Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1922)
- Date
- 1922-07-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Fevilleton-Beilage za Kr, 22 des „Israelit". Verschollene Vrüber. ' * . Sa* Eine Salafdiaßefthitfife aus der Segemvarl. (Fortsetzung.) XXI. Unzu srie denheit in der Legion. Wochen und Monde vergingen, schwer und träge rannen die Stunden auf dem gelben Sande im langsamen Schritte des englischen Exerzierreglements. Die Jüdische Legion rückte ein wenig vor längs der Meeresküste, ging in Eilmärschen oder in langsamem Tempo wieder zurück und weiter vor und zurück und kam im Ganzen nicht vom Flecke. Täglich sah man große Trupps von Engländern, Indern oder Aegyptern vorbelztehen- Last- und Panzerautos, auch endlose Karawanenzüge kamen von Kairo und zogen weiter nordwärts. Ueber ihren Köpfen in der Luft rauschten die Propeller der Flugzeuge und vom offenen Meere her hörte das Tuten und Funken und das Pfeifen der Sirenen nicht aus, aber die Jüdische Legion rückte nicht aus, wurde an Kampfhandlungen nicht beteiligt, marschierte, exerzierte hin und her und kam nicht vom Orte. Zusehends mehrte sich die dumpfe Stimmung unter den Legionisten. Sie hatten den militärischen Drill, den gleichmäßigen, langsamen und Eilschritt wie den Umgang mit den Waffen längst heraus, warum schickte man sie nicht vor nach der Front, nach der Grenze Palästinas? Die Engländer lachten. „Front? Was denkt ihr euch unter „Front" im Wüstenkrieg? Ihr werdet den Spaziergang durch die Wüste mit all seinen Freuden noch früh genug kennen lernen." „Aber warum das Kriegsgetöse von der Ferne, die Trupps und Tanks, das Surren in der Luft und das Tuten und Pfeifen vom Meere her?" Sabatin, der „General", nahm für eine Weile seine Pfeife aus dem Munde und erklärte als Eingeweihter vermittelnd. „Vorerst herrscht nur an den Rändern der Wüste militärische Tätigkeit, die Türken sitzen drüben uud die Engländer hüben und beschränken sich, wie wir, darauf, Truppen auszubilden und langsam vorzuschteben, Lager, Wege und Bahnen vorzulegen. Der Lärm und die Schießerei rühren von kleinen Patrouillengefechten her, die sick um den vorübergehenden Besitz irgend einer Oase drehen. Je nach Ausgang eines solchen Zusammentreffens werden auch wir ein wenig hin und her geschüttelt. Habt Geduld, Kameraden, es kommt schon die Zeit! Unsere Vater haben sich vierzig Jahre in der Wüste gedulden müssen." Nur Salomo glaubte das ewige: „Es ist noch nicht so weit" richtig zu verstehen. Mochiach war eben noch nicht da . . . Und warum war er noch nicht da? Weil zu viel marschiert und exerziert und zu wenig gebetet wird . . . Und weil der „General" und sein Stab am Sabat rauchten ... Aber mählich wurde es auch ihm langweilig und trübe zu Mute. Es könnte wohl so noch lange gehen, bis er in die abessinische Heimat beordert würde, um den Vater und die Mutter und Becher und Ruth zu holen . . . und alle, die sich um ihn sammeln würden, um ihn, des Erlösers getreuen Boten, daß er sie nach der heiligen Heimat sichre. Kämpfe, schwer Kämpfe werden dieser Hetleszeit vorausgehen. Wie sehnte sich Salomo so heiß nach diesen Kämpfen, wie qualvoll war dagegen das matte, träge Leben zwischen Marsch' und Marsch auf dem heißen Sande am „Wasser Mizrajims"!-- Dreimal hatten sie die Bäumen an den Vabis blühen gesehen, mit ihnen blühte jedesmal die Hoffnung auf und mit hen Blüten sank sie auch nieder. Das Kriegsglück hatte sich in dieser Zeit auf allen Fronten wiederholt geändert. Englische Truppen rückten vor und stoben in Flucht wieder zurück, um dann wieder in gewaltigen Scharen vorzumarschieren. Zum Fauchen der Panzerautos und dem Pfeifen der Schiffssirenen kamen auch die Einschläge aus der Lust, wo sich harte Kämpfe vor ihren Augen absptelten. So ging es drei Jahr lang und diese tägliche Musik lähmte die Kraft und tötete die Nerven derer, die in stumpfem Harren die großen Dinge nur ahnend von der Ferne miterleben, aber nicht an ihnen mitwirkten durften. Verhaltener Grell machte sich Luft. Wollten sie Palästina ohne sie nehmen, um ihren Rechtsanspruch zu schmälern? Die Engländer hatten nur die eine kurze Antwort: ' „Noch nicht so weit!" Die Unzufriedenheit sing an, sich in deutlicher Form Luft zu machen, je mehr man, erst vorsichtig, dann offen und häufiger, die Legionisten für Transporte, Schanzen- und Straßenarbeiten und allerlei Handlangerdienste für die englische Armee in Anspruch nahm. „Sind wir dazu da, um englische Ochsen und Schafe zu weiden, Holz zu fällen, Stollen auszuhöhlen und Wasser für die Engländer herbeizuschaffen?" fragten einige laut oder leise. Viele wurden schlaff und verweigerten Dienst und Gehorsam. Da erfuhren sie zu ihrem Erstaunen, was sie bisher nicht recht wußten, daß sie Soldaten waren und zpr britischen Fahne geschworen hätten und das kleinste Vergehen schwer büßen mußten. Das schien dem einen und dem anderen unerträglich und er machte sich im Morgennebel auf leisen Sohlen davon. Aber die Wege nach rechts wie nach links waren von Truppen besäet und wer aufgegrtffen wurde, wurde unter Piken und Lanzen als Fahnenflüchtiger abgeführt und ward nicht mehr gesehen .... Entsetzen bemächtigte sich der Legionisten und sie taten den ihnen zugemuteten Dienst mit Unlust und Groll, unter stummem Proteste. Die englischen Instrukteure rauchten aber ihre Pfeifen in aller Ruhe und lachten gemächlich, als merkten sie nichts .... Das empörte die Juden noch mehr und reizte erst recht zum Proteste. Eines Abends fand dieser aus geringfügigem Anlaß lauten, explosiven Ausdruck. Ein harmloser Zusammenstoß zwischen einem der „Kezinim" und einem Engländer. Aber dem ersteren ging das Temperament durch und alle verhaltene Wut brach sich hemmungslos Bahn. „Das laffen wir uns nicht ferner bieten. Wir sind freie Männer, die sich ihr Heimatland erkämpfen wollen und nicht als Sklaven zu Frohndtensten in der Wüste bestimmt. Läßt man uns nicht leben und kämpfen wie wir es im Sinn haben, so lasse man uns in Gottes Namen hetmziehen ....!" Der im Ausbruche eines wilden Zorns so aufbrauste, war der sonst allezeit zufrieden lachende und tollende, mit den Vögeln singende und jauchzende Ascher ben David.' Er wurde ab geführt, bevor er noch den Satz zu Ende gesprochen hatte und kam nicht wieder zum Vorschein. Ohnmächtige Wut ergriff alle und man raunte sich allerhand zu. Man wollte gesehen haben, wie finsteren Mienen und aufgepflanztem Gewehr an die Hecke zur Felsenmauer marschierte, man wollte auch einen Salvenschuß gehört haben .... Die Aufregung war maßlos, aber keiner wagte mehr, ein Wort verlauten zu laffen, keiner wußte auch Genaues zu sagen, da auf höheren Befehl die gesamte Legion an diesem Tage das Quartier nicht verlassen durfte. Jetzt wurde der eine und andere erst vom Ernst seiner bislang zu spielerisch aufaefaßten Aufgabe bis ans Mark gepackt. Daß es gerade Ascher seinjmußte .. ..! Ascher, der in allen Sprachen sang und plauderte und die Gassenhauer von Berlin und Paris, wie die von Konstantinopel und Damaskus pfiff, alle Vögel und Tiere nachahmte und die ganze Kompagnie mit seinen Spässen und Einfällen bei aller Enttäuschung frisch und munter erhieltdaß gerade er es sein mußte, war besonders schmerzlich. Man trug es still und verbissen und der kameradschaftliche Verkehr mit den Engländern hörte jetzt gänzlich auf. Als Salomo schwer genug begriff was geschehen war, war er fassungslos. Er liebte Ascher in seinem ehrlichen schlichtem Sinne. Und daß er nicht mehr kommen sollte, um ihm auf die Schulter zu klopfen und vertraulich zu sagen: „Na, schwarzes Bruderherz ....!" Es war nicht auszudenken .... Aber im Herzen sagte er sich: „Es kommt davon, wenn man Gaffenlieder pfeift statt zu beten und am Sabbat.... Er wollte nichts Böses über den unglücklichen Freund denken, ihn noch mehr vor dem himmlischen Richter belasten und er nahm sich vor, seinerseits für Aschers Seele fleißig zu beten .... Die Engländer schienen aber aus dem Vorgang endlich was gelernt zu haben. Tags darauf kam der Befehl an die Legion : „Marschbereit nach Süden auf dem Wege nach Gaza, wohin die englische Armee vorgedrungen tft". Das wirkte wie - Erlösung. In einer .Ansprache an seine Soldaten sagte der „General" kurz und militärisch: „Es geht vorwärts Chawerim, dem Ziele entgegen. Es hat uns nicht umsonst unserer Besten einen gekostet. . . ." (Fortsetzung folgt!) Wer weiß? Bon «Heinrich Einstädter. I. Vor dem „Gasthaus zum Ritter" iu Bleich al hielt eine Stadtkutsche. Das kam nicht sehr häufig vordenn das Dorf war ziemlich, entlegen im Gebirge. Daher versammelte sich auch alsbald vor dem Wirtshause eine Schar Kinder nebst einigen älteren Leuten, die leicht von ihrer Arbeit koinrnen konnten. Sie betrachteten den vornehmen Wagen und den „seinen Herrn", der ihm entstieg und tvoiltm gerne wissen, was er in Bleithal zu tun hatte. Der Herr wurde vom Wirte höflich empfangen und ins -Gastzimmer geleitet, während der Kutscher seine Pferde ausspannte und in den Stall führte. Vergebens fragten ihn die Leute nach dem „Woher?" und „Wozu?" Sein Fahrgast, der ihn in der nächsten Stadt für diese Reise gemietet hatte, war ihm selbst fremd.