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Der Israelit · 1922-06-22 · Heft 25 (22.6.1922) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 25 (22.6.1922)
Date
1922-06-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Fevillelon-Mage M Ar. 25 des „Braelil". Serschollene Vröder. kme 5srsstKsgeltki!älie aus Ser ösoenroart (Fortsetzung.) XVIII. In die Verbannung. Auf der Straße nack Ludd hatten sich die Verbannten gesammelt, G :ise und Jünglinge, Frauen und Kinder, zum Teile m großen Leiterwagen dicht aneinander kauernd. In großen Schaaren nahmen die Jüngeren den Weg in die Wüste zu Fuß. Mister Godwoon hatte mit noch Anderen aus der rnglischen Kolonie einen guten türkisäien Wagen. Aber Salomo lief ihm aus dem Wege nnd schloß sich einer Gruppe jüdischer Fußwanderer andie, überwacht von einigen bewaffneten Polizisten, leicht bepackt und frohgemut, den Weg antraten. Etwas ängstlich und unsicher sah Salomo zu den jungen Juden hinauf. Kannten sie ihn, war er auch in ihren Augen gezeichnet? Würden sie gleich den Jemeniten Steine nach ihm werfen? Aber sie sahen ihn nur neugierig an, lachten laut und vergnügt auf und fragten ganz kurz: „Jehudi?" Und wie er sagte „Jude aus dem Lande der Falaschas", lachten sie noch mehr, aber diesesmal sehr freundlich und vergnügt, als hätten sie einen Fund in der Wsifte gemacht und reichten ihm nacheinander die Hand: „Achinu atta! Komm mit, unser Bruder!" Da. jubelte es in Salomo auf und beschämt wandte er das Gesicht ab, als der Wagen Goodwons an ihm vorbetrollte. „Fahre hin, Verführer! Ich bin erlöst, bin unter Brüdern!.." Die Jünglinge, jungjüdische Arbeiter aus Rußland, die, schon länger im heiligen Lande geweilt hatten, waren rrotz des sie treffenden Mißgeschickes voller Lust und Leben und liebermut) sie pfiffen, lachten und sangen unausgesetzt hebräische Lieber und liefen im Galopp bergauf und bergab, erprobten auch ihre Kraft in kleinen harmlosen Nmgkampfen. Als sie nach einem Tagesmarsche das Dorf Bitttr erreichten, sollte die türkische Polizeiwache abgelöst werden. Die Jerusalemer Polizisten gingen und die aus Bittir — ließen aus sich warten. Die jungen Wanderer machten aber vor einem steilen Schutthügel halt, aus dem altersgeschwärzte Quadersteine hervorragten. Ein breitschultriger untersetzter Jüngling mit eisernen Zügen im braungebraunten Gesichte schwang sich wie eine Katze auf einen der breiten Stufensteine, von der Gesellschaft umjauchzt: „Es lebe unser Ascher ben Dawid!" Ascher ben Dawid fing eine feurige Rede in hebräischer Sprache an: »Seht ihr, Freunde, die Steine und Felsen hier, die Ruinen und Felshöhlen? Wir stehen hier auf heiligem historischem Boden, auf den Ruinen der Stadt Bethar. Hier hat Bar Kochba die eiserne Hand gegen Rom erhoben, von hier aus hat er auch die Feiglinge und Duckmäuser im jüdischen Volke, die sich hinter das Buch verkrochen, aus dem Wege bei Seite gedrängt und dem Feinde gezeigt, was jüdische Muskeln — der Redner bewegte seine eigenen Muskeln und ballte die Fäuste — jüdische Kraft und jüdischer Mut vermögen ... Er hat das Land vom Römerjoch befreit und es seinem Volke, wenn auch vorübergehend, wiedergewonnen. Und wir?-« „Hebad, Ascher ben Dawid! Hedad!" riefen viele begeistert. Einige griffen die Frage auf. „Und wir? . . Der Redner sah sich nach allen Seiten um. Der Muchtara mit den türkischen Polizisten waren noch nicht zu sehen. Wenn sie jetzt ausgerückt wären, kein Hahn härte danach gekräht. Aber sie dachten gar nickt daran. „Und wir?" wiederholte Ascher. „Sollten wir in dieser großen Stunde weltgeschichtlicher Entscheidungen die Hände in den Schoß legen, daß sich die Makkabäer und die Helden von Bethar ihrer kleinen Nachkommen noch 'im Grabe schämen müßten?" „Nein, nein!" schrieen die Jünglinge, „sie sollen sich unserer nicht schämen." Ascher spähte wieder vorsichtig nach allen . Seiten aus und dampfte seine Stimme. „Zu sagen, was wir tun wollen, ist hier nicht der Platz. Noch sind wir im türkischen Machtbereiche. Davon reden wir erst offen, wenn wir die Grenze nach Aegypten überschritten haben. Aber hier am Grabe des Helden geloben wir, stark zu sein und uns seiner würdig zu zeigen. Gelobet, Brüder!" Und mit erhobener Hand gelobten sie alle laut, sich des Helden zu Bethar würdig zu zeigen. Salomo gelobte mit, wiewohl er den Vorgang in allen Teilen und seiner ganzen Bedeuung nicht verstand. Vom Helden Bar Kochba hatte er nie etwas gehört und was die Jünglinge im Geiste dieses Heroen zu unternehmen gedachten, konnte er nicht ahnen. Gleichwohl empfand er es instinktiv, daß er. hier nicht nur unter Glaubensgenossen, sondern auch unter Gleichgesinnten war, mit Ebenen ihn gleiches Schicksal, gemeinsame Sehnsucht und gemeinsames Streben vereinigten, bei aller Wesensverschiedenheit, die dieser neue Kreis aufwkes. Diese Jünglinge waren doch ganz anders wie alle anderen Juden, die er bis jetzt gesehen hatte. Er mußte Vergleiche anstellen zwischen ihnen und den Jemeniten, mit denen er durch Hedschas gewandert ist. Jene zogen ins Land der Väter, und sahen doch so gedrückt aus und weinten und beteten in einem fort; diese zogen aus der Heimat und dabet lachten und jauchzen sie, als ginge es ins Paradies . . . Daß überhaupt diese Jünglinge so gut wie gar nie beteten! .. . Wozu lebt man im heiligen Lande, wenn man nicht beten will?! ... , Es bedrückte ihn dieses und trübte sogar ' zuweilen seine Freude an der neuen Umgebung. Und als er Ascher darüber befragte, psiff dieser eine Trauermelodie vom neunten Ab vor sich hin, wischte sich scherzhaft und spöttisch die Augen und trumpfte dann auf: „Genug geweint, genug gejammert, getrauert und gebetet, zweitausend Jahre lang! Nun Schluß mit dem weibischen Geweine! Mit der Faust erringen wir es, nicht mit dem Munde und dem widerlichen Getue." Das verstand schon Salomo ganz und gar nicht. Aber besten ungeachtet wußte er: hier war sein Kreis, den er all die Zeit mit der Seele gesucht hatte. Und tiefer Schmerz füllte sein Herz bei dem Gedanken an die verlöre Zeit in den Straßen Jerusalems und bei Pastor Goodwon. Bald ein Jahr hatte er suchend herumgeirrt, indes hier vor seiner Nase Juden, wahre echte junge Juden wirkliche Messiasarbeit leisteten. Er nahm sich vor, durch vermehrten Fleiß und Eifer alles Versäumte nachzuholen. Endlich kamen die türkischen Wachmänner und der Transport setzte sich in Bewegung. Ueber Beth-Schemesch durch das Tal Sorek, die Heimat Simsons, ging der wettere Weg. Zwischen den Oelbaumen von Ramle machten sie kurze Rast. Hier kamen noch neue ausgewiesene Arbeiter aus Rechobot und Ekron hinzu und nach einer Stunde erreichte die Gruppe die Eisenbahnstation von Lud d. Die ganze Station glich einem Feldlager. Im Bahnhofe wimmelte es von Soldaten aller Farben und Gattungen und draußen lagerten in Langen Rethen die Emigranten, Auswanderer und Landesverwiesenen, die hier aus Jerusalem Httfa und Jaffa zusammenftrömten und des Zuges nach der Grenze harrten. Sie warteten lange, bis der erste Auswandererzug endlich zusammengesteüt war. Krachend fügten sich die langen schwarzen Wagen aneinander und das Kommando „Etnstetgen" erscholl wie Erlösungsruf für die müde und abgehärmt Wartenden. Die Gruppe der jungen Arbeiter besetzten zwei ineinandergehende Wagen, die sonst für Güter- oder Viehtransporte benutzt wurden und daher keine Sitzgelegenheit hatten. Salomo blieb draußen auf der Plattform stehen und weidete sich noch einmal am Anblick der untergehenden Sonne Palästinas. So voll und so strahlend rot hatte er sie noch nie gesehen. Da dehnten sich lrnks üppig und behaglich die Felder von Ekrom und Rechoboth und rechts winkte von einiger Ferne der Holzanban an der Kelter von Ri schon den Aöschiedsgruß. Noch einmal tauchten die weißen Türme von Ramle auf. Eine Mühle gab aus hohem Schornsteine dicken. Rauch. „Jabne", sagten die Anderen nicht ohne Ehrfurcht. Für Salomo bedeutete dieses Wort nichts, umsomehr hingen seine Äugen gebannt an dem etwas steilen Hügel, von dem die weißgetünchten und rotbedachten Häuser von Gedera grüßten. Nie hatte Salomo das heilige Land so schön gesehen wie an diesem Abende. Und nun senkte sich die Sonne hinter den Bergen von Aschdod, Aschkelon und Gaza, und Nacht legte sich über all das Herrliche und Heilige. Wird er noch einmal die Sonne über die Berge Judäas aufgehen sehen? „Warum so traurig, schwarzer Bruder? Ich glaube gar, du weinst." Ascher ben Dawid war es, der ihm fröhlich auf den Rücken klopfte und ihn solchermaßen aus der brütenden Versunkenheit weckte. . „Wir verlassen das Land Gottes", sagte Salomo traurig. „Wenn die Nacht vorüber ist, geht uns die Sonne drüben im fremden unreinen Lande auf, dort in Mizrajim . . „Du bist ein Tor", lachte Ascher und verbarg einen Anflug von Rührung hinter einem lustigen Liedchen, das er vor sich hinpsiff. „Wir hatten bleiben sollen", sagte Salomo, ärgerlich über die leichte Art, mit der der junge Arbeiter sein Schicksal trug. Ascher ahmte ein paar Vogelstimmen nach, klatschte in die Hände, als wollte er etwas verscheuchen und äffte zuletzt noch einige türkische Kommandorufe so spassig nach, daß auch Salomo das Lachen kam. „So, schwarzer Bruder, lache, daß man deine weißen Zähne steht. Und nun höre Tor. Weißt du, was geschehen wäre, wenn wir im Lande geblieben wären?" „Ich weiß es nicht." „Wir wären jetzt im anderen Zuge, der auf dem anderen Geleise die türkischen Soldaten an die Front für die englischen und französischen Kanonen führt." „Richtig", sagte Salomo, und es fiel ihm die Bärenmütze im Missionshause ein. „Wir aber . . Ascher sah sich um und hielt inne. „Wir?" fragte Salomo. „Geduld, Bruder aus dem Lande Kusch, wo dein Urahn Schleppenträger der Königin von Saba war, Geduld! Wenn wir erst drüben

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