Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1922)
- Date
- 1922-06-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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- Abishai 1× ep/1003115
- Joab 1× ep/1005321
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 24 des „Maelll". 4.<^i Verschollene Vrüder. Line ^slsscksgeWülke aus 9er Segenwsrl. (Fortsetzung.) Nun bestiegen sie den Wagen und fuhren weiter links in die Straße ein bis zum Hügel, auf dem die ersten Hauser von Bethlehem standen. Hier stiegen sie ab und gingen den Fußweg bis zum Davidsbrunnen, wo sich das ganze Städtchen, umsäumt von grünen Wiesen, wogenden Getreidefeldern, Oelbaumhatnen und Weinbergen, vor ihren Augen auftat. Es hieß nicht umsonst von altersher: „Haus des Brodes!" Auf einem dieser Felder, dachte Salomo, der Gegenwart ganz entrückt, mag es sich ereignet haben, daß Boas seine Ruth erblickte. . Und da irgendwo wird das Häuschen gestanden haben, in das der „Seher" Samuel trat, um den von Gott erkorenen König über Juda und Israel zu salben. Der kleine, rotwangige nichtsahnende Junge mußte erst von den Schafen hier auf dieser Wiese geholt werden ... Aber Goodwon wurde gesprächig, sprach wohl auch einmal von Dav id, aber nur als Stammvater eines anderen Menschen, der hier geboren und gelebt hätte und der Salomo nicht im mindesten interessierte. „Siehst du dort die goldene Kuppel," sagte er, „es ist die Marienkirche, hier hat das Kind das Licht erblickt, das zum Erlöser berufen war- Salomo sah gar nicht hin und dachte im Stillen: „Durch dieses grüne Tal lief David, von Jonatan gewarnt, die Harfe, mit der er vor Gaul gespielt hatte, in der Hand, ins Elternheim. Wie hatte er doch den königlichen Palast satt und wie grüßten ihn lachend die heimatlichen Felder, wie ihn der Schäferhund jubelnd ansprang und die Schäfchen sich blökend um ihn schaarten! . . ." „Und hier rechts unsere anglikanische Kirche mit dem Waisenhaus nebenan, denn die Geburtskirche selbst ist im Besitze der Lateiner, Griechen und Armenier, die alle das Wort des Erlösers in ihrer Art verstehen und zum Teile falsch auslegen . . dozierte Goodwon weiter.- Da oben irgendwo, dachte Salomo, wird auch das Häuschen mit dem Ausblicke ins Tal gestanden haben, aus dem die tapferen Kriegs- Helden Davids, Joab, Aschael und Abischai, die Söhne Zerujas, hervorgegangen sind. Wie gern wäre er in ein solches Haus eingekehrt, wie gern hätte er hier irgendwo Boas mit den alten Worten: „Es segne dich Gott!" begrüßt — Aber Goodwon belehrte ihn, daß unter den zwölftausend Einwohnern Bethlehems sich heute kein einziger Jude befinde. Das schien Salomo ganz unglaublich, einfach unmöglich. In der Nähe des Muttergrabes, in der Stadt der Ruth und des David kein einziger Jude!? Aber Mister Goodwon hielt sich bet diesem Thema gar nicht länger ans. „Die schönsten und besten Heiligenbilder werden hier angeferttgt," erzählte er. Salomo aber betete im Innern einen ihm auswendig geläufigen Psalm . . . Jeder dachte seine eigenen Gedanken und sprach seine eigen- ^Sprache und eS wäre für Jedermann leicht zu erkennen gewesen, daß es zwei Bethlehems gab, das eine des jungen Falascha und das andere des Mister Goodwon, die so weit von einander lagen, daß gar kein Weg von dem einen zum ander führte . . . Das entging natürlich auch dem klugen Pastor nicht und stark enttäuscht, einsilbig und verärgert, kehrte er gegen Abend mit seinem Schützlinge auf dem gleichen Wege nach Jerusalem zurück. XVII. Der Sturm. Salomo lebte zu sehr in der Vergangenheit und Zukunft, nm sich von der Ummtürltchkeit seiner gegenwärtigen Lage allzusehr bedrückt zu fühlen. Er aß und trank im nichtjüdischen Heime, was er nach seiner Ansicht essen und trinken durfte und betete, wenn die Harmoniumregister anschlugen und alles mit gefalteten Händen dastand, seine Gebete, wie er sie hier bet den Juden neu gelernt hatte. Wenn er im Hofe des Heimes Holz kleinmachte oder im Garten arbeitete, so wußte er, daß er damit dem Messias nicht vorarbeitete. Aber aus alle Fälle erkaufte er sich damit die Möglichkeit, in der Stadt des Moschtach zu leben und deren Lust einzuatmen, den Ausblick auf die Berge, von wo der Erlöser winken und seine sammelnde Stimme erheben werde. Die Jemeniten hattten ihn von sich gewiesen, ihn zu den Missionären wiedergejagt. Er aber, Moschtach, wird nach ihm rufen ... Er wußte es ja, welche Sehnsucht er, Salomo, im Herzen trug und daß er gern für ihn gearbeitet hätte — wenn sie dort bei Bet Hanina nicht Steine nach ihm geworfen hätten . . .- In seiner ewigen Versunkenheit sah Salomo nicht die Dinge, die sich im Hause und auf den Straßen vorbereiteten. Ueberaü standen Gruppen und sprachen in jgroßer Erregtheit. Durch die engen Gaffen wirbelten die Trommeln kleiner und größerer Soldatentrupps. Die Soldaten hatten die Lederhosen in den hohen blanken Stiefeln und den roten Fez so verwegen auf die rechte Seite geschoben, daß die tuschelnden Leute wie in dumpfer Ahnung aus dem Wege gingen. Vom Damaskustore her kamen Reiter getrabt und Riesenlastautos trugen unbekannte graue und schwarze Maschinenungeheuer. Es war etwas in der Lust, wovor die Menschen, wenn sie es sich zuraunten, tief erschauerten. Krieg!- Auch im Missionsheime war alles in Bewegung. Pastor Goodwon studierte eifrig lange, dtchtbedruckte Bogen, die sie Zeitung nannten, und auch seine Predigten hatten einen weicheren Ton erhalten. Anschläge an den Wänden rieten den Insassen, sich nicht allzuviel auf der Straße aufzuhalten und Menschenansammlungen aus dem Wege zu gehen. „Unruhige Zeiten", hieß es da. Als Salomo, der die Verkehrssprache nur mangelhaft verstand, entlich die Situation begriffen hatte, war es so weit, daß die Straßen von wogenden Menschenscharen angefüllt waren und vom Jaffatore aus, wo alle Wege zusammenlaufen, sich der Strom der Menge brausend nach dem Deutschenviertel bis zur „Erlöserkirche" hinzog, und von den Rufen: „Es lebe der Sultan!" „ES lebe Kaiser Wilhelm!" „Es leben die vereinigten Heere der Türkei, Deutschlands und Oesterreichs!" die Erde erzitterte. Salomo war vom Gewühle nach der Innenstadt mitgezogen worden bis zum Sankt Paulshospiz, wo sich die englischen und französischen Konsulate befanden. Fahnen und Wappen waren dort eingezogen, Türen und Fenster fest verschlossen. Aber dem nun einsetzenden Steinhagel gaben die Fensterläden nach und das Klirren des Glases mischte sich ins Gejohle des Volkes, das wie ein wildes Element.an- und abschwoll, bis Militär anrückte, das die Menge auf die Seite drängte und das Gebäude umstellte. Als Salomo, der den ganzen Zusammenhang der Dinge immer noch nicht recht begriffen hatte, auf geruhigeren Umwegen nach dem Misfions- Heime gelangte, stavd vor diesem ebenfalls ein Militärkordon. „Wohin?" schrie ihn der Offizier in der riesigen Bärenmütze an, als Salomo eintrete,! wollte. „Ins Haus, ich wohne hier," sagte er sv gut er sich verständigen konnte. „Wer bist du?" „Jude!" „Woher, frage ich." „Falascha aus Abessinien." „Was, woher?" Solche Worte hatte der kurdische Soldat noch nie gehört. ,/Jch gehöre hierher," wies Salomo aufs Haus. „Zu den Engländern? Gut, hinein zu den Andern. Aber wer das Haus verläßt, wird erschossen!" Und Salomo wurde ins Haus geschoben. Drinnen im Hause ging alles drauf und drüber. Jüngere und ältere Leute schrien und drängten, andere packten eilig ihre Sachen. Aus > dem Tische lagen noch die Bibeln und Gebet« bücher von der Morgenandacht herum und Goodwon hielt beide Hände auSgebreitet wie ein Prophet, der das Volk segnen und trösten wollte. Aber kein Wort der Schrift vermochte die aus ihrer stillen Beschaulichkeit Aufgeschreckten zu beruhigen. „Es wird nichts Schlimmes passieren," sagte er. „Türkei hat sich Deutschland und Oesterreich angeschloffen zum Kampfe gegen England, Frankreich und Rußland. Wir hier im Hause des Gottesfriedens sind loyal, was kann man uns anhaben? Höchstens, daß die englischen und französischen Staatsangehörigen das Land verlassen müßten ... Ich gehe dann 'als Engländer mit euch!" Plötzlich siel sein Blick aus Salomo. „Du als Abessinier bist vielleicht am besten daran, doch rate ich dir, mit uns zu gehen." „Ich sollte das heilige Land, die heilige Stadt verlassen?" Goodwon nahm Salomo auf die Sette und fing an im vertrauten Amharisch: „Ich hörte draußen, Neutrale und Staatenlose werden, so sie nicht das Land verlassen, in das türkische Heer eingestellt. Also auch du, Salomo, wirst türkischer Soldat." „Und werde das heilige Land vor den Feinden verteidigen," kam es plötzlich wie eine Eingebung über Salomo und er jauchzte auf. „Wirst es verteidigen, um es den Türken zu erhalten ..." Das war ein kalter Wasserstrahl. Und er dachte: Die Türken waren es ja, die das Land des Moschtach in der Hand hielten, denen man es erst wird entreißen müssen. „Den Türken?-" „Also Salomo?" Salomo wurde irre an seinem Entschlüsse. „Und wenn die anderen, die Briten, ins Land kommen?" fragte er wie im Traume. „Die Engländer sind Freunde der Juden und Freunde der Menschen und der Bibel. Wissen wir es, warum der Herr die '.Völker und Nationen stürmen läßt? Wissen wir es, was sich hier auf heiligem Boden vorbereitet?" sagte er bedeutungsvoll. Salomo zitterte vor innerer Erregung. Zum erstenmale, daß Goodwons Bibelworte ihm zu Herzen sprachen. Aber zum Nachdenken blieb ihm nicht viel Zeit übrig. Beamte und Soldaten drangen ins Haus und eine Päffereviston begann. Salomo hatte nie an derartiges gedacht. Seine Reise