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Der Israelit · 1922-06-08 · Heft 23 (8.6.1922) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 23 (8.6.1922)
Date
1922-06-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Nr. 23. . Der Israel«. 8. Juni 1933. Ausgleichung nach den Sätzen der staatlichen Besoldungsordnung erfolgt gegen Ende des Jahres, wenn die Finanzämter die Veranlagungen abgeschlossen und die Verbandssteuer werden eingehoben haben. In der Märztagung hat sich der Verband zunächst für die Deckung der im März geltenden Sätze der Besoldungsordnung verpflichtet, die Frage der automatischen Erhöhung der Sätze mit der jeweiligen Aenderung der'Befoldungsordnnng ist offen gelassen; sie brauchte noch nicht entschieden werden, weil nach den gegebener! Darlegungen für den selbst im Anfangsstadium seiner Entwickelung und finanziellen Konsolidierung stehenden Verband die Regelung der Besoldungsfrage ein erster Versuch mar und es sich zunächst nur um eine V o r s ch u ß leistung für 1922 handelte. Wer aber den ernsten und guten Willen der mastgebenden Führer des Verbandes kennt und die'in der Tagung vom 20. März vorgelegenen Ziffern des wirklichen Bedarfs im Verhältnis zur mutmaßlichen Finanzkraft des Verbandes beurteilen konnte, hat die feste Ueberzeugnng gewonnen, daß die Beamten der jüdischen Gemeinden in Bayern noch vor Schluß des Jahres 1922 die Gehälter in voller Höhe der jeweiligen Sätze der Reichsbesotdungsordnnttg haben werden. Um die weitere Zukunft braucht ihnen nicht bange sein, denn jede weitere Gehaltssteigerung ist nur eine Folge weiter fortgeschrittener Geldentwertung, die .durch die gleichzeitige Steigerung der SteuerLeistnng der Träger des Verbandes — der Gesamtheit der Juden Bayerns — mehr als ausgeglichen wird. Mit der Besoldungsfrage ist in Bayern die Alters- und Hinterbliebenenfürsorge für die Kd. Beamten von selbst geregelt. Der-bayrische Staat hat im Jahre 1916 für die Gewährung von Ruhestands- und Hinterbliebenenbezngen an die Beamtenschaft der politischen Gemeinden den unter Verwaltung der Staatsregierung stehenden „bayrischen Versorgungsverband" ins Leben gerufen, der auch den Glaubensgemeinden und gemeinnützigen Anstalten irr Bayern den Beitritt zugunsten ihrer Angestellten freigestellt hat. Dank einer rührigen Aufklärungsarbeit des isr. Lehrervereins Kr Bayern und der damals durch die Blätter „Erziehung und Lehre" in die Kd. Gemeinden getragenen Weckrufe haben fast alle isr. Kultusgemeinden den Anschluß vollzogen. Gegen die Bezahlung eines jährlichen Beitrags von 5—6<>/o des Jahreseinkommens des versicherten Beamten (der Beitrag muß von der Gemeinde, er darf nicht vonr Beamten getragen werden) übernimmt der .Versorgungsverband die Ruhestands- und Dinterbliebenenfürforge genau nach den jeweils für die Verforgungsbezüge der Staatsbeamten geltenden Normen. Der Berechnung mirb die Besoldungsgruppe zugrunde gelegt, für die der Beamte angemeldet ist. Wenn also in Bayern die Rabbiner nunmehr nach Gruppe X u. XI, die Religiottslehrer nach VII h. VIII, evtl, auch IX besoldet werden, so erhalten die betreffenden Beamten im Ruhestände, bezw. ihre Hinterbliebenen, die Versorgungsbezüge aus den jeweils für diese Gruppen geltenden Sätze, die sich also mit jeder vom Staate vorgenommenen Erhöhung automatisch auch ftir die Empfänger von Ruhestands- oder Versorgungsbezngen erhöhen. Der Verband b. isr. G. darf somit für sich das Verdienst in Anspruch nehmen, eine befriedigende Regelung der Besoldung der jüd. Gemeind eben mten in die Wege geleitet und damit das Judentum in den Gemeinden vor dem Untergange gerettet zu haben. Die nächsten Folgen werden eine Eindämmung der Flucht aus' dem Lehrerberuft, Zugang zu den stark entvölkerten Klassen der bayrischen Lehrerbildungsanstalten, Zustrom von Beamten im Reiche nach vakanten Beamtenstellen in Bayern sein. Die Jndcnheit der übrigen deutschen Staaten wird dann weiterhin entweder dem Beispiele Bayerns folgen müssen oder sie wird den Zusammenbruch des jüdischen Lebens in den Gemeinden beschleunigen. Zum Thema der Lehrerbildung. Bore Jsch ben Parzi Hcv-L e v i. Tie Diskussion zum ernsten Thema der Lehrerbildung ist bereits durch verschiedene Artikel im „Israelit" und in der „Freien Lehrerzeitung", sowie durch die zum Lehrerverbandstage vorgesehenen Referat und Anträge dringend notwendig geworden. Erlaubt wird cs daher wohl sein, auch eine gegenteilige Meinung zu äußern. Der Bestand der jüdischen Lehrerbil-- dungsanstalt ist in Frage gestellt durch die neue Regelung der Lehrer-Ausbildung, Noch mehr aber durch die dringende, Not der furchtbareil Teuerung, die im Lause der Zeit alle bereits geschaffenen jüdischen Knlturwerke lind Anstalten dem Untergänge nahe bringt. Waisen- und Krankenhäuser, wissenschaftliche Institute imb öffentliche Wo hlsahrtsciurichtun ge l l, die früher großartig fundiert waren, sind heute schon zu herzbewegenden Bettelrnfen gezwungen und werden verzweifelt gegen ihre Auflösung ankümpfen müssen. Es ist also vorauszusehen, daß die wirtschaftliche Lage auch der jüdischen Seminare, die nicht schon aufgelöst sind, immer haltloser werden wird. In richtiger Erkenntnis der Tatsache, daß der Zugang zum wenig beneidenswerten Berufe als jüdischer Lehrer immer spärlicher wird, haben die srühereu Präparandenanstalten Höchberg und Burgpreppach '(beide in Bayern) sich schon rechtzeitig irr jüdische Bürgerschulen umgewandelt, u. das Würzburger Seminar roird seine Existenzberechtigung nur noch dann behalten, wenn es rrach beit Andeutungen des sehr rerehrten Herrn Seminarlehrer Anfänger in eine jüdische Oberschule umgestaltet wird. Ich wünschte nach dem Worte der Anschö kencses hag'danloh: „Stellet viele Schüler auf", daß die alte ehrwürdige Gemeinde Würzbnrg wieder eine gutjüdische Jeschiwah erhält, daß aber vorläufig — aus ein volles Jährzent hinaus — von einer speziellen Lehrerausbildung Abstand genommen werde. Bor I Jahre schrieb mir ein junger Kollege in Süddeutschland folgende ergreifende Worte: „Auch ich erreiche trotz fieberhafter Tätigkeit noch länge nicht das Existenzminimum. Es ist ein Verbrechen, w enn ein junge r Ri e nsch heute noch den Berns als Lehrer rcnd Kantor ergreift, ein Verbrechen an sich und an den im Amte befindlichen Kollegen! Noch schlimmer ist die moralische Seite! Unsere Stellung wird noch lange die eines Meschubbad bleiben! Der alte Jammer wird noch lange anhalten und erst, wenn die Seminarien 10 Jahre geschlossen bleiben, kann er einigermaßen behoben werden. . — Ein anderer Kollege in Norddeutschland schrieb mir vor kurzem: „Ich wollte heiraten, aber ich darf nicht. Es wäre ein Verbrechen gegen die zukünftige Gattin, sie in den bedauernswerten Stand eines jüdischen Beamten zu versetzen." Ich frage: Wollt Ihr, die Ihr es doch wohlmeinet, Anteil haben an diesem Verbrechen? Hier gilt nicht die bloße Versorgung einiger Lehrkräfte der Seminarien; hier gilt das Wohl und Wehe von einigen Tausend jüdischer Familien. Ter Zugang zur Laufbahn des jüdischen Beamten mußte unbedingt auf Jahre hinaus gesperrt werden. Denn es gibt so viele jüdische Lehrer, daß die deutsche Judenheit sie nicht zu ernähren vermag. Fast, allmonatlich wenden mehrere diesem Beruf den Rücken (es sind die allertüchtigstcn!j und trotzdem sind bei halbwegs guten Stellen die Bewerber massenhaft vertreten. Man kann deshalb wohl begreifen, wieso die Ausbildung neuer Hungerleider uns soviele Kopfschmerzen bereitet. Deutsche Eltern werden sobald nicht mehr ihre Kinder einem Berufe znführen, der nur von lvenigen (Gemeinden) voll und ganz gewürdigt wird. Denn sogar orthodoxe Gemeinden suchen nur noch ledige Bewerber (Tie Wohnungsfrage ist ein Vorwand!), ja sie suchen schon in schamhafter W>eise ihre Beamte anonym unter Chiffre (jüdische Zeitungen sollten dies in Zukunft als unpassend Mehnen); sie gewähren ihren bereits angefiMen Beamten außer der unwürdigen Behandlung oft eine unzureichende Besoldung und rechtlose Verhältnisse. Bevor nicht die himmelschreienden Mißstände ädgestellt find, rede keiner von Ausbildung neuer Lehrer. Leider ist zu befürchten, daß diese Mahnung nicht die genügende Beachtung finden wird. Dem Schreiber dieser Zeilen, der es wahrlich ehrlich meint, wird vielleicht mangelnde Dankbarkeit gegen seine Bildungsstätte vorgeworfen werden. Es werden auch in Zukunft neue Religionslehrer ausgebildet werden, die keine pädagogische VoUbewertung beanspruchen sollen, es werden Ausländer und mangelhaft vorgebildete Kandidaten bevorzugt werden; durch solche „Preisdrückerei" wird das soziale und geistige Niveau des jüdischen Lehrerstandes immer tiefer herabgedrückt werden; und auch dieser neue, „zufriedenere" Beamtenstand wird erst recht hungern müssen, wird gezwungen sein — statt seine Kräfte dem Dienste Gottes zu weihen — sich mit Nebenverdiensten zu beschäftigien, wird in inimer größere Abhängigkeit geraten, schließlich die Stunde verfluchend, die sie einem solchen Berufe zuführte, ja schließlich die Anstalt und die Lehrer verwün-; scheud, bie sie zu einem solchen Elend verlockt und vorbereitet haben. Ja, ich kenne jetzt schon — Vorbeter in der Gegend von Berlin, die (mit Familien) monatlich 400 bis 500 Mk. Gehalt bekommen, die gezwungen werden, mit ihren Lippen „Jeworechecho" — „es segne Dich der Herr" zu ihren Gemeinden zu sprechen, die aber ihrer Gemeinde fluchen müßten, die den anständigen Schliach Zibbur (Abgiesandten vor Gott) buchstäblich hungern läßt. Statt eines „Meliz Jauscher", eines guten FüMtLers vor Gottes Thron, wird ein hungernder Beamter vor Gott zum Ankläger für die Herzlosigkeit und Pflichtvergessenheit des Volkes, das sich gerade seines wohltätigen Sinnes rühmen möchte. So gründet Bildungsstätten für Versicherungsagenten und Weinreisende, gründet Jeschiwaus Kr brave Kaufleute und Handwerker, bildet jüdische Heime für Gymnasiasten und . Studenten, auf daß eine neue, bessere, frömmere Generation es lernt und weiß, was sie ihren Priestern und Leviten, ihren Lehrern uird Kultnsbeamten schuldig ist. An einer solchen Generation mitzuarbeiten, darf für die Lehrkräfte der bisherigen Seminaranftalten auch als schönes Ziel gelten, bis die Zeit kommt, da wieder Platz und Würdigung vorhanden ist für einen voll gebildeten, jüdischen Lehrerstand. Aber haltet Euch, Ihr Leiter und maßgebenden Kreise der Lehrerbildungsstätten frei von dem Streben, durch rosige Schilderungen der gegenwärtigen Zustände oder durch Erweckung falscher Zukunftshoffnungen noch mehr Menschen ins Unglück zu stürzen! Erst wenn der sichere Nachweis geführt werden kann, daß im ganzen Reiche die jüdischen Lehrer knapp geworden sind, daß die Besoldung überall die gleiche ist, wie sie der Staat den christlichen Beamten gewährt, erst dann öffnet wieder die Pforten der Lehrerbildungsanstalten! -Tann erst wollen wir neue Lehrpläne entwerfen für eine bessere, auf jüdischem Gebiete vertiefte Lehrerausbildung! Me Schachtgebühren. Die Zuschrift des' Kollegen Fr. in Nr. 18 d. Bl. v. 4. Mai d. I. rückte mit Recht das! Mißverhältnis zwischen dem „Steigen" der Lebensmittelpreift, besonders des Fleisches, und dem „Stande" der Schächtpreise, wie sie noch an vielen Orten bestehen, in grelle Beleuchtung. In den weitaus meisten Fällen entspricht die Bezahlung für das' Schächten weder der aufgewendeten Zeit, Mühe und Verantwortung nach, den erheblichen Werbungskosten Kr die beim Schächten beschädigte Kleidung. Insbesondere ist die Taxe in Orten ohne Schlachthaus) also auf dem Lande und in kleinen Städten, zu niedrig und nicht der Zeit angemessen. Hiergegen hilft nur eins: Der Zusammenschluß. Die säntt-

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