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Der Israelit · 1922-07-20 · Heft 29 (20.7.1922) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 29 (20.7.1922)
Date
1922-07-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 29 des „Israelit". Verschollene Vröber.;i Eine Yalaidiagejdildite aus der vegenwsn. (Fortsetzung.) Im Glücke und in der Freude dieser Stunde war jeder letzte Rest von Groll gegen die Engländer verschwunden. Sogar die Opfer und Märtyrer waren für eine Weile vergessen. Die Legion sang hinter der Fahne mit dem Dawidstern das Hatikwahlied zu den Klängen einer Kapelle und Salomo trug mit eiserner Hand diese Fahne, ohne zu schwanken, ohne zu ermüden. Er war Bannerträger im Heere Moschiachs, das aus Mizrajim ins gelobte Land nach der heiligen Stadt zog. Dieses Gefühl verließ ihn keinen Augenblick. Er sang nicht, aber seine Augen waren feucht, und er betete leise alle Gebete, die ihm in heiliger Sprache geläufig waren. „Stoße in die groß Posaune, Uns zu befreien, Und erhebe die Fahne Zu sammeln unsere Verbannten, Und sammele uns allesamt Von den vier Enden der Erde . . Auch dort zwischen blauem Nil und Rotem Meere harrten sie seiner, harrten sie der Sammlung . . . Wo war Er nur, Moschiach selbst, daß er, Salomo, an ihn herantreten, und ihm sagen könnte : „Herr und Gesalbter Gottes, meine Brüder dort, unter ihnen Vater und Mutier und das mir zugedachte Weib, harren Deiner. Schicke mich, daß ich sie hole, mit dieser Fahne in der Hand . . . Noch vor dem Einzug in Jerusalem. . . Warte auf sie, die Armen und Verschollenen ..." Wo war Moschiach? . . . Er erhob suchend seine Augen nnd schrak so heftig zusammen, daß er beinahe die Fahne aus der Hand fallen ließ. Bor ihm stand stark und stämmig mit lachendem Munde Ascher ben David. „Ascher!" schrieen noch mehrere erfreut und entsetzt auf. „Bist du nicht erschossen, kommst du aus dem Grabe, um die Stunde des Einzuges mit zu feiern?" „Nun, was, habt ihr geglaubt, ich würde beim Einzuge im Grabe bleiben?" lachte Ascher. „Aber bist du wirklich nicht erschossen worden?" „Ja und nein." Und Ascher erzählte am Biwakfeuer die Geschichte seiner „Hinrichtung", scherzend und lachend wie immer. Aber wer Ascher kannte, merkte gleich, daß das Lachen diesmal ein gezwungenes war. „Man hat mich und noch einen mit verbundenen Augen abgeführt. Ich wußte, es war aus, es war der letzte Gang, auf den Nichtplatz ... Ich sage euch, Brüder, wer das erlebt hat, glaubt auch an Himmel und Hölle. . . Trommelfeuer und Kugelregen, alles nur ein lustiges Ballspiel gegen solchen Gang mit verbundenen Augen . . . Nun, es ist nicht mein Fall, von sowas viel zu reden. Also kamen wir an und wurden vor die Mauer gestellt. Mir wurde die Binde von den Augen genommen, und ich sah ein Dutzend Soldaten vor mir mit dem Gewehrlauf auf uns gerichtet. Neben mir stand gefesselt und ganz an die Wand gelehnt ein baumlanger Kerl von rötlicher Farbe, besten Mundwinkel so zitterten, daß es aussah, als würde er lachen . . „Ein Offizier trat vorjetzt kommt das Kommando, dachte ich und zwang meine Lider, daß sie ausblieben. Der Offizier hielt eine Ansprache, aus der ich nur soviel verstand, daß mein Nebenmann, ein Indier, der bet einem Diebstahl ertappt, den Offizier, der ihn zur Anzeige bringen wollte, nur dem Gewehrkolben erschlug, zum Tode durch Erschießen vom Feldgerichte verurteilt sei. Ich aber, ein renitenter Legionist, sollte die Hinrichtung mit anschauen, damit ich sehe und erfahre und weiter erzähle, daß die englische Militärjusttz streng sei und Disziplinlosigkeiten hart bestrafe. Ich wurde dann beiseite geführt und sofort erscholl dir Salve, die den langen Inder zu Boden streckte. Ich kam wieder ins Mtlitärgesängnis und meine Wächter fanden Gefallen an mir. Als ich vom Abzug der Legion und dem letzten Treffen bei Gaza hörte, meldete ich mich beim Kommandanten und bat ihn, mich gleich erschießen zu taffen, falls ich nicht mit meiner Legion nach Gaza dürfte. Das machte Eindruck. Und der nächste Transport nahm mich mit. So bin ich hier ... Ich sage euch, Brüder, ich habe das Beten gelernt . . „Ich habe auch viel für dich gebetet," sagte Salomo naiv, und alle lachten. Ascher aber runzelte die Stirn und blieb ernst. Er schien in den paar Wochen um ein Jahrzehnt gealtert. Sie hielten in Gaza mehrere Tage Rast. Nach und nach wagten sich auch die Bewohner aus den halbzerschossenen Häusern ins Freie, von den Engländern freunditch ausgenommen und bewirtet. Auch vereinzelte jüdische Gestalten kamen zum Vorschein, deren sich die Legionisten brüderlich annahmen. Ein alter Jude in rotem Fez trat scheu an eine Gruppe jüdischer Soldaten heran und flüsterte etwas, mit der Hand auf den Berg „el Muntar" hindeutend: „Dort liegen viele Tote und Verwundete vom türkischen Heere, auch Juden." Sofort machte sich eine Abteilung zum Hügel hinauf. Solomo war mit dabei. Sie fanden englische Sanitäter und Soldaten bet der Arbeit, Massengräber zu schaufeln und die Leichen von den noch Almenden zu sondern. Den Legionisten wurde es nicht versagt, die toten Juden auszusuchen, um sie in einem eigenen gemeinsamen Grabe zu bestatten. „Es sind keine Feinde," sagte einer. „Nein," stimmte ein Anderer bei, „es sind jüdische Brüder." „Und sie kämpften auch für Erez Jisroel wie wir," meinte ein Anderer. „Sagte ich es nicht?" ließ sich Ascher hören, „wären wir damals im Lande geblieben, wir wären bald mit den Truppen aus dem Lande gezogen und lägen jetzt vielleicht hier mit den Andern . . Nur Salomo sprach kein Wort, sondern betete tief und innig Totengebete. Plötzlich hielt er im Beten ein und seine Augen starrten ins Antlitz des toten Soldaten in Uniform. Wo hatte er dieses braune, mit schwarzem Haare dünnumrahmte Gesicht schon gesehen. Sprach es nicht aus diesem Gesichte zu ihm: „Kennst du, Salomo, mich nicht mehr?" Oder sprach was anderes aus den starren verzerrten Augen des Toten: „Gehe, Abtrünniger, woher du gekommen, zu den Missionaren . . ' Da kam es über Salomo, daß er Spaten und Schaufel fallen ließ und einen Schrei tat, daß alle herbeiliefen. ö en Meschu larrr, der Aeuienite! ..." Joffes lag erstarrt und seine harten Züge schienen kalt, abweisend. „Geh, Abtrünniger! Rühr mich nicht an!.." Und es verletzte Salomo tief, als Ascher trocken und sachlich erläuterte; „Was wundert ihr euch da? Die Jemeniten sind türkische Staatsbürger und sie wurden eingezogen und hieher in den Tod geschickt. Wäre es uns dort besser ergangen?" Auch Joffes ben Meschulan sank ins große, Brudergrab und Salomo betete tief und innig, unter Tränen. Nach wenigen Tagen ging es an der Seite des englischen Siegesheeres weiter durch das offene von türkischen Truppen verlassene Land, an den Ruinen von Askaton und Aschdvd 1 vorbei. Wiederum grüßte Salomo die grünen > Hügel der jüdischen Kolonien und sie rückten dtesesmal näher . . . Ein Legionist sang Teile aus einem alten Klageliede mit dem Kehrreim: „Als tch auszog aus Mizrajim ..." Aber Salomo war tieftraurig und sah kaum j auf. , War es das Bild des toten Aemeniten, das aus seiner Seele nicht mehr wich? War die Tatsache daran schuld, daß Ascher ihm nicht mehr wie sonst auf die Schulter klopfte -und ihn schwarzes Bruderherz hieß und über- Haupt nicht mehr lachte und scherzte, vielmehr wie umgewandelt brütend und in sich gekehrt daherzog. Aber noch ein anderes drückte Salomo aufs Herz. Je mehr sie sich Jerusalem näherten um so starker wuchs bei ihm die Sehnsucht nach einem Wunder, nach einem Zeichen von Moschiach. So mit eng l is chen Pauken und Trompeten und klingendem Spiel durften sie in die Stadt Dawids nicht einzlehen. Es verlangte ihn nach der großen Posaune, die alle sammelte, auch jene am Roten Meere und am Nile . . . Jerusalem rückte immer näher und Moschiach war noch nirgends zu sehen . . . (Fortsetzung folgt.) Lieder jüdische Musik und Gesänge. Von Dr. Arthur Kahn in Lharlottenburg. Es minie» über 50 Jahre her sein, als der rheinische rühiukich bctamue, Komponist Mar B r n ch. otwohl er von jedem Antisemitismus frei^ war, nur den Eedanken kam, die uralte Kolnidreimelodie zu ^vertonen". Von weicher Leite er die Zmpirarivn hierzu empfing, von wessen Lchpen er zum ersten male diesen Gesang hörte, uns wer ihm den Inhalt und die Bedeutung des Lertes so erklärt hat, daß etwas Besseres hätte dabei herauskommen müssen, ist mir nich: bekannt. Kurzum, das Kolnidre Brnch's wurde trotzdem rasch populär. Zunächst in. jüdischen Lireisen» sogar in jenen, die sonst im Leben dem Kolnidre sernblieben und sernstanden. Dadurch wurden seine Lchönheitsfehter nicht verbessert. Violinisten, Cellisten usw. streichen ihn, mehr oder minder gefühlvoll, aber korrekt nach der Notenvortage Herurner und man kam als Zuhörer zu keiner andern Empfindung als der einer allenfalls milden Kritik. TnS Ber- I dienstlichste war u. blieb, dag diese chnagogale Melodie auch in jüdischen Häusern heimisch' wurde, wo sonst sich weiter nichts Jüdisches zuzutragen Pflegt. Ich selber erlebte einmal, daß in einer tonangebenden nnd bestbekannten jüdischen Familie, gelegentlich eines TheeabendS, der mit mir eng befreundete Sohn des .Hauses offenbar in der Absicht, einige anwesende Täuflinge, die damals in vornehmen, jüdischen Kreiselt hoch im Kurs standen, in Verlegenheit zn bringen, das Kolnidre ans der Klarinette bo'rtrug! Es braucht: nicht erst gesagt zn werden, daß eine solche Popularisierung nur selten eine religiöse Empfindung oder Weihestimmung auslöste. Inzwischen ist es mit dem Kolnidre nicht besser geworden, wie ja auch die letzthin vorgekomnienen Vorgänge an Badeorten gezeigt haben; auch nicht in den Synagogen bei Einleitung des Versöhnungsfestes. Und gerade das ist bedauerlich^ umsomehr, als mit dem tiefen Eindruck der Kolnidremelodie der ganze fehleirde Abendgottesdienst am stärksten mit beeinflußt wird. Bedauerlich ist die Willkür, mit der eine große Anzahl von Vorbetern der Melodie noch allerlei Schnörkel, Triller und sonstige Lev-

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