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Der Israelit · 1922-05-25 · Heft 21 (25.5.1922) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 21 (25.5.1922)
Date
1922-05-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 4. Skr. 81 Der Israel«. 25 Mai 1«A dem Brauche Megilla 26 b zugrunde zultegen scheint, unbrauchbar gewordene Thorabekletdung als Leichengewand zu verwenden. Es ist das schadhastgewordene Erdenkleid, das naturgemäß seinem Ursprung zurückgegeben wird. Der Geist aber, der darin seinen irdischen Ausdruck gefunden, wirkt weiter, wie der Sonnenstrahl, auch wenn das Prisma entfernt ist, in dem er sich gebrochen hat. Im Jahre 1901 hat das deutsche Reichsgericht in der Frage der Beisetzung von Aschenresten durch Feuer Bestatteter in Erbbegräbnissen in verneinendem Sinne entschieden. „Nur wenn der Nachweis erbracht werden könne, daß die Bolkssitte (des Begrabens) sich geändert habe, könne der Anspruch auch auf die Beisetzung von Aschenresten ausgedehnt werden" (bei Freybe, 96). Die vorstehende Erinnerung will ohne jede polemische Spitze nur ein bescheidener Beitrag zur Erhaltung der Sitte des Beerdigend sein. Nimmt die Feuerbestattung derart zu, daß man sie als Bolkssitte bezeichnen darf, dann droht uns die Gefahr, daß aus einem Rechte eine Pflicht gemacht wird, daß wir in Zustände hineinwachsen, wie sie unsere Väter, wie oben erwähnt, unter den Saffaniden haben erdulden müffen, nur mit dem Unterschiede, daß man, wie der Jude im Mittelalter so oft im Namen der Religion lebendig verbrannt wurde, im Namen -er Auflklärung unter modernen wissenschaftlichen Schlagworten die Verbrennung der toten Juden fodern wird. Was darum dringend nottut, ist wahre Aufklärung extra ot intra muros. (Wer sich über die Stellung des Thoragesetzes zur Feuerbestattung genauer unterrichten will, lese die gründlichen Schriften, die Rabbiner Dr. Schiffer-Karlsruhe und Rabbiner Dr. Unna-Mannheim in früheren Jahren über den Gegenstand veröffentlicht haben. Red.) emerponarnren «. nacbricimn, Deutsches Reich. Die deutsche öenua-Delegafion. Berlin, 14. Mai. In der Retchstagssitzung vom 12. Mai kam die bereits bekannte Anfrage der Antisemiten, betreffend die Zusammensetzung der Genua-Delegation zur Verlesung. Abg. Graf-Thüringen (Deutschnat. BP.) bemängelt es, daß unter den Personen der Delegation und der Sachverständigen für die Konferenz in Genua sich zum mindesten zwölf Herren jüdischer Rasse be-- finden. Das Zahlenverhältnis der deutschen Staatsbürger jüdischer Raffe zu denen arischen Geblüts betrage wenig mehr als 1 Prozent, in der Delegation befänden sich jedoch 33 Prozent Juden. Wie sei das zu erklären. Gesandter v. Mutius antwortete: Die beamteten Mitglieder und die Sachverständigen für die Delegation in Genua find von den dazu berufenen Stellen nach ihrer sachlichen Eignung ausgewählt worden. Eine Untersuchung, wieviel von ihnen jüdischer Religion oder Herkunft sind, hat nicht stattgefunden und konnte nicht stattfinden, da dies der Retchsverfaffung widersprechen würde. ALg. Gräf-Thüringen (Deutschnat.) (Zur Ergänzung): Will die Regierung etwa behaupten, daß die erforderliche Sachkunde vorwiegend bet der jüdischen Bevölkerung zu finden ist, und wenn ja, ist sie sich nicht bewußt, daß das ein Armutszeugnis für die deutsche Bevölkerung ist? (Große Unruhe links.) Eine Antwort erfolgte nicht. 1 Vom öefamfardiio der deulfdien Juden. Werkt«. 8. Mai Herr Dr. I. Jacobson vom Gesamtarchiv der deutschen Juden schreibt unter anderem: Das im Jahre 1905 kmf Anregung des Fürstlich Plessischen Archivars Dr. Vivier mit Unterstützung des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes und des Ordens Bne Brith gegründete und seit 1910 im Verwaltungsgebäude der jüschen Gemeinde Berlin in modernsten Archtvräumen (Orantenburgerstraße 28) untcrgebrachte Archiv befand sich vor dem Kriege in ständiger Aufwärtsbewegung. Mit Eifer ging es der ihm zugrundeliegenden Anfgabe nach, die zum laufenden Geschäftsgang nicht mehr nötigen Urkunden und Akten aller jüdischen Gemeinden, Vereine und Stiftungen in Deutschland an einem Ort zu sammeln und ihre Nutzbarmachung zu wissenschaftlichen und administrativen Zwecken vorzübereiten. Ein Stab von drei wissenschaftlichen Beamten ermöglichte eine erfolgreiche Propaganda dieser seiner Bestrebungen, sodaß immer mehr Gemeinden — darunter Großgemeinden wie Berlin, Leipzig, Halle, Königsberg, Stettin, Darmstadt, Bochum, Bielefeld und fast alle posenschen und schlesischen Gemeinden Vereine und Privatleute dem Gesamtarchiv abgabefähige Archivalien gegen Depositialvertrag (als Leihgebühr) zustellten. Der Kreis der Aufgaben, die das Gesamtarchiv aus sich herausschuf, wettete sich immer mehr. Bon dem kräftig blühenden wissenschaftlichen Leben des Archivs gab eine Zeitschrift, die „Mitteilungen des Gesamtarchivs der deutschen Juden" (1908 ff) ein instruktives anschauliches Bild, diese „Mitteilungen" nahmen ständig an Umfang und Vielgestaltigkeit des Inhalts zu und waren auf dem besten Wege zu einem Sammelpunkt für die wissenschaftliche Erschließung der Geschichte der Juden in Deutschland zu werden. Der Krieg hat diese Entwicklung, die stets an den Namen des ersten Archivleiters, des jetzt an die Universität Zürich berufenen Professor Täubler geknüpft bleiben wird, jäh geknickt. Statt dreier Beamten hat das Gesamtarchiv nur noch einen, der natürlich aus der Fülle der dem Gesamtarchiv allmählich erwachsenen Arbeiten nur die notwendigsten erledigen kann/ die mit großer Entsagung und Sorgfalt geförderten Vorarbeiten zu einem „Urkundenbuch zur Geschichte der Juden in Deutschland im Mittelalter" mußten abgebrochen, vielen anderen Plänen, z. B. denen, die auf die Sammlung und Verzeichnung der Grabsteininschristen gingen, mußte entsagt und die Zeitschrift eingestellt werden. Wie die Dinge jetzt liegen, ist das Gesamtarchiv schwer in seiner Wirkungskraft getroffen, und statt daß es in großzügiger Weise die jüdisch-historischen Studien in Deutschland anregen und vertiefen kann, ist es zu einem Aschenbrödeldasein verurteilt. Die Unzulänglichkeit der ihm zur Verfügung stehenden Mittel hemmt es an der Entfaltung seiner Propaganda, die der Ansprache in Wort und Schrift bedarf, und wirkt so lähmend auf das Interesse der weiten jüdischen Oeffentlichkeit zurück, ohne das gerade ein Institut wie das Gesamtarchiv sich nicht fortentwickeln kann. Wenn das Gesamtarchiv der deutschen Juden sehnlichst danach Ausschau hält, daß das Interesse, das ihm vor dem Kriege geschenkt wurde, sich wieder aktiviere, daß Gemeinden, Vereine und Private seine archivalischen Sammlungen wieder füllen und vermehren, und die Mäzene ihm die publizistische Verwertung der ihm anvertrauten Archivalien erneut ermöglichen, so tut es das aus einem idealen Antrieb, der in seinen Auswirkungen auch die praktische Lebensgestaltung befruchtet. Das in den Akten etngefangene Leben der Vergangenheit wirkt aufhellend und aufbauend auf die Gegenwart und die Zukunft, uns« eignes Wesen empfängt aus der Festhaltung des Lebens, wie eS in den jüdischen Gemeinden sich dargestellt und geformt hat, Erklärung und Hoffnung, und aus der Erkenntnis der vielfältigen Verflochtenheit der Dinge gewinnen wir einen sichern Standpunkt innerhalb der Entwicklung, ln die das deutsche Judentum etngetaucht ist. Die Akten der jüdischen Vergangenheit der Vergessenheit zu entreißen, sie vor drohender Vernichtung und Verzettelung bewahren und ihrer wissenschaftlichen Verwertung die Wege bahnen, ist also in diesem Sinne eminente Aufbauarbeit. Ungarn. explojinn In einer Synagoge- Nvdapejl, 11. Mal Die Zahl der Attentate hat sich wiederum um eins vermehrt. Am Sonntag abend ereignete sich in der Synagoge in der Rombachgasse eine Explosion. Sie erfolgte in dem Augenblick, als der Diener in der Vorhalle das Licht zum Gedenken an die Verstorbenen anzünden wollte. Die Flamme schlug hoch empor und im Augenblick stand die ganze Decke der Halle in Flammen. Die Feuerwehr konnte den Brand löschen. Die Erhebungen ergaben, daß unbekannte Täter statt des Oels Benzin in die Lampe gegossen hatten. Um die Polizei einzuschüchtern, die Nachforschungen nach den Attentätern der letzten Bombenaffäre fortzusetzten, erhielt der Polizeikommiffar einen Drohbrief, der von einem Elfer-Komitee unterzeichnet Ist. In diesem Schreiben werden der Polizeikommiffar sowie seine Untergebenen aufgefordert, die Nachforchungen sofort einzustellen, sonst würden auch sie in die Luft gesprengt werden. Unter die die Unterschrift ist eine rauchende Bombe abgezetchnet. Noten. Profeffe- Marsch««, 16. Mal. Die Wahl des Dr. Schur zum Rabbiner von Warschau veranlaßte unzähligeProtestschreiben vonsetten aller jüdisch-gesinnten Organisationen, von Synagogen und Bethäusern an die Gemeindeverwaltung, über die aber selbige zur Tagesordnung übergeht. Dabei ist zu bedenken, daß die Herren, die die gewaltsame Wahl durchgeführt haben, schon lange mit abgelaufenen Mandaten ihre Herrschaft in der Gemeindestube ausüben. Von orthodoxer Seite wurde nun eine Kommission gewählt, die mit alhn Mitteln dem Gewaltakte der Rabbinerwahl entgegentreten soll. Bas Kofcfter-Sleifch. 17. Mat. Die Städtische Preisrrgulienmgskommission hat den Fletschpreis an Wiederverkäuser auf Mk. 270—300 per Pfd., im Kleinverkauf auf Mk. 280—330 per Pfd. (je nach Qualität) festgesetzt. Die jüdischen Metzger sind mit dieser Taxe unter Berufung auf die Mehrkosten durch das Schächten usw. nicht zufrieden und drohen den Koscherfleisch-Verkauf gänzlich eirrzustellen. Bislang verlangen sie Mk. 530—1000 für das Pfund Koscherfleisch. Veräußerung von örabfleinen. Warschau, 15. Mat. Mit einem eigenartigen Fall hatte sich die Gemeindeverwaltung in der letzten Sitzung zu befassen. Der Vater einer Hetmlosenfamtlie aus Rußland suchte um die Erlaubnis nach, den kostbaren Gedenkstein am Grabe seines Vaters auf dem Warschauer jüdischen Friedhöfe verkaufen u dürfen, um mit dem Erlös sich und den obachlosen Seinen eine Wohnung zu verschaffen. Nach langen Beratungen lehnten die Gemeind eräte das Ansuchen ab, bewilligten aber der Familie eine größere Summe als Wohnungsbeihilfe.

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