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Der Israelit · 1922-06-01 · Heft 22 (1.6.1922) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 22 (1.6.1922)
Date
1922-06-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nr. 22 »er Israelit. 1. Juni IWF diesen Wochen findet dort rvmr BF? statt. Wie ärmlich erscheinen uns die ToLengräberbetrachtungen in Shakespeares Hamlet gegenüber den Gedanken, die uns vor diesem Gräberfeld überkommen. Bist du der Gelehrte Mar Isaak, der nicht geflohen war, in die Kirche geschleppt wurde, wo du zur Taufe aufgefordert, vor ihren Bildern ausspiest, um dann einen martervollen Tod zu erleiden. Und du vielleicht die fromme Frau Rebekka, die das Mainzer Memorbuch unter den ersten Opfern der Kölner Morde zählt?*) Sind dies hier die Gebeine R. Simons des Frommen aus Trier, der von einer Rrise aus England zurückkehrend, sich in Köln einige Tage aufgehalten und dort von den Wallfahrern des zweiten Kreuzzuges ergriffen und zur Taufe geschleppt wurde. Als er standhaft blieb, hieb man ihm den Kopf ab und steckte ibn auf den Giebel eines Daches, während sein Rumpf aus offener Straße liegen blieb. Und dies hier die Gebeine der Jüdin Minna aus Speier, der man, als sie ihrem Glauben nicht untreu werden wollte, die Ohren und Daumen der Hände abschnitt? Und' du, bist du vielleicht der Bruder des rrtin Uri ben Joel ha Levi, auf besten Märtyrertod im Jahre 4976 die Selicha Ti*C versaßt wurde, oder der Kölner Rabbiner R. Isaak ben Simson, der am 15. Tammus 5026 mit 12 anderen den Tod des Heiligen fand. Stammen diese Ueberreste aus der Zeit des Ellul 5109, da die Judengemeinde Kölns, mehrere tausend Seelen zählend, sich selbst mit Weibern und Kindern zum Brandopfer gebracht, um der gezwungenen Taufe zu entgehen, an ihrer Spitze die Rabbiner Joseph ben Isaak, Joel ben Mordechai, Salomo ben Jacob, Jacob ben Josua, Mose ben Jerachmiel ha Cohen, Mose ben Samuel, Juda ben Simon Halevi, Mose ben Simeon und Joseph ben Juda? Gering! Die Heldengestalten der Profangeschichte, die großen Krieger und Eroberer, wie verschwindet doch ihre Größe vor dem Heldentum derer, die unter den hier Bestatteten liegen. Und wenn auch die Grabsteine nicht erhalten sind und wir nicht die Gräber der einzelnen Märtyrer festellen können — auch an den Grabsteinen hat sich die christliche Liebe bewährt, sie wurden zertrümmert und umhergeschleudert und teilweise als Baumaterial von Mauern und Festungswerken verwandt —, so ist doch kein Zweifel, daß zahllose auf dem entdeckten Gelände aufgefunden und neu zur Ruhe bestattet werden, die Blutzeugen wurden für unser Be- *) Alle Einzelheiten sind dem wertvollen zweibändigen Werke von Carl B risch entnommen: „Geschichte der Juden in Köln und Umgebung aus ältester Zeit bis auf Gegenwart." Lammed. Grammatikalisch richtig mutz es also hier heitzen: fiw im Kal. oder fpp im Hiphil und wäre zu übersetzen: entweder: Was mit dem Schwerte Mordende betrifft, so werden sie nicht in euer Land kommen, oder: Mit dem Schwerte Mordende wirb man nicht in Euer Land bringen. „Kommen" und „Bringen" übersetzt Onkelos öfter bv, resp. *m, z. B.: 43.18 rwx"i2: owaio urux, Targum ptomo 19,1 „ : I82'i, „ bv) 48,24 „ : 82,1. „ fwxi 10.18 vmt tom irt in, »ifciri 7,21 »'121: 8'2ri 811, „ yxr> Ich spreche die an Wahrscheiniichkeii grenzende Vermutung aus, daß in unserem zur Diskussion stehenden Verse ursprünglich mit Lammed stand, und in einem alten Manuskript oder einem älteren Druckwerk meist der Unke aufrecht stehende Strich des Lammed sortgeblieben ist und spätere Drucker die Buchstaben für ein Dalled lasen. Jedenfalls würde dann die Ueber- »etzung des Onkelos mit dem Sinne des hebräischen Originals übereinstimmen. Jonas Wolf, Köln. kenntnis und die Jozeroth für die Sabbate zwischen Peffach und Schowuaus, die wir gar nicht mehr oder nur gedankenlos sagen, werden wieder lebendig, es ist als ob die Toten erwachten und dem Dichter, der von ihren Leiden kündet, es nachsprächen: Wer gleicht Dir, o Gott an Selbstüberwindung, der da ruhig zu bleiben vermag beim Toben der Widersacher, da sie sich zusammenrotteten und lästerten: „Wo ist euer König?" Da wir Dein nicht vergeffen und Dich nicht verleuzneten. Unter den Martern riefen wir: Nein, wir weichen nicht, wir dienen nicht dem Verwerflichen, dem Abscheulichen. Unser Erlöser lebt, Ihm wollen wir dienen, Ihn erheben. Denkt Ihr noch, wie wir uns anschickten, unsere Kinder zu schlachten und als Segensspruch über das Schlachtopfer sprachen: Höre, Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig? Wie Päester die Opfer banden, Mütter und Kinder, das Blut der Brüder und Schwestern darbrachten auf dem Altäre Gottes?! Ja, wir denken jetzt alle Eurer, Ihr Helden und Geliebten. Ihr Heiligen, die Ihr körperliche und seelische Qualen ohne Gleichen, den martervollsten Tod in jeder Gestalt erduldet habt um der Treue willen zu unserem Gotte. Und wenn auch die Trauergebräuche, die Lei der Ueberführung der Gebeine fast in gleicher Form wie bei der ersten Beftat ung vorgeschrieben sind, nicht ausgcübt werden können, da sie nur für die nächsten Anverwandten gelten, so begleiten wir euch doch auf eurem jetzigen Gange in tiefer Erschütterung. Zweifellos werden auch in Köln die vorgefchriebenen Gedenkfeiern abgehalten und wird aus den hinterlassenen Werken der großen Rabbinen — unter den zahlreichen in dem erwähnten Werke von Brisch angeführten nennen wir nur. den für so viele Entscheidungen in unserem Religionsgesetz richtunggebenden Rabbi Elieser ben Joel Halevi und die Familie eines unserer ersten Gesetzeslehrer des Rabbi Ascher ben Jechiel — die ans dem alten Friedhof ihre erste Ruhestätte fanden — während der Zeit der Ueberführung gelernt. Aus Köln kam fteilich seltsame Kunde. Da sollte wegen der außerordentlich großen Kosten der sorgfältigen Ausgrabung und Ueberführung der Letchenreste ein Streit ausgebrochen fein und ein Teil der Gemeindeverwaltung die Meinung vertreten haben: da die Weiterführung der Wohltätigkeitsanstalten darunter leiden könne, so gehe die Pflicht den Lebenden gegenüber voran. Wie wir hören, hat sich diese Meinung nicht durchgesetzt und es geschieht nichts, was die Pietät verletzen könnte. Doch wir wollen nicht verhehlen, daß uns jene erwähnte Meinungsäußerung unbegreiflich erscheint. Jedes Kind weiß, daß im Einzelfalle, wenn es gilt ein Leben zu retten vor mpö jede religionsgesetzliche Verpflichtung zurücktritt. Aber wie darf dies Prinzip dort zur Anwendung gebracht werden, wo es sich nur in sehr uneigentlichem Sinne um eine solche Pflicht den Lebenden gegenüber handelt. Wenn wir alles, alles, was wir besitzen, den Verhungernden gäben, für uns nur soviel trockenes Brot zurückbehielten, daß wir damit gerade noch das Leben fristen könnten, dann träte erst die Frage in Kraft, ob wir das Letzte, das wir weggeben, den Lebenden zur Rettung oder zur Ehrung der Toten opfern sollten. Sicher, nur einen Augenblick, als die Tragweite jener erwähnten Meinungsäußerung nlcht erkannt war, konnte sie Eindruck machen. Auch die dem Judentum Entfremdetsten unserer Brüder wissen, was sie der Pieiät gegenüber den Toten schuldig sind. Es hat freilich Zetten gegeben, in denen der Kampfeseifer der Reformer auch das Unglaubliche Wirklichkeit werden ließ. Man lese, was A. H. Heymann, ein sehr gemäßigter Konservativer, in seinen „Lebenserinnerungen" (Seite 344 F) über seinerzeitige Akte der Pietätlosigkeit von Seiten der Berliner Gemeindevorstände schreibt. Hätten diejenigen, die in Köln vor dem Recht der Lebenden vor den Toten sprachen, diese Erinnerungen vor Augen gehabt, sie hätten nicht den Anschein erweckt, als ob sie auch nur einen Augenblick dies Prinzip für die entfernteste Pietätsverletzung ins ' Gefecht hätten führen wollen. Roch einmal: Wir wollen das Verhalten der Kölner Gemeindeverwaltung nicht in die entfernteste Parallele mit dem bringen, was aus der Berliner Vergangenheit zu uns herüberklingt. Unserer Beurteilung entzieht es sich, ob nicht noch jetzt eine Möglichkeit vorhanden ist, das Gelände in den Besitz der Gemeinde zu bringen, so daß die Ruhe der dort noch Befindlichen ungestört bleibt. Auf jeden Fall ist die Angelegenheit in den Händen der dortigen Chewra Kadischa wohl aufgehoben. Es scheint als ob sie bereit ist, . ein Uebriges zu tun und nicht einmal die Cölner Gemeinde von dem ihr religionsgefetzlich zustehenden Recht Gebrauch machen will, zn den Misten der Ausgrabung und Ueberführung den Klal Jisroel heranzuziehen, falls diese ihre eigenen finanziellen Kräfte über-„ steigen. Wir aber, so meine ich, sollten freiwillig zur Erfüllung dieser gewaltigen und so selten sich bietenden Mizwoh uns drängen. Es kommt ja nicht im geringsten auf die Höhe des Beitrags an, sondern auf den ideellen Dienst, den wir uns selbst leisten, Teilnehmer zu werden an der Abstattung des Dankes, den wir unseren großen Vorbildern schulden. Wir können nicht unsererseits die nötigen Schritte in die Wege leiten. An der Kölner Chewra Kadischa wäre es, im Sinne der letzten Ausführungen einen Aufruf zu erlaffen, der einem jeden in Israel die Möglichkeit gibt, mit einer kleinen Gabe sich an der Mizwa zu beteiligen, die ja der größte der lebenden Menschen an den Gebeinen Josephs geübt, die Toten zu ehren, die nicht der Kölner Gemeinde allein gehören, sondern uns allen, für deren Glauben ein sicher großer Teil der zu Ueberführenden gestorben ist. Daß die Verklärten, wenn sie auf uns herabschauen, erkennen: bei allem, was das jüdische Volk seitdem an Freud und Leid erfahren, hat es auch ihrer nicht vergeffen. (Siehe Wochenschau.) Der Sund der Rationen London, 20. Mai. Die Londoner Queen's Hall war am letzten Montag der Schauplatz einer denkwürdigen Versammlung. Lord RobertCectl, der bekannte englische Politiker, der sich mit der ganzen weitreichenden Macht seines Etnfluffes für den Völkerbund und die ihn tragenden Ideen etnsetzt, hatte den besonderen Wunsch, die jüdischen Kreise der Hauptstadt für die von ihm ins Leben gerufene Völkerbund-Union zu gewinnen. Die Versammlung war daher von den Londoner Rabbinen einberufen worden und wurde vom Chief Rabbi Dr. Hertz geleitet. In tieferem Sinne, als es sonst ins Bewußtsein tritt, begrüßte der Vorsitzende den Redner und die Versammlung mit dem alten jüdischen Worte „Schol.aum Alechem." Es ist kein Zufall, daß gerade die Judenhelt mit diesem Gruße durch die Welt geht. Der Gottesgedanke ist innig und untrennbar verknüpft mit dem Friedensgedanken, und nicht nur sein Schicksal, sondern auch der Geist seiner Lehre prädestiniert den Juden vor allem zum Pionier einer Bewegung, die aus den grauenvollen Erlebniffen des letzten Jahrzehntes die höchste politische Weisheit der Weltgeschichte gelernt hat: daß der Bund der Völker das Ziel der Geschichte sei. Lord Robert Crcil ging in seinen Ausführungen von der gegenwärtigen Lage aus, die im höchsten Grabe beunruhigend sei. Aus allen Seiten vervollkommne man die Kriegswaffen, freue sich der neuen Entdeckung eines Giftgases und beginne wiederum mit gefährlichen Sonder- Gruppierungen und Alliancen. Gegen diesen an seinen eigenen Greueln noch immer nicht erstickten Geist des Völkerhasses, des übertriebene«

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