Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1922)
- Date
- 1922-07-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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tzeite 6 Rr. 38 Der Israelit Rußland. Die ReligionsDerfolaunsen in Rußlanfl- Warschau, 14. Juli. Rabbiner Bortschanski von Homel ist verhaftet worden. In einem wutschnaubenden Artikel des amtlichen bolschewistischen Zentralorgans wird dem Rabbiner vorgeworfen, daß er an der Spitze der „bürgerlichen Klerikalen" in omel stehe und daß er, so wie die christlichen eistlichen ihre Ktrchenschatze in den Kirchen, die jüdischen Jünglinge und Knaben in den Chedarim und Jeschiwos zurückbehalte. Er organisiere Versammlungen in den Synagogen und reize die jüdische Bevölkerung zum Widerstand gegen die Staatsgewalt auf. Nach dem Tenor des Artikels ist für Rabbiner Borischanskt, dessen Prozeß in den nächsten Tagen zur Verhandlung kommt, das schlimmste zu befürchten. (Stehe die Wochenrundschau voriger Nummer. Red..) England. Me jüdifdie Erziehung irr England und die Sinai-biga. London. 3. Juli. Die Sinai-Liga hat an die vom Kriegserinnerungssond eingerichtete jüdische Erziehungs-Konferenz ein Memorandum gerichtet, worin nachdrücklich auf die Mängel des bisherigen Erziehungssystems in England hingewiesen wird. Dieses Erziehungssystem habe sich als zu oberflächlich und zu wenig intensiv erwiesen. Es blieben zwei Möglichkeiten, unter denen man wählen müsse. Entweder das von S. R. Hirsch in Frankfurt geschaffene System, das eine intensive jüdische Erziehung mit umfassender weltlicher Bildung während der gewöhnlichen Schulzeit verbinde, oder die Fortentwicklung des Talmud Thora-Systems, das man aus dem Osten auch ins Londoner Eaftend übertrage habe. Set das erstere System zu kostspielig oder aus Mangel an Kräften unausführbar, so müsse man den zweiten Weg beschreiten, um den unfruchtbaren Religionsunterricht in regelrechte Talmud-Thora-Bildung umzuwandeln. Statt der bloßen Ideen des Religionsunterrichtes sei der Jugend Chumisch mit Raschi, Talmud und Schulchan Oruch vertraut zu machen. Der jüdische Unterricht dürfe nicht mtt der Barmtzwoh aufhören, sondern müsse mindestens bis zu 16 und 18 Jahren fortgesührt werden. Das Leben der jüdischen Gesamtheit in England set bedroht, wenn nicht eine radikale Aenderung des Erziehungs-Systems in diesem Sinne eintrete. Die öeflalfung der Zewisli Rgency. London, 14. Juli. In einem hier gehaltenen Vorträge beschäftigte sich Richard Licht heim aus Berlin, der der zionistischen Exekutive angrhört, mir der Frage der llervisL Agency. Llchlheim nimmt an, daß die Agency identisch sein werde mtt dem gej chästsführenden Ausschuß der Zionistischen Organisation. Den Sitz des Ausschusses gänzlich nach Palästina zu verlegen, halte er für verfehlt. Eine Verbretterung der Jewish Agency durch Htnzunahme anderer jüdischer Parteien lehnt Lichtheim ab. Derartige nichtzlonistjsche Gruppen könnten doch höchstens auf Grund ihrer bisherigen Leistungen ln Palästina zugelassen werden, mögen diese Leistungen in Geld oder in Menschen- Matertal bestanden haben. Er kenne aber keine jüdische Partei, die den Anspruch erheben könne, viel für Palästina geleistet zu haben! Derfdtiebung der EatifHiation des Paiäffina- JTiandares? London, 14. Juli. Aus Genf wird gemeldet, daß die vatikanischen Einflüsse Brasilien, das dem Völkervundrate angehört, zu dem Entschlüsse bestimmt hätten, einer Annahme des Palästina-Mandates in der am 17. ds. beginnenden Tagung des Rates in London zu opponieren. Da zur Ratifikation Einstimmigkeit erforderlich ist, so würde dieser Entschluß, falls die Nachricht richtig ist, einen neuerlichen Aufschub zur Folge haben, was angesichts der Lage in Palästina als besonders verhängnisvoll betrachtet werden muß. Von anderer Seite wird versichert, der Vatikan wünsche lediglich eine weitere Verhandlung über § 14, der die heiligen Stätten betrifft. Dagegen sei er mit der sonstigen Fassung des Mandates, insbesondere auch mit dem Paragraphen über die jüdische Heimstätte einverstanden. Amerika. Eine iüdifche llmversM in Amerika? Aew-York, 4. Juli. Die für viele Kreise überraschend gekommenen Anträge führender Universitäten, namentlich der Harvard-Universität, durch die Einführung einer durchaus russisch anmutenden Prozent-Norm den Zuzug jüdischer Studenten einzudämmen, haben sofort energischen Widerstand bei dem staatlichen Behörden gefunden. Aber der ganze Vorgang hat doch weiten Kreisen die Angen geöffnet über die unvermutet große Empfänglichkeit der amerikanischen Volksseele für antisemitische Vergiftung. Demgegenüber gewinnt nun das Projekt der Errichtung einer jüdischen Universität in Amerika Sympathien, trotzdem merkwürdigerweise gerade der Präsident der Harvard-Universität lebhaft gegen diesen Plan protestiert. Er wird in erster Reihe von dem Leiter einer großen Jugen-Organisation, Dr. Hochfelde., propagiert und soll in einem demnächst stattfindenden großen Meeting näher erörtert werden. Man möchte einen Fond von 25 Millionen Dollar für den Zweck aufbringen. Die Universität soll unter jüdischer Leitung stehen, aber für Studenten aller Rassen und jedes Glaubens zu-' gänglich sein. Der jionifiiffftß MWrwlg in flmerifia. Wew-Hork, 30. Juni. Trotzdem Sokolow in politischer Hinsicht durch die Gewinnung des Senators L o d g e und die Herbeiführung der bekannten Resolutionen im Senat und Repräsentantenhaus der Sache des Zionismus zweifellos in Amerika beachtenswerte Erfolge gesichert hat, muß doch der Zweck der großen zionistischen Campagne, nämlich die Aufbringung gewaltiger Geldmittel für den Keren Hajjesod als gescheitert gelten. Man hat alles in allem bar 1 Million Dollar zusammengebracht, ein Ergebnis, das auch ohne die kostspielige Delegation, in der sich namentlich Jabotinski als überaus schädlich erwiesen hat, zu erzielen gewesen wäre. Die Folgen dieses finanziellen Mißerfolges werden sich natürlich auch politisch auswtrken. Mehr Aussicht hat Rutenberg mit seinem wirtschaftlich wohlfundierten Projekte, für das sich auch die Brandeis nahestehenden großen Kapitalisten lebhaft interessieren. Argentinien. Ikiteitss-Kyres, 31. Mai. Der ehemalige Jerusalemer Chacham-Bascht Da non ist hier angekommen, um im Aufträge der Amsterdamer Pekidirn für die sefardischen Schulen Jerusalems, die in ihrer Existenz bedroht sind, zu wirken. In einer stark besuchten öffentlichen Versammlung hielt Rabbiner Danon eine eindrucksvolle Ansprache die stürmischen Beifall fand und hoffentlich auch die genügende materielle Opferwtlltgkeit auslösen wird. Für die hiesigen Verhälnisse charakteristisch ist die Tatsache, daß sich an die Versammlung, nachdem die älteren Leute den Saal verlassen hatte, ein bis in die späte Nachtstunde dauerndes Tanzvergnügen anschloß. , 28, Juli 1932 Utllästina. Sammlungen für die ruffifdien Hungernden in Paläfiina. I-rrrlakem, 3 Juli. Wir lesen im „Daor Hajaum": „Nach der Erregung, die infolge des Aufrufes Ihrer Zeitung zu Sammlungen für die hungernden Brüder in Rußland entstanden war und nach dem Rundschreiben des Waad leuml in dieser Angelegenheit herrscht nun völliges Schweigen. Niemand kümmert sich darum, daß die Hilfe organisiert wird. Wo ist der Waad haleumi? Wo ist der Waad hotr? Wo sind alle die vielen Organisationen und Vereine in Jerusalem, warum treten sie nicht auf in diesem Augenblicke, da Hilfe so nötig ist? Agudas Jisroel, deren Einfluß in Jerusalem sehr gering ist (? Red.), hat mit ihrer werklätigen Hilfe angesangen und innerhalb drei Tagen mehr als 100 Lstrl. gesammelt. Die Bevölkerung Jerusalems will geben, aber sie findet keine ihr zusagende Institution. Möge doch der Waad leumi eine öffentliche Versammlung einberufen, dann werden hunderte von herzenswarmen Menschen kommen, die ihren unglücklichen Brüdern Hilfe reichen werden." .Es ist in der Tat zu hoffen, daß Dank der Initiative der Aguda Jisroel allmählich auch die anderen Organisationen in Bewegung gebracht werden, schon um der Aguda nicht den Ruhm der Tat allein zu überlassen. Besseres als diese Konkurrenz der Menschenliebe kann diese sich nicht wünschen. 0emrmlfration8ffreik der Araber in Palästina. Jerusalem, 5. Juli. Der Präsident des arabischen Kongresses erläßt ein Manifest, in dem er zu einem großen Demon strations streik als Protest ' gegen die Balfourerklärung am 13. und 14. Juli auffordert. Der Streik solle friedlichen Charakter tragen und alle der arabischen Sache schädlichen Herausforderungen vermeiden. Der Gouverneur von Jerusalem hat gleichzeitig Versammlungen und Demonstrationen und Waffentragen strengstens verboten. Die zionistische Exekutive und der jüdische Nationalrat fordern die jüdische Bevölkerung auf, die Ruhe zu bewahren und versichern siedaß die Regierung die Ordnung zweifellos aufrecht erhalten werde. ver stampf um den Sabbat im belügen Lande. Jerusalem, 5. Juli. In der Wohnung des Oberrabbiners Kuk fand eine Vesammlüng statt, in der man sich mit den Aergernis erregenden Darbietungen eines neueröffneten jüdischen Kinos am Sabbat beschäftigte. Nachdem die Aufforderung des Oberrabbinats, das Theater am Sabbat zu schließen, keinen Erfolg hatte, soll demnächst eine größere öffentliche Versammlung in der Churba stattfinden, um gegen die Sabbat-Entweihung zu protestieren. Personalien. Jchenhauseu, 3. Juli. Ein seltenes Jubiläum gab Gelegenheit zu einem gelungenen, harmonisch verlaufenen Fest. Herr M. Meinfetder feierte am vergangenen Sonntag sein 58 jähriges Dienstjubtläum als Synagogendiener unserer Kultusgemeinde. Aus diesem Anlaß veranstaltete die Kultusverwaltung einen „Bunten Abend", der zugleich der Feier des 80. Geburtstages galt. Heilere Vorträge, auf die originelle Wesensart des Jubilars gemünzt, wechselten mit musikalischen Darbietungen des Gesangvereins Zion, des Herrn Oüerkantors Schwarz, sowie mit Einzelvorträgen in reicher Fülle ab. Herr Kultusvorstand Krämer betonte in seiner gelungenen Ansprache, wie der verehrte Jubilar, unser Mosche, es verstanden habe, zu zeigen, wie man auch der scheinbar unbedeutendsten Aufgabe hohen Wert abringen könne, wie man auch im einfachsten Kreise Wertvolles schaffen kann, wenn man es mit seinen Pflichten ernst nimmt. Herr Lehrer Blum würdigte den Gefeierten in längerer humordurchtränkter Rede als Mensch, Beamten und Kollegen und bezeichnere das Fest als das „goldene Hochzeitssest" der vor 50 Jahren zwischen Kultusgemeinde und Synagogendiener geschloffenen harmonischen Ehe. Außer einem bedeutenden Geldgeschenk, das von zwei Mitgliedern der Kultusgemeinde unter den hiesigen und ehemaligen Angehörigen der Kultusgemeinde gesammelt worden war, überreichte die Verwaltung dem Senior ihrer Beamten, der in seltener körperlicher und geistiger Frische noch seines