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Der Israelit · 1922-07-06 · Heft 27 (6.7.1922) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 27 (6.7.1922)
Date
1922-07-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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6. Juli 1SW. __ Aber bald wurde doch die allgemeine Neugierde befriedigt. Ein Knabe des? Wirtes mußte den „alten Salme" holen,' der den Fremden nach dem Juvenfriedhof führen sollte. In Bleithal lvar schon längst keine jüdische Gemeinde mehr. Die jungen Leute hatten auswärts Familien gegründet, und die alten waren teils verzogen, teils verstorben. Nur noch drei Haushaltungen waren übriggeblieben. Znweilen kam noch der oder jener, nur das Grab eines Anverwandten zu besuchen. Sonst bestand kaum eine Verbindung zwischen dem jüngeren Geschlecht nnd der Muttergerneinde. Salme war der einzige, der die Gemeinde noch in ihrer Blüte gesehen hatte. Er toar stets geneigt, von jener „alten, guten Zeit" zu erzählen. Die damaligen Verhältnisse waren ihm treu im Gedächtnis geblieben, während ihm vieles aus der jüngsten Vergangenheit entfallen lvar. In den letzten Jahren beschäftigten sich seine Gedanken besonders häufig mit den Vorgängen aus jener Glanzzeit. Dabei entstand nnd tvuchs in ihm die Hoffnung, eine neue Blüte der Gemeinde zu erleben. Seinen Bekannten gegenüber durste er davon nicht häufig sprechen. Sie verlachten ihn uiib meinten, es werde keinem vernünftigen Menschen, jemals in den Sinn kommen, sich in Bleithal - niederzulassen. Doch Saline ließ sich nicht beirren nnd sprach leise: „Wer weiß! Wer weiß!" Auch jetzt, als er beu Fremden zum Grabe seines Großvaters führte — er selbst konnte sich seiner noch gut erimtmt —, erzählte er ihm von. seinen Erlebnissen und dort seinen Hoffnungen. Er führte ihn an der Synagoge vorüber, die schon seit vieler: Jahren, geschlossen war. „Ich weiß noch," sprach er, „rvie die Schsul gestopft voll war. lind was für fromme Männer und Frauen haben dort geort! Und was für große Chasoilim habet! dort gesungen! Wenn ich das nur noch einnral erleben könnte. Aber es kann alles wieder gut werden." Der fremde Herr hörte aufmerksam zu. Er war zu höflich, um über die letzte Bemerkung zu lächeln. Dem Greise mochtetl selbst Zweifel ausgeftiegen sein: denn er ging längere Zeit schweigend seinen Ged ankert nach und sprach dann seufzend: „Wer weiß?" II. Fünf Jahre waren seitdem vergangen. Salme rvar ütbeffeu gealtert, aber seine Hoffnung hatte er nicht begraben. Noch öfter als sonst hatte er sein „Wer tveiß?" geäußert, und seine Umgebung nahm das schließlich schweigend hin, dettkend, daß das Alter eben oft die Leute kurdisch mache. Der Frühling rvar wieder eiitgezogen mit all seiner Pracht, mit Blüten urrd Blumen. Da knarrte eines Tages der Schlüssel im verrosteten Schlosse der Synagogentür. Tausend Geister erwachten durch das Geräusch aus der Ruhe, die sie seit Jahrzehnten in allen Winkeln des Raumes gepflegt hatten. Sie schauten aits beu Ecken, aus denen aller Staub itttb Moder gekehrt und gescheuert nmrbc. Sie guckten durch die Fenster, die ihrer dichten graueil Ueberzüge verlustig giltgen. Sie flüchteten sich aus Den Bänken, von denen man zerrissene Gebetbücher und zerutürbte Wimpeln wegräumte, mn sie in einem Schranke zu verwahren. i s Ja, was hatte deiut das alles zu bedeuten? Ein Reinemachen begann, als wollte Pesach hier feilten Einzug halten. Alle Bänke wurden gesäubert, alle Lampen geputzt, alle Vorhänge gebürstet. Frische Luft zog durch die weit geöffneteit Fenster. Eineil ganzen Tag und eine ganze Nacht hatte sie zu tun, bis endlich die Wassermenge verdunstet war, d-ie von sleiUgen Atenschen in die heiligen Räume gebracht worden waren. Dann aber sollte das Verwundern erst recht seinen AnftrnA nehmen. Frische Kerzen wurden Der JSraeltt. Sette 9 Nr. 37 aufgesteckt, und geschäftiges Leben herrschte in dem bisher verödeten Raume. Und des Rätsels Lösung? — Bleithal lvar Luftkurort geworden. Ein unternehmender Einivohner hatte eilt jüdisches Fremdenheinl eröffnet, und viele Städter waren gern in das romantisch gelegene Gebirgsdors gereist, um von ihrer Arbeit Erholung p suchen Und sich durch den Aufenthalt in seinen schönen Wäldern für neue Anstrengungen p kräftigen. Von Jahr p Jahr hatte ihre Zahl zugenommeu. In diesem Frühling >varen schon viele bald nach Pesach gekomnien, und nun hatte sich ein Kreis gebildet, der auch einen feierlichen Gottesdienst nicht entbehren wollte. Da lvar beim die Synagoge, wieder geöffnet worden. Eine weihevolle Stinnnung herrschte, als am ersten Freitagabend die Lichter pm ersten Male wieder erglänzten, und als pm ersten Male wieder Gottes Lob in begeisternden Gesängen an diesem geheiligten Orte verkündet? wurde Ein als Kurgast anwesender Vorbeter verstand es, die Beter so zu entstammen, daß keinem der Zauber entging, den der Inhalt der Gebete in Verbindung mit der reizvollen Eigentümlichkeit des Ortes schuf. Und als dann am Morgen noch die Sonne durch die Fenster strahlte, afe1 die Blüten ihre Sprache redeten und schließlich die. Thorarollen in größter Feierlichkeit ihrem heiligen Schrein entnommen wurden, damit aus ihnen wieder nach so langer Zeit eitler Gemeinde die Worte vom Sinai verkündet werden, da lvar keiner unter allen, der nicht die Bedeutung des Augenblickes erfaßt hätte. In der hintersten Bank stand der alte Salme. Er war nicht dazu zu bewegen gelvesen, sich weiter vor zu stellen. Er wollte die Gemeinde überblicken. Tränen glänzten in seinen Augen. Es tvaren Tränen der Freude. „Ich werde es mit Gottes Hilfe erleben, daß hier noch au jedem Schabbos im Sommer geort wird," dachte er, „vielleicht sogar noch an den Jomim nanroim. Vielleicht auch noch am Snkkans!" Eine ungeahnte Freude durchzog seine Brust. Immer weiter spannen sich seine Gedanken, Glücksgefühle nie gekannter Art durchzogen seine Brust. Und oft lispelte er: „Wer weiß? Wer weiß?" Vermischtes. Hamburg, 60. Juni. Es ist dem Jüdischen Frauenbund, durch Vermittlung des Israelitischen Srauenvereins in Hamburg gelungen, mit dem Hamburger Staat ein Abkommen zu treffen, daß in der Hamburger Ktnderheilstätte Wyck a. Föhr in jeder Kurperiode 50 Kinder ausgenommen werden können. Die vorzügliche Heilwirkung des kräftigen Salzhauchs der Noresee mit Verschmelzung von Tannenduft, die warmen Meeresströmungen machen Wyck a. Föhr zu einem ganz besonders geeigneten Aufenthaltsort für tuberkulös gefährdete Kinder. Hier werden jüdische Kinder Kräftigung finden, die an SLrophulose, Katarrhen der Atmrmgsorgane erkrankt, Rekonvaleszenten von Lungen- und Rippenfellentzündung sind, Knaben und Mädchen, die an Folgen der Englischen Krankheit leiden. Die Kinder schlafen in gemeinsamen Räumen, spielen zusammen, werden gemeinsam betreut und behahdett. In einem der Nebenhäuser befinden sich von dem allgemeinen Betrieb gesonderte Wirtschaftsräume, eigene Küche, eigener Speisesaal (in dem alle Mahlzeiten von den jüdischen Kindern, getrennt von den anderen), eingenommen werden. Auch ein Betraunl ist vorhanden. Es werden jüdische Kinder aller Stände, Selbstzahler und solche von Gemeinden und Vereinen geschickte, ausgenommen. Vorläufiger Kostenpreis 60 bis 70 Mk. täglich. Aerztliches Attest notwendig. Die ersten Umbaulosten für He zur rituellen Haushaltsführung notwendigen Wirtschaftsräume, leistete die Zentral« ohlfahrtsstelle der deutschen Juden Berlin aus dem Reichsfonds der jüdischen Kinderhilse. Wir geben uns der festen Hoffnung hin, daß die Erholungsstätte Wyck a. Föhr des Jüdischen Frauenbundes vielen jüdischen Kindern und damit der Judenhett ein Segen werden wird. Alle Anfragen find zu richten an die stellvertretende Vorsitzende des Jüdischen Frauenbundes, Sidonie Werner, z. Zt. in Segeberg, Bismarckallee 3. Hannover, 2. Juli. Das Kindererholungsheim Norderney bittet uns, unsere Leser darauf aufmerksam zu machen, daß augenblicklich noch einige Plätze für den Monat September frei sind. Eltern, welche die Absicht haben, ihre Kinder gerade für diesen außerordentlich günstigen Monat anzumelden, werden ersucht, dies umgehend zu tun, da die wenigen Plätze bald vergriffen sind. Nach dem Ausspruch der bekanntesten Fachärzte gilt der Aufenthalt an der See im Frühherbst als der heilsamste für Kinder, welche an Hals¬ oder Atmungskrankheiteu litten. Dieser Monat hat innerhalb vier Wochen eine größere Heilkraft, als die Monate Juli und August zusammen. Die Verpflegung ist streng rituell. Anfragen, denen stets Rückporto beizufügen ist, sind zu richten an das Ktndererholungsheim der Zionloge, Hannover, Theaterplatz 14, I. Berlin, 26. Mai. Ueber die Frage, ob Synagogenge.meindesteuern vom Einkommen abzugsföhtg sind, legt der Reichssinanzhos in einer ausführlichen Entscheidung Band 8, S. 26 dar, daß als Wer bun gskosten im Sinne des §13, Ziffer 7 des Einkommenssteuergesetzes nur f r e i w i l l g e Beiträge abgezogen werde» können, daß aber die Kirchensteuern keine solchen sind, sondern Zwangszahlungen wie andere Steuern. Nur in wenigen besonderen Fällen ist der Abzug nach § 15, Ziffer 4 des Gesetzes möglich: soweit nämlich in einzelnen Bundesstaaten die Kirchensteuer durch Zuschlag zur Grund¬ oder Gewerbesteuer von einem Betriebe oder einem Grundstück als solchem erhoben wird, also als Realsteuer; denn eine solche ist nach Reichssteuerrecht in vollem Umfange abzugssähtg, nicht dagegen eine Personaisteuer, als welche Kirchensteuer gnzufehen ist. Darmstadt, 27. Juni. Die „Arbeitsgemein, schüft" schreibt: nach gütlichem Uebereinkommen mit der Verwaltung der israelitischen Gemeinde Michelstadt hat diese dem neu anzuftellenden Lehrer und Kantor ein festes Gehalt von 40.000 Mk. sowie Einkauf in dis Fürsorgekasse für Gemeindebeamte bewilligt. Wir empfehlen die Stelle der allgemeinen Bewerbung und bemerken, daß tüchtigen Kollegen neben der Schechitoh noch reichlich Gelegenheit zu Nebenverdiensten durch Privatstunden namentlich in den Handelssächern und der Musik geboten ist. Rhina, 20. Juni. Frau Clara Bartuch geborene Nutzbaum, aus New-Aork spendete aus Anhänglichkeit an ihren Geburtsort Rhina der israelitischen Gemeinde 100 Dollar zur Renovierung und Anlage döS elektrischen Lichtes in der Synagoge. Berichtigung. In dem Bericht aus Norden vom 15. v. Mts., Seite 9, Nr. 24, Klein-Feier, handelt es sich um den Sraatsrat und langjährigen ReichstagSabgeordneten Jan Fegter (nicht Jom Feyter). Sücherbesprechungen. Stempenju. Roman von Schalem Alechem. s15 bis 30 Tausend. Berlin und Wien. Verlag von Benjamin Hatz. Geb. Das bekannte Meisterwerk des ostjüdischen „Mark Twain", die meisten kennen es unrer dem Namen „Ruchele", liegt hier in einer trefflichen Verdeutschung von Samuel Meisels vor, als Bestandteil der -von d cm Verlage herausgegebenen „Ostjüdischen Btbliothek." Angeschlossen sind kleinere Skizzen Schalem Alechems. Aus jeder Zelle leuchten die Perlen des jüdischen Gemütes, das unter Tränen lächelt und aus dessen niederste Erdenschwere die Sonne von Sinais Höhen noch einen Strahl himmlischer Verklärung wirft. Gross Frankfurt am Esohcnheimep Turm TANZ-PALAST Kaffee ersten Ranges Weinklause te SCHUH AN KT- Theater mit dem sensationellen großen VARIETE Programm ist heute das Tag-esgrespräolt Tätlich 7V* Uhr: Große Vorstellung. Näheres siehe die Anschlagsäulen,

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