Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1922)
- Date
- 1922-06-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Sine?slslÄsgekcklürte aus der vegenwsrl. Verschollene Vrüder - i y. \:% (Fortsetzung.) XIV. Zn Jerusalem, der heiligenStadt. Wie im Taumel bewegte sich Salomo durch die engen Staßen der heiligen Mauer zu und als er im gepflasterten Hofe vor den grauen Quadern mitten in einer schluchzenden und betenden Menge — er konnte nun durch den längeren Verkehr mit den Jemeniten mehrere ihrer Gebete auswendig und auch ein wenig aus dem hebräischen Gebetbuche lesen — stand, schloß er die Augen, um die ganze Größe des Augenblickes auszukosten. Sein Begleiter Joffes mußte ihn erst aufrütteln und wachrufen. Aber wohin er auch mit wachen Augen hinschaute, überall Tränen, Träume und Wunder. Vor heiliger Vergangenheit und leuchtender Zukunft schwand ihm die Gegenwart ganz aus den Augen. Ein Groll kam über ihn, als das Glöcklein aus dem Minarett der großen Moschee auf dem Tempelplatz in die Gebete derer um die Westmauer hineinschrillte. Am liebsten hätte er hineingedonnert: „Was macht ihr euch breit, ihr Fremden, in unseren Heiligtümern?" Aber dies mußte man Moschiach überlaffen, der aus allen Zinnen und Giebeldächern der alten Stadt zu ihm sprach. Er hatte kein Auge für die Villen und Gärten der neuen Stadt, aber vom Jaffatore aus wanderte er täglich durch die schmalen winkeligen Gaffen, wo sich die Menschen wie Ameisen um die alten Bauten der Bazare bewegten, kehrte er in die verschiedenen Synagogen ein, wo sich viele Leute um ihn sammelten und ihn mit Fragen bestürmten über seinen Stamme und seiner Heimat. Er fteute sich, Interesse zu erwecken und als Glied der Gemeinschaft empfunden zu werden. Am liebsten hielt er sich bei den Jemeniten auf in deren Bethäusern, wo sie mit unterschlagenen Beinen auf dem Boden vor großen Folranten kauerten und mit verzückten Bitten in rätselhaften Worten von Moschiach und seinem Reiche sprachen. Gern ließ er vom Zionsberge aus die Blicke traumverloren in den blauen Dunstschleier der moabtrischen Höhen schweifen und von der Stadtmauer auf das Kidrontal und auf „das Wasser des SUoa, das so gemächlich dahtnstoß", wie Joffes, der Jementte, mit einem Satze aus Jesajas sagte. Wenn es abends dunkelte und graue Schwermut sich über die Stadt legte, bestieg Salomo am liebsten den Oelberg hinan und sah trunkenen Bückes, wie die sinkende Sonne mir ihren letzten Strahlen die stetizacktgen Berge Moabs jenseits des Toten Meers noryeinrnal in leuchtendem Farbensplel erglühen ließ. Kam nicht von drüben her, aus den Gefilden Moabs leichtfüßig und lachend, trotz Fremde und Ror Ruth gegangen, geradewegs aufs Feld Boas, um forran Hüterin seines Hauses zu fern? Und mitten in der Schwermut des Jerusalemer Abends tauchte wie Abendsirrn das Bild Malkus auf, hoch auf dem Fruchtwagen im Felde Bechers saß sie/ die einzige von all den heimatlichen Erinnerungen, die die Heiligkeit des Ortes und der Stunde nicht trübte . . . ■. 22 des „Israelit". Als sie eines Tages vor den Eckpfeilern und Halbsäulen eines aus dickem Schutte herausragenden Denkmals standen, sagte Joffes, es sei das Absalomsdenkmal und er erzählte von dem Sohne, der gegen den eigenen Vater zog und zur Strafe mit den langen Haaren, dem Stolze seines Lebens, am Baume hängen blieb, um den Todesstretch aus der Hand Joabs zu erhälten. Hier habe er sein Grab gefunden... Ein Schauer rieselte durch Salomos ganzen Körper. Er sah plötzlich das grimmige Gesicht des Vaters in der Schmiede, hörte Dr. Paltiels mahnende Worte: „Der Fluch des Ungehorsams gegen den Vater begleitet dich". Und auch Aba Zagues tauchte im Dunkel auf mit den Sorgenrunen und der Grabesstimme: „Du kommst nicht wieder, Salomo, denn wer sich gegen Vater und Mutter . . ." „Siehst du", wies Joffes, „diese Säule, wie eine ausgestreckte Hand. Absalom hatte die Hand erhoben gegen den eigenen Vater . . ." Nein, überließ sich Salomo weiter seinen Träumen, nein, das hatte er, Salomo, nicht getan und die abgehackte Säule sprach nicht zu ihm... Er hatte nicht einmal den Mund aufgetan gegen den Vater und ließ alle harten Worte ruhig über sich ergehen. . . Aber es war rauchig, dumpf in der Schmiede, und in ihm, — Salomo griff sich aus Herz — saß etwas, was ihn zur Freiheit, zur Weite, zur Heiligkeit trieb. . . Warum wollte es der Vater nicht verstehen? Und nun erfüllten ihn alle Erinnerungen an die Heimat mit tiefem Ekel. Wie häßlich, wie klein, wie widerwärttg doch alles dort im Lande der Abessinier war. Es war nie seine Heimat und hier flutete eine Fülle von Licht und Heiltgkett, selbst über die verfallenste Ruine ... „Nein, Bruder Absalom, zeige mit deiner abgebrochenen Steinhand nicht nach mir, wir haben nichts gemein ...";- Joffes hatte bald in der Jemeniienkolonie Arbeit gesucht und gefunden. Salomo aber konnte sich noch nicht dazu entschließen, die Hände regten sich noch nicht, der Kopf steckte noch voller Hochgebirgen. Es war noch alles so seierrägig in ihm und um ihn herum, daß er mit jeder handwerklichen Tat die Heiligkeit zu stören fürchtete. Als seine Ersparnisse zu Ende waren, ging er wohl hie und da hm und nahm im Heime der Jemeniten eine warme Mahlzeit oder auch eine milde Gabe an, ohne jedes Gefühl des Bedrücktseins. "Es waren ja Brüder, die gleich ihm gekommen waren, um Moschtachs Ankunft abzuwarten und vorzubereiten. . . Zuweilen bot ihm jemand am Jaffaer- oder Tamaskustore, ihn für einen Neger oder schwarzen Araber haltend, irgend eine Trägerarbeit an, bei der er einige Münzen verdiente. So schlug er sich eine Zetüang durch, wobei es aber nicht ausblteb, daß er manchen Tag fastend seine Träume träumte und nachts im Hofe eines der Bet- Häuser auf dem Sretnenpflaster schlief. XV. Ein Begegnis. Salomo stand in einem Bazare der Altstadt vor einem Bäckerstande, zählte seine geringe Barschaft und erwog dabei, wieviel ihm noch ehlte, um Brod für den Tag zu erwerben, da ' egre stch eine Hand auf seine Schulter und er - hörte seinen Namen nennen. Als er sich umdrehte, ah er einen Mann in schwarzem enganliegendem Rocke vor stch. Er mußte eine Weile überlegen, wo er bereits dieses blaffe barmmrahmte Gesicht gesehen hatte, dann kam es nicht ohne Gruseln über seine L:ppen: „Mister Goodwon!" Der Pastor reichte ihm die Hand und als Salomo zögerte, sagte er: „Darfst einschlagen, Salomo, Sohn NissimS. Wir sind nicht in Abessinien unter den FalaschaS. Hier ist es auch den Frömmsten nicht verboten, Andersgläubige zu berühren." Der Pastor sah dem etwas verlegenen Jüngling prüfend und gönnerhaft ins Gesicht und iüate noch binru: „Ich wußte, daß ich dich eines TageS hier irgendwo treffe und ich suchte dich fast. Du siehst aber elend aus, Salomo, leidest du Not?" „Nein," log Salomo. „Hast du Arbeit?" Mas für welche und wo?" Der Falascha schwieg. „Höre, mein Sohn," fing der Pastor freundlich an und nahm ihn an der Hand, „du siehst aus, als könntest du jetzt eine warme Mahlzeit gut vertragen, komme!" » ffWvijijir „Habe keine Angst, nichts Unreines. Hier um die Ecke ist ein kleines gutes jüdisches Restaurant, wo auch die Frömmsten der Frommen verkehren. Komme!" Und Salomo ging schweigend mit dem Pastor um die Ecke ins kleine Restaurant, auf dessen Glastüre mit großen hebräischen Lmern die Worte „Koscher" standen und ließ sich die Suppe und Flerchspeise, die der Pastor bezahlte, wohlschmecken. „Also," sagte Mister Goodwon, nachdem Salomo aufgestanden war, „du bist in der heiligen Stadt Jerusalem. Ist sie dir noch so heilig, wie sie es in den Träumen der Heimat war?" Mister Goodwon sah Salomo scharf in» „Heilig ist die Stadt, und heilig ist jeder Stein in ihr und jeder Tag bringt neue Heiligkeit," kam Salomo in Ekstase. „Aber jeder Tag bringt neue Sorgen. Wo arbeitest du, wovon lebst du, wo schläfst du?" „Wo ich mich auch zur Ruhe ausstrecke, überall ist heiliger Boden unter mir," sagte Salomo und senkte den Blick. Nun wußte Goodwon alles. „Also," sagte er, „hast du keine Arbeit, kein Brod und kein Obdach . . . Wärest du doch damals mit mir gegangen-" Salomo schwieg. „Ich weiß, es war nicht deine Schuld. Nun komme mit, dir muß geholfen werden." „Wohin, Herr?" „Komme!" Sie gingen stumm durch Gaffen und Gäßchen bis sie in ein neueres helleres Viertel etnbogen. Dort machten fie vor einem großen Haus mit breiten Fenstern hall, auf dessen Schilde über dem Eingänge die englischen Worte prangten: „Churßh Missionary Society.“ „Hier," sagte der Pastor, „kannst du bis auf weiteres schlafen, wohnen und, wenn du willst, auch essen-" Und Salomo trat ein. In den ersten paar Tagen gefiel es Salomo nicht übel im Heime der englischen Mission. Es war hell und sauber im großen Raume und die Menschen waren freundlich. Seid langer Zeit harte er wieder eine gute Malratze und sogar Kiffen und Decken zum Schlafen. Das warme, braune Geträrck, das die Leute Kaffee nannten, mundete gut und er aß dazu das weiße Brot, das er sich am Schalter um wenige Münzen kaufte. Ais ihm auch die letzten Münzen ausgtngen, bekam er das Brot oennoch verabreicht, man sagte ihm, es werde ihm ausgeschrieben. Die Insassen waren laurer ruhige, stille Menschen, die tagsüber fort waren oder im Hofe Holz kletnhackten, sägten oder zimmerten Ui.d abends bet Bibeln und Gebetbüchern saßen. Morgens und abends sangen sie alle bei den