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Der Israelit · 1922-05-11 · Heft 19 (11.5.1922) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 19 (11.5.1922)
Date
1922-05-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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. 10 des „Maelit w Verschollene Srüder. Line Fo!afdiase(chicfite aus^öer Segenwsrl. (Fortsetzung.) XIII. Ein Brief von Jirmeias. Als die Feste „Astaharit" (Veriöhnungs. fest) und „Bala mazalet" (Laubhürtenfest) vorbri waren und „Amata Sa uw", das Fest der Volksversammlung naher rückte, an dem sich die Falaschas der ganzen Umgegend auf dem Berge vor dem Orte zu gemeinsamem Gebete und Opfern zu versammeln pflegten, ging man an die Vorbereitungen zur Hochzeitsfeier, die mit üblichem Pompe an diesem Tage stattstnden sollte. Es traf sich gut, daß eine Karawane mit Maultieren und Kameelen, beladen mit allerlei Kostbarkeiten und buntem Flitter des Orients von Chartum und noch weiter oben am Nile kommendeintraf und auch nützliche Dinge zum Kauf anbot, die die Vrauteltern wie Ntssim zur würdigen Ausstattung der Kinder und Ausschmückung des Hochzeitsfestes benötigten. E§ waren gar sonderbare Leute in buntgestreiften Mantelhüllen, und mit riesig weißen, grünen oder buntsarbenen Turbanen aus dem Kopfe, die ihre Wohn- und Waarenzelte auf der gemähten Wiese vor dem Gehöfte Becher aufschlugen; Moslims aus dem oberen Ntlgebiete, die, auf einer Pilgerfahrt zum Grabe ihres Propheten nach Mekka begriffen, unterwegs mit gewinnsüchtig dem Dttsftits zugekehrten Auge ihre Geschäfte machten. Auch in anderer Beziehung waren die fremden Pilger als willkommene Gäste gesehen. Pflegten sie doch Gruß von der Welt zu bringen und die Briefpost aus Nubien und Aegypten, aber auch aus dem Lande der „Frendjis", wie man hier Europa nannte, die mit den Postkurieren nur bis Addis Abeba gelangte, in die einzelnen Ortschaften auf ihrer Karawanrnstraße bis zum Adreffaren zu bringen. Auch diese Mekka Pilger brachten Briefe mit, unter anderen ein Schreiben von Jirmeias — das erste Lebenszeichen seit seiner Ausreise, seit der be reits ein volles Jahr verstrichen war. Als Salomo dank seiner baldigen Zugehörig, keit zur Familie und als des Lesens kundiger Debtera den an die Eltern gerichteten Brief zum Verlesen erhielt, zitterten ihm die Hände und er besah erst Umschlag und Siegel und dann den fetnliniterten vollbeschriebenen Papterbogen von allen Setten, und es schien ihm als das größte bisher erlebte Wunder, daß diese stummen Blätter dort gewesen sein und den langen wetten Weg gemacht haben sollten, den in umgekehrter Richtung zu machen, ihm nicht beschieden war. Behutsam breitete er den Bogen wie eine heilige Urkunde aus und las die steilen, großen amharischen Zeichen Wort für Wort, als läse er aus dem Orlt . . . Dann bat er sich aus, den Brief behalten zu dürfen und er las ihn noch einmal insbesondere Malku im Felde vor und er las ihn auch noch ein Dutzend Male vor sich hin, daß er ihn auswendig bis aufs letzte Zeichen hätte hersagen können. Der Brief war in einer großen Stadt weit in Germanien aufgegebrn, deren Namen weder Salomo, noch die Anderen im Hause je gehört hatten, noch aussprechen konnten. Jirmeias schilderte seine Fahrt durch Spanien, Frankreich und Deutschland wie schön und strahlend er dort alles fand, besonders in Paris der Lichtstadt, wo große „Frendjis" ihn mit Liebe überhäuften und viel über seine Brüder in Abessinien ausfragten. Dann fuhr er im Dampfwagen, der mit Windeseile.durch die Lande sauste, mit dem Doktor weiter über die deutsche Grenze bis sie in einer Stadt anlangten, die nicht so große Straßen und Bauten hatte wie Paris, aber auch noch so schön sei wie keine Stadt in Abessinien und weit und breit um den Nil, und in der die gelben Wagen wie in Paris ohne Maultier oder Roß, sogar ohne Dampf von Straße zu Straße führen und auf mächtigen steinernen und eisernen Brücken auch über den breiten Fluß, wo wieder eine andere Stadt läge . . . „Und die Juden hier", schrieb Jirmeias weiter, „sind doch ganz anders wie die Falaschas bei uns, sie unterscheiden sich auf der Straße in nichts von den anderen Frendjis, nur in ihrem Hause und in der Mesgid, die sie hier Synagoge nennen. „O diese Mesgid vor den Bäumen, die hinter eiserner Umfriedung mitten in der Stadt gepflanzt sind, müßtet Ihr sehen! Schöner wie der Dom zu Gondar, herrlicher wie das Kapitol in Axum, und das Schloß in Addis Abeba ist eine elende Töpferhütte dagegen! . . . Als ich an einem Sabb7.. Morgen zum erstenmale dahinkam, sah ich vor dem Portale einen großen Mann in hohem Hut mit gelbem Bande und Goldtressen, der aussah wie ein hoher Würdenträger aus dem Gefolge des Menelik. Ich verbeugte mich tief und wußte Nicht, ob ich mich nicht zur Erde werfen sollte. Da lachte mein Begleiter, der mein Lehrer und;Musvater ist, und sagte, der Mann sei kein Würdenträger, er stehe nur zur Bewachung da, daß alles in Ord nung sei und der,Platz frei bleibe . . . „Denn Ordnung müßt ihr wissen, ist bei den Frendjis, auch bei den^Juden, alles, Anfang und Ende, auch in der Mesgid und beim Gottesdienst, wie ihr aus der kurz folgenden Schilderung ersehen könnt. „Ein großer Vorhof hinter zwei Bogentoren aus gemeißelten Steinen, die wie Granit aus Amhara leuchten, führt in eine rotgepflasterte Halle, in deren Mitte ein kunstvoller, laufender Brunnen Wasser spendet. Rechts und links gelangt man durch kleinere Vorräume, wo man Oberkleider aufbewahrt, in das Innere des Heiligtums, darin alles in Gold und Marmor und Bronze leuchtet. Der Ortttisch steht auf einer teppichbelegten Tribüne mitten im Raume. Doch liegen die Orit, viele Pergamentrollen in hebräischer Schrift, nicht wie bet uns beständig auf dem Tische, sondern in einem Schrein, der in die Ostwand eingebaut ist. Wenn das beiltge Orit, mit Samt unv Silber bedeckt und behängt, aus dem Schreine gehoben und zum Tische getragen wird, steht die ganze Gemeinde auf den Füßen und singt feierliche Lieder. „Einen Kahen wie bet unS haben sie nichtsie nennen ihn Rabbi, es ist ein älterer, ehrwürdiger Mann mit grauem Haare und ernstem Blicke. Ich habe es noch nie gewagt, ihn anzusprechen . . . Die Gebete singt ein jüngerer Debtera vor und geopfert wird hier gar nicht. Ich hörte den Kahen oder Rabbi einmal am Sabbat von einem Podium vor dem Schreine laut und lange an die Gemeinde sprechen, doch verstand ich nicht viel davon, da ich die Sprache nur schwer lerne, aber vie Leute hörten sehr aufmerksam und andächtig zu. Debteras, Gelehrte, sind sie fast alle und nach dem Beten 'tudieren sie in Versammlungen aus großen Büchern, die ich noch nicht lesen kann, das „Wie ich zum ersten Male in die Mesgid kam, sahen mich alle Leute an, da sie mich meiner dunklen Farbe und krausen Haare wegen für keinen Juden hielten und viele Kinder umstanden wich und staunten mich an, als hätten sie ein Nilwunder erblickt. Doch mein Lehrer, in dessen Haus ich wohne, ein sehr freundlicher Herr und großer Kenner des Gesetzes, belehrte sie über meine Herkunft und mein Ziel. Und nach und nach gewöhnten sich die Leute an mich, so daß ich jetzt ganz ohne Scheu täglich früh und abends in die Mesgid gehe. „Meine hebräischen Sprachkenntniffe sind schon so gut, daß ich das Gesetz Mosts im Urtexte lesen kann. O ist das eine heilige Sprache und ein heiliges Buch! Wie bin ich glücklich, diese Sprache und dieses Buch später unseren Kindern in Abessinien lehren zu können. Ein neues Licht wird ihnen aufgehen, daß sie erkennen Ihn, ihr Volk und sich selbst . . . Jeder Buchstabe und jedes Zeichen ist heilig und hat, mit den anderen zu Worten und Sätzen vereinigt, immer noch seine eigene Kraft und Bedeutung . . . Alles hat seinen Grund, warum das Gesetz mit dem Zeichen beginnt und mit dem anderen schließt und warum hier dieser Buchstabe und dort jenes Wort steht... Und was habe ich schon für Geschichten und Dinge erfahren! Habt Ihr je gewußt, daß es einen Dtadia H a m a n gegeben, der alle „Falaschas" in Persien umbringen wollte und dann auf Geheiß vom Negus Achaschweros als Stallknecht den Debtera M o r d e ch at wie einen Fürsten durch alle Gaffen führen mußte und zuletzt an den Galgen gehängt wurde, den er für jenen Debtera errichtet hatte! Das Fest zum Andenken an diese spassige Geschichte heißen sie Purim, an dem viel gegessen und getrunken wird, aber nicht gemeinsam wie bei uns, sondern jede Familie für sich in ihrem Hause. Schön ist auch das Lichterfest, das sie Chanuckah nennen und einen Sieg jüdischer Helden in Jerusalem gegen den eindringenden F^ind feiert. Es ist dabet strenger Brauch, daß man in der Mesgid den Debtera, der die. Kerzen anzündet, genau ansieht . . . „Wenn mein Lehrer und Hausherr mir all die Dinge erzählt, könnte ich ganze Tage zuhören und vergesse dabei Speis und Trank. Er ist ein sehr gelehrter und lieber Mensch und ich ühle mich in der Familie ganz heimisch. Erst prachen wir französisch, weiche Sprache ich aus dem Wege und tn Parts ein wenig gele.nt habe. Jetzt aber kann mir mein Lehrer schon alles in deutscher Sprache erzählen und erklären, denn ich verstehe schon alles ganz gut. In meinem Sinne übertrage ich mir all dieses in unsere amharische Sprache und sehe schon im Geiste die jungen Kinder um mich, die auf meine Worte lauschenwie ich ihnen all dieses wieder erzähle. „Geopfert wird hier nicht, geranzt nur am Thorafreudenfeste mit der Thora in der Hand, und auf den Boden fallen sie außer am Versöhnungstage auch nicht. Es wird still und ruhig gebetet. „Außer der geschilderten Mesgid giebt es noch kleine Mesgids fast in jeder Straße, auch noch einige große, schön gebaute. Als Ich neulich an einem großen Gotteshause vorüber ging, hörte ich Töne brausen wie im Dome zu Axum. Mein Lehrer sagte, es seien Orgelpfeifen, die die Frommen nicht hören mögen, und daß sie darum solche Gorreshäuser nicht betteten. „Es gibt auch hier wie bei uns getaufte Falaschas. Warum sie es taten, da man sie doch hier nicht dazu zwingt, hat mir mein Lehrer einmal erklärt, aber ich verstand es nicht. Er hat Worte gebraucht, die man in unsere Sprache nicht übertragen kann ... Dr. Paltiel ist nicht hier, er ist schon nach einigen- Wochen von hier weitergereist, ich weiß nickt wohin. Wenn ich drei Jahre hier geweilt und alles gelernt habe, holt er mich wieder, und wir fahren dann nach Jerusalem, der heiligen Stadt, und von dort nachHause, wo ich viel zu

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