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Der Israelit · 1922-05-11 · Heft 19 (11.5.1922) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 19 (11.5.1922)
Date
1922-05-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 4. Nr. 19 Der Israelit. dischen) beseitigt hat. Die litauischen Politiker werden durch diese Auffassung in ihrer Verantwortlichkeit für den Widerruf feierlicher Erklärungen nicht entlastet, aber vom jüdischen Standpunkte muß man sagen: ein solches Schattenbild von unjüdischer jüdischer Autonomie bedarf auch keiner Spitze in der Form eines eigenen Ministers und keiner eigenen Sprache, die immerhin ein Zeichen von eigenem Leben ist. Wir müssen gksühen: Wir hatten an der nationalen Autonomie m i t Minister und Sprache und religiösen Kompetenzen genugsam auszusetzen und wir fühlten uns in dieser Beziehung vollkommen einig mit den wackeren Vertretern der litauischen Orthodoxie auf der letzten Gemeinde-Konferenz , die es verstanden haben, manches zu retten und manchen verlorenen Posten bis zuletzt zu halten. Auf düse Männer und auf die der Erweckung harrenden Massen im Lande dursten wir hoffen. Wäre die Autonomie in der bisher gedachten und gewünschten Form geblieben, so wäre ihr Segen oder Unsegen lediglich eine Frage der in ihren Organen herrschenden Majorität gewesen, und wir dursten und konnten damit rechnen, daß sich dort eines Tages die Wunsche und Interessen der tatsächlichen Mehrheit, d. h. der orthodoxen Kreise durchsetzen werden. Nun ist der Rahmen gesprengt, und mit ihm auch diese Hoffnung. Insofern wird auch von gut jüdischer Seite der Beschluß des litauischen Parlamentes als bittere Enttäuschung empfunden werden. Wie es nun auch kommen mag, die litauische Orthodoxie wird sich zeitig aus die neuen Dinge einzustcllen haben. Nicht liegt in der Tatsache die Gefahr, daß Litauens Juden aus Eigenen die Kosten für ihre religiösen Bedürfniffe aufbringen müssen. Das haben sie von jeher freudig getan und das religiöse Leben ist dabei gut gefahren. Aber die Gefahr liegt in der drohen- Den St euerbel-astung für alles Nichtjüdische und sich als religiös neutral gebende Unjüdische. Dieser Gefahr zu begegnen, ist jetzt, nach dem katastrophalen Beschlüsse des Parlaments, allerhöchste Zeit. Zur Frage der Lehrerbildung. Die grundlegende Umgestaltung, die das System der Lehrerbildung durch die neuen Schulgesetze erfährt, greift auf tiesfte in das Schicksal der jüdischen Erziehung und somit der Zukunft des deutschen Judentums überhaupt ein. So wichtig es auch für uns ist, wie das mittlere und höhere Schulwesen aussieht, wie das Problem der Bekenntnisschule, des damit verbundenen oder davon losgelösten Thora-Unterrichts gelöst, die Wege zur gymnasialen und akademischen Bildung gestaltet werden — entscheidend für den Erfolg der Erziehung wird doch unter allen Umständen die Persönlichkeit des Lehrers sein — Es ist daher selbstverständlich, daß nicht nur die pädagogischen Fachkreise, sondern die gesamte jüdische Welt, jeder Vater und jede Mutter, die über den engen Horizont ihre eigenen Wirtschaftskreifts hinausblicken, an dem Problem der Lehrerbildung aufs glühendste interessiert ist. Die Boiksschullehrer sollen künftig nicht mehr in besonderen Lehrerbildungsanstalten oder Seminaren für ihren Beruf vorbereitet, sondern ausnahmslos ouf die akademische Laufbahn verwiesen werden. An den Besuch einer Vollonstatt (Gymnasium, Real-Gymnasium, Oberrealschule, deutsche Oberschule) schließt sich der dreijährige Besuch eines pädagogischen Seminars an einer Universität. In Wegfall kommt somit sowohl die bisherige grundlegende Vorbildung an den sogenannten Präparanden-Anstalten, als auch die in der immerhin rein jüdischen Atmosphäre ftattgehabte drei- oder vierjährige Schulung an einem Seminar, und an die Stelle beider tritt das Gymnasium bezw. die Oberrealschule. Ist diese absolviert, jo tritt der junge Abiturient ohne weiteres in die verwirrende Fülle des Universitätslebens ein, und es bleibt ihm überlassen, wie er sich neben dem Besuch des ' pädagogischen Seminars etwas jüdische Kenntnisse aneignen wird. Daß diese Aenderung des Ausbildungssystems, sofern nicht entschloffene, aufs ganze gehende organisatorische Maßnahmen von jüdischer Seite erfolgen, einen furchtbaren Rückschritt in jüdisch-wissenschaftlicher Hinsicht bedeuten, und das Amhaareztum des Lehrers geradezu großzüchten müssen, liegt auf der Hand. Die einsichtigen Seminar-Direktoren, Seminar- Pädagogen und Lehrer waren bisher schon weit davon entfernt, mit den Durchschnitts-Ergebnissen der jüdisch-wissenschaftlichen Ausbildung unserer Volksschullehrer besonders zufrieden zu sein. Sie gaben und geben ihr Bestes, waren aber selbstverständlich an die durch die staatliche Schulverfasiung gegebenen Vorbedingungen der allgemeinen Lehrziele und des Lehrplanes gebunden und konnten beim besten Willen nicht diejenige erhebliche Zeit herausschlagen, die nun einmal dazu gehinr, um einen jungen Menschen halbwegs zum Talmid-Ehochom auszubilden. Wenn nun jetzt die ganze Lehrerbildung auf den Kopf gestellt und ein neuer Bau errichtet wird, so wäre es geradezu ein Verbrechen, wollte die jüdische Gesamtheit nicht mit allem Ernste und unter Heranziehung ihrer besten Köpfe sich der Untersuchung des Problems widmen, wie es mit der jüdischen Lehrerbildung nich t schlechter, sondern besser werden kann. Dabei muß selbstverständlich an dem Grundsätze scstgehalten werden, daß wir eine genügende Anzahl von Lehrerpersönlichkeiten brauchen, die hinsichtlich ihrer allgemein-wissenschaftlichen Vorbildung und der von ihnen abgelegten Examina ihren nichtjüdischen Kollegen vollkommen gleichwertig sind. Sollen diese jungen Leute auch nur annähernd dasjenige Maß von Thorabildung erreichen, das bisher dem Schüler der Präparandenaasialt und des Lehrerseminars erschlossen wurde, so darf es nicht dahin kommen, daß den künftigen Lehramts-Kandidaten überlassen bleibt, welches Gymnasium, bezw. welche sonstige Vollanstalt sie besuchen wollen. Ohne daß man einen jede Ausnahme unterdrückenden Zwang anwendet, sollte es doch zur Regel werden, daß die künftigen Lehrer, die in Oberschulen umzuwandelnden ehemaligen Seminaren absolvieren und dabei einen Thoraunterricht empfangen, der unter keinen Umständen hinter dem Maße des bisher erteilten zurückbleibt. Das wichtigste ist alsdann die Verbindung des Besuches einer Jeschiwah mit demjenigen des Pädagog schen Seminars und schließlich der Abschluß der Ausbildung durch einen mindestens einjährigen ausschließlichen Jeschiwah-Besuch. Trotzdem darf man sich keiner Täuschung darüber hingeben, daß stion wegen der außerordentlich hohen Ausbildungskosten und der Länge der Ausbildungszeit nur ein kleiner Bruchteil des bisher den Lehrernachwuchs bildenden Materiales, sich der Laufbahn des Volksschullehrers zuwrnden wird. Hier sollte nun u. E. die freie jüdische Organisations-Tätigkeit kinsetzen und, unter Verzicht auf die Abstempelung durch das pädagogische Voll-Examen, jüdische ReUgionslehrer heranzubilden suchen, die in pädagogischer Hinsicht den Volksschullehrern gleichwertig sein, den stofflichen Inhalt ihrer Bildung aber zum allergrößten Teile der Thauro verdanken sollten. Selbstverständlich darf auch hier keinerlei Pfuscharbeit geleistet werden. Wenn an die Volksschule ein fünfjähriger, genau geregelter Bildungsgang an einer Thvralehranftalt sich an schließt, so ließe sich sicherlich erreichen, daß der 19 oder 20jähriae junge Religionsührer ein gründliches Thorawisien mit dem notwendigen Mindestmaß von allgemeiner Bildung und pädagogischen Fertigkeit vereinigt. Die Erwägung der Einzelheiten müßte den pädagogischen Fachleuten überlassen bleiben. Wir wollten den wichtigen Gegenstand, vor allem im Kreise der Orthodoxie vorläufig nur zur Diskussion stellen und dabei darauf h'nwelsen, daß in der in der Pfalz erscheinenden „Freien Lehrerzeitung" bereits eine Anzahl beachtenswerter Artikel zur Lehrerblldungssrage erschienen sind. Der dort vom Seminarlehrer Anfänger angeregte Gedanke, den Versuch der Zulassung des Hebräischen an Stelle -iner anderen Fremdsprache an der Oberschule zu unternehmen, ist an sich recht beachtenswert, wenn wir auch fürchten, daß in einem solchen Falle der formale Sprachunterricht das eigentitche Limmud hatauroh sehr stark in den Hintergrund drängen könnte. Geradezu erschreckt hat uns dagegen ein anderer in dem gleichen Blatte befindlicher Vorschlag, der für die Ausbildung zum Religionslehrer eine Unmenge von profan wisienschaftlichen Fächern: Keilschriftenforschung, Achäologie von Vordsrasien, gar noch Arabisch mit Uebungen etc. vorschlägt. Nach diesem System würde man nichts weiterhervorbrtngen, als blutige Dilettanten, die an dem und jenem genascht haben, in ihrem eigentlichen Fache aber, der Gotteslehre, ihr Leben lang Stümper bleiben müßten. Wer wirkliche Bene Tauroh zu erziehen wünscht, der muß schon den Mut zur Konzentration haben und sich nicht dem verhängnisvollen Irrtum hin geben, als sei die Bildung eines Menschen von der Anzahl der Vorlesungen abhängig. die er belegt. Wir hoffen, daß das Thema der Lehrerbildung die öffentliche Diskussion in ernsten jüdischen Kreisen in der nächsten Zeit beherrschen wirb. Correspondeitzcn n. Haebricbfcn Deutsches Reich. Jüöifdie Srontfoiaaten« Aerkin, 3. Mai. Die Ortsgruppe Berlin des „Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten" hatte gestern, abend in das Herrenhaus einen geladenen Kreis gebeten, der aus Juden mib Nichtjuden der verschiedensten politischen Lager bestand. Ter Abend wurde eingeleitet durch zwei Referate, die Oberstleutnant von Albert-Gotha und Dr. Siegfried Urins aus Hainburg hielten. Der erstere' bekannte sich als Altpreuße.und begeisterter Verehrer der Hohenzollern und ihres Staates und meinte dann, in diesem Staate habe der Antisetnitisnrus keinen Raum gehabt. Aus eigener Erfahrung berichtete er dann allerlei Gutes über jüdische Soldaten. Der Redner hat als Herausgeber des bekannten von Al keuschen Handbuches ft'ir Heer und Flotte auch in genealogischen Dingen Erfahrungen sammeln können. Wenn dieser Referent als Nichtjude für das j ü d i s ch e Wesen zeugte, so legte der Korreferent Dr. U rias als Jude ein außerordentlich warmes und lebhaftes Bekenntnis zum D e u t s ch t n m ab. lieber die Beteiligung der Juden am Kriege gab er authentische Zahlen an, wonach int Laufe der Kriegsjahre 100000 Juden im Heere gewesen sind, 80 000 an der Front, 12 000 gefallen. In der Diskussion sprachen u. a. der Abgeordnete Morath üoit der Deutschen Volks- Partei, der bekannte früher deutschnationale Schriftsteller von Oppeen-Bronikowski, Di, Paul Nathan, Alfred W. H a r n i s ch tntb Prof. Hildebrand t. Auch die rechtsstehenden Redner waren der Auffassung, daß gerade in der augenblicklichen Lage kein vermeidbarer Streit in das deutsche'Volk getragen werden dürfe, sondern daß die Einigkeit aller Staatsbürger anzustreben sei. SrunSlose Vergöcktigung. München, 8. Mai. Wie grundlose Verdächtigungen entstehen,

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