Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1922)
- Date
- 1922-05-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 2 Nr. 21 »er HSraeltt. ZS. Mai 1922. den Hilferuf so laut in die Welt hinanstönen zu lassen, daß er in allen Ecken und Enden der Länder, wo jüdische Herzen schlagen, gehört wird. Noch andere unzählige Dokumente liegen uns vor über den Umfang der Katastrophe, besonders in der Ukraine, wo den Pogromen nun die Geißel des Hungers gefolgt ist. Als vor zwei Jahren die Schreckensnachrichten über die Pogrome die jüdische Welt erschütterten, da stand die Judenhett Europas einigermaßen hilflos dem Unglücke gegenüber. Heute aber ist Gelegenheit und Möglichkeit gegeben, zu helfen. Es bedarf gewaltiger Summen, um den Unglücklichen über die Not des Tages htnwegzuhelfen, aber immerhin ist und bleibt es eine Geldfrage, und die wohlerprobte jüdische Bruderliebe muß sie lösen. Bemerkt sei noch, daß, nach allen übereinstimmenden Zeugnissen und Berichten, die an Ort und Stelle arbeitenden Komitees aus den besten, gewissenhaftesten Männern zusammengesetzt sind und in gerechtester Weise arbeiten. Die Hilfsaktion der Agudas Jisroel ist so organisiert, daß jede Landesorganisation ihre Zentralstelle hat, die ihrerseits den Gesamtbetrag der Eingänge wöchentlich dem Zentralbureau in Wien zu melden hat. Zuwendungen aus Deutschland gehen an den Gruppenverband der Agudas Jisroel in Halberstadt, Postscheckkonto Berlin 18901. Es muß viel und rasch gearbeitet werden. l6ö 0? 17K2 nnx VL2 ffPöil 72 Und es sind hier unzählige jüdische Seelen, die auf dem Spiele stehen, hunderttausende Kinder, deren Leben und Zukunft der Judenheit und dem Judentum erhalten werden soll. Wochenruildschau. Sie »erjuDete Wahrheit. Einen dicken Strich mitten durch die Rechnung der Haß- und Hetzpolitiker macht die Denkschrift des Innenministeriums an den Reichstag über dir Einwanderung in Deutschland in der Kriegs- und Nachkriegszeit. Auf eine Million Einwanderer kommen, wie bereits mitgeteilt, 50000 Ostjuden, also etwa 5 °/o, und selbst dieser Prozentsaß vermindert sich noch wesentlich, wenn man die große Zahl der in Deutschland als Emigranten lebenden Kernrufsen, die die ministerielle Denkschrift vollkommen übersehen hat, in Rechnung zieht, und ferner an die etwa 30000 oder mehr Juden, die Ludendorff seinerzeit, da er noch Bekanntmachungen „an meine lieben Jtden in Päulen" erließ, zwangsweise als Arbeiter Rache. Von Lehrer A. Mannheimer in Dettelbach. Oberflächliche Bibstteser sehen im Satze wvstr 'n usw. Gott als den „Gott der Rache" bezeichnet, und hören auch aus dem '121 en nöpj DipJ’i in unserem mm 38-Gebete den Schrei nach Vergeltung heraus, als wäre unsere Religion eine Lehre der Rache. Ist diese Darstellung ein Ausfluß bodenloser Unkenntnis des jüdischen Schrifttums? Sind es gesuchte Sophismen? Ist es gehässige Entstellung geschichtlicher Wahrheiten? Jedenfalls würde ein 12jäh'iger Junge, der den Pentateuch kennt, mindestens ein Dutzend Stellen zur Widerlegung einer solch albernen Behauptung anführen können. Schon der erste Jude der Welt straft sie Lügen. Er setzt sein ganzes Haus in Bewegung um wildfremde Männer, Nichtjuden, vermeintliche Araber mit der ausgesuchtesten Gastfreundschaft zu erfreuen. Er ringt in heißem Gebete vor Gott um Gnade für die verruchteste Sorte von Menschen, die Sodomiter, und findet Töne, so zart und innig, als handle es sich um die nächsten Verwandten, und nicht umsonst mühr l 0 über die deutsche Grenze schickte, erinnert. Ein guter Teil der Oftjuden ist, sobald die Wege frei wurden, weiter nach Amerika gewandert, der Rest ist zum allergrößten Teil auf die einzelnen Jndustriebezirke verteilt, zum kleinsten Teil in Berlin ansässig. So sieht die „Ostjudeninvasion" aus, die die Lungen aller antisemitischen Demagogen so sehr in Bewegung setzt und die die Berliner Wohnungsnot veranlaßt haben soll. Die „Wohnungsnot" war in der Tat die beste Parole für phantasiebegabte Verfechter der Reaktion, um sich in die Gunst des Volkes ztt setzen. Und es ist vielleicht nicht schön vom Herrn Minister, den Herren mitten in der Hochkonjunktur das Konzept so zu gründlich verderben. Er kommt mit der Wahrheit, erhärtet durch unwiderlegliche Daten und Zahlen. Das ist entweder naiv oder boshaft. Denn was hat die Wahrheit verloren in den Kreisen, wo die „Wahrheit" (die Bruhn'sche) gemacht wird? Weg mit dem verjudeten Ministerium und der verjudeten Wahrheit . . .! Der definitive Mergang Wilnaan Polen. Die Nation al-Polen haben eines ihrer sehnlichsten Ziele erreicht: Die schöne Stadt Wilna, die historische Hauptstadt Litauens, ist, nachdem sie schon seit einigen Jahren von einem polnischen General „unverbindlich" besetzt gehalten wird, nunmehr auf Beschluß des Landtages, und angeblich auf Wunsch der Wllnaer Bürger, definitiv dem polnischen Reiche einverleibt worden. Ueber die politische Tragweite und die wetteren Konsequenzen dieses Ereignisses mögen sich diejenigen den Kopf zerbrechen, die es in erster Reihe angeht, die beteiligten Mächte und ihre Beschützer innerhalb der Entente. Das jüdische Interesse an der Sache liegt in dem Faktum, daß Wilnas jüdische Bevölkerung die weitaus größere Hälfte der gesamten Bürgerschaft der Biertelmilltonenstadt ausmacht, und daß Wilna in geistiger und kultureller Hinsicht das Herz des jüdischen Litauens, das litauische Jerusalem allezeit bildete. Es wird sich natürlich darin nicht viel ändern, denn geistige Struktur wandelt sich erfahrungsgemäß nicht gleich mit den äußeren Faktoren und geographischen Grenzverschiebungen, umso weniger als die geistigen Schattierungen des jüdischer. Lebens in Polen und Litauen in der Hauptsache nicht so sehr differieren. Ob Hauptstadt Litauens oder Provinzial-Hauptstadt Polens, Wilna wird in dev Geschichte und, wie wir hoffen, auch hinsichtlich seines Thoralebens in der Gegenwart, das litauische Jerusalem, die Stadt des Gaon bleibon. er sich. Bis an die äußerste Grenze Ser Geduld geht .- die Barmherzigkeit des himmlicheu Baters. Wie kan« man über jene Stelle in den zehn Geboten achtlos hinüberstolpern, wo uns die Gnade Gottes bis ins tausendste Geschlecht versichert wird? David möchte nach der verhängnisvollen Volkszählung in die Hand Gottes fallen} denn „viel ist seine Barmherzigkeit". Der Prophet Jona wird wegen seiner Härte beschämend zurechtgemiesett: Gott will die Stadt Niniwe verschonen, nicht nur wegen der vielen urteilslosen Menschen, sondern auch wegen der zahlreichen Tiere. Tut solches ein Gott der Rache? Cs sei an den großen Rabbi Gamaliel erinnert, der einen heidnischen Sklaven so in sein Herz schloß, daß er ihn mitunter bet seinen Jüngern rühmend erwähnte, ja bei deffen Tode die Zeichen der Trauer anlegte. Oder an den Mischnahlehrer Rabbi Jochanan ben Sakkai, welcher seinen Schülern das Rätsel ansgab, welches der beste Weg für uns Menschen sei. Unter allen Antworten trug jene des Rabbi Elasar ben Aroch den Sieg davon,- seine Lösung lautete: ein gutes Herz. Und Meister wie Jünger waren hier doch gewiß erfüllt vom Geiste des jüdischen Gesetzes, des „Gottes der Rache". Man sollte es doch endlich einmal unterlaßen, mit der zum Ueberdruß oft widerlegten Irrlehre von „Auge um Auge, Zahn um Zahn" rc. noch hausieren zu gehen. Wenn der Jude spricht: „Dein ist die Rache und Vergeltung", so stellt er seinem Gotte die Gerechtigkeit voll anheim, so emäußert er sich der eigenmächtigen Vergeltungsweise, die uns schwachen Menschen gar zu leicht und gar zu oft zu den verwerflichsten Mitteln greifenstäßt, und neue Verbitterung, neue Feindschaft erzeugt. Selten ist eine erhabene Lehre mehr entstellt und in den Staub gezogen worden als das Wort: „Mein ist die Rache und Vergeltnng". Doch nun die Gegenfrage an die Religion der Anders verhält es sich mit der. politischen Neueinstellung der Wilnaer Juden als Folge der neuen Verhältnisse. Dabei hat sich die Taktik der Wilnaer Juden in der Zeit des Widerstreites um die Beute bestens bewährt. Die Juden verhielten sich neutral, ließen sich weder vom Taumel der großpolnischen Chauvinisten betören, noch gingen sie in die von Kowno aus ausgeworfenen Fangnetze. Sie beobachteten eine Politik des ruhigen Abwartens, die auf beiden Seiten Verständnis fand. An den letzten Wahlen in den Wilnaer Landtag, oder richtiger am Wahlkampfe beteiligten sie sich so gut wie gar nicht, machten aber auch nicht den geringsten Versuch, die Wahlen zu sabotieren, was' von der polnischen Presse verständiger- und gerechter Weise schon als Mithilfe angesprochen und anerkannt wurde. Wird es sich nun zeigen, daß der Uebergang Wilnas an Polen durch einen wirklichen Volkswillen oder durch gütliche Vereinbarung mit Litauen begründet ist und Europas Anerkennung findet, so haben die Juden Wilnas freie Hand und werden bei aller Dankbarkeit und bet aller aufrichtiger Sympathie für Litauen und dessen loyale Regierung ihre Bürgerpstichten gegen Polen in aller Treue erfüllen. In Wllna, wo der Jude von jcher bedeutender ja entscheidender Faktor des öffentlichen Lebens ist und wo auch unter den polnischen Bürgern noch die guten litauischen Traditionen der Loyalität nicht erloschen sind, ist eine volle Verständigung unter den sozialen Schichten und beiden Konfessionen noch am ehesten zu erwarten, die sich dann auch auf Warschau überträgt. Und die viel erprobte Wilnaer jüdische Intelligenz wird auch die Mittel und Wege finden, den geistigen Konnex mit Kowno.in altgewohnter Weise aufrecht zu erhalten. Wie sich auch die weiteren Dinge entwickeln mögen, die Wilnaer Judenheit kann und wird heute mehr denn je sich als Element der Beruhigung und Verständigung nach allen Setten hin erweisen. Seerdigen oder Verbrennen? Eine zeitgemäße Erinnerung von Rabbiner Dr. Max Grunwald in Wien. (Schluß). Für die Geschichte ihrer Entstehung lehrreich ist der Bericht eines arabischen Reisenden (bei O. Schräder, Begraben und Verbrennen 22), der i. I. 921 der Feuerbestattung eines vornehmen Russen beiwohnte und auf seine Frage nach ihrer Bedeutung die Antwort erhielt, „Ihr Araber seid wahrhaftig ein dummes Volk. Ihr nehmt den geltebtesten und geehrtesten Mann und werft ihn in die Erde, wo die Würmer und Siebe: Wie hälft du es mit der Rache? Jst^ste untedem milden Szepter der Liebe und gar der Feindes liebe niemals tu Erscheinung getreten? Ideale soll man doch nicht nur aufstellen und im Munde führen, sondern halten, durch die Tat beweisen. Wir glauben^ daß die Völker nicht ein einziges Land, nicht ein einziges Jahrhundert ausweisen könnn, wo sie nach dieser Lehre gehandelt. Vielleicht im Altertum? Etwa tm Mittel, alter mit seinen Hexenprozeffen, mit den Kreuzzügen, wobei man in der Sestrahzeit hunderte blühender jüdischer Gemeinden förmlich ausschlachtete? Vielleicht im 16. und 17. Jahrhundert, wo man dreißig Jahre Religionskrieg führte? Vielleicht in der großen Zahl von Raub- und Eroberungskriegen auf dem europäischen Kontinent allein? Und schließlich waren es doch christliche Völker und Staaten, die durch Schwert, Hunger und Blockade Blut und Tränen gesät und unberechenbares Unheil gestiftet. Wer die jüdische Religion, den Gott der Juden mit Ideen der Rache in Verbindung bringen möchte, muß sich auf solch naheliegende Entgegnungen und auf der flachen Hand liegende Einwände gefaßt machen. Doch wozu die Wege der Apologetik beschretten oder in den Blättern der Geschichte sich umschauen? Ein Blick ins volle Menschenleben, in die reale Wirklichkeit genügt, um dte Idee vom Gott der Rache in ihrer Haltlosigkeit darzutun. Greifen wir unter der Kriminalität das schwerste Delikt heraus, das es überhaupt gibt, den Mord. Gegen ihn müssen alle andere Verbrechen verblüffen. Ist es nicht ein tieftrauriges Bild, daß in allen Kulturstaaten die Zeitungen fast täglich von Morden, ober mindestens schweren Körperverletzungen zu melden wißen? Wir sehen hier sogar ab von scheußlichen Massenmördern, die auch fast in keinem Jahre fehlen. Wann und wo hat man einmal von einem jüdischen Mörder gelesen? Von der Hin-