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Der Israelit · 1922-07-13 · Heft 28 (13.7.1922) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 28 (13.7.1922)
Date
1922-07-13
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Verschollene Vrüber. Eine Salafdiaßefdildife aus 9er öeaenroart (Fortsetzung.) XXII. Durch die Sinaiwüste. Der Weg war lang und beschwerlich. Aber gleich beim Auswarsche kam neue Beweglichkeit in die matten Glieder, neue Hoffnung beschwingte die Beine, und der Mund, der lange verstummt war, öffnete sich zu neuen Liedern. Solomo, der inzwischen Sergeantengrad erhalten hatte, schritt aus, als führte er schon seine abessinischen Brüder ins gelobte Land, aus Mizrajim nach Jeruscholsjim . . . Bald aber stellten sich auch die Messiasleiden ein. Die glühende Hitze des Mittags ließ die Zunge an den Gaumen kleben, und Wasser war nicht überall zu haben. Ueberhaupt war dieser Messiaszug durch die Wüste nicht ganz nach der Vorstellung Salomos. Elia als Schrittmacher war nicht dabei, sondern auf unruhig trippelndem Reitkamel ritt ein Beduine als Führer voran, eine hagere, nervige Gestalt in weitem, faltenreichem Mantel und mit grünseidenem arabischem Tuche um den Kopf. Ihm nach stampften die Legtonisten, vom „General" und den Kezinim auf Pferden und Kamelen zu beiden Seiten, begleitet, durch den lockeren glühenden Sand und hinter ihnen schaukelten die schwerbeladenen Lastkamele mühsam vorwärts. So ging es tagelang durch das endlose Sandmeer, das nur selten von einer kleinen Insel, einer Beduinenniederlaffung oder einem von dünnen Dattelpalmen umringten Haferfelde unterbrochen wurde, Hier und da hielten sie Rast, bereiteten sich aus dem in den ringförmigen Gräben angesammelten schlammigen Waffer auf kleinen Feuern den heißen Wüstentee und streckten, die Mäntel über den Kopf gezogen, die müden Glieder zur kurzen Nachtruhe aus. In der Regel ging es schon kurz nach Mitternacht weiter, denn die Kühle der Nacht und Frische der ersten Morgenstunden mußte ausgenutzt werden. Aber wenn der Morgen anbrach und die dichten fahlen Schleier die Sonne noch umhüllten, erhob sich auch schon der Wind und die Luft wurde schwüler. Und wenn der führende Bedutn, dessen Kopftuch flatterte, die Hand zum Zeichen erhob, so bedeutete dieses: „Alles hinlegen, der Wirbelwind kommt!" Und wenn der Sturm raste, Sandwirbel tanzten, austanztrn zu Wellen, zu Bergen anwuchsen, als wollten sie alles mit sich hinreißen, die Kamele, auf dem Boden lagernd, die Köpfe dem Sturm entgegengestreckt, wieherten, io lagen noch hilfloser neben ihnen die Menschen, und die glühendheißen Sandkörnchen schlugen ihnen schmerzend auf Gesicht und Hände, drangen in Nase Mund und Ohren, sodatz das Atmen zur Qual wurde. Wie im Grabe lagen sie mit ihren Idealen und Hoffnungen unter dem aufgetürmten Sande . . . „Die Elemente sind am Kampfe, am Messiaskampfe beteiligt," dachte Salomo schlaff und abgestumpft. Aber der kundige Beduine erhob sich zuerst vom Boden. Mähiich ließ der Sturm nach, immer dünner fegten die leuchtenden Säulen aus feinem Flugsand und versanken dann ganz, j Es leuchtete wieder Helle Sonne und es wehte . 2g des „Israelit". reine Luft und neue frische Stimmung beseelte auch die Legionäre. Weiter ging dann der Marsch durch die endlose Ebene. Salomo war es völlig unerfindlich, wie der Beduine den Weg durch dies einförmige gelbe Weüenland, wo kein Baum, kein Haus, kein Pfahl einen Anhaltspunkt bot, zeigen konnte. Nur nach dem Horizonte und«» dem Gang von Wind und Wolken orientierte sich der Führer. O, daß er, Salomo, sich auf den Wüstenwegen des Lebens so zurechtfände! ... Am Tore eines Dorfes angelangt, in der Freude, Rast, Nahrung und frisches Waffer zu erhalten, winkte ein Retter nach rückwärts. Sie durften nicht hinein Im Dorfe und allen nachfolgenden Niederlassungen seien Epidemien ausgebrochen, und sie mußten in die Wüste absckwenken, um auf Umwegen znm Ziele zu gelangen. Nur wenige Brunnen gab es auf der spärlich begangenen Wüstenstraße. Die in Ziegenschläuchen mitgeführten Wafservorritte verminderten sich zusehends. Hunger und Durst stellten sich bald ein und das Marschtempo verlangsamte sich. Manch einer, der pfeifend und singend ausgezogen war, blieb schlaff und abgestumpft zurück oder mußte aufs Kamel gesetzt werden. Aber überall zwischen den Mühen und Leiden leuchtete der Wille und die Hoffnung durch, wie Sonne sich durch Wolken bricht. Und endlich nach viertägigem Marsche waren sie über El Arisch hinaus auf der guten Truppenstraße nach Gaza, wo sie, ein Teil vorwärtsrückender englischer Heeresmaffen, aller Leiden enthoben, im Stegeszuge höchsten Zielen zustrebten. XXIII. Einzug in Gaza. Um Gaza, wo im Küstensande die Ruinen der alten Phtliflerstadt begraben liegen, sammelten sich die Sturmbataillone der Allenby'schen Armeen nach jahrelangem Hin und Her zum letzten Treffen. Ein Krachen und Dröhnen, daß die alten Häuser jenseits der Kaktuspflanzen und Olivenhaine bis auf die Grundmauern erzitterten, das alte Sarai wie die Kuppeln der Moschee eine Wunde nach der anderen erhielten und im „Abu el Azam", dem sich über das Grab Simsons erhebenden Tempel, die Mauern wiederum wie bei der letzten Kraftaufwallung dieses Helden, einzustürzen drohten. Auf dem Hügel „el Muntar" drüben sah man im Feuerscheine der Nacht wie huschende Schatten. Die Türkenfront war durchbrochen und die dort noch kämpfende Nachhut war ebenfalls schon in Bewegung. Als die Jüdische Legion hier angelangt war, war der Kamps bereits im Abflauen. Aber das Bild weit und breit war noch überwältigend genug, sodaß Salomo die Worte Goodwons aus der Bibel in Erinnerung kamen: „Es stürmen die Völker zum heiligen Berge ..." Tapfer nahmen die jüdischen Legionisten teil an kleinen Nachtgefechten, keine Aufgabe war ihnen zu schwer, keine zu gefahrvoll. Verhaltene Kraft und Hoffnung, von drei und vier Jahren kam spontan zum Ausbruch, so sehr, daß die ruhigen Engländer abwehren und zur Mäßigung mahnen mußten. Salomo entwickelte soldatische Eigenschaften, die ihm Lob und Anerkennung aller einbrachten. Auf „el Muntar" drüben war es ganz stille geworden, in der Stadt schien alles Leben erstorben und die Oliven- und Kaktuspflanzen standen wie Dtc gelichteten Reihen einer Formation und ließen ihre gebrochenen Glieder matt im grauen Nebel des Borherbstes hängen. Gaza war gefallen und man schickte sich zum feierlichen Einzug in die erste Stadt Palästinas an. Die Jüdische Legion bekam ihren Platz bei den Vorrtruppen hinter dem Stabe. Mortsetzung folgt!) Gehetzt und gejagt. Von Dr. Felix Kanter in Zwittern (Mähren). Als ich sie zum erftenmale sah, schien sie direkt aus dem Baüsaale zu kommen: sorgfältig frisiert, etwas, wie ich glaubte, gepudert, — rouge natürlich — mit großen Boretoue, endlos langen Handschuhen, die meines Erachtens als eine Art Aermelersatz dienten, Diese elegante, ' vornehme, sorgfältige frisierte und gekleidete Dame war—ein Flüchtling, ein Flüchtling wie die vielen anderen: unglücklich, hilflos, gehetzt und gejagt. Sie kam nicht aus dem Ballsaale, sondern aus einem vornehmen Kurorte. Mit 22 Jahren war sie Mutter dreier Kinder. Nach der Geburt des dritten Kindes stellten sich bei ihr nervöse Erscheinungen ein, und die Aerzte rieten eine gründliche Kur in einem vornehmen Bade an. Derselben Ansicht waren auch ihre Eltern, sehr angesehene und sehr reiche Leute aus Galizien, und selbstredend auch ihr Gatte. Kein Wunder, Geld hatten sie in Fülle, die Kinder gediehen prächtig, Personal hatten sie genug. Die Kinder waren also versorgt, Geld sp'elte keine Rolle und die Aerzte bestanden auf einer Badereise, ebenso die besorgten Eltern und am meisten der bekümmerte Gatte. Und so fuhr sie ruhig und unbesorgt ins Bad. Damals war noch Frieden, in Böhmen, Oesterreich, Europa — in der Welt. Und di? Kur tat ihren Nerven gut,- sie erholte sich zusehends, nahm tüchtig zu und versprach dem behandelnden Arzt und allen Freundinnen beim Abschied, nächstes Jahr wieder zu kommen. Dieses Versprechen hat sie nicht Ungelöst, sie kam zwar nach Böhmen wieder, aber nicht nach einem Jahre, sondern schon nach einigen Wochen, nicht als Kurgast, sondern als Flüchtling, nicht als „gnädige Frau", sondern als eine, die um Gnade bittet. Auf ihrer Heimreise nach Galizien zu ihren Kindern, ihrem Gatten und ihren Eltern überraschte sie der Krieg und die Flucht. Da sie nicht weiter reisen konnte, reiste sie zurück und da sie keine Mittel und auch keine Lust mehr hatte, eine zweite Kur zu unternehmen, schloß sie sich dem Transport der ander n Flüchtlinge an und teilte ihr Schicksal, ihre Leiden und ihre Qualen, nicht aus Liebe, sondern Leid, nicht dem freien Triebe gehorchend, sondern der bitteren Not . . . Sie kam zu mir als Flüchtling, aber nicht als Bittende, nicht als Klagende. Sie hatte nur einen Wunsch: zu erfahren, was mit ihren Kindern geschah, wo sie, ihre Eltern, wo ihr Gatte und ihre Geschwister weilen! Denn ini zwischen waren die Russen eingedrungen und wie sie dort hausten, namentlich wie sie sich gegen die Juden benahmen, darüber herrschte kein Zweifel mehr. Sie hatte kein Geld, aber sie lehnte jede Unterstützung abihr Reisekorb geriet in Verlust und sie besaß nichts, als was sie auf sich trug, sie verlangte nichts, nur das Eine: zu erfahren, wo ihre Kinder sind, ihr Mann, ihre Eltern. Ob sie noch leben, mit den Russen oder auf der Flucht, ob sie etwas gerettet haben oder wie alle anderen hungern und frieren und darben. Und dann fing sie zu schluchzen an, so herzzerbrechend, so erschütternd, wie eine Mutter von drei Kindern, wie eine verwöhnte Göttin von 22 Jahren, wie eine Unglückliche, Verlassene auf der Flucht. Und ihr Wunsch ging sonderbarerweise verhältnismäßig schnell in j Erfüllung. Wie es kam, weiß ich heute nicht mehr. Eines Tages kam sie zu mir ganz blaß und aufgeregt und teilte mir mit, sie wisse nu>, wo ihr Mann sei. In Ungarn, als Soldat. Und sie fuhr nach Ungarn. Als sie ungefähr nach einem Jahre wieder kam, erkannte ich sie nicht wieder. Ich habe die ganze Zeit von ihr nichts gehört und sie gänz-

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