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Der Israelit · 1922-07-13 · Heft 28 (13.7.1922) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 28 (13.7.1922)
Date
1922-07-13
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Sette 14 Rr. W lich vergessen. Sie hatte fick mittlerweile vollständig verändert. Keine Spur der ehemaligen Eleganz,- abgehärmt und abgehetzt, blaß und verwahrlost sah sie aus, ein früh gealtertes Weib. Und nun begann sie zu erzählen. Ihr Mann, der nur um drei Jahre älter ist als sie, wurde zur Musterung aufgefordert. Er fuhr mit noch einigen feines Alters nach einer Kreisstadt in Galizien, wo die Musterungskommission ihres Amtes waltete. Er wurde als tauglich befunden und war im Begriffe, nach Hause zu fahren und seine Angelegenheiten zu ordnen, da traf die Nachricht ein, daß die Russen nach der Kreisstadt ziehen, um dort einzumarschieren. Die Musterungskommission ergriff die Flucht, alle Einwohner flüchteten in wilder Hast, und die Gemusterten wurden nach Ungarn gebracht, wo sie sofort einem Negimente eingereiht wurden. Nun waren sie beide von ihren Angehörigen abgeschnitten. Aber sie hatten wenigstens einen Trost, sie waren beisammen. Was mit ihren Kindern geschah, konnten sie nicht erfahren, ebensowenig, was aus ihren Eltern und ihrem Vermögen wurde. Galizien war von den Ruffen besetzt, von der Welt abgeschlossen. Die ganze Zeit seiner militärischen Ausbildung — in Oesterreich Abrichtung genannt — war sie bei ihm, lebte mit ihm und teilte mit ihm seine militärischen Leiden und Sorgen. Nun aber war seine Ausbildung zu Ende und er mußte zur Front — nach Italien — abgehen. Dagegen ließ sich nichts machen. Und so nahmen sie Abschied, er ging nach dem Jsonzo, sie, die niemanden hatte, zu dem sie flüchten konnte, kam zu uns. Mir fiel ihre ärmliche Kleidung aus und der Mangel jeglichen Schmuckes, von dem sie früher fast überladen war. Sie schien meine Frage zu erraten, denn fast ohne Uebergang erzählte sie mir, daß sie nach und nach alle ihre Pretiosen verkauft hätte, denn koscher leben kostet viel Geld, namentlich einem Soldaten. Zum Abschied übergab sie ihrem Manne noch einen größen Geldbetrag, da er im Felde doch niemanden habe und nun auch auf dem Schlachtfelde nicht ohne Geld sein könne. Dafür hat sie ihr Letztes verkauft: eine mit Brillanten reich besetzte Armbanduhr, das Brautgeschenk ihres Mannes .... Hingegen hatte sie etwas mitgebracht, was sie als sehr wichtig und wertvoll bezetchnete, ein Schriftstück, auf Grund dessen sie berechtigt ist, für ihre Person auf die Soldütenunterstützung Anspruch zu erheben. Mir fiel dabei ein bekannter Ausspruch des österreichischen Dichters Grillparzer eltt: „Nichts, aber dies sicher!" Und nun begannen für sie neue Sorgen, von ihrem Manne trafen keine Nachrichten ein. Sie malte sich das Schlimmste aus und weinte und klagte unaufhörlich. Aber da traf die erste Feldpostkarte ein. Sie war am Rüsttage des Roschhaschonoh geschrieben und er bat sie darin, an diesem heiligen Feste für ihn zu beten, da er an einer gefährlichen Stelle sei. Die Karte kam von Sukhofan. Dann kamen noch andere Karten von ihm und zuletzt eine am Chanukoh. Die war die letzte. Sie aber hörte nicht zu schreiben auf, sie schrieb ihm oft, täglich, manchesmal sogar mehrere Karten an einem Tage. Vergebens. Keine Antwort. Vor Pessack erhielt sie alle ihre Karten plötzlich zurück mit dem Vermerk: „Vermißt." Nun begann eine eifrige Korrespondenz mit dem Roten Kreuz in Wien, in Genf, in Italien. Aber vergebens. Die Antworten lauteten überein stimmend, „nichts Näheres gemeldet, abwarten." Und sie wartete und wartete, bis ihr eines Tages die traurige Gewißheit wurde, „Gefallen." Kopfschuß natürlich, sofortiger Tod, ohne Schmerzen. Beileid usw. Die Aermste geberdete sich wie wahnsinnig. Den ganzen Tag saß sie in den Tallis ihres verstorbenes Mannes gehüllt und weinte und klagte. So fand ich sie, als ich sie in der „Schiwoh" besuchte, so auch später, als ich dachte, sie hätte sich einigermaßen beruhigt. Sie war aber nicht zu beruhigen und so beschlossen wir, sie auf ärztliche Anordnung in eine Nervenheilanstalt zu schincn. Die Kur tat ihr gut. Ziemlich erfrischt und J _ Lei ISraeiit._ gekräftigt kehrte sie zurück und konnte uns nicht genug danken, daß wir sie für ihre Kinder gerettet Laben. Als im Sommer Galizien frei wurde,Leiste sie mit dem ersten Flüchtlingsttanspvrt ab, zu ihren Kindern, ihren Eltern. Zu Rosch-Haschonoh schickte sie mir eine gedruckte Karte als Neujahrswunsch. Seither hörte ich von ihr nichts mehr. Vor einigen Tagen kam sie wieder. Zerrissen, zerlumpt, gkbrochen-eine alte, gebrochene Frau. Tage und Tage ist sie gefahren, ohne ausreichende Nahrung, ohne die notwendige wärmere Kleidung. Die Polen haben sie um alles gebracht, ihr alles geraubt. Ihr Vater erschlagen, die Mutter krank, ihr Haus verbrannt, ihr Geschäft total zerstört, ihre Kinder ohne Vater, ohne Obdach, so ließ sie sie zurück, um mich anzuflehen, mich ihrer zu erbarmen, sie nicht zu verlassen. Ich suchte sie zu trösten, zu beruhigen. Aber die Worte kamen mir nicht aus dem Herzen. Ein Pogromopfer im 20. Jahrhundert! Das Opfer jener Horden, die über ihre Unterdrückung jahrelang klagten und nun, zur Macht gelangt, andere unterdrückendie das Morgenrot der Freiheit durch Mord und Raub, durch Brand und Plünderung begrüßen, die ihren Heldenmut an einem wehrlosen Volke erproben und an entnervten Greisen, an hilflosen Kindern, an gebrochenen Frauen ihr Mütchen kühlen. Der Mann fallt für sein Vaterland und seine Frau wird gehetzt und gejagt ohne Mitleid und Erbarmen, weil — sie Jüdin ist. Das ist die Moral des blutigsten aller Kriege, die Moral der „großen" Zeit, einer Zeit, wie sie nicht schmachvoller gedacht werden kann. Wohl dem, der in der Lage ist, die Wunden, die diese Zeit geschlagen zu heilen oder sie teilweise zu lindern. Bet uns aber gibt es der Progromopfer so viele, daß man aus lauter Mitleid und Erbarmen gar nichts tut . . . Kinderecke. Wusch. Bon Fanny Bäumet. Als sich geschlossen durch des Menschen Hände, Des Edens Tor, Da ward der Sabbat ihm, daß er ihm künde Was er verlor. II. An diesem Tage öffnen sich die Hallen Zum Paradies. Und wer es wünscht dars da zum Orte wallen, Der ihn verstieß. IH. Des Cherubs Flügel falten sich zusammen. Der Riegel bricht. Und statt des Schwertes roter Zornesflammen Strahlt mildes Licht. IV. Es kann sein Glanz in Freudenhöhen tragen Aus Tränendampf, Er strahlt hinein in ungelöste Fragen In Zweifelkampf. Es läßt sich alles freundlicher bewerten In diesem Schein, Und alle Fehler lösen, alle Härten Sich im Verzeih'«. Komm Lieb', wir folgen dieses Lichtes Winken Und treten ein, Indem wir aus dem Kiduschbecher trinken Den Segenswein. Hawdala. Von Fanny Bäumel. Nur EngelSflügel können stets dort schweben, Wo hoch und rein 13. Juli 1929. Aus Ruh' und Frieden sich die Fäden weben Zum Glückesschein. Der Mensch kann nicht die ganze Zeit verbringen fVn Sabbatruh' Er neigt dann wieder sich dem Kamps und Ringen Dem Alltag zu. HI. Doch, daß er in des Alltags trüben Wellen Zum Tier nicht sinkt, Wenn aus des Neids und aus des HaderS Quellen Er gierig ttinkt: IV. ES strahlt ihm auch aus den Hawdalakerzen Ein führend Licht, Wenn aus Bert,aün und Dank in seinem Herzen Er's gläubig flicht. Aus Dank, datz keinem Volke ward gemessen An Pflicht so viel Und aus Vertrau'«, daß Gott uns nie vergeffen Wird bis an's Ziel. VI. Den Unterschied zu Tier und Engel finden In gleichem Maß, Als Mensch von selbst sich an's Gesetz zu binden Ohn' Unterlaß, VII. Das ist das Ziel, den schweren Weg zu kürzen, Der dahin führt, Ward ihm die Arbeit. Alles kann sich würzen Was sie berührt. VIII. So führe uns dem Alltag froh entgegen Der Lichterscheln. Und seine Würze soll der frohe Segen Der Arbeit sein. (Schluß Oes Rrfifiels von Seife 10.) ober Chaffanberns ergreifen wollen; so mar es, früher und so muß! und kann es wieder werden. Wo die Mittel zur Ausbildung fehlen, da müssen die Verbände, die doch so viel von der Forderung des religiösen Lebens und der Hebung der Gemeinden in ihren Programmen verkünden, einspringen und zeigen, ob ihnen es Ernst ist mit ihrem Programm; ohne tüchtigen Lehrerstand gibt es keine Förderung und .Hebung der Gemeinden. Als noch lange nicht an einen 'Verband gedacht wurde, da wurden schon lernbegierige Jünglinge, die sich dem Rabbiner- oder Lehrerberufe lvidmen wollten, reichlich durch Freitische, Zahltage, Kosttage'und Stipendien unterstützt, weil man eben, wußte, daß gerade aus den: weniger bemittelten Stande die Führer des Judentums hervorgehen. Wenn wir warten wollten, bis die Reichen ihre Söhne dem Rabbiner- oder Lehrerberufe zuführen, so kann das Judentum dabei zugrunde gehen. Unsere Weisen scheinen auch diese Auffassung geteilt zu haben, sonst hätten sic nicht den Satz' gepr'igt.' '222 nrrTH. Die Art und Weise der Förderung früherer Zeit ist nicht mehr angängig. Daraum auf, ihr Verbände und Vereinigungen, stellet Mittel zur Verfügung zu gründlicher Ausbildung lernbegieriger Jünglinge, setzet Prämien aus für diejenigen Lehrer, die ihre Kraft lieber dieser 'Sache widmen, als sich mit anderen Berufen zu beschäftigen, damit sie nicht mehr gezwungen sind, > sich genau an den armseligen Stundenplan zu , halten, von dem einmal jemand die Erklärung gab:^?!2b2 narr sttfb nr seitdem für das Lernen der moderne Stundenplan existiert, ist das religiöse Wissen zugrunde gegangen. Wenn nicht in energischer Weise der Unwissenheit zu Leibe gegangen wird, dann sind affe Beteuerungen der Verbände und Jugendvereinignngen, dann sind alle schwunghaften Reden weiter nichts als Phrasen. Aus Ach und Feru. Oldenburg i. D. Nachdem auch die letzte noch ausstehende Gemeinde Delmenhorst sich endlich entschlossen hat, ihren Lehrer nach den Gehaltssätzen der staatlich angestellten Beamten zu besolden, sind nunmehr durch das zielbewußtte Eintreten des Landrabbiners Herr Dr. de Haas die Gehaltsverhältnisse aller Lehrer im Freistaat Oldenburg zur vollen Zufriedenheit geregelt.

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