Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1922)
- Date
- 1922-06-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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G-tt- S Nr. 25 Der Israelit. losigkeit des liberalen BaueS spät genug entdeckte, führte man mit den „Richtlinien" das neue Haus auf. Aber man vergaß fatalerweise wieder der Grundmauern. Man baute auf Sand und es wackelte solange, bis der Weltsturm von 1914 kam und die ganze Herrlichkeit über den Haufen warf. Tausende Jünglinge lernten aus der Tiefe des kugelumbrandeten Schützengrabens zum Himmel schauen, suchten nach Halt im Wanken und Stürzen alles Seienden und verwünschten im Herzen ihre Lehrer, die sie um diesen Halt betrogen. Tausende sahen im Osten zum erstenmale, was jüdischer Geist und jüdisches Leben und die Allgewalt der den ganzen Menschen und das ganze Volk umspannenden Lehre sei und kamen innerlich reicher heim, mit einer Sehnsucht, die kein Pastorales Wort „von reinem Menschentum als Zentralidee des Judentums" mehr befriedigen kann. Der stolze Bau kommt ins Wanken und, indes die Weisen des Liberalismus händeringend um den Zusammenbruch ihrer Hoffnungen jammern, steht schon der nationale Karren bereit, um hilfreich den ganzen Schutt wegzuschaffen und den Grund klarzuiegen für den neuen, Bau wobei man — nicht mit Unrecht — auf all die Suchenden und die geistig Schiffbrüchigen im liberalen Lager rechnet. Hier ist der Punkt, wo die blauweiße Werbearbeit auch eine Gefahr für uns in der Orthodoxie wird. Nicht etwa, daß sich der Ansturm an unsere tausendjährigen Wälle heranwagen könnte. Aber die Bewegung faßt die Gott- und Hetmsuchenden, die sich sonst naturgemäß zu uns finden müßten, auf halbem Wege ab. *piE3'pP*WK* Den noch zwischen der Ungebundenheit der Vergangenheit und dem Willen zum religiösen Positivismus Schwankenden wird im Zionismus ein M i t t e l w e g gezeigt, auf dem man bei aller früheren bequemen religiösen Ungebundenheit in Theorie und Praxis sich angeblich zu „jüdischen" Idealen, zu „jüdischen" Hoffnungen bekennen und an jüdischer Bauarbeit Mitwirken kann. Auf diese Weise ist im Großen vor zweitausend Jahren auf dem Wege aus dem Zusammenbruche Roms nach Jerusalem das Christentum entstanden. Ohne damit irgendwelche innerliche Zusammenhänge zwischen den beiden Erscheinungen andeuten zu wollen, muß doch konstatiert werden, daß sich hier im Kleinen wiederholt, was die Welt damals im Großen erlebt hat. Für uns in der Orthodoxie können all die Vorgänge nur eine Mahnung sein zur Arbeit. Wir lehnen es ab, nach Art des Zionismus, zuweilen unter neutraler Flagge, wie Seeptraten hier und da auf Beute auszuschauen. Wir halten auf reinen Schild und sagen allen, zu denen wir kommen oder die zu uns kommen, offen, was wir wollen und was wir bei ihnen voraussetzen. Aber arbeiten wir mit gemeinsamer Kraft so am Aufbau des jüdischen Hauses, daß darin alle Platz finden, die von der großen Schar der Suchenden ganz zu uns kommen wollten, auf daß sie sich darin wohl und sicher wie auf festem Heimatgrunde fühlen. Wochennmdschau. Sine Lebenssrage für Litauen« Zuden. Wichtiger als alle Autonomiesragen im jüdischen Litauen ist die Frage der Sabbatruhe, d. h. des Sonntagsruhegesetzes, das in der Form, wie es die Rechtsparteien durchzudrücken suchen, den Juden Litauens nur die Wohl läßt zwischen wirtschaftlichem und religiösem Ruin. Diese Wahl kann einem wahrhaften Juden nicht schwer fallen, und noch ist das Judentum im Lande des „Wilnaer Gaon", Rabbi Jisroel Salanters uud des „Kswnoer Raw" Gottlob nicht in den Grade gesunken, daß eine Preisgabe des Sabbat bei gesteigerten Anforderungen an den religiösen Willen zu befürchten stände. Aber soll Litauen, das aus dem Blut und Feuer des Weltkrieges wie eine Kriedensinsel und Zufluchtsstätte des allüberall mit Füßen getretenen Rechtes sich aufgetan hat, soll dieses Litauen gerade an diesem Punkte, wo es um das bürgerliche und religiöse Recht einer Milltonenbevölkerung geht, versagen? Das Sonntagsruhegesetz hat überall seine tieferen Wurzeln im religiösen Gefühle des Volkes, auch da, wo es als rein soziale Maßnahme gefordert wird. Aber wahres religiöses Empfinden bekundet sich durch Schonung der religiösen Gefühle Anderer, durch Rücksichtnahme aus das, was auch dem Nachbar Gebot des Glaubens und Gewissens ist. Darum wird der religtösethische Gehalt des Sonntagsruhegesetzes immer durch die Art gekennzeichnet sein wie dieses den Andersgläubigen die Möglichkeit gewährt, ihre Ruhetage, ohne allzugroße wirtschaftliche Belastung und ohne die in der Religion weniger gefestigte Jugend auf eine harte Probe zu stellen, zu begehen. Holland und England, die beiden Kirchlichsten Staaten mit den strengsten Sonntagsruhebestimmungen, haben zugleich die weitgehendsten Äusnahmeverordnungen für sabbathaltende jüdische Kaufleute. tf*11 m 'i.. QQSJBHj Zu -p (Kurze Betrachtungen zum Wochenabschnitt). Bon Dr. Felix Kanter in Zwittau (Mähren). Zweimal ist in diesem Wochenabschnitte von „steinigen" die Rede — (Kap. 14, 10 und Kap. Io, 85) und immer wird der Ausdruck »ui gebraucht. Steinigen heißt auch bipö und kommt in der Heiligen Schrift öfters als »ui und in Mischna und Talmud fast ausschließlich vor. In iwrr (Kap. 24, 16 und 23) kommt ebenfalls der Ausdruck an und nicht vor. Handelt es sich hier um Synonyme oder besteht zwischen diesen Ausdrücken ein gewisser Unterschied? Nach (Band II, Seile 123) besteht zwischen diesen Ausdrücken folgender Unterschied: Unter 7lpv ist nicht „steinigen" kurzweg zu verstehen, sondern „mit Steinen bewerfen", ohne den Tod des Beworfenen herbeizuführen oder zu beabsichtigen. Wenn aber unter diesem Ausdruck die Todesstrafe (n7>pD) gemeint ist, dann wird immer dazu die tötende Wirkung oder Absicht hinzugefügt (vergl. VVI v':282 irnpff! oder ms'i V'22U2 inckpv'1, Deut. 13,11, dann Kap. 22, 21 und 24 u. a. m.) Unter vr-> hingegen — ohne jeglichen Zu- oder Nachsatz — ist das eigentliche Steinigen zu verstehen; das Werfen von Steinen, um den Tod des zu Treffenden absichtlich und vorsätzlich herbeizuführen. Ueber diese Hypothese ließe sich noch streiten r aus Synhedrin (P. 8, Mischnah 4) ließe sich ein Beweis für diese Behauptung konstruieren, ebenso aus wm rtpw H rvo. In Kap. 14,10 dieses Wochenabfchntttes Ist absichtlich der Ausdruck wn gewählt (. . . . DDK vv-lb myn *>2 iivwi), um anzudeuten, daß die Gemeinde (das Volk), von den Kundschaftern aufgehetzt und aufgestachelt, zum Aeutzersten entschlossen mar und selbst vor einem Morde nicht zurückschreckre. Das ist eben der unheilvolle Einfluß der Volksführer und Volksverderber, als deren Typus die gelten. Und trotzdem betete Moses für dieses Volk um Gnade und Vergebung, Er war eben der tttlpnv ''JH der treue Hirte voll Mitleid und Erbarmen für die seiner Füh ung anvertrauten Herde. So sollte jeder Führer in Israel sein. Im Talmud (Sota 48) heißt es: nw» ipDBi D’»tt reiii imn bv2 anpan 51'2 amtpa rüiüK. Vom N'aw wissen wir, daß er die Eigenschaft besaß, Felsen zu spalten und Steine zu glätten vermöge seiner unübertrefflichen Stärke. So waren auch früher die nwK »wrrr, „die Männer des wahren Glaubens"; sie waren vor allem stark, stark im Glauben und durch den Glauben. Stark, unerschütter. lich und unbeugsam, wo es fich um die nsion um den Glauben, seine Erhaltung und Verbreitung handelte. In dieser Hinsicht gab es für sie kein Weichen und Wanken, keine ängstliche Rücksicht und kein Zögern und Zagen. Andererseits waren sie vwÄ kidll »fließend wie Honig", gütig und barmherzig, Mitleids- und einsichtsvoll, süß und liebevoll gegen jedermann. Ihre Stärke war nicht eine Folge ihrer Schwäche. Bald - ». Jrmi 1928i Litauen, das einerseits die jüdische Kaufmannschaft zu seinem wirtschaftlichen Aufbau unentbehrlich braucht, andererseits Interesse daran hat, alle positiven, vom religiösen Gedanken zusammengehaltenen Elemente zu fördern, wird es schon als Gebot der Klugheit erachten, den Alten nicht den wirtschaftlichen Kampf durch zwei Ruhetage zu erschweren und den Aufstrebenden der jüngeren Generation, die der Versuchung unterliegen könnten, nicht die „Quelle alles Segens" zu nehmen, wenn sie, die litauische Regierung, nicht anders für den religiösen Radikalismus, der auch zum politischen führt, die moraliche Verantwortung übernehmen will. Die Sache liegt lediglich in der Hand der Kownoer Regierung, und sie wird um so bedenkenloser hier zugunsten der jüdischen Forderungen entscheiden können, als in den jüdischen Zentren Litauens, aber nicht minder im durchwegs von Juden bewohnten Städtchen sich der teilweise Sonntagsgeschästsverkehr so gut wie im geschloffenen Kreise ohne jegliche Verletzung der Gefühle Andersgläubiger abwickeln würde. Warum schweigen wir? Das wilde Toben der jüdischen Kommunisten in Sowjetrußland gegen die jüdische Religion veranlaßt den bekannten Schriftsteller Hillel Zeitlin im „Momente" zu folgendem Aufrufe an die jüdische Oeffeatlichkeit: „Kampf gegen Gott", so muß das jetzige T.retben der jüdischen Kommunisten in Rußland bezeichnet werden. In Mohilew am Dneper sitzen die „Revolutionäre" zu Gericht über die Chedartm und Melamdim, in Wttebsk wurde eine der größten Synagogen in ein Arbeitshaus verwandelt und die Beter, die sich im Hofe bet eisiger Kälte versammelten, mit Gewebrfeuer ausetnandergejqgt. In Hömel und Minsk wurden Juden zwangsweise zu den Disputationen über „Gott und seine Gerechtigkeit" herbeigeschleppt. Jaum Kippur wurde zum obligatorischen Arbeitstag ausgerufen, und es kam zu Schlägereien zwischen alten Juden in Gebetmantel und Sterbekleid und Jünglingen, die zu Ehren des Tages mit Sack -und Pack und in Arbeitskitteln erschienen. Solche Dinge gehören in unzähligen Städten und Städtchen Sowjet-Rußlands zu den Vorgängen des Tages. Der jüdisch-bolschewistische Antrag auf Abschaffung der Beschneidung fiel durch, dank der Tataren, die an der Beschneidung f esthalten. Zu den Plänen der jüdischen Kommunisten gehört es, die Gräber des Rabbi Israel baal Schemtow und des Rabbi Nachmann von Bratzlaw, der Schöpfer des waren sie stark und starr und unbeugsam, bald süßer wie Honig, trieffend von Liebe, Güte und Milde. So sehen wir auch unfern Lehrer Moses in diesem Wochenabschnttie, so im vorigen und so auch im Abschnitte '2 nach der Sünde des bw. So waren aber auch die Propheten, die das Werk Moses fortsetzten, und so sollten es alle sein, die als nw» nw» gelten wollen: auf der einen Sette stark wie •vep auf der andern Seite neu. Solche man nPJK tun auch unserer Zeit dringend not. (Nach p:2^ me (Sette 11—12). Kleines Feuilleton. Aochmals die schwierige Targvmstelle. Bon Rabbiner Dr. Felix Kanter in Zwtttau (Mähren) erhalten wir folgende Zuschrift mit der Bitte um Veröffentlichung:' Auf meine in Nr. 20 des „Israelit" gerichtete Frage kamen der Redaktion deS „Israelit" und mir persönlich so viele Antworten zu, daß es Raummangels halber ganz unmöglich erscheint, sie alle zu veröffentlichen, waS um so bedauerlicher ist, als einige Antworten als äußerst originell und treffend bezeichnet werden können. Es sei hier in gedrängter Kürze ein Auszug der eingetroffenen Antworten wiedergegeben. Fast alle Herren Einsender konstatieren, daß die richtige Lesart der zitierten Targumstelle pDjnio (und nicht p2jn»ö) lautet. Ferner berufen sie fich auf die Erkä'ung des ruw von Rabbi Nathan Adler und auch darauf, daß das aramäische tny gleich dem