Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1922)
- Date
- 1922-09-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450189-2450222--70002-2526898- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Verschollene drüber. fine falafcftafiefdiidife aus der Gegenwart. (Fortsetzung.) XIIX. Es geht (00. Spannung lag in der Lust, und keiner wußte, wann und wie sie zur Lösung kommen sollte. Inzwischen bereitete man sich auf das Paffahfest vor, und die engen Gaffen bekamen eine Rührigkeit und Lebendigkeit, wie sie Salomo noch nie gesehen. Langröcktge, bärtige Männer trugen Mehl und abends in neuen Tonkrügen Wasser aus den Zisternen für die Mazzoh, an deren Zubereitung in großen überhitzten Backhäusern Tag und Nacht Mädchen und Frauen arbeiteten. Des Putzen- und Scheuern-in und vor den kleinen Häusern hatte kein Ende. Und über all dieses rührige Leben schien eine warme Frühling-sonne vom klaren blauen Palästina- Himmel, als. wollte sie alle Sorge und Gedrücktheit aus den Herzen scheuchen. Aber gerade daS vermochte sie nicht. Gedrücktheit lag in den Zügen der Männer, seitdem man in den Bethäusern allerlei tuschelte von Ueberfällen und Mordplänen. Frivol herausfordernde Gesichter überall in den Judengaffen herumlungernder unbekannter Gesellen, freche Droh- und Spottworte zeigten die Stimmung an. Trotzdem kehrten sich die Alten nicht daran, holten alles für dar Fest herbei und ließen Anrempelungen unerwidert. Rur in den Kreisen der Jugend gährte es ein wenig auf. In Beth-Am würben stille Beratungen.abgehalten und man hörte auch von Sabotin wieder, dem früheren „General" der Legion, der feine Getreuen für alle Fälle um sich sammele . . . Ascher fand eS für nötig, Salomo zu warnen. „Du bist weich wie Wachs oder, wie du selbst am liebsten sagst, gleich dem glühenden Eisen. Also auf der Hut, Freund, und nicht auf Abwege! Wir sind der Gendamerie verpflichtet . . . Und sollte was am Gefasel der Leute daran sein, dann können wir auf unserem Posten am besten unsere Pflicht tun . . ." „Ich werde mit ihnen fertig" sagte Salomo leichthin und dachte wieder an Philister und die Mibjaniten, ohne den ganzen Ernst der Situation zu erfassen.— Der Festabend kam mit seiner Fülle von Licht und Freuden. In den Srfardim-Synagogen ergossen sich wie im Wellenspiele des hochgehenden Meeres die Hallelgesäuge. In den Jemenitenbethäusern sprach man an diesem Abend viel von Moschtachs baldiger Ankunft, auf die bereits alle Zeichen htndeuteten . . . Und in den Familien sang man hinter geschlossenen Türen und herabgezogenen frisch gebügelten Gardinen die alten Weifen de- HagadabucheS. Auf dem Balkon des jüdischen Hotels hatte sich die erste Gruppe englischer und amerikanischer Gäste zum Seder ein gefunden und man sprach viel von Wiederaufbau und Zukunftsfragen. Unter ihnen war auch Dr. Paltirl mit JirmeiaS, feinem Schützling. Salomo hielt , feine eigenen Seder — am Eingang der Altstadt. ES war Macht der Gotteswacht" und er wollte zu den von Gott bestellten Hütern zählen . . . Wehe dem losen Gesellen, dem es eingefallen wäre, sich ttt dieser . 36 -es n f// _vor seinen Augen mit bösen Absichten einem Juden hause zu nähern ... Und wie er später auf seinem Lager des Schlafes harrte, der nicht kam, war er von allen Visionen der Jugend befallen. Es war Peffach und am Peffach konnte er kommen, mußte er kommen . . . „Alle Zeichen waren da . . .", sagten die Jemeniten. „Ein großes Völkerstürmen zuerst, danu noch kleines Geplänkel an den heiligen Stätten Jerusalems und dann war es Zeit . . .", so lernten sie auS geheimen Büchern heraus. Ersteres war überwunden und man war an der letzen Etappe . . . Ein Schauer schüttelte ihn bet dem Gedanken. Er hatte ja morgen Dienst an der Tempelmauer . . . Dort konnte es losgehen, was man längst erwartete . . . Und bann kommt Er, Moschiach, und findet ihn, Salomo, als tapferen Hüter Israels... Es war gar nicht fertig, auszudenken, dieses Glück!- Indes verlief am ersten Festtage alleso gut unb ruhig an der Tempelmauer wie nie zuvor. Kein Araber ließ sich blicken. „Diese Ruhe gefällt mir nicht," sagte der gutgeübte, sonst alles leichtnehmende Asch> Salomo verstand ihn nicht. Als Salomo am Morgen hes folgenden Tages, am ersten Halbfeiertage, neben Äscher durch baS Jaffator zum Dienste schritt, stieß er auf einen langen Zug von jungen Arabern, dir hinter Fahnen und Bannern bei den schrillen Klängen einer Kapelle mit Pauke und Schlagbaum und unter Händeklatschen fromme und nattonale Lieder sangen. „Sie ziehen zum Rabbi al Musst, zum Grabe des Propheten Moses," lachte Ascher. -Dieses kennt doch nur Gott allein," wunderte sich Salomo. „Macht nichts," bemerkte Ascher, „was ein figer Muselmann ist, zeigt gegen gutes Bakschisch alles, waS ist und nicht ist. Auch daS Grab deines Urahns, der doch verbürgt am Nile ruht. Aber darauf kommt eS hier gar nicht an. Das Drolligste an -er Sache ist, -aß sie zu Ehren Mofis die Nachkommen derer, die er durch die Wüste ins gelobte Land geführt, auS dem Lande jagen möchten . . „Das sollten sie nur wagen!" reckte Salomo beide Arme. „Halte ein", wehrte der Vorgesetzte ab, „damit ist eS hier nicht getan. Die Sache liegt tiefer und ist ernster und ruhig Blut ist noch das beste. Siehst du da drüben?" Auf der anderen Sette gingen wie von ungefähr ein paar junge Juden, still, vergrämt und verbiffen und musterten mit scharfen verstohlenen Blicken daS Tun der Araber. Salomo erkannte einige aus der früheren Legivn. „Das sind die vom Sabotin'schen Selbstschutz. Sie stehen Posten und werden ihre Pflicht gewiß tun, wenn es nötig sein sollte. Verlaß dich darauf. Sie meinen es gut und ehrich und werden sich opfern, wenn es sein muß. Aber Spielerei ist es dennoch. Schade um die jungen Kräfte!" „Soll man das Volk da gewähren lassen?" „Das sollten sich die Engländer fragen, aber die wollen es vorerst mit den Arabern nicht verderben und tun so, als sehen sie nichts . . . Treten aber die englischen Maschinengewehre nicht ein, dann o weh' Selbstschutz. Schade um die kostbare jüdische Kraft!" „Aber wo sind wir, dieGendamerie?" „Wir find in der Gendamerie noch klein und schwach an Zahl und für solche größere Aufgaben nicht genügend gerüstet." „Aber wir werden auf der Hut sein und unsere Pflicht tun." „Wir werden es, soweit wir können!" Auf bem freien Platze vor dem Tore hielt der Zug an. Eine phantastische Gestalt im weißen Turbans schwang sich auf ein Podium und redete das Volk an, das inzwischen zu einer gewaltigen Menge angewachsen war. Er sagte etwas vom eigentlichen Herrn und König der Araber, was das Volk mit frenetischen Jubel beantwortete. „Und," wetterte der Redner weiter, „die Fremden, die Eindringlinge, die Feinde uusereS Stammes, die hier über uns herrschen wollen, Allah verdamme sie . . „Wen meint er denn?" fragte Salomo. „Mich und dich und uns alle . . ." „Dem schlage ich gleich die Backenzähne ein, daß er. . ." Salomo griff nach dem Seitengewehre, aber Ascher fiel ihm in die Hand. „Nicht mit Worten, mit dem Schwerte", wütete der vom Podium weiter und die Menge brüllte wutschnaubend Beifall. „Muß man die Bande so gewähren lassen?" ftagte Salomo. „Solange kein englischer Mtlitärbefehl dazwischen fährt, find wir machtlos. Aber nun aufpaffen, jetzt gehen sie auseinander, vollgeladen außen wie innen." Salomo ging Wetter und wäre beinahe umgerannt worden von eilig daherstürzenden Menschen und Wagen. „Was ist geschehen?" Keiner gab Antwort, alles lief in wilder Panik, ein gellerder Schrei von der Seite zwang ihn zum Umsehen. Da sah er einen jungen Mann auf dem Boden liegen, auf dem mehrere Araber herumtraten. Wie ein Tiger stürzte sich der Falascha mit gezücktem Säbel auf die Angreifer, als hätte er auf diese erste Gelegenheit gewartet. „Der „schwarze Satan!" hörte er jemand sagen. Und die Bande stob auseinander, wir von Furien gejagt. Es kamen Träger mit Bahren daher, auf denen sich blutende Menschen in Schmerzen wanden, oder bereits still dalagen. So weit war es schon und er, Salomo, stand da? „Wo kommt Ihr her?" schrie er fast die Träger an. „Aus der Altstadt, da ist es torgegangen." Losgegangen, und er stand da!? . . . Er half den blutenden jungen Mann, der schwer atmete, auf die Bahre laden und eilte, waS er konnte, der alten Stadt zu. Aber vor der Davids bürg, am Eingänge zum jüdischen Viertel, mußte er Halt machen. Dort gab es große Menschenansammlungen und erregte Auseinandersetzungen. Aus dem Innern stürzten Menschen totenbleich durch dar Tor. Wer aber hineinwollte, wurde vom englischen Posten angehalten und zurückgestoßen. Eine Gruppe junger Leute, in der Salomo alle seine früheren Freunde aus der Legion wiedererkannte, drängte sich in Reih und Glied ans Tor. Die Engländer pflanzten stumm ihre Gewehre auf und richteten den Lauf gegen die Eindringlinge. „Sollen wir unsere Brüder drinnen wie die Schafe abschlachten lassen?" Salomo erkannte die Stimme des „Generals" von der Legion. Einer schrie: „Dar sind die Hüter der Kultur, die Hüter des jüdischen Rechtes." „Wir wehren uns auch gegen britische Gewalt und ziehen ein. Mögen sie uns alle über den Haufen schießen, dann wird^die Aelt . . Der so anfing, hatte den isatz>noch nicht ausgesprochen, als er mitsamt noch einigen der Führer von einem Kordon Soldaten im Stahl- Helm abgeführt wurde. Ein paar Maschinengewehre leuchteten plötzlich auf, aber die Rohre waren nach außen gerichtet. Die jüdische Gruppe wich aber trotzdem nicht vom Platze. Salomo wurde mit einer Abteilung von Polizisten durchgelassen. Wie ausgestorben fand