich zeigt er uns, daß wir Palästina nie gewinnen, wenn wir dem Kleinmut der Kundschafter Raum geben, warnt uns vor Genußsucht und vor Zwietracht, deren Folgen die Geschichte von Kamza und Bar Kamza illustriert. Hat der Midrasch nicht recht, wenn er voraussieht: „Gott wird in der zukünftigen Welt die Völker zur Rede stellen: „Warum habt ihr meine Kinder gequält?" Dann werden sie sagen: „Von ihnen und ans ihrer Mitte kamen ihre größten Feinde!" Setzen wir diese Lehren ins Leben um, suchen wir unter den Trümmern des alten Reiches die gewaltigen Pfeiler wieder hervor und bauen wir auf ihnen die Brücke zum dritten Heiligtum, dann wird bald der Fasttag zum Festtag, der Tag, der den Weltkrieg einleitete, auch den wahren Weltfrieden sehen, dann wird auch der nichtjüdische Geist seinem nordischen Sänger gemäß „auf noch verschleierten Lebensbahnen und Kanälen, einst in feierlichem Zug, unter Hymnen und Chorälen, unter Schönheitsfackelbrand morgensonnenwarts den Flug dem gelobten Land zu wählen." Wochennmdschau. Geldentwertung und jüdisches pflichtlesen. Ein Witzbold hat jüngst das bekannte Wort des Psalmtsten: WIXI UVM pH ■W im Hinblick auf manche Erfahrungen der Gegenwart also wtedergegeben: „Vermögen und Reichtum (in Papiermark) wohnt in seinem Hause — nur seine Wohltätigkeitsbudget bleibt ewig konstant — in „Goldmark"!" In der Tat läßt sich nicht leugnen, daß die Selbstverständlichkeit und Großzügigkeit, mit der die Gruppe der reichlich Verdienenden jede Summe für die Bedürfnisse ihres Haushaltes, ihres persönlichen Komforts, ihres Cigarrenbudgets, ihres Chauffeurgehaltes, ihrer Sommerreise und ihres Kletderschrankes auf den Tisch legen, zuweilen einer gänzlich veralteten Berechnungsmethode Platz macht, wenn es sich um die Bedürfnisse anderer, um Wohltätigkeitsspenden und sonstige Aufwendungen sozialer Natur handelt. Man vergißt in solchen Fällen häufig, freiwillig ebenso gewissenhaft mit 30, 50 oder 106 zu multiplizieren wie dies bet den sonstigen Ausgabeposten erzwungen zu werden pflegt. Hier gilt es um zu lernen. Noch mehr aber scheint uns dieses Bedürfnis einer veränderten seelischen Einstellung zur Preisbeurtetlung gegeben zu sein bei der Anschaffung von sogenannten Ritualien. Man hört bereits vielfach, daß auf dem Lande mancher Vater seinem zum jüdischen Manne heranreifenden Jungen keine Tefillin anschafft, well sie — zu teuer seien! Für Mazzos zwar wird jeder Preis angelegt — aber Mtzwas Arba Minim gilt tu weiten Kreisen bereits als gefährdet, weil man für die herrlichen „Grüße aus einer besseren Welt", mit denen Gott dieses dunkle Leben in schweren Tagen uns geadelt, nicht dieselben Opfer bringen zu dürfen vermeint wie für — holländischen Käse und kubanischen Tabak. Nun soll gewiß nicht verkannt werden, daß es weite jüdische Volkskreise gibt, denen in der Tat die wirtschaftliche Kraft fehlt, um Mk. 300.— oder mehr für ein Paar Tefillin auszugeben oder Mk. 400.— und mehr für Lulow und Esrog. Und es ist hocherfreulich, daß, wie wir hören, die „Freie Vereinigung" im Begriffe ist, eine Aktion zur Beschaffung billiger Teffilin und sonstiger Ritualien für leistungsschwache Verbraucher etnzuleiten. r Aber wer sich selbst gerade dann zur Gruppe der „Leistungsschwachen" rechnen will, wenn er vor der Anschaffung von N12Q'V'iLIVN steht, der prüfe sich doch erst einmal ehrlich und gewissenhaft vor Gottes Angesicht, ob er denn in der Tat von der gleichen Sparsamkeit und spartanischen Genügsamkeit beherrscht wird, sobald es nicht der Erfüllung des Gotteswtllens, sondern dem eigenen Gaumenkitzel, der eigenen- Gesundheit oder den mehr oder minder berechtigten Ansprüchen von Gattin und Kindern gilt. Wird diese Selbstprüsung aufrichtig durchgeführt, so mag manche Klage über die valutarische Unmöglichkeit des religiösen Pfltchtlebens verstummen, und es brauchte dann unsrer Zeit nicht mehr des Propheten zürnendes Wort zu gelten, das an dem Grade der materiellen Opferbereitschaft für die Zwecke des Gottesaltars die Echtheit und Tiefe der religiösen Begeisterung mißt. Tubettulosen-Msorge. Das Schicksal der zahlreichen jüdischen Tuberkulosekranken, denen durch langandauernde und daher kostspielige Anstaltsbehandlung geholfen werden könnte, hat in den letzten Wochen den Gegenstand wiederholter Auseinandersetzungen in unsrem Blatte gebildet. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Anstalt in Davos, deren schwierige Finanzlage den ersten Anstoß zur Erörterung gab, in zahlreichen Fällen durch keinerlei anderen Kuraufenthalt ersetzt werden kann, weil die spezifischen klimatischen Vorbedingungen sich eben nicht künstlich -schaffen lassen. Will Deutschland also für die auf Davos angewiesenen Kranken sich ein moralisches Anrecht auf die Benutzung der Anstalt sichern, so müssen seine Philantropen sich entschließen, auch mit ihren schlechten Mark — die ja doch schließlich oft nur in Mark umgewandelte Franken- und Gulden-Export-Erlöse sind — der „Etania" nach Kräften zu Hülfe zu kommen. Allein richtig ist doch auch, daß auf diesem Wege nur ein ganz geringer Bruchteil der Betroffenen gerettet werden kann. Innerhalb der deutschen Grenzpfähle muß für die sachgemäße Unterbringung jüdischer Kranken in religiösem Milieu ohne Gewiffenspein und seelische Belastung gesorgt werden. Dabei sollte die Frage einer Angliederung jüdischer Ab- Aber, siehe, sie kannten dich nicht,und erinnerten sich deiner nicht mehr. Sie schwelgten in Freude, ln Benutz und in Lust und hatten vergessen, daß Trauer einhüllt die Kinder deines Hauses. Dort zogen die Tiere am Abend heim von der Weide und ein kleiner Knabe konnte sie leiten, ihr Heim kennen sie, ihr Lager im Stalle finden sie, ihres Herrn Stimme ist ihnen vertraut. Deine Kinder aber wissen nichts mehr von dir, ihre Heimat ist ihnen fremd geworden. Tag der Ruhe ward ihnen zum Tag der Hast. Sie lächeln ob der Lieder, mit denen deine Treuen dich feiern, sie spotten über das, was heilig war allen. Kindern deines Volkes. Flüchtig, wie der Schatten des fliegenden Vogels, wird oft noch einmal lebendig, was sie in der Kindheit geschaut und geliebt, aber sie schämen sich ihrer Jugend und Wort des Vaters und Lehre der Mutter ist fern, wie das Haus der ersten Jahre ihres Lebens. Fällt der Eishauch des Unglücks auf sie, dann besinnen sie sich und ferne Bilder ziehen vorbei an ihrem Geiste. Aber von neuem packt sie der Dämon, von neuem stürzt ihr Wollen hinab in den Sumpf des Alltags, von neuem sinken sie nieder vor Götzen aus Silber und Gold, vor gleißendem Schein und täuschendemTrug. Wir schauten hin in die Hallen, wo dein Wort verkündet und das Lied gesungen wird zu deinem Preis: Aber verödet und verwaist sind viele Räume, die einst zu eng waren wegen der zahllosen Scharen deiner Kinder. Aus der Leere tönt klagend die Frage: wo sind hingeschwunden die Söhne und Töchter meines Volkes? Aber keine Antwort wird laut. VW Der Anfang vom Ende. Das erste Wort des Klageliedes ,12'rr wird im Midrasch nach dem Zahlenwerte seiner einzelnen Buchstaben als das Sündenregister des dem Untergange verfallenen Volkes dahingestellt. k — Sie verlengneten den Einzigeinen. ' — Sie übertrateu die „zehn Gebote«. 3 — Sie fetzten sich über das dem z w anztgsteu Menschengeschlechte gegebene Milohgesetz hinweg (je zehn Geschlechter von Adam bis Noah und von diesem bis zu Abraham). n — Sie verschmähten die Lehre der fünf Bücher Mosis. Soweit der Midrasch. Es ist auf den ersten Blick nicht verständlich, was der zweite und dritte Buchstabe noch besagen sollten, nachdem das 'n aus die «efernte Lehre hinweift. Sind doch „Miloh" und „Zehngebot" Teile des Pentateuch, somit schon im vierten Punkte mitenthalten. Bei näherer Betrachtung ergibt sich aber in dieser Reihenfolge die notwendige seelische Entwicklung des Gottesleugners und Abtrünnigen schlechthin und für alle Zeiten. Es fängt in der Regel mit dem 'n an, mit. dem Fünfbuch. Man krittelt ein wenig an den heiligen Texten herum, sucht sie menschlich zu begreifen und wissenschaftlich zu prüfen, ihres göttlichen Charakters zu entkleiden, ohne daß damit, so macht man sich vor, die rassische Zugehörigkeit zur Nation berührt werde und unbeschadet der Anerkennung gewisser Bibelteile (Zehngebot) als Grundlagen der sittlichen Weltordnung. Selbstverständlich — so meint man — darf durch die Zweifel und Kritiksucht der reine Glaube an den einzigen Gott nicht betroffen werden. Es kommt aber erfahrungsgemäß anders. Von 'r,f von der Bibelkritik ist der Weg zu '2 zur Verleugnung der Rassengemeinschaft nicht gar soweit, dann werden auch die noch bislang als heilig erachteten Stellen der Schrift (') so blatz und gehaltlos, daß ihr „sittlicher und sittigender Wert" nur noch ein leeres Wort ist und im Borwärtsdrange macht der Mensch auch vor den n nicht Halt. Die letzte Station heißt in den Worten des Midrasch: b& H’mn riEö. Sie verleugneten den Wettetnztgen. Der Prophet, der in der Klage zugleich tröstet und warnt bis ans Ende der Zeiten, ruft immer und immer wieder N2'N! Will heißen: als die Abkehr mit dem 'n begonnen hatte, war sie bereits gegen x gegerichtet. Es war der Anfang des Endes! Keines Feuilleton. Klagelied. Bon Gedaljah. Wir schritten in den Tagen der Trauer vorbei an den Söhnen und Töchtern deines Volkes.

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