Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1922)
- Date
- 1922-05-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Fevllleton-Veilaae m Ar. 18 des „MM". Verschollene Vrüder. kine falafdiageldiidite aus. 9er öegenwari. (Fortsetzung.) XI. Paltiels Rückfahrt. Rach mehrwöchigem Aufenthalte bei den Falaschas, rüstete sich Dr. Palttel zur Rückfahrt nach Europa. Er konnte mit feinem. Erfolge zufrieden sein. Er vermochte allgemein zu überzeugen, daß er nicht als Missionär, sondern wie ein Bruder zu Brüdern gekommen sei. Die Meffttn, mit Ausnahme des engeren Anhangs AbaZagnes, ließen sich auch belehren, daß ihr Wissen um das Judentum und sein Gesetz schwach und gering sei. Auch mit der Gründung der Schulen nach dem Plane Paltiels waren sie einverstanden. Und zum Schluffe meldete sich etwa ein Dutzend Jünglinge, die den Weg nach Europa mitmachen wollten, von denen aber Dr. Palttel vorerst nur die Hälfte annehmen kennte. . An der Spitze der Mitziehenden war Jirmeias, gegen dessen Reise in die Welt Bater Becher nichts einzuwenden hatte. Auch Salomo meldete sich. Aber Dr. Palttel hatte Bedenken - zunächst wegen der Gegnerschaft der Eltern. Man wußte, Schmied Ntffin würde auch vor Gewaltmitteln nicht zurückschncken. Aba Zague empfing die Jünglinge, als sie am Sabbat vor der Ausreise noch einmal in die Metgid kamen, mit fremden Blicken, wenn auch nicht gerade unfreundlich. Seine Stimme klang dumpf, als er zu Jirmeias sprach: „Du wirst draußen genug sehen, um zu erfahren, oaß nichts ist, was wir nicht in uns hätten, und du wirst wiederkommen zu uns und zu dir selbst. Gott segne dich, mein Sohn!" Zu Salomo aber sagte er mit abgewandtem Blicke: „Du schweifst in die Ferne und strebst hinaus und möchtest alle Ketten sprengen, die dich hier festhalten . . . Aber wffse, mein Sohn, es sind Ketten, die Gott geschmiedet, mit dem Feuer von „Ehre Vater und Mütter." Gehst du dennoch, dann fürchte ich, du kommst nie wieder!" Finster klang dos Wort, wie ein Fluch aus schwerer dunkler Nacht. Salomo siel es ein, was er einmal aus dem Munde eines Anderen, des Mister Goodwon, gehört halte: „Die Bindungen an Vater und Mutter und an Mesgtd sind gelöst, wenn du den anderen Weg etnschlägst." Auch dieser finstere Bann! . . . Und er beschloß allen Gewalten zum Trotze, den anderenWeg, freilich nicht den des Mt st er Goodwon, kinzuschlogen.- Die Nacht vor der Abfahrt Paltiels mit seinem Gefolge brachte Salomo im Gehöfte Bechers zu. Als er sich aber im Morgengrauen anschickte, sich dem Zuge anzuschließen, kam Malku herangehuscht und flüsterte ihm zu: „Verlaß den Hof nicht, Salomo, draußen am Toreingang stehen dein Vater, Job und Battt." „Ich nehme es auf", schrie Salomo zornentbrannt und reckte sich empor. „Es gibt einen Auflauf und eine Szene vor dßn Augeil olles Volkes und des Fremden. Sie werden dich überwinden.^, „Nein", holte Salomo mit den Armen aus. Der Zug hatte sich schon in Bewegung gesetzt. Aber Malku hielt Salomo fest am Arm. „Bleibe hier! Du gehst ihnen nachher Mch. Sie haben Last und Maulesel und ziehen lang» sam. Wenn draußen der Weg frei ist, gehst du ihnen auf Umwegen nach und hast sie bald erreicht." Und Salomo ließ sich überreden.- Meister Nissim sah am Außentore dem Zuge Paltiels feindselig entgegen und rief ihm einen derben Fluch nach. Als er sich überzeugt hatte, daß sein Sohn nicht mit dabei war, zog er mit Tochter und Gesellen ein wenig beruhigt ab. Salomo harrte pochenden Herzens den ganzen Tag. Wie aber der Abend siine ersten Schatten warf, hielt es ihn im Hofe nicht mehr. Er setzte wie eine Wildkatze über den niederen Zaun und li f den Fluß entlang durch Sand und Geröll landwärtsein, bis er auf den Fahrweg gelangte, da Fußspuren den Marsch der kleinen Karawane anzeigten. In Eilschritten lief er die ganze Nacht und erreichte sie gerade im Momente, als sie sich mit dem ersten Sonne^gruß von dem Zeltlager erhoben, um den Weg fortzusetzen. Dr. Paltiel empfing den Atemlosen Mt Liebe, aber sorgenvollem Stiinrunzeln. „Was machst du da Salomo." „Ich will, tch muß mit, Herr!" „Und Vater?" „Ich gelöre längst nicht mehr Vater und Mutter, sie haben mich der Mesgtd hingegeben. Ich will aber die Mesgid nicht . . ." „Aber der Vater wtlls nicht und das abessinische Gesetz spricht ihm das Vaterrecht zu, da du noch keine achtzehn Jahre alt bist." „Abessinisches Gesetz?" Das ging Salomo über den Horizont. Was ginge es wohl die in Addis Abeba an, wenn er, der Ju^e, nach seiner Heimatstadt Jerusalem wollte? „Aber wir gehen ja gar nicht nach Jerusalem", sagte Dr. Paltiel, wir gehen in die Länder, wo unsere Brüder, auch „Falaschas", im Galuth bei den Völkern sind." „Aber der Weg führt von dort nach Jerusalem", meinte Salomo. „Du irrst, mein Sohn", belehrte ihn Dr. Paltiel, „der Weg von Frankceich oder gar Deutschland nach Jerusalem ist weiter als von Abessinien über Kairo." „Mag schon sein, aber der Weg von dort ist dennoch näher", beharrte Salomo. Man verstand ihn. Die geistigen Wege, die von den jüdischen Zentren nach Jerusalem führten, waren doch näher und baffer geebnet, als die geographisch näher liegenden von Abessinien. Das fühlte der junge Falascha, ohne d.m rechten Ausdruck geben zu können. „Höre Salomo", legte Dr. Paltiel begütigend die Hand auf des Jünglings Schultern, „des Vaters Fluch begleitet dich in die Welt. Das wird nicht gut sein, für dich und für uns alle. Das wirkte wie ein abgeschoffener Pfeil. Alle sechs jungen Falaschas eilten auf Salomo zu und redeten gestikulierend auf ihn ein, drohten sogar, daß sie es auf keinen Fall zulaffen würden, daß ein Fluchbeladener mit ihnen ziehe." Nachdem auch Jirmeias auf diese Weise ihm gut zugeredet hatte, wandte sich Salomo ganz niedergeschlagen und tränenden Auges zum Gehen. Dr. Paltiel hielt ihn noch einmal zurück. „Nach spätestens zwei Jahren komme ich wieder, dann bist du zwanzig Jahre alt und nach Recht und Gesetz selbständig. Und dann geht es nach Jerusalem, der Stadt deiner Sehnsucht." Salomo wandte sich nicht um. Er ging wieder der Stadt zu, kehrte aber nicht in die Schmiede, auch nicht in die Mesgid ein, sondern ging schweigend ins Gehöft Bechers, wo er still, als wäre nichts geschehen, den Baurrngurt anlegte, Spaten und Sense in die Hand nahm und mit Malku ins Feld hinausging, um beim Einhetmsen des Getreides mitzuhelfen. XII. Die Verlobung. SaloMü blieb auf tem Acker Bechers und schien da seine Welt gefunden zu haben. Die Regenzeit war mit dem Sukkolfeste vorbei und er schritt hinter Pflugschar und Egge und mit dem Saatensacke auf der Schulter, als hätte er nie an etwas anderes gedacht. Als aber der Kaffeebaum zu blühen begann, verlangsamte er den Schritt zwischen den Beeten und sah vom Getreidegrase, aus dem er das Unkraut riß, auf. Trunken sah er zu den Weinbergen, wo mattes Grün die grauen Stöcke' umrankte und die Tausend Käfer und Bienen zirpten und summten, und er sah zu den leuchtenden Hügeln empor und dachte wohl an heilige Berge, auf denen leuchtende Tempel standen. Hinauf und hinüber wollte er doch eines Tages. Aber er sprach nicht davon, es sei denn mit sich selber beim Anspannen der Maultiere und mit der, die seine eigene Sprache mit Augen und Herz vkrstand und zu allem so hell lachte, daß er das Wasser des Jordans rauschen hörte, mit Malku . . . Der alte Becher zeigte seine Zufriedenheit mit Salomo aus jeglicher Art und Weise und lobte ihn euch bet Vater Nissim, der über die Wandlung bei seinem Sohne hocherfreut war, wenn auch der Verkehr zwischen Vater und Sohn immer noch an Wärme vermissen ließ. Auch die Zuneigung Salomos zu Malku mochte Becher nicht entgangen sein. Aber es war ntcht die Art guter Falaschafamtlten, mit den Kindern über derlei Dinge zu reden. Der Bater hatte zu handeln und die Tochter oder der Sohn zu gehorchen. Da aber Becher ein guter und verständiger Vater war, so hielt er ganz im Stillen doch ein Auge offen für die Neigung seines Kindes. Als das Korn und die Gerste in der Scheune lag und das „Maerer" (Erntefest) mit Gebet und Opfer gejetert war, nannte Becher in der Mesgid dem Schmied Nissim Tag und Stunde, da er mit ihm noch altem Brauche unter dem Palmbaume in der Mitte des Weges zwischen der Schmide Nissims und dem Bauerngehöfte Bechers sprechen wollte. Nissim verstand und nickte bejahend. Einige Minuten vor der festgesetzten Stunde war Becher mit einigen männlichen Gliedern der Familie am Platze, gleich darauf erschien auch Ntssim mit seiner Begleitung und blieb, wie es die Sitte vorschrieb, in einiger Entfernung stehen. Bon Seiten Bechers gingen zwei Männer an Ntssim und brachten ihm Salem-Gruß. Nissim erwiderte den Gruß ebenfalls durch zwei Boten. Es folgten kurze Beratungen auf beiden Setten. Dann wandten sich die Boten Bechers abermals an Nissims Gruppe mit der vorgeschriebenen Frage: „Warum seid ihr herg«-- kommen?" „Wir haben einen Jüngling, für den wir eine Frau suchen, wollt ihr uns nicht euere Tochter geben?" gab Nissims Gefolge zurück. Aus das „Ja" Bechers traten Nissim un> seine Begleiter vor und verneigten sich tief. Bon Bechers Gefolge fragte einer: „Was gebt ihr eurem Sohne mit?" Nissim nannte ei» en Betrag und Becher zählte auf, was er an Acker und Wiesenland seiner Tocbter als Hetratsgut zugrdacht hatte. Bon beiden Seilen wurden Bürgen gestellt und Nissim wie Becher erhoben die Hand zum Schwure. Salomo und Malku, die nicht dabei waren, waren damit verlobt. Man beeilte sich nicht, es ihnen mltzuteilen. Und als sie es erfuhren, sah Salomo in die Ferne, als sei von dort das leuchtende Glück im Anrollen. Malku lachte aber kurz und wurde dann mitten im Lachen ganz still, ja traurig. Die beiden jungen Leute sprachen vom Er-