Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1922)
- Date
- 1922-07-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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•ft SrSraeiff. Nr. W Sette 8 äo: ffutt 1988._ _ begreiflich, daß auch der größere Verband nicht gewagt hat, in seiner Satzung sämtlichen Verbandsgemeinden die Besöldug ihrer Beamten nach staatlichen Grundsätzen aufzuerlegen. Die Erreichung dieses an sich durchaus lebensnotwendigen Zieles soll nur angestrebt werden, ob es Wirklichkeit wird, hängt von dem Maße der Opferfreudigkeit ab, das die in dem allgemeinen Verband allein herrschenden Großgemeinden betätigen werden. In einem Punkte hat in der Berliner Verhandlung das Verhältnis der Großgemeinden zueinander nun recht interessante Symptome gezeitigt, die kurz zu besprechen sich verlohnt. Die Berliner Gemeinde wollte sämtlichen dem Verbände angehörigen mittleren und kleineren Gemeinden zw an gsweise ein demokratisches Wahlrecht auferlegen. Wir sind, insoweit es sich nicht um die Einführung des gesetzwidrigen Frauenwahlrechtes handelt, mit dieser Demokratisierung vom Standpunkte der Orthodoxie an sich vollkommen einverstanden, müssen es aber dennoch ais eine Ungeheuerlichkeit bezeichnen, daß der Berliner Gemeindevorstand überhaupt gewagt hat, der Versammlung m't eimm solchen Vorschläge zu kommen. 'Die Gestaltung ihrer eigenen Verfassung, wozu doch in erster Reihe das Wahlrecht gehört, ist geradezu das Palladium der Gemeinde-Autonomie. Ueber dieser Gemeinde-Autonomie steht nur das Reltgionsgesetz. Ueber die Forderungen dieses Reltgionsgesetzes hinaus jedoch einer jüdischen Gemeinde durch einen religtös-n eu traten Verb and Gesetze auferlegen zu wollen, bedeutet nicht mehr und nicht minder als die völlige Vernichtung der berechtigten Selbständigkeit der Einzelgemeinde. Mit dem Wahlrecht sängt es an und mit der Aufoktroyierung irgend einer dem Religionsgesetz ins Gesicht schlagenden Verwaltungsmaßnahme, mit der zentralen Ernennung der Gemeinde - Beamten geht die Entwicklung logisch weiter! Daß man vorsichtigerweise in ausgesprochen kulturellen Angelegenheiten auch nach der Meinung der Berliner Politiker den Gemeinden ihre Selbständigkeit noch lasten wollte, will nicht das geringste besagen. Denn abgesehen davon, daß es jederzeit in der Hand der Großgemeinden läge, auch diese Einschränkung zu beseitigen, kann kein Mensch feststellen, wo im Gemetndeleben das Administrative aufhört und das Kulturelle und Religiöse anfängt. Run ist zwar der Antrag der Berliner Gemeinde für diesmal an dem Widerstände der übrigen Großgemeinden, die vorläufig noch nicht vom Zionismus beherrscht werden, gescheitert, allein der ganze Vorgang beleuchtet mit erschütternder Klarheit, wohin die Reise für alle diesenigen Gemeinden gehen wird, die sich dem Berliner Gemeindeverband anschließen: Sie werden mehr oder minder, früher oder später ihre Selbständigkeit einbüßen. Die Tatsache, daß die Not der Stunde den Zusammenschluß der Gemeinden geradezu erzwingt, darf rnd soll doch über die ungeheueren Gefahren nicht hinwegtäuschen, die-aus diesem Zusammenschluß dem religiösen Leben erwachsen. In religiöser Hinsicht bietet ja der Berliner Verband mit seiner groß-gemeindlichen Führung nicht die allergeringste Gewähr. Der rabbtnische Einfluß ist so gut wie völlig ausgeschaltetdie Art und Weise, in der man sich mit der Frage des Frauenwahlrechtes abgefunden hat, ist geradezu ein Hohn auf den religiösen Ernst. Für alle Organe der Gesamtheit müssen sich die gutmütigen Orthodoxen die religionswtdrige Wählbarkeit der Frauen ruhig gßfallen lassensie bekommen als Entschädigung und Gewissensopium das wunderbare Zugeständnis gereicht,' daß für ihren eigenen Sonderausschuß das Frauenwahlrecht ausgeschlossen werden kann. Daß es ernst zu nehmende Menschen gibt, die sich auf eine solche Harlektnade einlasten, ist geradezu unverständlich. Was nützt es, daß der Vertreterder Berliner Gemeinde-Orthodoxie gegen die religionsgesetzwidrige Verfastungsbestimmung „Protest" einlegte, wenn er schließlich bei der Abstimmung ohne Schwertstreich sich löblich unterwarf, und in hohen Tönen auch noch das Entgegenkommen den großgemeindltchen Liberalismus gegenüber der Orthodoxie zu rühmen wußte. Daß die Berliner Jüdische Gemeinde bet der nächsten Wahl aller Voraussicht nach eine konservativ-zionistische Mehrheit in die Reprasentantenversammlung entsenden wird, erhöht unseres Erachtens nicht gerade die Zuversicht in das Wachstum gesetzesrreuen Geistes innerhalb des neuen Verbandes. Denn gerade der Zionismus ist es, der mit der Rücksichtslosigkeit gegen das Religtonsgesetz, die er mit dem Liberalismus teilt, auch noch die Energie und das Ungestüm einer jugendfrischen Bewegung verbindet und dadurch weit gefährlicher wird, als die lendenlahme Berliner Neologie es je werden kann. Für uns ergibt sich aus diesen Erwägungen mit nodj größerer Entschiedenheit als bisher die Ueberzeugung von der Lebensnotwendigkeit des gesetzestreuen preußischen Gemeindeverbandes. Wer es wahrhaft ehrlich meint mit der Aufrechterhaltung der reinen jüdischen Idee, mit der Wahrung der jüdischen Gemeinde-Autonomie, mit der Sicherung des tausendjährigen Religionsgesetzes im Kreise der jüdischen Gemeinschaft, der wird seinen ganzen Einfluß ausüben müffen, um den gesetzestreuen Bund durch den Anschluß möglichst zahlreicher gesetzestreuer Gemeinden zu stärken und den Gemeinden die Gefahren klar zu machen, die ihnen von dem Berliner Verbände drohen. Wilna »nd Warschau. Bei Uebergang Wilnas an Polen schrieben wir einiges über die Fäden, die sich jetzt möglicherweise von der früheren Hauptstadt Litauens nach der Residenz Polens hinüberspinnen könnten und von der zu erwartenden wohltuenden Wechselwirkung im jüdischen Leben hüben und drüben. Daß wir damit die Meinung und die Hoffnung der Judenheit in den zwei östlichen Randstaaten wiedergespieaelt haben, können wir nach eine»! Artikel im 'Warschauer „Jud" mit Genugtung konstatieren. Wir lesen i»a u. a.: „Der weiche, sentimentale polnische Jude mit seiner inneren Glut und der harte, unerbittlich scharf denkende litauische Jude mit seiner kalten Beweglichkeit werden durch ihre Vereinigung zu gleichen Teilen profitieren. Der polnische Jude pflegte sich in der Regel nicht sehr zu beeilen, ist aber, wenn er endlich eine Sache in die Hand genommen hat, mit Herz und Seele dabet, der Litauer dagegen denkt nicht lange nach, ersetzt inneres Feuer mit sachlicher Ueberlegung und hält zäh an der Sache fest, die er einmal begonnen hat. Am meisten bekundet sich die Wesknsvrrschiedenheit in der Art des Lernens. Der Litauer weiß zwar viel, aber er will alles wissen. Der babylonische Talmud ist ihm zu wenig, er muß die gesamte talmudische Literatur beherrschen. Der polnische Gelehrte dagegen geht mehr in die Tiefe und mit jedem Worte, über das er nicht hinwegkommt, eröffnet sich ihm eine neue Welt von Gedanken und Ideen. Was für ein Prachtlernen müßte aber bei einer Kombination der polnischen und litauischen Methode herauskommen l Und nun auf die Politik übertragen. Eine Idee, in Krakau, Lublin oder Warschau entstanden, bleibt lange Idee, ein Ideal zu erstreben, ohne gleich die Hände in Bewegung zu setzen. Kaum aber hat der Wind ein Atom der Idee nach dem Njemenufer verweht und siehe, sie hat Anhänger und „Männer der Tat" gefunden, die sich ihrer bemächtigen, und bereits sind Organisation gegründet und Aktionen etngelettet zu ihrer raschen Verwirklichung. Welch glänzende Aussichten eröffnet aber eine glückliche Vermählung zwischen dem polnischen Ueberlegen und dem litauischen Zugretfen! gelehnt mit dem Hinwsis auf die Wone der Schritt: N'n' nvnv ruwl, Wer Geschenke haßt, gewinnt an Leben. Rabbi Seira hat die Annahme von Geschenken auch verweigert, aber die Einladungen seitens des Exilssürsten angenommen mit d<r Begründung, daß letztere nur als Zeichen der Wertschätzung zu betrachten seien (Chullin 44). Nicht nur mit B ot sehe man sich für dis Reise vor, man trage auch Sorge, der heiligen Pflicht des Händewaschens genügen zu können. Unter Umständen müßte man bis zu 2000 Ellen wieder zurückgrhen, um Wasser zu d'T rftnw zu erlangen. Liegt eine solche Möglichkeit in der Richtung des Reiseziels, so gehe man selbst bis zu 4000 Ellen vorwärts. Im Notfälle darf mit umhüllten Händen zum Brotgenuß geschritten werden, oder aber man nehme vor Antritt des Weges das Waschen der Hände vor und schütze dann letztere durch Handschuhe vor Berührung von Unreinem. tDas darf jedoch nicht zum Dispens vonB'T nnd Tischgebet während des ganzen Tages und der ganzen Reise führen). Es gibt noch eine andere Kalamität oder Verlegenheit, in die ein Jude unterwegs kommen könnte. Die Wenigsten werden das errgten. Und doch kommt es vor und entging dem Scharfblick und der Fürsorge unserer Weisen nicht. Es ist die Möglichkeit, daß eine der vier unseres Gewandes unbrauchbar wird, d«v. Ohne die Schaufäden sollen wir keine vier Ellen weit gehen. Daher der Rat: Nimm dir auch mit auf den Weg, die uns vor lüsternen Blicken und gottentfremdenden Herzerlsregungen <■ zurückschrecken sollen. Welch' erhabene Lehre, welch' guter Wink der Weisen, welch! ein Kleinod, das unscheinbare Päckchen ri'L'rr! Wenn feindlich gesinnte Menschen den Juden auf Reifen beschimpften, höhnten, belästigten und bedrohten, 3 so fand er sich in diese Lage mit den Worten: „dafür sind wir im GokuS"! Das war eine Art Generalj pardon für alle die Rohheiten kleiner und großer antii semitischer Buben. Ach, wenn diese eine Ahnung davon hätten, welche Hochschätzung der eigenen Person in diesem Wort für den Juden lag trotz äußerer Resignation und welch' tiefe Verachtung für die Gasfenhelden. Der Ausruf ist auch heute noch aktuell in den Tagen der antisemitischen Bade» und Lusikurorte. Brutale Gewalt erzwingt nie und nimmer Hochschätzung und Zuneigung, wie Politik und Krieg beweisen. Wir finden unfern Lebensweg am besten und bequemsten nach den Lehren der Thora nnd den klugen Mahnungen der Weisen. War Christoph ColumvuS ein Jude? Diese Frage wurde neulich, in der „Bvssischen Zeitung" bejaht. Tenlgegenüber schreibt Hans Mvraht: Was zunächst die angeblich nenentdeckten Urkunden angeht, so können sie, wenn sie Eolnmbus' Vater den Vornahmen Jacob geben, keinen allzugrotzen Wert haben: wir wissen aus zahlreichen Urkunden, deren Echtheit und Beweiskraft außer Zweifel steht, daß er Tvmenico hieß. Uebrigens würde der Vorname Jacob (Jacopo, Giaeomv) für das angebliche Judentum der Familie nichts besagen, denn er findet sich, im mittelalterlichen Italien so gut wie im heutigen, ebensowohl bei Christen wie bei Inden. Colnmbns' Mutter heißt in den bisher bekannten Urkunden (sie datieren vom 25. Mai 1471 und vom 7. August 1473) nicht Schoschana, sondern L-usana (Snzana): wenn die neuentdeckten Urkunden ihrem Namen die hebräische Form Schoschana geben, so wäre erst noch zu prüfen, ob diese Fokin wirklich vor der andern den Vorzug verdient oder ob sich ihre Anwendung nicht vielmehr aus andern Ursachen erklärt — vielleicht ist der ganze Text der neuentdeckten Dukumente hebräisch. JÄensallS liegt es, wenn man aus den in der Familie gebrauchten Vornamen ans ihre Abstammung Schlüsse ziehen will, wohl näher, sich an den Namen des Entdeckers selbst zu halten. Wie aber sollten wohl die Eltem des Columbus, wenn sie wirklich Juden waren, auf den Gedanken kommen, ihren Sohn Chrrftophoro zu nennen'? Tie Maranen gehören nach Spanien, nicht nach Genua. Außer den angeblich neuentdeckten Namen der Eltern des Colnmbus führt der Verfasser des Artikels für feine These, daß EolumbuS Jude gewesen sei, die Tatsache an, dav er auf seiner Entdeckerfahrt u. a. auch Juden au Bord gehabt hat. Tiefe Argumentation mutet noch seltsamre an, als die erste. Wir mttficu uns vor Augen halten, daß es Columbns keineswegs leicht wurde, Männer zu finden, die sich entschlossen, die nach den Begriffen der Zeit höchst abenteuerliche Fahrt mitzumachen, — so wenig leicht, daß man zu dem Mittel griff, Verbrechern ihre Strafe zu erlassen, wenn sie sich für die Fahrt anmustern ließen. Sv lag es nahe, daß sich Colnmbus' Mannschaft mit aus Leuten rekrutierte, die sich, wie die durch das königliche Dekret vom Älpril 1492 in ihrer Gesamtheit mit der Austreibung bedrohten Juden und die ständig von Mi Inquisition bedrohten Maranen, in Spanien selbst mehr oder, weniger entwurzelt vorkamen. Daß der Matrose Rodrigo de Triana Jude gewesen sei, ist übrigens eine (mit dem an das HebräischeäNÄingenden Namen der Insel Guanahani zusammenhängende) Fabel, die bereits voir Kahserling (,,Columbus und der Anteil der Juden an den Entdeckungen", S. 81) abgelehnt worden ist. Tie wirklichen Verdienste, di« sich die Huden