Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1922)
- Date
- 1922-05-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450189-2450206--69723-2526932- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sette 4. Nr. 18 Der ISraelit. 4. Mat 1938 hin definiert hat, daß darunter „durch historische Entwicklung abgegrenzte Teile der Bevölkerung" zu verstehen seien, scheint der Staatsanwalt nicht zu wissen. Der Gencralftaatsanwalt in Breslau hat daher den Anzeigeerstattern auf ihre Beschwerde erklärt, daß er diese Entscheidung des Oberstaatsanwalts aufheben werde. Beide Fälle kamen am Montag im Hauptansschusse des Preußsischen Landtages zur Sprache, wo besonders der Redner der Sozialdemokratie die Uobelstände mit den heftigsten Worte rügte. Gegenüber dem von ihm angeführten erdrückenden Anglagematerial, aus dem die zitierten Fälle nur einen kleinen Ausschnitt bilden, konnte der Vertreter des Justtzministers bei den meisten Fällen nur zugeben, daß sie richttg dargestellt seien und vom Ministerium gemißbtlligt würden. Kugo Stinnes und die Berliner Bntifemifen- Wertin, 1. Mai Das „Berliner Tageblatt" vom 26. April veröffentlicht eine aufsehenerregende Korrespondenz zwischen Hugo S t i n n e 8 und seinem Berliner Vertrauensmann, Kapitänleutnant H u m a n n, einerseits und der Berliner antisemitischen Gruppe „Heiko" andererseits. Diese Gruppe hatte sich an Hugo Stinnes wegen Unterstützung des vom bekannten Antisemiten Richard Kunze, genannt „Knüpprl-Kunze", herausgegebenen radauantisemitischen „Deutschen Wochenblatt" qewandt. Herr Stinnes antwortete, er habe das Schreiben mit Jnierrsse gelesen und seiner Berliner Abteilung geschickt. Der Berliner Vertrauensmann des Herrn Stinnes antwortete, er stimme in vielen Punkten mit den Schreibern überein, aber die Kampsmittel dieser Gruppe seien den Gegnern zu sehr bekannt und haben wirksame Graenmittel hervorgerusen. Es gelte, neue wirksame Kampfmittel zu erfinden und für deren weiteste Verbreitung zu sorgen, dann erst werde die Gruppe von Stinnes unterstützt werden. Das „Berliner Tageblatt" richtet die schärfsten Angriffe gegen Stinnes, der sich als ein führendes Mitglied der Deutschen Volkspartei zur Unterstützung einer Bewegung hergeben will, die darauf hinausgeht, die deutsche Arbeiterschaft für den Antisemitismus zu gewinnen. (I. C. B.) TsLheeho-Klowaket. Das Komitee der honferuafirHüdifchen Partei beim Minister. Bratislava, 28. April. Unter Führung des Parteipräses Herrn Hermann Steiner hat das leitende Komitee der Partei, bestehend aus den Herren Fürst (Bratislava), Gelley (Topolcany), Sch Weid (Kofice), Rosman (Bardiov), sich beim Minister Mieura vorgestellt. Präses Oberrabbiner Weber stellte dem Minister die Herren vor, indem er auch einige Informationen über die Ziele der Partei gab. Präses Hermann Steiner begrüßte hierauf den Minister im Namen der Partei und legte die Gründe dar, welche die Orthodoxie veranlaßt haben, aus ihrer Reserve herauszutreten. Redner wies auf die sogenannte „Vereinigte jüdische Partei" hin, die mit diesem Namen den Anschein erwecken wollte, als ob sie Exponenten des gesamten Judentums wären. Es bedeute eine eminente Gefahr für das orthodoxe Judentum, das ja in der Slowakei mehr als drei Viertel des Judentums bildet, wenn die gewählten Mandatare jener Partei sich noch weiterhin als Vertreter des Gesamtjudentums gerieren könnten. Es war ein Gebot der Selbsterhaltung der Orthodoxie, auf den Plan zu treten und ein Gebot des Staatsinteresses, weil sie im Gegensätze zu den jüdischen Nationalisten keine Minoritätspolitik machen wolle, sondern das gleiche Recht aller Bürger des Staates beanspruchen. Minister Micura erwiderte mit warmen Worten. Die anderthalbjährige Tätigkeit der orthodoxen Landesorganisation habe gezeigt, daß diese das beste Vertrauen rechtfertige. Er nehme die Gründung der Partei gerne zur Kenntnis und werde sogleich alle Zupanate davon amtlich verständigen lassen. Der Minister verabschiedete darauf die Mitglieder des Komitees in herzlicher Weise. Orthodoxe üerfammlung- Bratislava, 28. April. Eine Versammlung der konservativ jüdischen Partei in der Tschecho-Slowakei -findet am 3. Jjar (l.Mai) in P oprüd mit folgender Tagesordnung statt: Bericht und Programm. 2. Ausbau der Organisation. 3. Presse. 4. Schaffung eines Sekretariats. 5. Wahl der provisorischen Leitung und von Vertrauensmännern den Behörden gegenüber. 6 Eventuelles. Die „Jüdische Presse" Wien schreibt dazu: „Wohl kann das Judentum nicht etwa über Erscheinungen des Antagonismus im öffentlichen Leben klagen,aber es gibt trotzdem Angelegenheiten politischer und wirtschaftlicher Art genug, die eine wirksame Vertretung gegenüber der Behörde seitens hierzu gewählter Vertreter bedürfen. Diese Vertretung muß fichlauf das Vertrauen breiter Massen und vor allem aus die allerdings auch quantitativ bedeutendere Orthodoxie stützenden» die orthodoxen Massen sind es doch, die oft gewollten oder ungewollten Härtnr behördlicher Verfügungen oder politischer Reibungen ausgesetzt sind. Düse.Massen haben durchaus nur Vertrauen zu Männern aus ihrer eigenen Mitte, denen die Sorge um das Interesse des Judentums nicht schauspielerische, propagandistische Pose, sondern Herzenssache ist. Vor allem wollen sie die Vertretung ihrer Interessen nicht verquickt sehen mit der jüdisch-nationalistischen Äbenteurerpolitik, die sich um den augenblicklichen Vorteil des Mandatismus gewissenlos über alle Bedenken hinwegsetzt. Darum wird die konservativ-jüdische Partei etu Erfolg werden und die Männer, die dieses Programm auszuführen bestimmt sind, werden sich den Dank des Judentums verdienen." Molen. kln neuer „Rabbiner" für warsckau Warschau, 27. April Die Frage des Oberrabbinates, die durch den plötzlichen Tod Dr. Posnanzkis ein jähes Ende erhielt, hat nun eine neue Auflage erlebt, mit dem Unterschiede freilich, daß die Frage diesmal mit der „Lösung" beginnt und das Warschauer Publikum vor eine fertige Tatsache gestellt wurde. In aller Stille wurde Professor Dr. M. Schor von der Universität zu Lemberg nicht nur als Prediger an . Stelle von Dr. Posnanzkis, sondern auch als Rabbiner von Warschau vom Gemeindevorstand gewählt. Besonders hatten sich für die Wahl Schors die Zionisten eingesetzt und da sie in solchen Dingen eine bessere Uebung und Schulung haben als die Machthaber von der Assimilation, so brachten sie es fertig, daß von der „R a b b t n e r w a h l" bis zuletzt kein Mensch etwas erfuhr. Gesprochen wurde nur davon, daß Professor Dr. Schor das vakante Predigeramt erhalte. Jedenfalls wurde die ganze Sache über die Köpfe der Rabb'.natsmttglieder organisiert und durchgeführt. Wie man hört, wird das Rabbinat gegen die Wahl Protest einlegen, da die Gründe, die damals gegen Posnanzki sprachen, bei dieser Wahl in noch höherem Maße geltend gemacht werden müssen. Der tragifäie Sali eines Mischen Schülers Warschau, 1. Mai Die „Volksbelustiguugen" durch Abschneiden jüdischer Bärte haben in letzter Zeit etwas abgenommen, dafür werden aber andere gefährlichere Spässe mit Juden getrieben. Von der Hinteren Plattform^rines sich in voller Fahrt befindlichen Trambahnwagens wurde der 16jährtge Schüler Israel Münz von einer Gruppe mitfahrender junger Polen „zum Spaß" hinunter gedrängt und zwar so, daß der Unglückliche unter die Räder des zweiten Wagens geriet. Der Schüler erlag auf dem Wege zum Spital seinen Verletzungen. — Wird Sühne für die bestialische Tat erfolgen? Sremdensefefe in Wna. / Wilna, 27. April Wie Wilnaer Blätter berichten, ist für Anfang Mat eine strenge Kontrolle für alle Fremden, d. h. aus Rußland Heimgekehrten vorgesehen. Das Grundprinzip lautet: „Alle unerwünschten Elemente sind zu entfernen". Als solche werden alle betrachtet, die nach dem 1. April ohne genügende Dokumente nach Wilna gekommen sind, einerlei, ob es sich um frühere Wilnaer Bürger, oder wirkliche Fremde handelt. All diese Fremden werden an die Grenze abgeschoben, über die sie in das Wilnaer Gebiet gekommen sind. Es ist begreiflich, daß diese Verordnung ungeheuere Auf« regung in den jüdischen Kreisen hervorgerufen hat. Sofort begaben sich die Herren Dr. Wigodski und Rabbiner Rubinstein an die zuständigen Stellen. Positive Erfolge erreichten sie nicht, es sei denn die Zusicherung, daß in den nächsten Tagen die Frage noch einmal beraten werde und daß unnötige Härten bei der Ausweisung vermieden werden sollen. Lettland. eine Rede zu ehren des Sabbaf. Httga, 25. April Im Lettischen Landtag hielt der orthodoxe Deputierte Du bin, Vorstandsmitglied der Agudas Jsroel, eine benierkenswerte Rede über das Zwangs-Sonntagsruhe-Gesetz. Nachdem er die Frage vom religiösen Standpunkte aus genügend beleuchtet hatte, ging er auf ihre wirtschaftliche Seite über und wies nach, wie unsinnig es sei, zu einer Zeit, da das Wirtschaftsleben in Lettland darniederliegt und nach Wiederaufbau schreit, die jüdischen Kaufleute und Händler zwingen zu wollen, daß sie zwei Tag? in der Woche feiern. Die Aktion gegen das Zwangs- Sonntagsruhe-Gesetz sei keine jüdisch-religiöse, sondern eine vitale Staatsangelegenheit. Er wandte sich auch an die Sozial-Demokraten, die die Interessen der Arbeiter und des Mittelstandes vertreten wollen und in dieser Frage die Interessen der um ihre Existenz hart kämpfenden Schichten völlig außer Acht lasse. Sollte dte Freigabe einer 'bestimmten Arbeitszeit am Sonntag für die sabbathaltenden Kaufleute im Landtage nicht durchgesetzt werden, so würde die Judenhelt Lettlands andere Wege suchen müssen, um zu ihren ihr verbürgten religiösen Rechten zu gelangen. Krrtztamd. Im Kampfe gegen die Chederfchule. Moskau. 23. April Im Kampfe gegen den Cheder wurde von der Bildungs-Section wiederum eine Resolution angenommen, wonach alle, die sich der Gründung jüdischer Schulen, sei es religiöser oder zionistischer Art, schuldig machen, zur Verantwortung gezogen werden. Alle bestehenden Chedarim werden in sogenannte „Rottenschulen" verwandelt, neue Chederschulen dürfen nicht eröffnet werden. ein Prozeß gegen aniisemisilcke ftusfchreifuns in Rußland. Berlin, 1. Mai. Der hier erscheinenden Zeitung „Nakununje" wird unter dem 24. April aus Moskau gedrahtet, daß in Jwanowo-Wosnossonsk (Stadt in der Nähe Moskaus) eine Tagung des obersten revolutionären Tribinals eröffnet worden ist, um über den Prozeß wegen der Ausschreitungen im nahen Schuja zu verhandeln. Wie bekannt, sind in Schuja aus Anlaß der Beschlagnahme der Kirchenschätze Unruhen ausgebrochen, die in antisemitische Exeffe ausarteten. Angeklagt sind 24 Personen, unter ihnen