Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1922)
- Date
- 1922-05-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8'JfJto. 18 Der JSraeltt. 4. Mai 192a. eignis ihrer Verlobung keinen Ton mehr, als was ihre jungen Herzen schon früher davon wußten . . . '(Fortsetzung folgt.) Sabbaifrie-en. Arbeit bringt Segen. Sie steigert die Kräfte, fuhrt zu Erfolgen, l-nkt die Gedanken vom Bösen ab und erzeugt mit der Zeit Pflichtbewußtsein und Selbstgefühl. t# Müßiggang dagegen ist Unglück. Er unter gräbt das Vertrauen zur eigenen Kraft, führt auf schlechte Bahnen und oft in Not und Elend. Peter Schleifer war immer ein fleißiger Arbeiter gewesen. Aber da kam der lange Krieg, und. als er aus dem Felde dann zurückkehrte, fand er keine Beschäftigung. Seine Eltern lebten nicht mehr, keiner nahm sich seiner liebevoll an, und so geriet Peter in schlechte Gesellschaft. Er hörte, wie man die Kapitalisten für diejenigen erklärte, die an allem Unglück schuld wären. Es leuchtete ihm ein, daß man sich immer nur für.sie abgeschuftet hätte, und daß es nur recht und billig sei, ihnen das wieder abzunehmen, was sie sich durch die Ausbeutung der Arbeiter angeeignet hätten. Eines Tages war Schleifer in einer Nachbarstadt gewesen. Der Rückweg führte ihn am Abend durch ein Städtchen. Er bog von der Straße ab und schlug einen Fußpfad ein, der sich längs der Gärten hinzog, die die kleine Stadt umgaben. Die meisten Häuser waren noch beleuchtet, denn es war noch nicht spät. Eines der stattlichsten Häuser aber inmitten eines großen Gartens lag im Dunkel. „Hier wohnt gewiß einer von den Blutsaugern", dachte Schleifer, und blieb stehen. Kein Mensch war in der Nähe. Einer plötzlichen Eingebung folgend, schwang sich der junge Mann über den Zaun und schlich sich an das Haus. Er hatte an dieseiu Tage in einer Versammlung viele Hetzreden gehört. Diese und der genossene Alkohol betäubten sein Gewissen. Ein Kellerfenster stand offen, durch das stieg Schleifer ein. Ungehindert gelaugte er in die Wohnung hinauf. Er lauschte auf dem Flur. Er hörte keinen Ton. Gewiß war die Familie verreist. Leise legte Schleifer die Hand auf den Drücker einer Tür und öffnete behutsam. Doch kaum war eine schmale Ritze entstanden, da drang schon heller Lichtschein in den Flur hinaus. Peter erschrak heftig und floh eilends die Treppe hinab. Als er aber keinen Verfolger hörte, und als überhaupt alles still blieb, da faßte er Mut und kehrte langsam zurück. Er vergrößerte den Türspalt, bis er ins Zimmer schanen konnte. Es war leer, und Schleifer trat ein. Es war eine gemütliche Stube. Der große Kachelofen verbreitete noch eine behagliche Wärnre. Der Tisch war weiß gedeckt, und auf ihm stand ein silberner dreiarmiger Leuchter, in dem dicke Kerzen brannten. Da das Zimmer nach der Rückseite ging, hatte Peter das Licht von außen nicht gesehen. Auch waren die Fenster durch Läden gut verwahrt. lieber dem Tisch hing eine Lampe, die nicht mehr brannte. Schleifer befühlte den Zylinder/ er war noch warm. Da nickte er mit dem Kopfe: er war im Bilde. Hter brauchte er feine Entdeckung fürchten. Wußte er -och, woran er war! Er befand sich in der Wohnung einer jüdischen Familie, die, weil es Freitagabend war, schon der Ruhe pflegte. Die Lichter, die noch brannten, waren die Sabbatltchter. Ruhig setzte er sich in den Lehnstuhl, der an einer Stirnseite des Tisches stand, und ließ seine Blicke durchs Zimmer schweifen. Vor seinem Platze lag ein Buch. Er öffnet«; es. „Ein Chumesch", lispelte er lächelnd. Warum sollte er das nicht wissen? Gar oft hatte er als Knabe dieses Buch gesehen, wenn er am Freitagabend in der gemütlichen Schabbosstube seiner Nachbarsleute gewartet hatte, bis er die Lichter löschen konnte. Und wie gern hatte er dort gewartet! Die gute Frau Hermann hatte ihm zunächst einmal ein Stück Schalet gegeben, „Schalet" oder „Bubele." Und wie hatte das geschmeckt! Peter meinte, noch jetzt den Geschmack auf der Zunge zu spüren. Dann steckte ihm wohl noch sein Schulkamerad, der Benno, einen Apfel oder ein paar gebratene Kastanien zu, und zuletzt bekam er noch ein großes Stück Berches mit nach Hause. Berches! Wie lange hatte er keinen mehr gegessen! Er sah aber noch vor sich das braune^ mohnbestreute, süß duftende Weißbrot. Gewisi diese Brosamen hier auf dem Tisch rührten auch von Berches her. Da lagen ja auch noch Mohnkörnchen. Bei Hermanns war noch immer ein Rest Berches auf dem Tisch, um den die ganze Familie so friedlich vereint war. Da hatte niemals eines gefehlt. Dort drüben sah stets der Vater in seinem Lehnstuhl. Er hatte ein Käppchen auf dem grauen Kopfe und das „Chumesch" in der Hand. Freundlich winkte er dem Nachbarskinde zu, wenn es kam, und schaute dann wieder in sein Buch. Neben ihm saß auf einer Seite die Mutter mit derältesten Tochter, der Lina, und auf der anderen Seite die zweite, die Berta, mit dem Hermann. Die Frau hatte in der Regel die „Meemosyne", das Beiblatt zur Tageszeitung in der Hand, und die Töchter lasen in Büchern, die sie sich für diesen Abend verschafft hatten. Hermann aber holte gewöhnlich schnell ein Gesellschaftsspiel herbei, und Peter setzte sich neben ihn und spielte mit ihm „Dame" oder „Wettlauf der Schnecken und Frösche", bis ein Wort des Vaters den Schluß des Abends herkeiführte. Der junge Mann fühlte wieder den Sabbatfrieden, während er hier vor den Sabbatlichtern saß. Er sah im Geiste deutlich die trauten Gestalten aus seiner Jugendzeit: die eigene Mutter, die arbeitsame, ehrliche Frau, die ihn zu allem Guten angehalten, den alten Vater, für den Frau Hermann so oft von dem kräftigen Sabbatessen gesandt hatte, den Schlüfreund, der ihm sehr zugetan war. Mit ihm war er im Winter Schlitten gefahren, ihm hatte er gar manche Knallbüchse aus Hollunder geschnitzt, und mit ihm war er im Sommer hinausgezogen, um Beeren, Haselnüsse und Hagebutten zu holen. Warum hatte er eigentlich bisher gar nicht an den Benno gedacht? der soll doch eine Fabrik gebaut haben, wie erzählt worden war. Ob der ihn nicht brauchen konnte? -r- Rasch erhob sich Schleifer. Es war, als ob er noch in dieser Stunde nachholen müsse, was er versäumt hatte. Der Zweck seines Besuches in diesem Hause kam ihm gar nicht zum Bewußtsein. Er verließ es eilends, und mit großen Schritten strebte er seiner Schlasstätte zu. ~~ >ch an jenem Abend schrieb Peter seinem Schulfreunde, und schon nach einigen 'Tagen hatte er eine freundliche, zusagende Antwort. Eine Woche später befand er sich schon in der Heimat, hatte dauernde, lohnende Arbeit gefunden bei seinem alten Kameraden, dessen rechte Hand er mit der Zeit wurde, und dachte an seine Verirrung nur noch wie an einen wüsten Traum. Sein Fleiß und sein ehrenhaftes Wesen schufen ihm Ansehen bet seinen Mitbürgern und wurden die Ursache, daß auch seiner Eltern wieder häufig ehrend gedacht wurde. Personalien. Halberstadt, 1. Mai. Der Stadtverordnete, Buchdruckereibesitzer Julius M e y e r, wurde zum Stadtrat gewählt. König t. Ob., 1. Mai. Am 16. Mai feiern Herr Abr. Chrmann und Frau Regine, geb. Eschelbacher in König i. Ob. ihre Goldene Hochzeit. Oberseeme« (Oberh.), 1. Mat. Zu einer ge. wattigen Trauerkundgebung gestattete sich der letzte Gang des I. B. Bing, welcher im 93. Lebensjahr das Zeitliche gesegnet hat. Aus Nah und Fern war man herbetgeeilt, um dem teuren Verklärten den Tribut der Verehrung zu zollen. Einer vom Geiste unserer durchdrungenen Familie entstammend, hatte er sich schon frühzeitig einer Schar Lernbegieriger angeschlossen und durch seinen beispielgebenden Eifer ein umfangreiches jüdisches Wissen angeeignet. Mehrere Jahrzehnte hindurch bekleidete er in uneigennütziger, selbstloser Weise das Amt eines Mohel. Mehrere hundert jüdische Knäblein wurden durch ihn in den Bund Abrahams eingeführt. In seiner Begeisterung für die heilige Sache scheute er keine Mühe. Als Hilfsvorbeter verstand er es an den hohen Feiertagen seine Zuhörer durch seine innige Vortragsweise zu fesseln. Mit seltener Herzenswärme trat er jedem entgegen. Weit über den Kreis unserer Gemeinde hinaus hat er sich durch seine reelle Geschäftsführung, ob seines lauteren Charakters und seines vorbildlichen Wohltäligkeitssinns die größte Hochachtung auch bei Andersgläubigen erworben. Am Grabe entwarf Herr Lehrer Welsch ein getreues Lebensbild des Entschlummerten. Sprechsaal. Aschaffenburg, l. Mai, Es wird mir milgeteilt, daß zahlreiche jüdische Familien in Frankfurt a. M., die einen rituellen Haushalt führen, von hiesigen Metzgern Fleisch beziehen in der Voraussetzung, daß dieses Fleisch ohne weiteres rituell zuverlässig sei. Ich bitte Sie daher, in ihrem Blatte bekannt zu geben, daß für die rituelle Zuverlässigkeit des von hiesigen Metzgern verkauften Fleisches Verantwortung nur dann übernommen werden kann, wenn das Fleisch unter Aussicht des h testgen Schächters verkauft wird. Dr. Breuer, Distriktsrabbiner- ... Randbemerkung zu den Familientagen. Die „Neue Jüdische Presse" brachte am 1. Dezember v. Js. eine Auslassung zu obengenanntem Thema, die von vornehmstem Ton und geistigem Weitblick zeugen will. Der weitblickende Verfasser fühlt sich als Zionist getroffen und an den Haaren gezogen. Ich hatte es als einen Nachteil des europäischen Organisationsbetriebs im Zionismus und wie ich hinzusetzte zum Teil auch in der Aguda bez tchnet, daß er schematisch Vorgehen muß und dabei vielfach einen Gesellschaftskreis bildet, der weniger auf Gestnnungsgemeinschaft beruht als auf einem unkontrollierbaren Raffeninstinkt. Ein von so dunklen Trieben Beherrschter iühlt sich am wohlsten unter den Bolksgenoffen, welchen keinerlei Bekanntschaft, sondern eben nur dte nationale Bewegung gemeinsam ist. Und das ist eben, im Lichte der Thora gesehen, nichts dem Menschen Anst.hendes. Bor allem reicht diese bloße Abstammungsgemeinschaft nicht a s Motiv zum Bilden eines Volkes innerhalb der Menschheit. Nun wollen wir in Israel zwar nicht in dem Sinne Glaubensgemeinschaft fein, daß wir Anderserzogene von der Schwelle weisen würden. Wir wollen aber auch nicht zusehen, wie durch unverantwortliche Schwärmer unter der Fahne der Duldung immer wieder unsere Jugend aus gesetzesireuen Häusern dahin getrieben wird, wo sie nicht duldet, sondern geduldet wird, wenn sie nicht zu sehr orthodor aussieht, und das ist in den religiös an sich indifferenten zionistischen Bünden teils theoretisch teils in praxi unleugbare Tatsache. Wo nun die Aguda im Kampfe dagegen versagen mußte, da hatte ich nach wie vor das T7N2K das Zusammenhalten nach Familien, für das einzige Heilmittel des Judentums. Eine orthodoxe Organisation kann siegen oder unterliegen? der Majestät des jüdischen Hauses versagt niemand die Ehrfurcht und in seinem Lichte müssen Mitläufer für Ein oder Aus sich entscheiden. Im Lichte seiner Ethik gesehen, ist jedes selbstgegebene, üus Organischem gewordene Gesetz einer Menschengemeinschaft Stückwerk und ungeeignet, menschliches Rassenbewußtsein von banaler Züchierweishett zu unterscheiden. Für dergleichen will man unsere Jugend begeistern? Das soll man mit ansehen? Wie sagt Isaak Breuer doch so richtig: „Begeisterung von Zionismus erschleichen? Beleidiget eure Kinder nicht"! Das alles galt, wie klar ist, dem Blauwettz. Einen Misracht-Jugendwanderbund gibt es bisher nicht/ einen solchen hätte ich, wie den ganzen Misracht, ür politisch unpraktisch gehalten, aber nie so scharf lekämpsen wollen. Aber es kann auch einen solchen nicht geben/ denn Orthodoxie im Zionismus ist ein Kompromiß und für so ein laues Mittelding kann man keine Jugend begeistern, außer da wo sie urteilslos ist. Dr. B. Cohen.