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Der Israelit · 1922-07-20 · Heft 29 (20.7.1922) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 29 (20.7.1922)
Date
1922-07-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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20. Juli 1032. unKierungen subjektivster Art anhängen, jo daß die Grundmelodie verdrängt erscheint: tote audj Her Aufwand von Stimmkraft bis zum sortissimo — der doch gerade beim Kolnidre am allerwenigsten angebracht ist. Hier scheint eine musikalische Verwechslung stattzusinden. Ten jüdisch geschütten Kantoren") (Cha-- soniw) ist bekannt, daß das zweite .Dlnidre einen Ton höher gesungen werden soll, als das erste, und das dritte wiederum ein Ton höher als das zweite; keines aber in einem forte oder gar sortissimo, vielmehr zart austtingen sott. In K o n z e r t s ä l e n, in denen ich von vorzüglich geschulten und mit schönen Stimmitteln begabten Kantoren das Kolmdre hörte, hatte ich niemals die Wechesttmmnng wie einst, als ich die gottbegnadeten Sänger wie Sulzer — Wien. Freisinger — Stuhlweißenburg, Nathan Kahn — Bingen und jenen blinden Chasan in einer Neiv Uorker großen Eastside-Synagoge gehört hatte. Das waren seelische Erlebnisse, das höchste der Kunst und Inbrunst, das die Zuhörer dem Irdischen entrückte, und mit hinaufhob in Himmelssphären; den Menschen gläubig und fronnn stimmte. Und das war nicht ein Eindruck auf nur einen oder einige der Andächtigen, sondern Massenwirkung. Woran lag das? In vor etwa zwanzig Jahren erschienenen Erzählung r „Sein Chuppalied" habe ich einmal zu schildern versucht, wonnt der Chasen Rebbe Boruch die Gemeinde stets zu hoher Andacht mit sich forrriß .... „er wußte und verstand, was er betete, er g l a u b t e an die Kraft des Gebets, wie an den Gott, zu dem er betete. Er fühlte seinen Gott in sich, um sich und doch auch wieder so hoch über sich: Heber seinen Gott, zu dem er ehrfürchtig betete, den er pries und demütig anflehte, vergaß er die Menschen um sich her, für deren Fürsprecher und Abgesandten er sich hielt. Von dieser Gottheit berührt, sang er, weltvergessen, verzückt, aus des Herzens Tiefen seinen reichen Liederschatz und hob die Andächtigen, wenn auch nur für die Stunde, ans den Mederungen des Alltags empor." .... Wenn ich hier von dem reichen Liederschatz eenes alten, längst verstorbenen Kantors sprach, so galt das nicht nur für diesen allein. Es war der Ehrgeiz eines jeden „echten" Chasen, seinen Melodienschatz ständig zu bereichern; und bevor noch Sulzer, Lewandowski und Japhet etc. populär wurden, gab es schon das Münchener Gesangbuch für shnagogate Gesänge, das „BrNUNschweiger Gesangbuch", (1845) eine Sammlung der hebräischen Melodien von Nanmbonrg. wohinzu noch eine große Zahl schöner Einzelcompositionen unbekannter Herkunft kamen, die aber meistenteils auf Süddeutschland beschränkt blieben. Es scheint, als ob hinsichtlich der Reichhaltigkeit der Synagogenmelodien in Deutschland, tatsächlich eine Mainliuie existiere. Wenn Jemand, der quasi in klassischer Musik ausgewachsen ist und zugleich jüdische Gesangsweisen mit besonderer Vorliebe gepflegt, den wechselseitigen Beziehungen beider nachgefocscht, und dem Gottesdienst in vielen Ländern Europas beigewohnt, und die gesanglichen Unterschiede aufmerksam beobachtet hat. — Amerika kommt hierbei kaum in Betracht — der wird sicherlich zu der Schlußfolgerung kommen, daß der süddeutsche synagogale Melodienschatz (Chasonus) unvergleichlich reichhaltiger und inannigfalttger ist, als der norddeutsche. Er wird auch wahrgenommen Haben, daß ersterer mit dem ausländischen, wie dem französischen, holländischen, österreichischen ungarischen etc., stark von Sulzer beeinflußt, nur loenig Abweichungen von, süddeutschen Shnagvgengesang aufiveist. Keineswegs soll damit dem norddeutschen, richtiger polnischen oder russischen seine eigenartige Schönheit abgesprochen werden. Ich möchte mich hier dem Urteil unserer berühmt gewesenen Glaubensgenossen, Kapellmeister Levi, dem bedeutendsten Interpreten Richard Wagnerscher Musik anschließen, der einmal sagte: „Das süddeutsche Chasonus gleicht, mit dem osteuropäischen verglühen, einem farbenreichen Blumenstrauß neben einem Bukett von Mhrthen, Weiden. Tannen- und Sträucherzweigen mit nur wenigen Wiesen- „und Waldblumen." Ein anderesmal setzte er hinzu: „Aus der Stimme der russischpolnischen Vorsänger seufzt und stöhnt der ganze Jammer und Schmerz der dortigen Juden. Man kan» ihnen nicht zuhören ohne ergriffen und ernst gestimmt zu werden. Die Klangfarbe ihrer Stimme ist schon ein ganz anderer als die unserer deutschen Kantoren." Tns war 1875. Was man an dem norddeutschen, spezrell dem Berliner Shnagvgengesang, der fast nur von Lewandowski und Friedmann beeinflußt ist, aussetzen dürfte, ist eben der Mangel au Abwechslung und Mattttigfaltigksit, zuweilen die etwas allzustarke Anlehnung an Kirchenmelodien,*) Jahrzehntelang hört inan an Sabbat- und Festtagen immer wieder dieselben Melodien bis zur abstumpsen- *) Man wird kaum eine Standeskränkung begehen, wenn matt außer vom Borbeter, und vom Unter- und Oberkantor, auch heute noch vom „Chasan", „Bal Tfillo" und — „Schliach zibur" spricht. Oder sollte ich mich dennoch täuschen? *) So ist beispielsweise das Kadisch des Vorbeters vor und nach dem Schmone-Esregebet spezifisch katholische Gesangsweise, und, ich kann mir nicht helfen: ein katholisches Kadisch, noch nachdrücklich betont, durch das gleichklingende Dmen des Chors resp. der Gemeinde. Der Israelit. den Monotonie. Gleichviel, ob man dem „L'cho dvdi" (ich bitte, nicht das unmelodische daudt, tauw l'haudaus, wie überhaupt den gesanglich schwierigen und unmelodischen Au-Laut, anstatt ou zu sprechen, zu singen und zu schreiben), Mi chomoucho. W'schomru, die Aus- und Einhebengesänge singt, mau bekömmt den Eindruck, als sei der ShnagogenhSsang sehr melodienarm und nicht Weiter entwicklungsfähig. Eben dieser Umstand macht auch die jetzt immer häufiger werdenden jüdischen Konzerts mit Medergabe von Shnagogenmelodien, recht einseitig unrnteressant, woran wenig geändert wird, wenn auch einzelne Cvmpositionen jüdischer Eomponisten gewissermaßen wir Curiosa zu Gehör gebracht werden. Ebenso muß es als eine Entgleisung eurpsunden Werden, wenn bei solchen Konzerten gerade solche Gebet-- stücke wiedergegeben werden, die nun einmal nur Und allein in die Synagoge gehören, nimmermehr aber in den Konzertsaal. Dabei denke ich z. B. an jenes erhabene und erschütternde Gebet, das der Kantor, hier L-chttach zibur, der „Abgesandte", dev Tefrlla vermittelnde der Gemeinde, für sich vor dem eigentlichen gemeinsamen Gebet in ernster, gesammelter Stimmung zu beten hat: das „El melech neemon." Da habe ich, während ich diese Zeilen schreibe eine Reminiscenz und — eine Vision. Am Rvschhaschono in der Snyagoge. Der Vorbeler, eine wahre Priestecgestalt, der Gebettnantel über sein Sterbegewand hinabwallend, die Thora zum Einheben auf dem Arm, schreitet hochaufgerichtet der geöffneten Lade zu. Tann tritt er zurück an den Betpult, zieht den Tallis über sein Haupt und beugt sich, allmählich, unbewußt, hinab über sem Gebetbuch und beginnt leise, ganz leise, daß es wie cin Lispeln durch den plötzlich stille gewordenen Raum weht: „El melech neemon." llttd je weiter er das Gebet sagt, mnsomehr sinkt die eben noch so stattliche Gestalt zusammen. Ein Zittern durchbebt sie an der Stelle: „Nun stehe ich Armer hier vor Dir verdienstlos, um zu bitten für die Gemeinde, die mich gesandt . . . ich bin unwürdig und sündenschuldig . . . ach, laß sie nicht büßen meiner, um mich nicht ihre Sünden, . . . bin ich doch nur hinfällig, ein vergängliches Gebild aus Staub... du, unfaßbar großes Wesen, Gott, unausdenkbar, furchtbar, erhaben und ich nur ein Nichts... ich stehe dich an, erhöre doch meine Bitte. . Von der Gewalt dieses Gebetes erschüttert, bricht der Fürbitter in leises Weinen aus. Und tiefe Stille ringsum, so daß einzelne Sätze, so leise sie gesungen oder geschluchzt wurden, im weiten Räum hörbar werden. Man empfindet etwas von der Nähe dieses allgewaltigen Wesens, das hier in verschiedenen Namen angerusen wird, man ahnt das Unfaßbare, das Gvtt, Ewiger, Erhabener, Furchtbarer genannt wird, aller Geschöpfe Schicksal bestimmt und lenkt. Und wir fühlen uns mit dem Beter so Kein und nichtig und dennoch gehoben, ergriffen, als wehte uns das Rauschen der Ewigkeit an, im Sterblichen das Unvergängliche, im Ahnen unseres Tahingehens in der Nacht des Todes, das hette Licht des Auferstehens. Und alle diese Gefühle und Empfindungen hat das Gebet, das Schluchzen, das leise, kaum hörbare Singen dieses Beters am Betpult in uns äusgelöst. Und nun eine Reminiscenz. Im Konzertsaal. Auf dem Programm lese ich den dritten Vortrag: El melech neemon, eben dieses Gebet. Ans dem Podium steht ein Sänger, ein großes Notenblatt vor sich hinhaltend, aber meist auf die zahlreichen Zuhörer hinblickend; ein Konzertsänger. Ich kenne die Melodie nicht, höre bald tremolierend, bald in dröhnendem Fortissimo und wieder unmottviertem Piano, hebräische Worte, durch Coloraturen getrennt und verbtmden. ... Es wird laut Beifall geKatscht. Der Sänger verneigt sich nach allen Seiten. Da mutz ich an jenen schlichten Dorfiuden denken, der alljährlich als Rvschhaschono- und Jomkipurchasen in seiner kleinen Gemeinde funktioniert. Der merkte schon als Knabe, daß sein Vater beim El melech vor Rührung in Tränen ausbrach. Als er nun ein Mann geworden, selber Bal Tfillo wird, möchte ers oenau so machen, wie sein Vater und schreibt an den Rand des Gebetbuches: „Do werd gewant." Ob Gott an dem Gebet dieses Landjuden nicht tnehr Wohlgefallen hatte, als an dem des Sängers, der im Konzert so schön sang? Ich bin auf dem Nachhauseweg; versttmmt frage ich mich, weshalb gerade Neujahrs- und Bersöhnnngsgebete? Warum diese unvermeidlichen Profanationen? Warum bietet man diesem Zuhörerkreis nicht aus der großen Zahl unserer sabbatlichen .Synagogen- und Hausgesänge, von dem überreichlichen Schatz des Guten und Schönen? lind warum bemühen sich in vrgelfreien Synagogen nicht Chor. Kantor und Chordirigenten, unfern Liederschatz zum Gemeingut zu machen? Muß man denn,wenn man regelmäßiger Shnagogenbesucher ist, sozusagen von der Wiege bis zum Grabe, immer nur ein und dieselbe Melodie hören, bis zur Ablenkung und Ermüdung? Dann werden uns und kommenden Generationen musikalische Schätze vorenlhalten, bis sie vollends verloren gegangen sein werden. Haben Sulzer, Japhet und viele andere, den:: nur für Süddeutschland gelebt? Oder wäre es ein Sakrileg, wenn man sie neben Lewandowski u. a. gelten ließe? Man mache, meinetwegen auch zunächst im Konzertsal, einen Anfang. Es ist weder klug noch gerecht, da» Schöne des Mischen Ä»- Nr. SS Seite Ö scrngeS den Synagogenbesuchern vorzuenthalten, weil nun mal die Leute es,,so" gewohnt sind. Oder sollen wir Inden uns vielleicht dem PartikularismuS hingcben? Kinderecke. Ser Mensch und sein Srschilk Bon Heinrich Einstädter. Jeder Tag bringt Neues. Manchem Menschen schenkt er Freuden, anderen dagegen schickt er Leiden. Wenn wir alt werden und viele Erfahrungen sammeln, so haben wir Gelegenheit zu beobachten, daß die Schicksale häufig mit den Handlungen Zusammenhängen. So sagen auch die Weisen: „Mit dem Maße, mit dem der Mensch mißt, wird auch ihm gemessen." Die Bibel ist reich an Beispielen hierfür. Mimson wählte ein Philtstermädchen zur Frau. Seine Eltern waren gar nicht damit einverstanden. Sie sagten: „Gibt es denn nicht genug jüdische Mädchen, daß du gerade eine Heidty nehmen mußt?" Aber seine Augen hatten nun einmal Gefallen an der Philtsterin gefunden, und er folgte ihnen. Und siehe! — Später stachen ihm die Philister beide Augen aus. Der eitle Absalom war besonders stolz auf feine langen, lockigen Haare. Gerade sie wurden ihm zum Verhängnis, indem er durch sie am Aste eines Baumes hängen blieb. Er täuschte seinen Vater, die Obrigkeit und das ganze Volk. Unsere Weisen drücken sich aus: „Er stahl drei Herzen." Sein Tod wurde durch drei Dolchstiche ins Herz herbeigeführt. — Doch nicht nur die Strafe, sondern auch der Lohn, der einem wird, erinnert oft an das Tun und Lassen des Menschen. Als Mosche in seinem Binsenkörbchen gelegen war, da hatte seine Schwester Miriam in der Nähe gewartet, bis sie über ihren Bruder beruhigt sein konnte. In der Wüstr war sie einst krank. Da wartete das ganze Volk sieben Tage mit dem Wetterztehen, bis sie wieder gesund war und mttgehen konnte. Joseph ließ es sich angelegen sein, daß sein Vater Jakob in Kanaan begraben wurde, so wie es dieser gewünscht hatte. Er, der Höchste unter seinen Brüdern, besorgte die Bestattung seines Vaters. Dafür wurde ihm wiederum die Ehre zuteil, daß seine sterblichen Reste beim Auszuge aus Aegypten von dem Größten jene- Geschlechtes mitgeführt wurde, nämlich von Mosche. Als dieser starb, da war kein Mensch da, der ihm an Würde gletchkam. So bestattete der Ewige selbst seinen Leichnam, wie es in der Schrift heißt: „Es begrub ihn Gott im Tale." Nach Sota, 1. Kapitel. ♦rrm wr? rwfr fnip wkö »nmt 'von: lnam n' neun »3 rwv m« o« 'nenn "1 m« ok 'Evn pa*?n in i* Wv» }W DIP D'1-2: .'2 *IMM »litt jvilrm .p"2 nnpfr’v WM

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