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Der Israelit · 1922-07-06 · Heft 27 (6.7.1922) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 27 (6.7.1922)
Date
1922-07-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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(gelte 4. Nr. 27 Der JSraeltt. S. Juli ISÄi edlen Schöpfers dieses Riesenwerkes weniq entsprechend. Die Rückschlüsse, die das argentinische Blatt auf das Jca-Hilfswerk in Osteuropa zieht, möchten wir uns jedoch nicht unbedingt aneignen. Die Schuld ist nicht im Wesen der Jca begründet, sondern liegt lediglich an der Verwaltung des argentinischen Siedlungswerkes, mit dem Baron Hirsch niemals viel Glück gehabt hat. Das Proölenr der Beamten blieb auch für ihn, wie er sich oft genug äußerte, ungelöst und nach seinem Tode bemächtigte sich das französische „Kommando" der Sache noch mehr. Es war von Anfang an zu viel Verwaltung, zu viel Militarismus und zu wenig Herz und Liebe bei der Regie. Daran mußten die besten Pläne scheitern. In Osteuropa dagegen arbeitet das Hilfswerk der Jca, das muß, um der Wahrheit die Ehre zu geben, betont werden, nicht ohne Verständnis und mit merklichem Erfolg zur Linderung der Not und am Wiederaufbau der ruinierten Wirtschaft. Ueber die Zustände in Argentinien hat aber die jüdische Oeffentlichkeit das Recht, Aufklärung zu verlangen. Der Kampf gegen die Tuberkulose im Kreise der Iudenhett. Man schreibt uns von ärztlicher Seite: Noch ist F. A. Teilhabers Alarmruf vom „Untergang der deutschen Inden" nicht vergessen. Dabei har er die Frage (vor dem Kriegselend!) in der Hauptsache nur vom soziologischen und nationalökonomischen Standpunkt aus gesehen. Inzwischen war Krieg und inzwischen hat eines der früher vielleicht nebensächlichen Momente Hauptgewicht erlangt: Die Schädigung der jüdischen Bolkskraft und Bolkszahl durch Krankheit und durch die gefährlichste, weil schleichendste Krankheit, die Tuberkulose. Die Tatsache, daß diese bei uns verbreitetste Bolksfeuche im großen Publikum so gut wie garnicht beachtet und viel geringer gefürchtet wird, es andere Epidemien, erklärt sich damit, daß sie, wie schon erwähnt, außerordentlich schleichend verläuft. Seuchen, wie die in den letzten Jahren ausgetretenen Grippeepidemien, die plötzlich aufflammen und ihre Opfer wie ein Schlagwetter fordern, erregen naturgemäß mehr Aufsehen. Und doch ist bereits bei uns der Menschenverlust, den die Tuberkulose innerhalb von 10 Jahren anrtchtet, größer als der aller anderen Seuchen dieses Zeitraumes zusammen! Vor dem Kriege starben in Deutschland auf Grund amtlicher Statistik 12 % der Einwohner an Lungenschwindsucht. Nach einer oberflächlichen Schätzung ist für jetzt — nach den Schäden der Hungerblockade, nach den verschiedenen Grippeepidemien (welche die Ausbreitung der Tuberkulose ungemein begünstigen) und bet der dauernden Abwanderung in die ungesunderen Großstädte — eine Erhöhung dieser Prozentzahl um etwa das Doppelte anzunehmen. Das heißt also: Jeder fünfte Mensch in Deutschland stirbt an Tuberkulose. Aber das Elend, das die Tuberkulose vor ihrem letzten Zupacken anrichtet, ist fast noch schwerer zu bewerten, als der endliche Ausfall aus der Zahl der Lebenden — obwohl die Oeffentlichkeit von diesem Elend meist weniger erfährt. Lange Perioden der Invalidität unterbrochen von Intervallen nur bedingter Arbeitsfähigkeit machen das betroffene Individuum zu einem sozial minderwertigen. Dazu kommt die in vielen Fällen dauernde Gefahr, die der Kranke als Infektionsherd für seine gesunde Umgebung bildet. Und schließlich der rassenhygienische Schaden, der durch Belastung der Nachkommenschaft entsteht. Dieses trübe Bild der Tuberkulose erhellt sich nun zwar bedeutend, wenn wir nach den Aussichten ihrer Bekämpfung bei dem heutigen Stande der ärztlichen Wissenschaft fragen. Sie wären außerordentlich beruhigend und trostreich — wenn der Kampf in dem als nötig erkannten Maße durchgeführt würde. ES laßt sich heute als sicher hinstellen, daß bet sachgemäßer Behandlung rechtzeitig genug erkannte Erkrankungen in der übergroßen Mehrzahl der Fälle durchaus heilbar und weiter fortgeschrittene bis zur dauernden Arbeitsfähigkeit günstig beeinflußbar sind. Die Schwierigkeit liegt aber dattn, daß die Behandlung der Kraken vor allem deren Ueberführung in hygienisch einwandfreieste, das aber heißt kostspieligste Lebensverhältnisse erfordert. Dazu kommt, daß unter „sachgemäßer" Behandlung — deren Grundbedingungen die Freiluft-Liegekur und die eiweiß- und fettreiche Kost sind, — auch eine genügend lange Dauer der Behandlung verstanden werden muß. Dadurch aber wird das Maß der Schwierigkeiten bei ihrer Ausführung weiter gesteigert. Der Kampf gegen diese Volksseuche ist eben mehr als bei irgend einer anderen eine Frage des Geldes. So ist es erklärlich, daß bet der heutigen Volksverarmung dieser Kampf selbst da, wo er ausgenommen ist, nur unvollständig geführt wird. Beispielsweise ist der Aufenthalt in den großen städtischen und staatlichen Volksheilstätten auf V* bts Vs Jahr begrenzt. Soll auch nicht geleugnet weroen, daß für den Teil der leichtesten Fälle eine solche Kurdauer ausreicht, so läßt sich doch für einen anderen Teil nur bei doppelt und dreifach so langer Heilstätten behandlung auf Heilung oder Besserung rechnen. Diese Kranken profitieren von einem vierteljährigen Hetlstattenaufenthalt nichts, und werden, da es übergenug schnelleren Erfolg versprechende Bewerber gibt, meist garnicht erst ausgenommen. Gleichwohl wird niemand dem Heilstattenwesen die segensreiche Wirkung absprechen wollen. Der Wert dieses Heilfaktors tm Kampfe gegen die Tuberkulose sinkt aber sofort, wenn man ihn auf die besondere Lage der jüdischen Kranken bezieht. Wie das Hellstättensystem in Deutschland bet den enormen Kosten, die eine jede Kur verlangt und die dem Einzelnen unerschwinglich sind, überhaupt erst durch die Versicherungsgesetzgebung ermöglicht wurde, so blieb seine Nutznießung im großer und ganzen auch dem Kreise der gegen Krankheit Versicherten Vorbehalten. Jedermann aber weiß, daß heutzutage das eigentliche Elend erst da anfängt, wo der Kreis der Versicherte aufhört, nämlich bet dem Wirt fchaftltchen Mittelstand, welcher vor dem Krieg als wohlhabend gelten konnte, heute aber sich in verhältnismäßig größerer Notlage befindet, als die versicherten Angestellten, Arbeiter und kleinen Beamten. Und die Masse der deutschen Judenheit gehört zu diesem Mittelstand. Während das Heer der jüdischen Intellektuellen die Juristen, Aerzte, Wtffenschastler und Künstler, die Apotheker, mittlere Kaufleute usw. unter der jetzigen Wirtschaftslage so sehr leiden, daß ihre Not im Falle einer Erkrankung, die sie selbst oder eins ihrer Familienglieder trifft, ius unmittelbar Bedrohliche wachst, ist ihnen andrerseits als Angehöriger der freien Berufe die Bersicherungshtlfe versagt. Und in diesem jüdischen Mittelstand wütet heute die Tuberkulose nicht minder als im sogenannten Proletariat. Kennt nicht ein jeder aus dem Kreise seiner Verwandten oder nächsten Bekannten mehr als einen solchen traurigen Fall? Wenn es dann nicht gelingt, durch bemitteltere Verwandte oder durch Benutzung, des für den Lebensabend der Eltern, die Ausbildung der Söhne oder die Mitgift der Töchter Aufgesparten eine genügende Summe aufzutreiben, dann ist die Verzweiflung groß, und es bleibt als letzter Weg nur die Inanspruchnahme einer der privaten Fürsorgestellen oder der neugeschaffenen Wohlfartsämter, welche in solchen Fällen Darlehen gewähren, die aber lange nicht ausreichend und trotzdem immer eine drückende Last für die Zukunft find. Doch selbst wenn es auf die eine oder andere Weise gelungen ist, dem jüdischen Lungenkranken Aufnahme in eine der deutschen Heilstätten zu verschaffen, ist er in seinen Heilungsaussichten immer noch schlechter gestellt als der ntchtjüdische Kranke. Der Jude, welcher von Hause aus in seinen geistigen Anlagen differenzierter und deshalb anspruchsvoller ist als der Durchschnitt seitner Standesgenoffen wird sich — besonders bet der seelischen Bedrücktheit, die sich bet jedem chronisch Kranken schließlich etnstellt — tu dem Milieu einer Volkshetlstätte nicht wohl fühlen. Wenn man selbst davon absieht, daß bet der jetzt überhandnehmenden antisemitischen Strömung ein Jude sogar in einer Heilstätte nicht vor Verunglimpfungen sicher sein könnte, die ein hilfloser Kranker noch schwerer empfindet, so hängt für ihn eine gewisse Isolierung und von keiner Seite beabsichtigte Ausnahmestellung schon mit der Sonderart des Heilstättelebens zusammen. Der Aufenthalt als Patient in einer Heilstätte kann eben weder mit dem im Krankenhaus noch Sanatorium verglichen werden. Weil die Kranken in der Heilstätte stets einen größeren Zeitabschnitt ihres Lebens verbringen sollen und zugleich in den Gewohnheiten der alltäglichen Lebensführung wegen des besonderen Verlaufs der Tuberkulose nicht so wie andere Kranke beschränkt sind, so wird in den Heilstätten eine Art von Gemeinschaftsgeist gepflegt, welcher den von von Aerzten und Patienten gleichermaßen gewünschten Zweck verfolgt, den Einzelnen das Herausgehobensein aus dem Egen Leben der Umwelt weniger fühlen zu lassen und zugleich etwaige moralische Schädigungen durch einen gewissen familiären Zusammenhalt abzuwehren und so das fehlende Heim zu ersetzen. Wie aber kann eine nichtjüdische Gemeinschaft, und sei sie an sich die vortrefflichste, dem Juden einen Ersatz für das bieten, was ihm sein jüdisches Heim ist? Diese psychischen Momente sind nicht nur vom allgemein-menschlichen Standpunkt bedeutsam, sondern geradezu vom medizinischen, weil sie auf den Erfolg der Kur immer von Einfluß und manchmal von ausschlaggebenden Einfluß sind. Und ganz unmittelbar wird die Kur beeinträchtigt, wenn ein Jude, der rituelle Kost gewohnt ist, die Verpflegung in der Heilstätte nur mit Widerwillen und unter Gewiffenqualen genießt. Die jüdische Heilstätte, sie ist es also, auf die es beim Kampfe gegen die' Tuberkulose unter den Juden ankommt. Die jüdische Heilstätte, die dem jüdischen zahlumgsschwachen Mittelstand Aufnahme gewährt, in der die psychischen Hemmungen für den Erfolg der Kur wegfallen, weil ein jüdischer Geist in ihr herrscht, und die so organisiert (will heißen „finanziert") ist, daß auch die Uwvollkowmenhetten des deutschen Heilstättensystems so weit wie möglich verbessert sind, in der also die Kurdauer verlängert und die Verpflegung reichlich ist und die den Vorzug der Hochgebirgslage hat. (Daß ste sich unter sachgemäßer ärzlicher Leitung befindet, ist selbstverständlich.) Wie steht es nun in Wirklichkeit mit dieser jüdischen Heilstätte? Die Antwort ist im höchsten Grade beunruhigend. In ganz Deutschland gibt es nur zwei jüdische Anstalten, die für die Behandlung tuberkulöser Juden in Betracht kommen. Die eine befindet sich in Nordrach i. Schw. (Rothschild'sche Stiftung) und ist bisher nur für Frauen geöffnet, die andere in Soden a. T. (Kuranstalt für arme Israeliten) ist ihrer ganzen Einrichtung nach mestr ein Erholungsheim als eine Heilstätte für Lungenkranke. Jede von beiden nimmt nicht mehr als 50 Patienten auf, und der Gedanke, daß diese 2 kleinen Häuser allein den jüdischerseits so bitter notwendigen Kampf gegen die Tuöerkulose durchführen sollten, ist absurd. Allerdings rührt auch das Bestehen dieser beiden Kurhäuser aus der Zeit vor dem Kriege her und bei ihrer Gründung hat man mit der erschreckenden Ausbreitung der Tuberkulose noch nicht rechnen können. Was aber: ist nach dem Kriege für das jüdische Hetlstüttenvoesen geschehen? Antwort: In Deutschland garm ich Ls! Wohl aber außerhalb Deutschlands und zwar etwas in seiner Art Bewunderungswürdiges. Die an

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