Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1922)
- Date
- 1922-06-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 9 Nr. 95 sind, sollst du alles sehen und hören. Hier Hand auf den Mund! . . Bei Rapha, an der Grenze zwischen Palästina und Aegypten htelt in den ersten Vormittagsstunden der Zug und alles stieg aus. Ls begannen umständliche Verhandlungen mit den Grenzbeamten hühen und drüben. Die jungen Arbeiter hatten alle ihre russischen Pässe und wurden durchgelaffen. Salomo hatte nichts vorzuzeigen als sein dunkles Gesicht, das ihn als Angchörigen eines fernen Landes legitimierte. Da legte sich Ascher für ihn ins Zeug und redete in allen Sprachen der Welt, die er freilich alle nur halb beherrschte, den Beamten so viel vor, daß ihnen ganz schwarz vor Augen wurde. Einem höheren englischen Offizier, der schlank und stolz hinzukam, flüsterte Ascher, auf den Falascha hinweisend, etwas zu und Salomo durste mit hinüber. Die Mehrzahl der Auswanderee, viele Frauen mit Kindern, stiegen erleichtert in den bereitstehenden Zug, der nach Kairo fuhr, die Jünglinge machten Rast, währenddeffen ihr Führer, Ascher ben David, mit ägyttschen und englischen Offizieren verhandelte. Dann formten sie sich und zogen unter Begleitung einiger Engländer längs drr Meeresküste in Reih und Glied nach der Richtung von W a d i e l A r i s ch ab. Hier auf dem langsamen Marsche durch die Sandebene konnte Ascher mit Salomo deutlich reden. „Weißt du, schwarzes Bruderherz, endlich wohin der Weg geht?" „Nein, ich weiß nichts, ich denke nach Mizrajim . . sagte Salomo in dem Tone eines Klageliedes. „Nein," lachte Ascher, „in Mizrajtm sind wir bereits. Wir gehen bis zum Sammelpunkte uud dann später zurück mit Jubel und Trompeten, mit Zimbel und Lautenschlägen, mit Hedad und Hallelujah aus Mizrajtm nach Jeruscholajim. Verstehst du Bruder, ein zweiter Auszug aus Mizrajtm, aber diesmal gründlich..." „Ich verstehe gar nichts." „Nicht? Da höre klare Worte: Die Engländer ziehen gegen die Türken und wir ziehen mit thnen und erobern Palästina." „Wir? Als englische Soldaten?* „Nein, als jüdische Soldaten. Bor Wadi el Arisch ist die Jüdische Legion versammelt. Weißt du, was das heißt, Sohn aus dem Lande der Königin Saba? Eine jüdische Legion mit eigenen jüdischen Offizieren, mit eigenem hebräischen Kommando und mit eigenen jüdischen Zielen . . . Wir kämpfen an der Seite Englands, aber einzig für Erez Jisrael. Wir wußten schon in Jerusalem davon, durften aber nichts darüber reden, nun aber ziehen wir zur Legion vor Wadi el Arisch, Endlich verstanden?" Salomo begriff nur langsam, aber es dämmerte doch in ihm mählich auf, er gedachte jetzt des Vorgangs an den Ruinen von Bethar. Aber je mehr er verstand, um so mehr umnebelten sich seine Sinne. War das möglich? War das keiner der Träume in der Mesgtd oder auf dem Felde Bechers? Er, der versprengte Sohn, tarn mit Mekkapilgern und Jemeniten durch Wüsten und Wälder hierher, um im Heere des Moschiach für die Befreiung Israels zu kämpfen! . . . Er war einer solchen Gnade würdig? Das war gar nicht zu fassen. „Aber warum beten denn die Leute so gar nicht, wenn sie Moschiachs Soldaten sind?" kam es ihm wieder störend in den Sinn und trübte ihm die Illusion. > Da fingen die Jünglinge an im Chore zu singen: „Od lo abdah . . Salomo kannte bereits die Melodie, die er auf dem Wege und in Jerusalem bei jeder Gelegenhett gehört hatte, aber der Text war ihm nicht geläufig. Indessen mußte auch er singen, er mußte beten, er mußte danken und loben . . . Und ein in Jerusalemer Synagogen erlerntes hebräisches Gebet kam ihm in ben Sinn und dann auch tu der Sangsweife des HoffnrmgSliedes über die Lippen: „Hüter Israels! Hüte den Rest Israels, Daß nicht zugrunde gehe Israel, Das spricht: Höre Israel!"- (Fortsetzung folgt!) Kinderecke. Sapoleon und der jüdische Sacker. Irr den Wischen Städten des Ostens gehen unzählige Napoleon-Legenden von Mund zu Mund. Eine solche weniger bekannte jüdische Napoleon-Legende erzählt Morris Schmidt in der New Dvrter ^Trmes": Als Napoleons Regierung — so lautet die Erzählung — in der französischen Stadt Montpellier die erste große Kaserne erbauen ließ und einige Regimenter Soldaten dort unterbrachte, meldete sich ein ganzes Regiment von Lieferanten zur Belieferung der Soldaten mit Lebensmitteln und Bedarfsartikeln, unter ihnen befand sich auch ein Wischer Bäcker, den, es gelang, beim Platztommandanten vorzusvrechcn und von ihm die Brvtlieferung für die Kaserne zu erlangen. Ter jüdische Bäcker entledigte sich seiner Ausgabe zur vollen Zufriedenheit des Militärs und war in der .Kaserne stets ein gern gesehener Gast. Eines Tages kam ein neuer Kommandant, der ein bekannter Judenfeind war und überdies zu dem christlichen Bäcker der Stadl in verwandtschaftlichen Beziehungen stand. Tem Wischen Bäcker wurde gekündigt und der christliche Lieferant begann seine Tätigkeit. Da er der Unterstützung des Kommandanten sicher war, nahm er es mit der Lieferung nicht so genau, das Brot wurde immer schlechter, das Gewicht ungenauer. Die Soldaten, denen die verwandtschaftlichen Beziehungen des Bäckers zum Kommandanten ebenfalls bekannt waren, wagten es nicht. Beschwerde^ zu erheben. Ter Groll der Soldaten wegen des schlechten Brotes wäre eines Tages Napoleon selbst beinahesehr übel bekommen. Napoleon hatte die Gewohnheit, seine Inspektionsreisen unvermutet und in Zivilkleidern zu unternehmen. Eines Tages kam er nun mit seinem gleichfalls in Zivil gekleideten Adjutanten nach Montpellier. Es war spät nachts, als Napoleon Herrn Tor des Kafernenhofes eintraf. Ter Torpostm verweigerte ihm den Eintritt. Napoleon versuchte es erst mit Güte, dann mit Bestechung, den Wachtposten zu überreden, und als ihm dies nicht gelang, schrie er den Soldaten an: „Erkennst du mich denn nicht, wer ich bin?" „Nein," antwortete der Soldat. „Was," rief Napoleon, „du erkennst nicht den, der dir zu essen gibt? Ter dir dein tägliches Brot gibt?" „Aha," antwortete der Soldat, „also du bist der Bäcker, der uns das schlechte Brot liefert! Versuch mal', jetzt in die Kaserne einzutreten, und ich schlag' dich mit meinem Gewehrkolben nieder!" Tatsächlich holte der Soldat zum Schlage aus, und nur dank dem Adjutanten, der seinem Herrn zurannte, doch nicht zu vergessen, daß er sich in Zivil befinde, konnte Napoleon dem Racheakt des Soldaten entgehen. Am anderen Morgen, so erzählt die Legende weiter, ließ Napoleon den Soldaten, mit dem er das seltsame Rencontre hatte, zu sich rufen und ließ sich von ihm die Geschichte des schlechten Brotes erzählen. Ter Soldat erzählte nun freilnütig. wie das Brot in der Kaserne, seitdem der jüdische Bäcker entfernt und ein Verwandter des neuen Generals die Brotlicserung erhalten habe, ungenießbar geworven ser. Napoleon beschied sofort den jüdischen Bäcker zu sich und erteilte ihnr in höchsteigener Person das Privilegium, der Brotlieferant der Kaserne von Montpellier zu sein, mit dem Rechte, diese Konzession auch auf seine Nachkommen zu vererben. Ter pflichtvergessene Kommandant wurde seiner Stelle enthoben. Personalien. Montabaur, 15. Juni. Heute wurde hier Hermann Löwenthal tm Alter von 75 Jahren, unter Beteiligung aller Konfessionen zu Grabe getragen. Herr Lehrer Zodick widmete dem verstorbenen ehrende Worte des Gedenkens. Herr Löwenthal war noch ein Anhänger des allen überlieferten Judentums. Längere Zeit übte er die Funktionen eines mw aus. nam Flehiugerr, 11. Juni In unserer Synagoge wurden zwei von den Mitgliedern der hiesigen Jsrae» Mischen Gemeinde gestiftete Gedenktafeln eingeweiht. Die eine Tafel ist den 5 im Weltkriege leider gefallenen Söhnen unserer Gemeinde gewidmet, während die zweite Tafel die Namen der übripen 29 Kriegsteilnehmer unserer Gemeinde trägt. Zur EtnwelhungSstier find von hier und unserer Nachbargemeinde Sickingen erschienen: Der Bürgermeister und Gemeinde» räte, die Geistlichen und Lehrer, der Direktor der Er» ziehungsanstalt, der Postsekretär und Bahnvorstand, sowie der Ausschuß des MMlürvereins. Herr Lehrer Rabinowitz hielt eine ergreisende Rede, in welcher er die Entschlafenen ehrte und der übrigen Kriegs» teilnehmer unserer Gemeinde in Liebe und Dankbarkeit gedachte. Nach der Predigt folgte das TotengeSet für de Gefallenen, worauf der Vorsitzende des MitttärvereinS im Namen desselben eine Ansprache htelt. Mir dem Danke des Vorstandes der Israelitischen Gemeinde an die erschienenen Ehrengäste fand die sttmmungS» volle Feier ihr Ende. Ahlem, 12. Juni. Die ehemaligen Schüler und Beamten der Gartenbauschule dahier, die in dem „Verein ehemaliger Ahlemer" zusammengeschlossen sind, versammelten sich, etwa 125 an der Zahl, an den Pfingsttagen aus Ahlems gastlicher Stätte zu einer nach, träglichen Feier des 25jährigen Amtsjubiläums des Direktors Silberberg. Der Sonntag war dem gemütlichen Teile Vorbehalten. Am .Montag fand die außerordentliche Generalversammlung des Vereins statt. Heroorgehoben wurde, daß sich die „Ehemaligen Ahlemer" in den großen Städten zu Ortsgruppen zusammengetan habe«. Die Berichte der Vertreter derselben wurden beifällig ausgenommen. Amsterdam, 16. Juni. Der Unterrichtsminister hat vor einiger Zeit Lesstngs „Nathan den Weifen" in den Simultanschulen verboten, und diesen Schritt aus eine parlamentarische Anfrage damit begründet, daß der „Nathan" eine mit positiven christlichen Ueberzeugungen schwer vereinbare Tendenz verfolge Auch beleidige die Gestalt des Patriarchen das christliche Empfinden. Die Verfügung wird in den liberalen Zeitungen natürlich stark angegriffen. Budapest, 3. Juni. Wegen einer Ende 1920 gehaltenen Rede über die Judenfrage hatte sich der Journalist Szasz gerichtlich zu verantworten. SzaSz sollte durch seinen Vorrrag die ungarischen Juden gegen ihre christlichen Mitbürger aufgehetzt haben! Der Staatsanwalt scheute sich nicht, diese These mit Eifer zu vertreten, obgleich die Rede offensichtlich keinen anderen Zweck verfolgte, als gegenüber dem Treiben der erwachenden Ungarn nachzuweisen, daß die Judenverfolgungen nicht nur ungerecht und unmenschlich, sondern auch sinnlos seien. Der Bortrag wendete sich insbesondere gegen die Rassen-Theorie. Zur Ehre der ungarischen Rechtssprechung endete der Prozeß mit einem völligen Freispruch des Angeklagten. Bratislava, 4. Juni. Die hiesige neologe Gemeinde, die immer eine traurige Rolle gespielt hat, zeichnet sich durch die besondere Eigentümlichkeit auS, daß sie trotz Orgel und Zubehör einen persönlich durchaus konservativ gesinnten Rabbiner, Dr. Funk, besitzt Selbstverständlich lebt dieser bedauernswerte „Kullusbeamte" seit Jahrzehnten in einem mehr oder minder stillen, manchmal auch offenen Kampfe mit den neologen Gemeindegewaltigen. Der derzeitige Gemeinde. Präses, ein Rechtsanwalt Dr. Lichtner, hat es nun so weit gebracht, daß die Gemeindevertretung die, Pensionierung des Rabbiners beschloß. Die staatliche Behörde aber versagte diesem Willkürakte die Bestätigung, da der Rabbiner gegen seinen Willen nur durch ein Disziplinargericht seines Amtes entsetzt werden könnte. Der Gemeindepräses berief daraufhin eine Generalversammlung der Gemeinde, um die Pensionierung des verhaßten Rabbinen in offener ■ Volksversammlung beschließen zu lasten. Trotzdem der Stadtbürgermeister persönlich in dieser Versammlung erschien, um der Gemeinde die Rechtslage klar zu machen, fand sich eine Mehrheit von 36 Stimmen für die Pensionierung, nachdem ein großer Teil der An. wesenden nach der Erklärung des Bürgermeisters die Sache für erledigt gehalten und sich entfernt hatte. Die ganze Angelegenheit wächst sich zu einem ungeheueren Skandale aus, der wohl nicht nur in der Tschecho-Slowakei, sondern in der ganzen Welt dazu beitragen wird, die Konsequenzen neologer BolkSerziehung kräftig zu kennzeichnen. Srlefkasten. L. F., Lugano. Der angefragte Herr wohnt nicht hier, sondern tn Nürnberg. Herr M. T. ist leider nicht in der Lage, ohne viel genauere Angaben etwa» für Sie zu unternehmen. I. W., Cöln. Sie wenden sich am besten an eine der Ihnen gewiß bekannten hebräischen Buchhandlungen Ihres Wohnortes. Das Sefer ist übrigens von Rabbi Zwi Meklenburg? B. H., Teplitz-Schönau. Ein religiöses Penstonat tn der Nähe von Dresden ist UNS nicht bekannt. Wolle« Sie uns unter Beifügung von Rückporto Mitteilen, welche anderen Orte fiir Sie in Betracht kommen. M. L., Dresden. Wollen Sie Ihre Wahrnehmungen in maßvoller Form niederschretben und uns zur Veröffentlichung im Sprechsaal einsenden. Lehrer F., Flieden. Wir haben die Angelegenhett tm Sinne Ihrer Karte vom 18. Juni reguliert.