Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1922)
- Date
- 1922-07-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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13. Jutt 1922. Wst LSraeltt. fit. 38 «ette 8 Tevrod angewendet und muß dennoch zugeben^ daß die den Arbeiterkreisen angehörigen Eltern dieser Kinder mit den Sowjet-Schulen im höchsten Grade unzufrieden sind. Die eigentlichen Stützen des Cheders, so erzählt der „Emmes" weiter, sind die jüdischen Mammes (Mütter). Die Kommission mußte bei ihrer Arbeit Vonseiten älterer jüdischer Arbeiter sich folgendes sagen lassen: „Was soll ich mit meinem Weib anfangen? Sie läßt das Züngele um keinen Preis aus dem Cheder reißen." Es ist nicht nur das Liefe, von der politischen Verderbnis weniger angekränkelte Gefühl der jüdischen Frau, das hier wieder einmal wie in früheren gefahrvollen Augenblicken der jüdischen Geschichte zur Rettung der Thora sich emporschwingt, sondern auch die naturgemäß größere Unabhängigkeit der Frauen gegenüber den gewerkschaftlichen Zwangsmitteln der Arbeiterparteien. Die Melamdim haben sich bemüht, bei der Kommission das Recht zu erreichen, ihrerseits „demokratische Chadorim" gründen zu dürfen - man scheint aber zu der Demokratie der Melamdtm nicht das genügende Zutrauen zu besitzen und ließ sich durch diese Vorschläge in dem rücksichtslosen Kampf gegen die jüdische Jugendbildung nicht beirren. Der „Emmes" muß zugeben, daß die Orthodoxie das Terrain keineswegs kampstos räumt, aber es ist leider auf natürlichem Wege keinerlei Hoffnung dafür vorhanden, daß dieser Widerstand Erfolg hat, solange die gegenwärtigen Machtverhältnisse eine Aenderung nicht erfahren. In Home!, wo man sowohl den Chadorim wie den Jeschiwaus ohne weiteres das Lebenslicht ausgeblasen hat, erschien der Rabbiner in der Versammlung, der Sowjets und wies u. a. darauf hin, daß hinter ihm die gewaltige Mehrheit der jüdischen Bevölkerung stehe. Die Bolschewisten aber verspotten diese Mehrheit als eine Gesellschaft von „Händlern und Krämern" und fahren fort, ihre „Kultur" mit den Waffen der Gewalt und der der Unterdrückung der jüdischen Jugend aufzudrängen. Wie dieser Kampf letzten Endes ausgehen wird, kann keinem Zweifel unterliegen - - allein bis zu dem Tage, da die rohe Gewalt ihren unvermeidlichen Zusammenbruch erleidet, wird der Thora und ihren Trägern in Rußland noch ein schweres und langes Martyrium beschteden sein. resn Rituelle Verpflegung auf Ozeandampfern. Bon Dr. M. Ascher in Neuchatel. Auf See, im Tamus 5662. Es ist vielleicht nicht genügend bekannt, daß eine ganze Reihe von Ozeandampfern für die jüdischen Reisenden Einrichtungen für ^V2-Küche getroffen haben, und daß viele Interessenten selbst daran schuld sind, wenn diese Einrichtungen nicht häufiger benutzt werden. Es hat sich bei vielen unserer lieben Brüder und Schwestern als Unsitte eingebürgert, sich ihres Judentums zu schämen oder doch sich zu genieren, ganz offen zu erklären, daß sie auf 1V2-Kost Anspruch erheben. Biele brave ttW behelfen sich bei den Schiffsmahlzeiten mit Obst, Hering, Kaffee oder sonst erlaubten Speisen. Man will nicht gern stören, will keine Umstände machen. Es kommt sogar vor, daß Mische Leute an die acht Tage lang auf einem Schiffe find, bis sie kurz vor dem Ziel durch irgend einen Zufall erfahren, daß auf demselben Schiff eine HN2-Küche sich befindet, die unter Aufsicht eines braven jüdischen Koches steht. — Mag man in seinem Privatleben wie immer auch handeln, in diesem Falle aber hat man die Pflicht, im Jntereffe andrer Mitfahrer energisch zur Geltung zu bringen, daß man als religiöser Jude NV2 zu speisen habe. Es hat sich herausgeftellt, daß mehrere Schiffsgesellschaften, nur weil ihre "W2-Küche nicht genügend benutzt wurde, dieselbe aufgehoben oder doch stiefmütterlich behandelt haben. Jeder Jude, dem es ernst damit ist, daß auch andre die Gebote der Religion befolgen können, sollte schon beim Billetlösen erklären, daß er auf *nr>2-Kost reflektiere, damit das Bedürfnis, diese Küchen zu erhalten, weiter bestehe. Wer je eine große Reise auf einem Dampfer mitmachte, der keine rituelle Verköstigung bietet, weiß, wie viele Schwierigkeiten er durchzumachen hat, die ihm die Reise zur großen Pein machen, während dieselbe Reise andern Passagieren unter andern Umständen zur großen Erholung gereicht. Ohnehin ist es nicht jedermanns Sache, immer wieder Obst und Heringe zu essen und schwarzen Kaffee zu trinken. Man stelle sich auch nicht etwa vor, daß der so reichlich garnierte Tisch auch dem Juden große Wahl laßt. Die meisten Speisen, auch die scheinbar erlaubten, wie manche Confitüren-Gelees sind verdächtig, da mehr denn je die Nahrungsmittel gefälscht werden. Es handelt sich dabei um Fälschungen, die auf Grund des Landesgesetzes gestattet sind, während eine Vorspiegelung falscher Tatsachen auch im Sinne des Gesetzes vieler Länder als Betrug betrachtet wird. So spielte vor wenigen Wochen in New- Jork ein Prozeß eine Rolle, in welchem ein Fleischer angeklagt war, völlig treifenes Fleisch seit Jahr und Tag verkauft zu haben. Am Ladenfenster prangte mit Riesenbuchstaben n 2 p ü l" n Der Fleischer brachte bei Gericht vor, er habe nie behauptet, daß das Fleisch seines Ladens seijene Worte bezeichnen nur „clean, schein (schön), vcIn". Dgl. kann natürlich unters Strafgesetz fallen. Wir hingegen besprechen hier Fälschungen, die nach dem Landesgesetz nicht verboten sind, während auf Grund unseres jüdischen Gesetzes dgl. Fabrikate zum Genüsse verboten sind. Selbst das an heißen Tagen so beliebte, auf den Dampfern als große Delikateffe täglich gegebene Eis ist scharfer Kontrolle zu unterziehen. Ich besitze einen Brief der New- Iorker Reid Cream Jce Cie, in welchem auf Anfrage hin die Gesellschaft antwortet, daß mit Ausnahme des sogen, „french ioe" (in welchem Eier die zusammenhaltende Rolle fpicteu) fast zu allen Eisarten ebenso wie zu den meisten Gelees als zusammenhaltende Kraft Gelatine gegeben werde. Ich nehme an, daß jeder Leser weiß, woraus Gelatine besteht. Die Mitfahrenden und das Schtffspersonal haben in der Regel nur Hochachtung vor dem Juden, der die Speisegesetze beobachtet. Wenn jemand je versucht, uns lächerlich zu machen, so ist es häufig genug gerade einer unserer bedauernswerten Brüder selbst, der damit sein Gewissen beschwichtigen will. So hörte ich, als die Mitreisenden ans einem Dampfer leise fragten: „Warum ißt denn unser Gegenüber bei jeder Mahlzeit immer Hering?" einen fetten Glaubensgenossen antworten: „Wahrscheinlich ist er nichts Besseres gewohnt." Natürlich muß in jedem Einzelfalle auch seitens des jüdischen Reisenden untersucht werden, ob das riTOS genügend sei. In einem Falle ermittelte ich, daß der Koch gar kein Jude sei, sich jedoch als Kenner der jüdischen Küche (er war 8 Jahre in jüdischen Hotels als Koch tätig) eine Stelle als jüdischer Koch zu verschaffen wußte. Ein. anderer Koch, der allerdings Jude war, gab das ihm anvertraute Geschirr, weil er selbst zu bequem war, das Abwaschen zu bejorgen, in den großen Waschraum, wo es zusanlmen mit allem anderen Geschirr geputzt und gemischt wurde. Sind sehr viele Reifende, die rituelle Kost verlangen, so wird dem jüdischen Koch eigens ein Steward zum Abwaschen des schirr zur Verfügung gestellt. Die Herren Rabbiner sollten genau prüfen, wen sie zunr Bekleiden wort für das reale Leben erläutert, '.".weitert, uns Ratschläge an die Hand gegeben, pros.> ch wertvoll, menschlich schön, ethisch erhaben. Auch \il. die in der Gegenwart so hoch entwickelte Reisemög.^.lelt und ungestüme Wanderlust bleiben sie von .ritueller Bedeutung. Nur Weniges sei hier davon «-uorgehoben. Wenn der Jude eine Reise antrit weih er, daß hierzu nicht nur die gefüllte Bn-!', das volle Ztgarren-Etui und ein Necessaire gehören: auch p?ßn und ein Gebetbuch finden noch Ro m im Koffer, ein trom oder ein Lern-nso, mn der Pflicht des *in2^2i "s-N2 gerecht zu werden. Sollte man uualles Platz haben, nur für diese Utensilien nich? Dem Lernkundigen ist es sozusagen Bedürfnis, seine jüdische Lektüre mitzunehmen und sei eS au , nur leichtere Geisteskost. In Badeorten, wo man p; (ttt oft systematisch pflegt, meistens mehr, als die ärztliche Vorschrift es wünscht, finden sich immer auch gleichgesinnte Seelen zusammen im Zeichen des' nivb mm und lassen den 33W der geistigen Anregung aus ihr physisches Wohlbehagen fördernd wirken. n'rrvi "pmtMöft 'prrn mn. „Heilmittel ist sie für deinen Leib und Mark für dein Gebein". In einem lauschigen Winkel, aus grünem Wtesenteppich oder am blumengeschmückten Rain ein Stündchen „lernen" heißt die Genüffe von und 2".-iip harmonisch verbinden. Der Jude hat offenen Sinn für die Schönheiten der Naturdie Weisen selbst schärften uns Auge und Ohr: 1D7W2 iS .-I22V sollen wir bewundernd nusrufen betu, Anblick schöner Geschöpfedie ersten Baumblüten wirken wie ein Strahl göttlicher Liebe und Güte auf unser Herz und setzen die Lippe in Bewegung zu jubelndem Preise. Gott in der Natur zu suchen, darf indes nicht soweit führen, die rrst-ste und reichste Quelle der Golteserkennints, die Thorn, zu ocrnnch- Räume geweiht im Dienste des Einzig-Einigen, eine « Stätte, wo Sabbat und Festtage ihren unnachahmlichen Zauber ollen Familiengliebern bieten und deren Denken - und Fühlen mit ewigen Werten befruchten. Wenn jüdische Elternherzen ihrem zarten Kinde den innigsten und gehaltvollsten Segenswunsch mit auf den Lebensweg geben möchten, so fehlt darunter auch nicht die frohe Hoffnung aus dereinstige Gründung eines jüdischen Hauses. Noch heute und in aller Zukunft gilt die Devise: a*2m mm^, der Dreiklang des jüdischen Pflichtenlebens, in ungeschwächter Bedeutsamkeit fort. Auf sein Heim und Haus konzentriert der jüdische Vater sein Sinnen und Sehnen, sein Wollen und Streben, es allein bildet den Ausgangspunkt wie das Endziel alles Wirkens und Schaffens, „uro OV '2 nncnn inawni. Und seine Rückkehr war nach Ramah - denn dort befand sich sein Haus". (Sam. l, Kap. 7, B. 17). Eigentümlicherweise erkennt man dem Juden andrerseits einen angeborenen Wandersinn zu. Der „ewige Jude", welcher das Wandern nicht lassen kann, soll ein Typus sein. Ja, man geht soweit, den auf göttlichen Befehl unternommenen Wegzug Abrahams von Heimat und Elternhaus mit dem Charakter des Patriarchen in Zusammenhang zu bringen und nicht etwa als Prüfung hinzustellen. Mit demselben Rechte könnte man auch die beschwerlichen Reisen der babylonischen Jünger nach den Talmudstätten Palästinas, die Pilgerfahrt eines n"7P, eines Jehuda Halevi nach dem Väterlande, die Auswanderung Rämbams von Cordova nach Fez in Nordafrika und Fostat in Aegypten als jüdischen Charakterzug ansprechen. Zugegeben, daß der jüdische Bolkscharakter Paradoxa aufweist — sind wir doch gleichzeitig zu den Sternen des Himmels wie zum Staube der Erde verglichen — so darf die Gegensätzlichkeit zwischen häuslichem Sinn und Wander- :! lust doch nicht zu Ungunsten des ersteren gebucht werden. „e'12*i '32 ntsy&D “pnn. Das Reisen hat dreifachen Nachteil", meint der Talmud, „,T7E> JiK nvrwv pocn nrr ntsyeöi attm m nvpvvi n’2*u es störr das Familienleben, schmälert den guten Ruf und verringert das Vermögen". Solche Bewertung des Reifens klingt wahrlich nicht sehr schmeichelhaft. Und gar im Hinblick auf eine allenfalstge Beeinträchtigung des Thorastudiums! N'N cb *ojjd s’53. „Sie (die Thora) ist nicht jenseits des Meeres", (5. B. M 30, 23). Dazu meint ein Wort der Weisen: die Gotteslehre wird nicht bei jenen zu finden sein, die große Weltreisen untreren, die in ihrem geschäftlichem Streben das Meer überfahren. Auch das klingt nicht gerade auf. munternd zur Ergreifung des Wanderstabes. Als Gegensatz und Ideal wird die beschauliche Ruhe zwecks intensiver Beschäftigung mit der Gotteslehre gepriesen: 2"N N2N0 N2'V' n27ö. „Wer das Sitzen (zum Thoralernen) mehrt, der mehrt damit nur das Leben". Hat doch dieses ruhige Verharren beim Thorastudium, während die große Welt aus allen möglichen Wegen ihren Zielen nachhaftet, der jüdischen Hochschule des Talmudstudiums den Namen r,2'B» als Ehrenbezeichnung gesichert. Die altjüdischen und echtjüdischen Sympathien gehören also unstreitig dem Hause. Nichtsdestoweniger steht aber auch unser außerhäusliches Leben ganz unter dem Diktate des göttlichen Vaters. ,,^rn2 "jn2?23", auch wenn du auf dem Wege gehst, sollst du von Thoraworten reden, lautet die Kardinalforderung. Der Jude läßt seinen Gott nicht zuhause, schließt ihn nicht zwischen vier Wänden ein. Es wäre auch sonderbar, wenn die unser ganzes Leben umfaffende mm nicht auch über das Verhalten außerhalb des Hauses Anweisungen enthielte Und unsere Weisen haben in mancherlei Aussprüchen jenes Thorai